Freitag, 31. Juli 2026

4563 Pack mas

 



12:28.  Ich wandere durch die Albertina und mir dämmert, dass ich die zwei unteren Ausstellungen schon gesehen habe, weiß es jedoch nicht sicher (das hat mit meinem depressionsverseuchten Gehirn zu tun, das im ständigen Alarm- und Überlebensmodus jederzeit neue überraschende Angriffe erwartet und ständig neue Löcher in der Abwehr meldet und dabei keine Zeit und Ruhe hat, das Erlebte in eine sinnvolle Ordnung und eine stringente Erzählung zu bringen; somit weiß ich fast nie etwas mit Sicherheit, weil das Wahrgenommene und Erlebte nur irgendwo hineingeworfen ist und nicht verarbeitet und weil mir so der Bezugsrahmen und die „Landkarte“ fehlt, beziehungsweise solches bestenfalls nur fragmentarisch und nur zeitweise zur Verfügung steht. Also kein „Rahmen“, nur ein paar Trümmer). Ansonsten genieße ich die Kühle hier (obwohl er niesen muß – der innere Spötter) und beruhige mich bei der Betrachtung der monochromen Bildreihe in Grau vor mir. Aber ich steige jetzt hinauf zu meinen Lieblingsbildern und hoffe, dass sie noch da sind.

In der Batliner-Sammlung ist andrangsmäßig die Hölle los. Schwer, vor den Bildern zu verweilen (apropos: mich stört, dass das Batlinerporträt von Weiler am Eingang der Sammlung abgehängt wurde).
Vuillard, das blaue Zimmer und Manguin, Rückenakt unter Bäumen sind noch da. Auch Der Nachtschwärmer und Sturmwind von der Werefkin hängen noch. Von Jawlensky sind jetzt andere Bilder da (wenn ich mich richtig erinnere!), aber das geht, obwohl mir der Berg abgeht. Ich darf nicht so eigensinnig sein (gell! - der innere Spötter). Vor den auseinander gehängten Städten Kokoschkas (Dresden, London) finde ich sogar einen Sitzplatz auf der Bank. Ich atme tief auf und meine Seele erholt und weitet sich. In Dresden ist der Himmel immer noch dräuend und wolkenverhangen und London leuchtet auf und wird immer noch in den Himmel gehoben. Das sind meine unschlagbaren Favoriten! Ich erinnere mich, das Londonbild im Zeichenunterricht im Gymnasium schon gesehen zu haben und erinnere mich auch an einen Satz der Erklärung des Zeichenprofessors. Ich weiß schon, dass ich Begabungen habe; der Schmerz ist, dass es mir nicht gelungen ist, sie in einen fruchtbaren Austausch mit der Gesellschaft zu bringen. Das ist ein großer Schmerz. Dieses London! Knapp vor der Erlösung und so ein wunderbares Gemälde! Ich wollte jetzt hinschreiben: „davor könnte ich stundenlang sitzen“ - aber das werde ich nicht, somit weiß ich nicht, ob ich mir den Satz glauben kann. (Auf meinem T-Shirt steht ich brauch nix.)

Nun grase ich den Klee ab (zum Beispiel die versandete Siedelung) und raste beim depperten Kardinal (von Mansù) und sehe mich im wandhohen Spiegel. Ziemlich wampert! (der Spiegel im Haus Karin in Leibnitz/Lipnica hat mich viel schlanker gemacht), mein Bauch wölbt sich vorne und die Hüfte seitlich nur so über den Gürtel. Das Gesicht bleibt im Rückenlicht dunkel. Meine Beine könnten noch durchgehen, aber man sieht im Spiegel die Besenreiser nicht. Der Kardinal ist einfach eine Witzfigur. Sie würde mich stören, wenn sie sich nicht so gut zum Schimpfen und Spotten eignen würde (wer weiß, was du da alles los wirst! - der innere Spötter) (loszuwerden versuchst! - der innere Korrektor). Auch beim Klee gibt es neue Bilder, aber meine geliebte Landschaft zwischen Winter und Frühling (Villenviertel) ist noch da. So ein tolles Bild!

