Montag, 27. Juli 2026

4557 Die inneren Dämonen

 



Wieder in Wien – ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat – hat mich ein ordentlicher depressiver Schub überrollt. Ich wache am Morgen auf, verschiedene Szenen meines Lebens – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter – fallen mir ein, alle beschämen mich oder klagen mich an. Ich beginne zu grübeln und meine Bilanz ist: rundum gescheitert. Ich denke mir nur mehr Selbstmordszenen aus (das sind reine Phantasien à la Tagträume, keine realistischen Vorbereitungen oder Planungen! Wobei der Gedanke, dass es endlich vorbei ist, schon verführerisch erscheint. Aber wir sind hier nur in Gedankenspielen und auf jeden Fall im falschen Film). Da ist jetzt überhaupt eine wichtige Zwischenbemerkung notwendig: ich habe schon vor langem einen Pakt mit mir geschlossen, dass ich das nie machen werde. Auch weil ich weiß, dass man sich damit nichts erspart. Was man so vermeiden will, wird einem im Tod unvermeidlich serviert. Ich rede nicht von irgendwelchen außerirdischen Scharfrichtern oder alten Deppen da oben, sondern von so einer Art Naturgesetz und davon, dass einem spätestens im Sterben der Energiekörper mit der Ganzheit des Selbst konfrontiert und wir die ganze, unverfälschte Wahrheit anschauen müssen und dürfen, sozusagen sub specie aeternitatis und nicht nach unserer fragmentierten Wahrnehmung und eingeschränkten Einsichten. Es funktioniert keine Abkürzung. Ende der Zwischenbemerkung.

Eine schwere Verzweiflung hat sich auf mich gelegt, die dann schon Richtung Resignation und Gleichgültigkeit abrutscht. Ich kämpfe mit aller geistigen Kraft gegen dieses einprogrammierte Selbstzerstörungsprogramm und halte immer wieder fest und sage es mir ständig vor: Das ist nicht meine innerste Stimme, das ist eine fremde Installation (ich werde die Definitionen meiner Kindheit nicht und nicht los). Ich kämpfe gegen meine inneren Dämonen und das ist so anstrengend, dass ich nicht nach außen kommunizieren kann. Ich rede auch meine Frau neben mir nicht an, weil mir vorkommt, dass mir das in meiner schmarotzerischen Wertlosigkeit nicht zusteht. Ich sage mir immer wieder vor, dass diese Denke das Ergebnis der Traumata meiner Kindheit ist und keine profunde Bilanz, dass ich beziehungsweise diese Fremdzuschreibung nicht in der Lage ist, mein ganzes Leben mit allem Drum und Dran zu bilanzieren und mehr den Hass von damals widerspiegelt. Und dass das Ganze deswegen wenig mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Als meine Frau das Frühstück bringt, esse ich stumm, aber ich registriere erleichtert, dass ich Appetit habe und mir das Essen schmeckt. Also sooo tief kann der Anfall nicht sein, ich muß nur noch ein wenig durchhalten. Ja, ich stehe auf, rasiere mich, putze mir die Zähne und setze mein Gebiss ein, arbeite beim Abbau der Urlaubsbewässerung und gieße dann ein noch wenig die Zimmerpflanzen und schaffe es gegen großen inneren Widerstand und Hoffnungslosigkeit doch wie gestern ausgemacht mit meiner Frau, mit der ich kaum rede, ins Fitnessstudio zu gehen. Und auch mein übliches Zwei-Stunden-Programm durchzuziehen. Dann ist mir etwas leichter. Ich bin richtig hungrig und meine Frau lädt mich in einem Restaurant zum Essen ein, das ich mit Appetit verzehre. Jetzt weiß ich: das Ärgste ist überwunden. Aber ich bleibe den ganzen Tag noch verschlossen und in mich gekehrt. Ich schreibe das auch auf (um 17:26), weil ich es nicht aussprechen kann, aber meine gute Frau wird den Text lesen. Vielleicht versteht sie dann meine Distanziertheit heute.


(26.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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