Freitag, 31. Juli 2026

4563 Pack mas

 



12:28.  Ich wandere durch die Albertina und mir dämmert, dass ich die zwei unteren Ausstellungen schon gesehen habe, weiß es jedoch nicht sicher (das hat mit meinem depressionsverseuchten Gehirn zu tun, das im ständigen Alarm- und Überlebensmodus jederzeit neue überraschende Angriffe erwartet und ständig neue Löcher in der Abwehr meldet und dabei keine Zeit und Ruhe hat, das Erlebte in eine sinnvolle Ordnung und eine stringente Erzählung zu bringen; somit weiß ich fast nie etwas mit Sicherheit, weil das Wahrgenommene und Erlebte nur irgendwo hineingeworfen ist und nicht verarbeitet und weil mir so der Bezugsrahmen und die „Landkarte“ fehlt, beziehungsweise solches bestenfalls nur fragmentarisch und nur zeitweise zur Verfügung steht. Also kein „Rahmen“, nur ein paar Trümmer). Ansonsten genieße ich die Kühle hier (obwohl er niesen muß – der innere Spötter) und beruhige mich bei der Betrachtung der monochromen Bildreihe in Grau vor mir. Aber ich steige jetzt hinauf zu meinen Lieblingsbildern und hoffe, dass sie noch da sind.

In der Batliner-Sammlung ist andrangsmäßig die Hölle los. Schwer, vor den Bildern zu verweilen (apropos: mich stört, dass das Batlinerporträt von Weiler am Eingang der Sammlung abgehängt wurde).
Vuillard, das blaue Zimmer und Manguin, Rückenakt unter Bäumen sind noch da. Auch Der Nachtschwärmer und Sturmwind von der Werefkin hängen noch. Von Jawlensky sind jetzt andere Bilder da (wenn ich mich richtig erinnere!), aber das geht, obwohl mir der Berg abgeht. Ich darf nicht so eigensinnig sein (gell! - der innere Spötter). Vor den auseinander gehängten Städten Kokoschkas (Dresden, London) finde ich sogar einen Sitzplatz auf der Bank. Ich atme tief auf und meine Seele erholt und weitet sich. In Dresden ist der Himmel immer noch dräuend und wolkenverhangen und London leuchtet auf und wird immer noch in den Himmel gehoben. Das sind meine unschlagbaren Favoriten! Ich erinnere mich, das Londonbild im Zeichenunterricht im Gymnasium schon gesehen zu haben und erinnere mich auch an einen Satz der Erklärung des Zeichenprofessors. Ich weiß schon, dass ich Begabungen habe; der Schmerz ist, dass es mir nicht gelungen ist, sie in einen fruchtbaren Austausch mit der Gesellschaft zu bringen. Das ist ein großer Schmerz. Dieses London! Knapp vor der Erlösung und so ein wunderbares Gemälde! Ich wollte jetzt hinschreiben: „davor könnte ich stundenlang sitzen“ - aber das werde ich nicht, somit weiß ich nicht, ob ich mir den Satz glauben kann. (Auf meinem T-Shirt steht ich brauch nix.)

Nun grase ich den Klee ab (zum Beispiel die versandete Siedelung) und raste beim depperten Kardinal (von Mansù) und sehe mich im wandhohen Spiegel. Ziemlich wampert! (der Spiegel im Haus Karin in Leibnitz/Lipnica hat mich viel schlanker gemacht), mein Bauch wölbt sich vorne und die Hüfte seitlich nur so über den Gürtel. Das Gesicht bleibt im Rückenlicht dunkel. Meine Beine könnten noch durchgehen, aber man sieht im Spiegel die Besenreiser nicht. Der Kardinal ist einfach eine Witzfigur. Sie würde mich stören, wenn sie sich nicht so gut zum Schimpfen und Spotten eignen würde (wer weiß, was du da alles los wirst! - der innere Spötter) (loszuwerden versuchst! - der innere Korrektor). Auch beim Klee gibt es neue Bilder, aber meine geliebte Landschaft zwischen Winter und Frühling (Villenviertel) ist noch da. So ein tolles Bild!

Ach ja! Der Papierdrache von Chagall. Dieses betörende Blau!

Giacometti ist auch noch da mit seinem Porträt und mitsamt ihren Schatten die Vier Frauen auf Sockel.

14:03. Ich raste ein wenig bei den Sphinxen. Dann verlasse ich die Albertina. Wien, Innere Stadt: 38°C offiziell und gemessen bei wissenschaftlich eingerichteten Messstellen.

Ich raste in der Aida in der Wollzeile und gönne mir den ersten Eiskaffee des Jahres (wenn ich mich richtig erinnere). Ich will auch in der Hitze meine zehntausend Schritte gehen, brauche jedoch Pausen. Eiskaffee als Flüssigkeitszufuhr ist wahrscheinlich nicht so gescheit. Ich betrachte etwas schlampig und hitzetrübe die Passanten an dieser interessanten Kreuzung hier (deswegen und weil meistens ein Fensterplatz frei ist kehre ich hier manchmal ein).

Pack mas? Pack mas!


(31.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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