4565 Nur in Gedanken
10:56 a.m. Mein Lieblingslokal hat heute wegen Hitze geschlossen (Erholung fürs tüchtige Personal) und meine Idee, alternativ ins Belvedere 21 und die Lucy-Bar zu reisen, geht auch nicht, denn die haben heute Montag ihren regulären Schließtag. Aus Ratlosigkeit (wohin?) habe zu Hause meinen Rasierapparat gereinigt – was höchste Zeit war. Welches Museum könnte ich aufsuchen? Die Ausstellungen in Albertina und Mumok kenne ich schon; die Ausstellung in der Albertina modern interessiert mich nicht [ich mag keine Comicfiguren, schon gar nicht als Kunst, obwohl ich selbst einmal versucht habe, welche zu malen. Aber das hat mich nur in meiner Abneigung bestätigt, obwohl ich dieses Bild damals (~1989) bei einer Ausstellung in einem Café über der Zeitschriftenablage (mit Comics) platziert habe. Dass dieses Bild meine döbranitische Bildvernichtung auch nicht überlebt hat, stört mich - im Gegensatz zu den anderen Bildern – nicht].
Also wo kann ich mich in der Hitze (eh nur 31°C – der innere Spötter) hin flüchten? In meinem Zimmer ist es auch zu heiß (27°C hatte es noch in der Nacht). Ich trinke den bestellten Kaffee.
[Jetzt wäre ein Abschnitt gekommen, den ich jedoch zensuriert und gestrichen habe.]
Ich gehe besser, bevor es zu peinlich wird. Aber die Musik ist schön und hält mich noch ein wenig hier. Ich wippe und schaukel ein wenig mit ihr, der Musik.
Mein T-Shirt trägt die Aufschrift Wundertäter und im Weggehen vom Café denke ich mir aus, wie ich den Kellnerinnen die Geschichte vom Wundertäter von Daniil Charms erzähle (eigentlich die Geschichte vom Schriftsteller, der eine Geschichte von einem Wundertäter erzählen will, der nie ein Wunder vollbringt; eine herrliche Erzählung! – der Korrektor). Ein ziemlich gut ausgearbeiteter Tagtraum mit Anfang, Hauptteil, Schluß, der mich im Gehen lächeln läßt. Alles denke ich mir bloß aus, als ich Richtung Schwedenplatz wandere.
33°C. Am Weg durch die Innenstadt mit ihren vielen Kirchen gerate ich ins Zwölf-Uhr-Läuten und wie immer: ich liebe das Glockengeläut; mit fällt sofort die Aufforderung ein: „Erhebet die Herzen!“ und mein Herz erhebt sich.
12:37. 36°C. Das Ziel meiner Wanderung war das Wien-Museum, dort soll es kühl sein, aber das hat auch montags geschlossen. Wohin jetzt? Ich sitze auf einem Steinmäuerchen unter Platanen am Karlsplatz. Was tun? Die REM-Galerie hier in der Nähe gibt es schon längst nicht mehr (flacher Witz! - der innere Spötter). Bei der Korbschaukel für Kinder dreht sich oben am Zenit im Wind eine Metallplatte mit je einem Bild eines Kinderbuchaffenkopfes auf jeder Seite. Wie passend! Ein Blütenblatt fällt in mein aufgeschlagenes Notizbuch und ich schnipse es rücksichtslos und unsensibel weg. In die Albertina modern direkt vor mir auf der anderen Seite der breiten, stark befahrenen Lothringer Straße gehe ich nicht, mir kommt vor, ich hätte die Ausstellung schon einmal besucht und für uninteressant befunden, aber erinnere mich nicht wirklich (wäre heute auch geschlossen gewesen – der Tipper; 38°C jetzt; im Zimmer: 29°C). In der Landschaft des Karlsplatzes kann man den Wind schon von Weitem näher kommen und sich wieder entfernen sehen.
12:52. Ich bin tatsächlich zum Mozartplatz gegangen. Aber meine REM-Box-Euphorie ist nicht mehr abrufbar; die ist längst im depressiven Einheitsbrei der Bedeutungslosigkeit abgesoffen. Hier am Mozartplatz ist nichts los; ein bißchen Wind. Das war auch zu erwarten.
13:09. Nun sitze ich in der Karlsgasse unter schattigen Platanen und weiß nicht weiter (37°C) (er kann die Übertreiberei nicht lassen! Es ist ganz einfach: er weiß nicht, ob er heimgehen soll, oder doch irgendwo einkehren, aber wo? Zum Essen oder auf ein Getränk? Auf einen Kaffee oder ein kaltes Getränk? Das ist alles; nichts Existentielles! - der innere Spötter).
Ich habe mich auf den Weg nach Hause gemacht – alles zu Fuß – und als ein Installateur-Firmenwagen eingebogen ist, aber die Fußgänger freundlich passieren lassen hat, habe ich den Tagtraum, den Beifahrer, der das Fenster offen hat, anzusprechen und zu sagen: „Sie haben Heizung am Auto stehen und damit trauen sie sich bei dieser Hitze durch die Stadt fahren?“ Möglicherweise ein blöder Scherz, aber ich kann dabei in mich hinein lächeln. Alles eh nur in Gedanken.
(3.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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