Ach ja! Der Papierdrache von Chagall. Dieses betörende Blau!

Giacometti ist auch noch da mit seinem Porträt und mitsamt ihren Schatten die Vier Frauen auf Sockel.

14:03. Ich raste ein wenig bei den Sphinxen. Dann verlasse ich die Albertina. Wien, Innere Stadt: 38°C offiziell und gemessen bei wissenschaftlich eingerichteten Messstellen.

Ich raste in der Aida in der Wollzeile und gönne mir den ersten Eiskaffee des Jahres (wenn ich mich richtig erinnere). Ich will auch in der Hitze meine zehntausend Schritte gehen, brauche jedoch Pausen. Eiskaffee als Flüssigkeitszufuhr ist wahrscheinlich nicht so gescheit. Ich betrachte etwas schlampig und hitzetrübe die Passanten an dieser interessanten Kreuzung hier (deswegen und weil meistens ein Fensterplatz frei ist kehre ich hier manchmal ein).

Pack mas? Pack mas!


(31.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4562 Sekundär

 



10:24 a.m.  Heute sitze ich – sekundär – näher am Fenster [also: sekundär heißt: zuerst saß ich auf meinem Stammplatz, dann habe ich einer Familie, damit sie zwei Tische zusammenschieben kann, Platz gemacht und bin einen Tisch nach rechts gerückt. Das ist eigentlich alles. (Daniil Charms)]. Kein schlechter Platz. Den Lichtengel könnte ich von hier aus nicht sehen, aber der leuchtet sowieso nicht mehr. Ich blicke aus geringerer Distanz zur herrlichen Platane hinaus (draußen wachsen zwei, aber aus meiner Perspektive ist nur eine zu sehen). 33°C wird als offizielle Messung für den Bezirk Neubau angezeigt. Mir fällt auf, dass ich in letzter Zeit die dem Kaffee beigelegten Schnitten esse, die ich früher nur selten verzehrt habe. Übrigens haben sie vorhin aus den Boxen von XTC Nigel gespielt (meine REM-Zeit!). Das jetzige kenne ich auch, aber der Titel fällt mir nicht ein. Ich glaube, auch von XTC; ich bin mir ziemlich sicher (geh bitte! Was druckst du so pseudobescheiden und feig herum?! Lehn’ dich aus dem Fenster! Sage ja, das ist XTC. Eigentlich bist du sicher. Du kennst den Sound – zum Beispiel die typische Gitarre – und die Stimme des Leadsängers – der innere Spötter). Das ist jetzt nicht mehr XTC; ich kenne die nicht, aber sehr schön.

Der Blick von schräg unten in die Krone der Platane hinein ist wirklich tröstlich und ergreifend; obwohl ich ja nicht direkt darunter sitze, fühle ich mich wie unter einem Schirm beschützt. (love will tear us apart again aus den Boxen.) Eine kleine Erinnerung meines richtigen und da bestätigt erfolgreichen Kommentars in einem Gespräch mit einem – damals – jugoslawischen Künstler in Miholašćica auf Cres in so einer Art „Pidgin-English“ aus dem Jahre 1987 fällt mir unvermittelt ein („Die Neuen Wilden malen nicht aus dem Bauch, sondern wie der Kopf denkt, dass der Bauch malt.“). Ja, damals war ich ein bisschen besser im Geschäft – für meine Verhältnisse UND von jetzt aus gesehen. Ich klage nicht. Ich habe mich auf meinem Abstellgeleise gemütlich eingerichtet (das ist KEINE Komfortzone, sondern ein Asyl, mit allem, was dazu gehört!). Jetzt The Smiths! Ach Gott! Meine Blue-Box-Zeit!

Jetzt Roxy Music (11:21 a.m.) Love Is the Drug, aus meiner Grazer Zeit (die LP habe ich nach dem Döbereinercrash aus Angst und Schuldgefühl weggeworfen).

