4533 Der Pakt
11:13 a.m. Im Espresso Burggasse tönt aus den Boxen nach einigen Hits aus meiner Zeit nun Jolene, das ich damals nicht so am Schirm hatte. Aber es ist ein Lied, das mir vor Jahren meine Töchter auf ihrer Geschenkcede neben Von hier an blind, Born to die, Knocking on heavens door, Paparazzi, Scientist, Space Oddity und Stadium Arcadium für mich gesungen und gespielt haben und schon – meine regelmäßigen LeserInnen ahnen es schon – kommen mir die Tränen. Hier ist das aber wirklich berechtigt, denn von der Liebe seiner Kinder berührt zu sein, kann doch nicht falsch sein! (Die Frage, die sich erhebt – Weigel schau owa! - ist eher, ob und wie sehr ich mich dieser Liebe würdig erwiesen habe. Aber das gilt für alle Kinder-Eltern-Beziehungen. Und damit es kein Mißverständnis gibt: ursprünglich lieben alle Kinder ihre Eltern! So, jetzt Schluß damit!)
Aus den Boxen kommt nun amerikanische, folknahe, rockige Bob-Dylan-Gitarrenmusik, wo sich der Verdacht auf Nabelschnurmusik auftut (um einmal nicht erhebt zu sagen), was meine Rührung noch erhöht (ach! Schon wieder so ein Ich-Text! - der innere Spötter). Auf meinem T-Shirt steht Ich bin freiwillig hier und damit könnte das Espresso Burggasse gemeint sein, überhaupt diese unsere Welt hier oder die sentimentalitätsverdächtige Rührseligkeit (es ist immer noch in Rechnung zu stellen, dass das die Droge Kaffee sein kann).
Der Deckenventilator steht. Mein erster Cappuccino ist ausgetrunken. Wie geht es weiter? Aha! Eine traurig-sehnsuchtsvolle Mundharmonika heult aus den Boxen. Natürlich geht es um die Liebe, wie ich wegen meiner schlechten Englischkenntnisse kaum, aber letztlich doch dem Liedtext entnehme. Jetzt Stand by me; Jetzt The Boxer. Ein bißchen angst und bange wird mir schon bei so viel nostalgischer Musik, die mich mehr aufwühlt, als mir (oder deinem Selbstbild? – der innere Spötter) lieb ist. Es geht weiter mit alten Hits – Have You Ever Seen the Rain? … Jetzt muß ich aufpassen, dass ich nicht komplett in meine Gymnasiumszeit mit allem Pi-Pa-Po abrutsche … house of the rising sun … und vieles andere.
Platzwechsel. Ich blicke jetzt direkt in die Laube hinaus (18°N) wie auf eine Bühne. In ihrem Hintergrund läßt der Regisseur ständig so Vehikel von links nach rechts durchs Bühnenbild fahren.
Dann kommt eine alte Bettlerin herein. Ins Lokal. Das wird hier zugelassen, wenn die Bettler die Gäste nicht zu sehr belästigen (und das gefällt mir sehr!) Niemand will oder kann ihr etwas geben, ich auch nicht. Sie steht herum, will nicht sogleich abtreten und murmelt etwas von der schlechten Welt. Sie ist wirklich sehr alt. Die ältere Frau am Nebentisch, die offensichtlich an ihrem Laptop arbeitet und mit der ich nach dem Eintreten ein paar Worte gewechselt hatte, reagiert ziemlich verbal-aggressiv im Tonfall und sagt etwas wie „Hören Sie auf, die Leute zu belästigen!“ Mir erschreckt daran die Wut, die da durchkommt. Ich meine, wenn sie das Gefühl hat, dass diese Frau ein bequemeres und leichteres Leben hat als sie, so kann sie doch ihren Job aufgeben, ihre Besitztümer weggeben und sich selbst zum Betteln auf die Straße stellen und die Lokale abklappern.
Die Szene ist schon längst vorbei, aber ich bin innerlich immer noch mit der strengen Frau in Verhandlung und sage alles, was ich jetzt nicht gesagt habe. Erst langsam kann ich wieder bewußt meine Umgebung wahrnehmen, etwa wie der Wind draußen durch die Krone der großen Platane und das Gebüsch dort streift.
California Dreamin‘. Die Musik davor konnte ich wegen meines inneren Bettlerin-Dialogs gar nicht registrieren. Warum geht mir das so nahe? (willst du das jetzt wirklich erforschen? - der innere Spötter.)
