4567 Nicht rauf in die Hitze
11:07 a.m. Endlich in der Lucy-Bar. Soda-Zitron gegen den Durst. Schön kühl hier.
Ich versinke im großen Sessel. Der Lampenschirm über mir (an dem er sich beim Aufstehen schon den Kopf angehaut hat – der innere Spötter) ist erotisch (da schorsch, da schorsch håd wimmerl am oasch – der innere Spötter). Fast alle Lampenschirme hier sind toll und künstlerisch gestaltet. Meine verschwitzte Wanderererscheinung passt nicht so ganz in dieses edle Ambiente, aber ich harre aus und habe ganz fest vor, hier verweilend meine Zeit hier auf Erden zu genießen. Jazzig angehauchte Popmusik aus den Boxen. Das Blau der Fauteuils ist in echt sehr schön und beeinflußt durch die große Anzahl das optische und sonstige Raumklima positiv. Ich betrachte durch das große Fenster den stummen Autoverkehr draußen, den Wind in den Fahnen und Bäumen, die schon ein wenig lächerliche Goeschl-Skulptur, den unbenutzten „Burggraben“ und die Bauten dieses neuen Viertels beim Hauptbahnhof. Und die Passanten, natürlich. Jetzt in die Ausstellungen?
12:33. (38°C) Jetzt endlich Kaffee. Mein Herz klopft bereits ordentlich. Hat es überhaupt einen Sinn zu schreiben, wenn ich alles zensuriere? Der Wind draußen ist zeitweise heftig und flattert (transitiv!) die Fahnen vorne und die Sonnenschirme hinten (gemeint: hinter dem schönen Gebäude des Zwanzigerhauses auf der Gartenseite – der innere Spötter). Ach was! Ich gönne mir einen zweiten Kaffee! Haut’s mich um, haut’s mich hald (sic!) um! Der Kaffee wirkt schon gut auf die Stimmung (Darm-Hirn-Konnektion?) (wenn man ein gewisses Überkandidel mag, bevor es ins Depressive oder Aggressive kippt – der innere Spötter). Gottseidank gibt es legale Drogen wie Kaffee (Alkohol mag ich gar nicht mehr). Die Lucy-Bar ist leidlich voll (das heißt: es ist noch genug Platz – der innere Spötter). Nun erst habe ich den zweiten Cappuccino bestellt. Ich bin eh froh, wenn ich dabei etwas Zeit schinden kann (im Sinne: die Sitzzeit möglichst auszudehnen – der innere Spötter). Der erste Schluck vom zweiten Durchgang. Herrlich! Aaaah! Wie schön und köstlich bitterer Kakao vom Milchschaum mitgeschwemmt wird. Realitätsaufmerksam bin ich nicht: am Tisch vor mir hat sich zum jungen Mann (naja, soo jung ist er auch nicht mehr, schon ein paar graue Strähnen im allerdings beeindruckend vollen Haupthaar) eine wirklich junge Frau gesetzt und ich habe das nicht bemerkt. Ein Handwerker mit Handwerkszeug und einer großen Kabel- oder Seilrolle latscht müde durch das Café (das ist keine Kritik!). Der Wind draußen schaut so interessant aus! Natürlich biegt er auch Bäume und Gebüsch. Beobachten ist schon böse, wenn man mit Moral arbeiten will. Aber eigentlich bin ich da wie ein Kind, das in die Welt der Erwachsenen schaut, in der es noch nicht mitmachen und nicht mitreden darf. Nur dass dieses noch in meinem Alter längst ein falsches Versprechen ist und in meinem Leben nie mehr eingelöst werden wird. Meine Kaffeeeuphorie nähert sich ihrer Klimax. Ich lache vor mich hin, lege das Schreibzeug weg (Brillen brauche ich in letzter Zeit nicht mehr zum Schreiben) und wische mit meinen Händen über mein Gesicht; laute Selbstgespräche führe ich noch nicht (oder sehr selten – der innere Spötter). Aber es ist so schön hier! Wen könnte ich begeistern? Die Leute rundherum wirken zu selbstverständlich und zu etabliert (und – gib’s doch zu – deine Anliegen und Geschichten, die du anbringen willst, sind – zumindest aus deinem Mund – viel zu fragwürdig – der innere Spötter). Das Wasserglas schien mir aus der Hand rutschen zu wollen. Okay, gehen wir hinaus in die Hitze, aber heute gehe ich nicht zu Fuß heim, sondern fahre öffentlich. (Das würde mich noch interessieren: ob dieser Aufbruchsimpuls tatsächlich meine innere Stimme ist, oder eine fremde Installation, die mir wegen meiner Herumsitzerei ein schlechtes Gewissen macht, so in dem Sinn: das steht dir nicht zu! Raus aus der Komfortzone!) (Letzteres ist einer der blödesten Sprüche, die ich kenne. Nicht so sehr wegen seinem Inhalt – der kann vielleicht, eventuell, in einzelnen Fällen, manchmal berechtigt sein – sondern wer das üblicherweise wie und zu wem sagt; es sind meistens die größten Trottel, die damit herumschlagen, während sie in ihren Komfortzonen hocken.)
14:01. (39°C) Ich warte in der S-Bahnstation Quartier Belvedere seit über einer dreiviertel Stunde auf einen Zug in meine Richtung. Ich gehe jedoch nicht rauf in die Hitze.
(4.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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