Ist das jetzt Souxsie? Wird schon stimmen (verdammt! Sag: es stimmt! - der innere Spötter). Und wieder The Smiths. Langsam stellt sich das Empfinden ein, dass meine Episode hier für heute zu Ende geht, dass der Bogen sich wieder nach unten neigt; der Gedanke an den Aufbruch wird stärker. Ein wenig zögere ich noch, in die Hitze (36°C offiziell) hinauszugehen.
Beim Zahlen merke ich: es hilft nichts; mein Eifer verrät mich.


(31.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 30. Juli 2026

4561 Tonspur

 



12:58.  Am Heimweg sitze ich im Mumok in der Tonspurpassage und höre mir die Tonspur an. Das ist jetzt genau das Richtige für mich. Was man spöttisch (und unbedarft) „Instrumentenstimmen“ nennen könnte; aber dieses Suchen, Nicht-Finden, Finden, und die (anscheinend - scheinbar) ratlosen Pausen gefallen mir – wobei der Durchmarsch einer organisierten Ferien-Kinder-Gruppe durch die Passage kurz einen ganz anderen Sound einbringt. Ja, und das exorbitante Ausklingen-Lassen mancher Töne; das suchende Geklopfe auf den Saiten, das alles passt jetzt für mich und meine Seele erholt sich dabei. Dann ein fast gedroschener Klavierakkord, der mich fast erschreckt. Eine Frau von der Reinigung schiebt ihren Putzwagen durch, was auf dem Asphalt wegen der kleinen Räder ordentlich rattert und noch eine Zeit lang im Sich-Entfernen hörbar bleibt. Diese fragmentarische Musik der Passage (von wo nach wo?) passt so gut zu meinem Leben! Immer wieder werden Melodien gesucht und ein paar Takte lang gefunden und dann wieder verloren oder absichtlich zerstört. Oder irgendwer kommt daher und lärmt durch die Musik und übertönt sie. Dann wieder so ein lauter Akkordeinbruch am Klavier, der meist ohne nachhaltige Auswirkungen verklingt (obwohl er natürlich mit seinem Schrecken alles andere verscheucht und den akustischen Nachraum sozusagen freiräumt und somit diesen doch indirekt mitdefiniert). Okay, ich gehe weiter ins Museum moderner Kunst, denn ich muß aufs Klo. Obwohl jetzt gerade eine so schöne, elegische, melancholische Phase gekommen ist. Jetzt ein Akkordeinbruch; ich nutze die Chance und gehe. Die Ausstellungen durchwandere ich bloß; ich hatte vergessen, dass ich sie schon gesehen habe.

13:46.  Ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause (37°C im Schatten).


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4560 Gratuliere

 



10:16 a.m.  Italienische Sommermusik aus den Boxen. Nicht mein Fall, obwohl auch sie melancholische Elemente mitbringt. Der Lichtengel leuchtet nicht mehr, ich versuche, am Schatten der Lampe irgendwelche Flügelstrukturen zu entdecken: nein, gibt es nicht wirklich, obwohl ich meine Wahrnehmung unbedingt da hinbiegen will. Was nicht heißt, dass die Schatten dort uninteressant wären: eine Struktur ähnlich einem luftigen Aussichtsturm (Oida! Halt an dich! - der innere Spötter). Bevor ich abhebe – sollte ich hier etwas essen? Mein Depressionsanfall von Sonntag ist vorbei, schon bevor ich gestern wieder Duloxetin eingenommen habe. Weil mir davon (?) recht übel geworden ist, habe ich es dabei belassen und heute keines mehr genommen. Mir geht es psychisch ja nicht mehr schlecht; im Gegenteil: ganz gut. Anscheinend hat mein Kampf, zu dem wahrscheinlich auch diese ganze Prozedur Psychoambulanz-Duloxetinrezept gehört hat, tatsächlich meine Depression von der ersten Stelle wieder weiter nach hinten verjagt. Ich darf mir dazu gratulieren. Jetzt eine italienische Version von Susanna; die gefällt mir gut. Fasziniert schaue ich den aktuellen Szenen hier herinnen zu. Irgendwie gehe ich mit, obwohl ich nur Beobachter am Rande bin; so ähnlich wie beim Aufkommen der ersten Kinos, wo die Zuschauer bei der Verfolgungsjagd zum Beispiel den von bösen Indianern verfolgten Helden unterstützen wollten, indem sie ihre jeweils vordere Sitzreihe in tranceartiger Verwechslung mit der gejagten Kutsche anschoben, manchmal bis jene umgefallen ist (so wurde berichtet). Was ich sagen will: meine Seele bewegt sich mit den Gesprächen und der Gestikulation mit, möchte dem einen sagen: „Jetzt! Jetzt sprich den Kellner an!“ oder: „Warte kurz! Der Kellner telephoniert!“ (Was ich sagen will: deine Bilder und Assoziationen für deine Zustände sind so etwas von daneben – der innere Spötter.)