Der Lichtwechsel draußen auf der Bühne muß auch noch erwähnt werden. Offensichtlich ziehen Wolken über den Himmel, den ich von hier aus nicht sehen kann. Der nächste Bettler ist im Anmarsch und ich fürchte ein Auszucken der Frau am Nebentisch; solche Szenen halte ich schwer aus. Aber es ist gut ausgegangen: der Mann ist hereingekommen, hat seine Zeitungen (Augustin) angeboten, hat alle Neins einfach akzeptiert und ist wieder hinaus. Die Frau am Nebentisch hat nichts gesagt. White Room – ich heule schon beinahe. So kann das mit mir nicht weitergehen! Was muß für mich damals alles an dieser Musik gehangen sein! (Vielleicht ist das die Aufgabe für dein restliches Leben, dass du ordentlich zu heulen lernst – der innere Spötter.) Jetzt die Beach Boys. Die hier wollen mich heute mürbe machen! Wenn es mir zu viel wird, kann ich ja gehen. Das Agieren der Schauspieler auf der Bühne habe ich noch nicht beschrieben: sie sitzen da, essen, trinken, reden, gestikulieren … mehr ist nicht zu sagen; jedenfalls spielen sie es geschickt auf realistisch. Noch so ein alter Hit; Titel und Band fallen mir nicht ein. Wenn ich die Lichtverhältnisse draußen, den Wind und so weiter richtig deute, sind jetzt ideale Wetterverhältnisse für den Weg nach Haus (an das Universum: er meint mit Zuhause die Schreygasse, nicht die Ewigkeit oder etwas in der Art – der innere Spötter). Der Aufbruch jetzt wäre etwas früh. Die Frau am Nebentisch, obwohl sie still und konzentriert am Laptop arbeitet, ist mir seit dem Zwischenfall unangenehm (ich beziehe ihren ihr von mir unterstellten Vorwurf an die Bettlerin, unselbständig und schmarotzerisch zu sein, sofort auch auf mich und habe dem innerlich kaum etwas entgegenzusetzen). Ich gehe. Und ich gehe in eigener Verantwortung und freiwillig und mache niemandem Vorwürfe. Bis bald, geliebtes Espresso Burggasse.
13:00. Beim Weggehen habe ich noch der Frau am Nebentisch einen schönen Tag gewünscht – übrigens sitze ich im Hof des Museumsquartiers und eine Taube bettelt mich an; die da oben haben schon Sinn für Humor! - habe der Frau also einen schönen Tag gewünscht, denn das gehört sich für mich und ich sagte es einigermaßen ehrlich und in segnender Professionalität (wenn es nicht ein blödes Selbsterhöhungs-Selbstbeweihräucherungstheater und saudepperter Unterwerfungs-Masochismus ist – vielleicht wäre es wichtig gewesen, der Frau zu sagen, dass man/frau nicht das Recht hat, die Möglichkeit zu unästhetischen Begegnungen wegradiert zu bekommen; vor allem, wenn man/frau selber eindeutig gesellschaftlich und sozial in einer besseren Position ist. Oder es waren deine "guten Wünsche" gar ein passiv-aggressives Dem-andern-glühende-Kohlen-aufs-Haupt-Streuen, was schon recht unverschämt wäre – der innere Spötter).
Und an der Kreuzung Burggasse/Museumstraße habe ich gesehen, wie ein junger Priester in Soutane – also vermutlich stockkonservativ – an der Fußgängerampel den Knopf gedrückt hat, aber den, der nur die Lautstärke des Blindensignals erhöht und so mehr Lärm, aber keine frühere Grünphase bringt, und ich eile auf ihn zu, um ihm das mit versteckter, hinterfotziger Aggressivität zu sagen, aber er versteht kein Deutsch. Vermutlich hat mich getriggert, dass er als völlig weltfremder junger Mann im Gegensatz zu mir doch seinen Ort, sein Arbeitsgewand und sein Einkommen gefunden hat, wobei auch ich annehme, dass er in seinem Job mehr Schaden anrichtet, was nicht heißt, dass ich und auch die progressiven Katholiken aus dem Schneider sind. Okay. Ich gehe jetzt weiter und schleppe in der Hand die bestellten Klebeetiketten mit, die größenmäßig nicht in mein Albertinatascherl passen, was ich nicht erwartet habe, weil ich nicht mit diesem Verpackungsgrößenwahn gerechnet habe.
14:30. Heute spielt in der Fußballweltmeisterschaft Österreich gegen Spanien. Ich hatte überlegt, wo ich das Match anschauen soll: Katscheli, Public Viewing irgendwo, oder doch zu Hause. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Aber heute auf meiner Fußwallfahrt durch die Stadt treffe ich zufällig auf der Straße die Chefin und eine Kellnerin vom Katscheli, und damit ist meine Entscheidung aufgehoben und durch eine neue ersetzt: ich werde ins Katscheli gehen. Ich kann diesen Wink des Schicksals doch nicht ignorieren und möchte keinesfalls die Schicksalgöttinnen gegen mich und mein Land aufbringen! Das können heute weder ich noch die österreichische Nationalmannschaft brauchen! Um diesen Pakt zu bestätigen und abzusichern, bin ich am Heimweg gleicht ins Katscheli auf ein Getränk eingekehrt. Amen!
(2.7.2026)
©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com
