4526 Wie ein Hirsch
11:28 a.m. Aus Verlegenheit über die Schreibideenlosigkeit lege ich das graue Lesezeichenbändchen meines Notizbuches einmal nach links auf den roten Kaffeehaustisch, dann rechts, dann schleudere ich es von der Tischplatte hinunter, so dass es vom Büchlein neben den Tisch runterhängt und ich es nicht sehen kann, was mir aber auch nicht passt, darum lege ich es wieder in einem möglichst weiten Bogen vor die Oberkante des Notizbuches nach links auf die rote Tischplatte (glaubst du im Ernst, dass, wenn du auch nur irgendwas Beliebiges hinschreibst, deine „Schriftsteller“-Existenz oder überhaupt deine Existenz gerechtfertigt ist? - der innere Spötter. Und dieser Schmäh, einfach irgendeinen Ist-Zustand zu beschreiben, hat sich auch schon längst literarisch, wissenschaftlich, existentiell und überhaupt überlebt. Also ist tot). Neun Minuten sind vergangen, seit ich zum Griffel gelangt habe (dein Uhrzeitgeblödel geht noch lange nicht als Markenzeichen durch und auch nicht als literarischer Kunstgriff, nicht einmal als Tagebuchanspielung! - der innere Spötter). Die Spiegelung des gläsernen Kristallkugel-Lampenschirms im Fenster der Lokalfront sitzt genau auf dem supergeraden Platanenstamm und das ergibt ein schönes Bild, besonders weil die Lichtpunkte der gespiegelten Lampe dem Baumstamm so eine besondere, entrückte Note geben. Die Gläser in der obersten Reihe der Gläserstellage hinter der Bar werden von rötlichem Licht bestrahlt. Wenn ich mich jetzt frage, was ich tun soll, muß ich mich der Frage stellen, was ich noch mit meinem Leben anfangen will. Und das ist mir jetzt und bei dieser Hitze zu viel. Na gut, probiere ich hald (sic!) ohne Brille zu schreiben. Geht so leidlich. Was wird eigentlich mit meinem Wortschatz nach meinem Tod geschehen? Wird er verloren sein oder irgendwo in so einer Art Weltgeist abgespeichert, für den Fall, dass irgendetwas daraus einmal gebraucht werden könnte? Beim Austrinken meines gestreckten Gemüsefruchtsaftes ist mir ein kleiner Rest eines Eiswürfels in die Mundhöhle gekommen, wo er ziemlich schnell verschmilzt. Das allerletzte Schlückchen dann ist ganz sämig und schmeckt vor allem nach Karotte. Was völlig okay ist! Ich überlege gerade, ob ich das vom Karottensaftrest orange benetzte Glas am roten Tisch als schräge, nahe am Nervenden befindliche, aber deswegen interessante Farbkombination fotografieren und im Internet teilen soll. Ich mache es nicht. Jetzt überlege ich, ob ich doch noch einen Cappuccino bestellen soll. Das mach ich. So schnell kann das gehen! Auf die grüne Krone – unterer Bereich – der Platane draußen blicke ich nur kurz, weil in der Fensternische ein junges Paar sitzt, in deren Geturtel ich nicht hinein gaffen will. Nicht weil es abstoßend wäre! Das nicht. Eine Schulklasse wandert zuerst, dann rennt sie vorbei (Nachhut!). (Das junge Paar: er tippt jetzt Smartphone, sie liest ein Buch - jetzt kann ich also rausschauen.)
Der Barhocker - die Barhocker dort haben kleine Rückenlehnen und das ist wichtig – der Barhocker also gleich neben der Lichtengelnische ist so gedreht, das ein möglicher Sitzer zum Fenster hinausschauen würde. Es sitzt niemand darauf, der Hocker ist leer, und gerade das macht mir den Anblick … elegisch. Fast als würde dort tatsächlich eine unsichtbare Person sitzen, eine verlorene Seele vielleicht, die ihren Blick aus der Verstelltheit des Raumes auf einen Sehnsuchtspunkt in der Weite draußen gerichtet hat, den sie jedoch nicht erreichen kann. Und das, obwohl sie schon im abstrakten, meinetwegen geistigen Zustand ist und auf der Energie des Alls reisen könnte. Die Zuckerdose am Tisch in der Fensternische nebenan spiegelt sich im Fensterglas genau auf dem Hintern einer jungen Frau draußen, dann geht die ab und ohne den Hintergrund der schwarzen Hose ist die Zuckerdosenspiegelung nicht zu sehen. Das ist nicht Esoterik, das ist Physik!
Lacht mich die unsichtbare Person am Barhocker drüben aus? Nein, die ist jenseits von Gut und Böse (na und? Da kann sie ja trotzdem über deine Torheit lachen! - der innere Spötter). Ah! Jetzt kommt das!: dass ich mir wie ein grober, rustikaler Landtrottel vorkomme, so mit forciertem Dialekt, Umtata und ungehobeltem Benehmen. Bitte, wieso das jetzt? Weil ich was von einem weiblichen Hintern geschrieben habe? Obwohl ich den gar nicht hervorgehoben und begutachtet habe? Wahrscheinlich (die Strafe folgt der bösen Tat auf dem Fuß – der innere Spötter). Meine linke Hand ist schon wieder unbemerkt zur Faust geballt, diese Verkrampfung ist vermutlich nicht gut für den Herzmuskel. Ich werde bald zu meine Stadtwanderung aufbrechen. Ich werde ganz langsam gehen. Das nehme ich mir vor.
13:31. Von langsam kann keine Rede sein! Flott wie ein Hirsch bin ich unterwegs!
(17:57. Jetzt hat es 34° Celsius – der Tipper.)
(25.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com