Aber jetzt ist es wieder relativ leer herinnen (fast alle sitzen draußen in der Laube) und ich kann mir wieder überlegen, ob ich über die Stränge schlagen will und etwas essen, während der Italiener aus den Boxen vom Mare singt.

Während ich am Klo war, haben neue Gäste den Innenraum erobert beziehungsweise fürs Zahlen okkupiert und ich schaue wieder den „Szenen“ zu. Wo ist eigentlich meine Sonnenbrille? Ich konnte sie zu Hause nicht finden. Ich werde sie am Nachmittag nochmals suchen. Aber jetzt einmal essen und trinken. Zur italienischen Musik aus den Boxen möchte ich sagen, dass sie schon dem gehobenen Segment angehört, nur: mir liegt sie nicht. Jetzt singt eine Italienerin über das Mare (obwohl auch montano vorkommt). (Wer nichts zu sagen hat, schweige still – der innere Spötter.) Beim darauf folgendem Ausklicken meines Pilotstiftes rutscht mir dieser aus der Hand und fliegt – vom Rückstoß angetrieben – ein paar Zentimeter nach vor und landet auf der blanken Seite meines Notizbuches, die ich jedoch soeben zu beschreiben (wörtlich!) begonnen habe. Noch ein Mare-Sänger. Hat man meine schüchtern-aufdringliche Bestellung vergessen? Soll ich urgieren? (Was für ein komisches Wort!) Obwohl ich seit kurzem den Namen des Kellners weiß, traue ich mich nicht, ihn anzusprechen (oder gerade deswegen?). Aber nach einigem inneren Kampf werde ich es schon schaffen – ich bin durstig und hungrig. Geschafft (ohne Namensnennung). Vielleicht habe ich mich unbeliebt gemacht (so denkt mein depressionsverseuchtes Gehirn). Es ist furchtbar, aber ich kann nur schwer Menschen - vor allem beim Namen - ansprechen. Ich muß mir da innerlich immer einen Tritt geben; es fühlt sich so an, als stünde mir das nicht zu, weil ich nicht auf Augenhöhe bin. Aber dieses Dalit- oder Nicht-Initiierten-Syndrom habe ich eh schon öfters beschrieben. Isjawurscht, der bestellte Saft ist schon da und den Kren vom Schinkenbrot kann ich bereits riechen; es wird wohl bald kommen. Wenn ich es richtig höre, singen die Italiener nun von acqua.

Ich bin ganz unsicher jetzt, das Schinkenbrot kommt nicht; soll ich nochmals nachfragen? Sie haben in der Küche viel zu tun. Ich weiß nicht. Ich warte noch und trinke den Saft. Ich kann die Realität so schlecht einschätzen. Ein Gesicht fällt mir ein, kommt plötzlich vor mein inneres Auge, keine Ahnung, wo ich es hingeben soll. Ich sehe es vor mir, aber wer und woher? Übrigens: auf meinem T-Shirt steht scheinanwesend. Passt doch, oder? Oh! Das riesige Schinkenbrot ist jetzt da! Also wurde es nicht vergessen, sondern es gab viele Bestellungen für die Küche.

