Montag, 27. Juli 2026

4559 Die nächste Sache ist Geld

 



10:25 a.m.  Die nächste Sache ist das Geld. Die Jahreskarte für die Verkehrsbetriebe ist empfindlich teurer geworden, meine Steuern höher (die Pensionserhöhung ist so gut wie aufgefressen), die Teilrefundierung meiner Psychotherapie dürfte ausgelaufen sein, ein Betrag von zirka 100.- steht noch aus und kommt seit fast einem Jahr nicht (stimmt nicht! Die bewilligten Therapiestunden waren aufgebraucht - der Tipper, der recherchiert hat). Man ist so machtlos gegen die Tücken der Bürokratie. Und zu diesem Psychiater, der bei der kranken Gesundheitskasse für die Begutachtung der Antragsteller auf wenigstens teilweiser Refundierung der Behandlungskosten zuständig ist, gehe ich nicht mehr, denn der ist ein Kotzbrocken. Er hat von der kranken Gesundheitskasse offensichtlich nicht die Aufgabe, zu schauen, ob einer, ob eine psychisch und finanziell Hilfe notwendig hat, sondern potentielle AntragsstellerInnen zu entmutigen und zu verscheuchen. Einem Depressiven einfach so und um ihn abzuschrecken zu signalisieren und vorzuwerfen, dass er es nicht wert ist, unterstützt zu werden und Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist wirklich keine große Kunst, sondern eine Gemeinheit; und – ich gebe es zu – sehr effektiv, weil der bald zurückstecken wird.

Ich habe Angst vor der nächsten Hitzewelle und davor, meine Kaffeehausbesuche, die für mich wie schöne Lektüre- und Schreibarbeitsstunden waren, aufgeben zu müssen: später Vormittag ins Café, lesen, schreiben, dann die Fußwanderung nach Hause, dort Geschirr, Wäsche erledigen, spätes Mittagessen, dann die Vormittagstexte eintippen und dabei überarbeiten. Dann ist Abend. Das gab meinem Tag Struktur und Sinn und meinem Leben Halt (natürlich kann man einwenden, dass diese Arbeit kein Geld gebracht hat und darum nicht zählt).

Ich habe das Gefühl, die letzten einigermaßen guten Tage zu erleben, bis dann der große Zusammenbruch kommt. Ich muß natürlich aufpassen, dass mir mein depressionsverseuchtes Hirn nicht falsche Bilder der Realität und meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten vorspiegelt, aber diese alte Leier meiner Kindheit: „du bist nichts wert!“ wird in letzter Zeit unglaublich stark und entzündet sich schon auch an der Tatsache, dass es mir in meinem Leben nicht gelungen ist, beruflich, sozial und finanziell Boden unter die Füßen zu bekommen, was ich jetzt ausbaden muß. Dabei geht es schon auch, aber nicht nur um Geld (der Kapitalismus drückt seine „Wertschätzung“ in Geld aus und bevorzugt Rowdies, Betrüger, gierige Gauner und schief grinsende Trickser), sondern auch um Resonanz; und damit ist es bei mir auch nicht weit her; ich habe längst den Anschluß verloren.

Ich atme tief durch, nehme mir zum hunderttausendsten Mal vor, mich „zusammenzureißen“ und die Folgen meiner Lebensentscheidungen tapfer auszuhalten (dabei war es ja nicht so, dass mir nicht einige Arschlöcher reingecrasht sind und mich in den Straßengraben abgedrängt haben; besonders der bajuwarische Affenarsch). Ich will mich jetzt auch nicht auf das große Weh einlassen. Ich hole tief Luft, betrachte den Wind in der großen Platane draußen und will jetzt den zweiten Cappuccino und ein Schinkenbrot mit Kren bestellen. Auch wenn das so eine Art Henkersmahlzeit wird (So! Jetzt reicht’s! Bei aller Nachsicht: jetzt ist Schluß mit dem Gejammer! - der innere Korrektor). Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann.

Ich könnte natürlich auch die anderen Gäste hier beobachten und mich über sie lustig machen oder mokieren. Ich mache es nicht. Ich bekomme richtig Lust, mein letztes Geld in einem großartigen Wisch rauszuwerfen, aber ich halte an mich. Die melancholische Musik aus den Boxen gefällt mir sehr (no-na! - der innere Spötter).

Draußen hat der Wind zugelegt und Wolken müssen die Sonne verdeckt haben. Mehrere Gäste wechseln nach innen. Regen sehe ich nicht, obwohl es sogar herinnen nach Regen riecht.

11:56 a.m.  Das Essen hat mir gut getan. Das Schinkenbrot ist hier sehr üppig und dicht belegt. Langsam läßt der Druck auf meiner Brust nach. Ich überlege ernsthaft, doch wieder auf Medikamente gegen Depression zurückzugreifen, aber zögere noch (sind auch wieder Mehrkosten und ich möchte es gerne ohne hinbekommen. Ich war schon irgendwie stolz drauf, es jahrelang ohne geschafft zu haben). Jetzt fällt mir der Doderer ein mit seinem Sadismus und ich muß lachen. Wenn man es sich leisten kann, einen Hausmeister zu bezahlen dafür, dessen Frau schlagen zu dürfen. Ich muß lachen. Natürlich ist das verwerflich, aber ich muß lachen (es tut mir leid, Leute, aber Depression hat etwas mit zurückgestauter Aggression zu tun). So gesehen muß ich ja froh sein, dass ich nicht wohlhabend bin und nicht aus der Oberschicht stamme. Ein Hoch auf meinen massiv eingeschränkten Handlungsspielraum! Die Kugellampe über mir schaukelt sanft im Ventilatorwind. Ein Niesanfall treibt mir Tränen in die Augen (und den Rotz in die Nase, aus der er ihn kaum rausbekommt – der innere Spötter). Es könnte sein, dass es jetzt Zeit für meine Wanderung wird. Aber ich zögere noch. Summer of Sadness steht auf einem Plakat am Klo, das für Tage des traurigen Films wirbt. Es regnet jetzt und ich gehe freiwillig hinaus in den Regen (der sich als nicht wirklich ergiebig herausstellen wird).


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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