Donnerstag, 30. Juli 2026

4560 Gratuliere

 



10:16 a.m.  Italienische Sommermusik aus den Boxen. Nicht mein Fall, obwohl auch sie melancholische Elemente mitbringt. Der Lichtengel leuchtet nicht mehr, ich versuche, am Schatten der Lampe irgendwelche Flügelstrukturen zu entdecken: nein, gibt es nicht wirklich, obwohl ich meine Wahrnehmung unbedingt da hinbiegen will. Was nicht heißt, dass die Schatten dort uninteressant wären: eine Struktur ähnlich einem luftigen Aussichtsturm (Oida! Halt an dich! - der innere Spötter). Bevor ich abhebe – sollte ich hier etwas essen? Mein Depressionsanfall von Sonntag ist vorbei, schon bevor ich gestern wieder Duloxetin eingenommen habe. Weil mir davon (?) recht übel geworden ist, habe ich es dabei belassen und heute keines mehr genommen. Mir geht es psychisch ja nicht mehr schlecht; im Gegenteil: ganz gut. Anscheinend hat mein Kampf, zu dem wahrscheinlich auch diese ganze Prozedur Psychoambulanz-Duloxetinrezept gehört hat, tatsächlich meine Depression von der ersten Stelle wieder weiter nach hinten verjagt. Ich darf mir dazu gratulieren. Jetzt eine italienische Version von Susanna; die gefällt mir gut. Fasziniert schaue ich den aktuellen Szenen hier herinnen zu. Irgendwie gehe ich mit, obwohl ich nur Beobachter am Rande bin; so ähnlich wie beim Aufkommen der ersten Kinos, wo die Zuschauer bei der Verfolgungsjagd zum Beispiel den von bösen Indianern verfolgten Helden unterstützen wollten, indem sie ihre jeweils vordere Sitzreihe in tranceartiger Verwechslung mit der gejagten Kutsche anschoben, manchmal bis jene umgefallen ist (so wurde berichtet). Was ich sagen will: meine Seele bewegt sich mit den Gesprächen und der Gestikulation mit, möchte dem einen sagen: „Jetzt! Jetzt sprich den Kellner an!“ oder: „Warte kurz! Der Kellner telephoniert!“ (Was ich sagen will: deine Bilder und Assoziationen für deine Zustände sind so etwas von daneben – der innere Spötter.)

Aber jetzt ist es wieder relativ leer herinnen (fast alle sitzen draußen in der Laube) und ich kann mir wieder überlegen, ob ich über die Stränge schlagen will und etwas essen, während der Italiener aus den Boxen vom Mare singt.

Während ich am Klo war, haben neue Gäste den Innenraum erobert beziehungsweise fürs Zahlen okkupiert und ich schaue wieder den „Szenen“ zu. Wo ist eigentlich meine Sonnenbrille? Ich konnte sie zu Hause nicht finden. Ich werde sie am Nachmittag nochmals suchen. Aber jetzt einmal essen und trinken. Zur italienischen Musik aus den Boxen möchte ich sagen, dass sie schon dem gehobenen Segment angehört, nur: mir liegt sie nicht. Jetzt singt eine Italienerin über das Mare (obwohl auch montano vorkommt). (Wer nichts zu sagen hat, schweige still – der innere Spötter.) Beim darauf folgendem Ausklicken meines Pilotstiftes rutscht mir dieser aus der Hand und fliegt – vom Rückstoß angetrieben – ein paar Zentimeter nach vor und landet auf der blanken Seite meines Notizbuches, die ich jedoch soeben zu beschreiben (wörtlich!) begonnen habe. Noch ein Mare-Sänger. Hat man meine schüchtern-aufdringliche Bestellung vergessen? Soll ich urgieren? (Was für ein komisches Wort!) Obwohl ich seit kurzem den Namen des Kellners weiß, traue ich mich nicht, ihn anzusprechen (oder gerade deswegen?). Aber nach einigem inneren Kampf werde ich es schon schaffen – ich bin durstig und hungrig. Geschafft (ohne Namensnennung). Vielleicht habe ich mich unbeliebt gemacht (so denkt mein depressionsverseuchtes Gehirn). Es ist furchtbar, aber ich kann nur schwer Menschen - vor allem beim Namen - ansprechen. Ich muß mir da innerlich immer einen Tritt geben; es fühlt sich so an, als stünde mir das nicht zu, weil ich nicht auf Augenhöhe bin. Aber dieses Dalit- oder Nicht-Initiierten-Syndrom habe ich eh schon öfters beschrieben. Isjawurscht, der bestellte Saft ist schon da und den Kren vom Schinkenbrot kann ich bereits riechen; es wird wohl bald kommen. Wenn ich es richtig höre, singen die Italiener nun von acqua.

Ich bin ganz unsicher jetzt, das Schinkenbrot kommt nicht; soll ich nochmals nachfragen? Sie haben in der Küche viel zu tun. Ich weiß nicht. Ich warte noch und trinke den Saft. Ich kann die Realität so schlecht einschätzen. Ein Gesicht fällt mir ein, kommt plötzlich vor mein inneres Auge, keine Ahnung, wo ich es hingeben soll. Ich sehe es vor mir, aber wer und woher? Übrigens: auf meinem T-Shirt steht scheinanwesend. Passt doch, oder? Oh! Das riesige Schinkenbrot ist jetzt da! Also wurde es nicht vergessen, sondern es gab viele Bestellungen für die Küche.

Die Boxen haben längst auf Englisch gewechselt, und obwohl ich Englisch nicht wesentlich besser verstehe als Italienisch, das ich gar nicht kann, gefällt mir die Musik mehr. Ich frage mich wieso und habe keine rechte Antwort. Ist es die andere Musikalität? Sind es die überbetonten Vokale? Die geographische Nachbarschaft? Romanisch versus „Germanisch“? (Vergleiche meine Studie über das stark unterschiedliche Rauschverhalten in den „germanischen“ und den romanischen Kulturen, das jeweils eine völlig andere Individuum-Konstruktion zeigt.) (Ist schon gut! Beruhige dich! - der innere Spötter.) Vielleicht ist es Zeit, meine Wanderung nach Hause anzutreten (35°C im Schatten). Ich gehöre eindeutig zum „germanischen“ Kulturbereich – ob’s mir passt oder nicht – mit barbarischem Minderwertigkeitsgefühl, das – nicht von mir, aber von den andern (Oida! - der innere Spötter) – nur rowdyhaft und vulgär kompensiert werden kann (ich habe gesagt, es genügt! Es ist zu heiß und du bist schon lange abgehängt. Außerdem spielst du dabei mit dem Feuer und deiner Depression! Willst du die wieder hervorlocken? - der innere Spötter). Gemma? Gemma! Die letzten zwei Schluck Kaffee noch austrinken, bitte. (37°C im Schatten.)


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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