Die Boxen haben längst auf Englisch gewechselt, und obwohl ich Englisch nicht wesentlich besser verstehe als Italienisch, das ich gar nicht kann, gefällt mir die Musik mehr. Ich frage mich wieso und habe keine rechte Antwort. Ist es die andere Musikalität? Sind es die überbetonten Vokale? Die geographische Nachbarschaft? Romanisch versus „Germanisch“? (Vergleiche meine Studie über das stark unterschiedliche Rauschverhalten in den „germanischen“ und den romanischen Kulturen, das jeweils eine völlig andere Individuum-Konstruktion zeigt.) (Ist schon gut! Beruhige dich! - der innere Spötter.) Vielleicht ist es Zeit, meine Wanderung nach Hause anzutreten (35°C im Schatten). Ich gehöre eindeutig zum „germanischen“ Kulturbereich – ob’s mir passt oder nicht – mit barbarischem Minderwertigkeitsgefühl, das – nicht von mir, aber von den andern (Oida! - der innere Spötter) – nur rowdyhaft und vulgär kompensiert werden kann (ich habe gesagt, es genügt! Es ist zu heiß und du bist schon lange abgehängt. Außerdem spielst du dabei mit dem Feuer und deiner Depression! Willst du die wieder hervorlocken? - der innere Spötter). Gemma? Gemma! Die letzten zwei Schluck Kaffee noch austrinken, bitte. (37°C im Schatten.)


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 27. Juli 2026

4559 Die nächste Sache ist Geld

 



10:25 a.m.  Die nächste Sache ist das Geld. Die Jahreskarte für die Verkehrsbetriebe ist empfindlich teurer geworden, meine Steuern höher (die Pensionserhöhung ist so gut wie aufgefressen), die Teilrefundierung meiner Psychotherapie dürfte ausgelaufen sein, ein Betrag von zirka 100.- steht noch aus und kommt seit fast einem Jahr nicht (stimmt nicht! Die bewilligten Therapiestunden waren aufgebraucht - der Tipper, der recherchiert hat). Man ist so machtlos gegen die Tücken der Bürokratie. Und zu diesem Psychiater, der bei der kranken Gesundheitskasse für die Begutachtung der Antragsteller auf wenigstens teilweiser Refundierung der Behandlungskosten zuständig ist, gehe ich nicht mehr, denn der ist ein Kotzbrocken. Er hat von der kranken Gesundheitskasse offensichtlich nicht die Aufgabe, zu schauen, ob einer, ob eine psychisch und finanziell Hilfe notwendig hat, sondern potentielle AntragsstellerInnen zu entmutigen und zu verscheuchen. Einem Depressiven einfach so und um ihn abzuschrecken zu signalisieren und vorzuwerfen, dass er es nicht wert ist, unterstützt zu werden und Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist wirklich keine große Kunst, sondern eine Gemeinheit; und – ich gebe es zu – sehr effektiv, weil der bald zurückstecken wird.

Ich habe Angst vor der nächsten Hitzewelle und davor, meine Kaffeehausbesuche, die für mich wie schöne Lektüre- und Schreibarbeitsstunden waren, aufgeben zu müssen: später Vormittag ins Café, lesen, schreiben, dann die Fußwanderung nach Hause, dort Geschirr, Wäsche erledigen, spätes Mittagessen, dann die Vormittagstexte eintippen und dabei überarbeiten. Dann ist Abend. Das gab meinem Tag Struktur und Sinn und meinem Leben Halt (natürlich kann man einwenden, dass diese Arbeit kein Geld gebracht hat und darum nicht zählt).

Ich habe das Gefühl, die letzten einigermaßen guten Tage zu erleben, bis dann der große Zusammenbruch kommt. Ich muß natürlich aufpassen, dass mir mein depressionsverseuchtes Hirn nicht falsche Bilder der Realität und meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten vorspiegelt, aber diese alte Leier meiner Kindheit: „du bist nichts wert!“ wird in letzter Zeit unglaublich stark und entzündet sich schon auch an der Tatsache, dass es mir in meinem Leben nicht gelungen ist, beruflich, sozial und finanziell Boden unter die Füßen zu bekommen, was ich jetzt ausbaden muß. Dabei geht es schon auch, aber nicht nur um Geld (der Kapitalismus drückt seine „Wertschätzung“ in Geld aus und bevorzugt Rowdies, Betrüger, gierige Gauner und schief grinsende Trickser), sondern auch um Resonanz; und damit ist es bei mir auch nicht weit her; ich habe längst den Anschluß verloren.

Ich atme tief durch, nehme mir zum hunderttausendsten Mal vor, mich „zusammenzureißen“ und die Folgen meiner Lebensentscheidungen tapfer auszuhalten (dabei war es ja nicht so, dass mir nicht einige Arschlöcher reingecrasht sind und mich in den Straßengraben abgedrängt haben; besonders der bajuwarische Affenarsch). Ich will mich jetzt auch nicht auf das große Weh einlassen. Ich hole tief Luft, betrachte den Wind in der großen Platane draußen und will jetzt den zweiten Cappuccino und ein Schinkenbrot mit Kren bestellen. Auch wenn das so eine Art Henkersmahlzeit wird (So! Jetzt reicht’s! Bei aller Nachsicht: jetzt ist Schluß mit dem Gejammer! - der innere Korrektor). Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann.

Ich könnte natürlich auch die anderen Gäste hier beobachten und mich über sie lustig machen oder mokieren. Ich mache es nicht. Ich bekomme richtig Lust, mein letztes Geld in einem großartigen Wisch rauszuwerfen, aber ich halte an mich. Die melancholische Musik aus den Boxen gefällt mir sehr (no-na! - der innere Spötter).

Draußen hat der Wind zugelegt und Wolken müssen die Sonne verdeckt haben. Mehrere Gäste wechseln nach innen. Regen sehe ich nicht, obwohl es sogar herinnen nach Regen riecht.

11:56 a.m.  Das Essen hat mir gut getan. Das Schinkenbrot ist hier sehr üppig und dicht belegt. Langsam läßt der Druck auf meiner Brust nach. Ich überlege ernsthaft, doch wieder auf Medikamente gegen Depression zurückzugreifen, aber zögere noch (sind auch wieder Mehrkosten und ich möchte es gerne ohne hinbekommen. Ich war schon irgendwie stolz drauf, es jahrelang ohne geschafft zu haben). Jetzt fällt mir der Doderer ein mit seinem Sadismus und ich muß lachen. Wenn man es sich leisten kann, einen Hausmeister zu bezahlen dafür, dessen Frau schlagen zu dürfen. Ich muß lachen. Natürlich ist das verwerflich, aber ich muß lachen (es tut mir leid, Leute, aber Depression hat etwas mit zurückgestauter Aggression zu tun). So gesehen muß ich ja froh sein, dass ich nicht wohlhabend bin und nicht aus der Oberschicht stamme. Ein Hoch auf meinen massiv eingeschränkten Handlungsspielraum! Die Kugellampe über mir schaukelt sanft im Ventilatorwind. Ein Niesanfall treibt mir Tränen in die Augen (und den Rotz in die Nase, aus der er ihn kaum rausbekommt – der innere Spötter). Es könnte sein, dass es jetzt Zeit für meine Wanderung wird. Aber ich zögere noch. Summer of Sadness steht auf einem Plakat am Klo, das für Tage des traurigen Films wirbt. Es regnet jetzt und ich gehe freiwillig hinaus in den Regen (der sich als nicht wirklich ergiebig herausstellen wird).


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4558 Nicht schlecht

 



7:37 a.m.  Mein depressiver Anfall ist vorbei. Zwar bin ich mit etwas Angst aufgewacht, aber das ist etwas ganz anderes. Ich bin sogar gleich nach dem Aufwachen hinunter gegangen, um – zwar verschlafen, aber doch – meiner Frau einen guten Morgen zu wünschen. Meine morgendliche Lebensangst ist leicht und läßt mich nur wenig zittern. Das ist nicht schwer auszuhalten. Ich hocke nun im Bett und versuche, mich zu sammeln und zu festigen. Ich überlege meine nächsten Schritte und beruhige mich dabei. Das Zittern, das sowieso nicht stark war, ist so gut wie vorbei. Es schaut für heute nicht schlecht aus.


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4557 Die inneren Dämonen

 



Wieder in Wien – ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat – hat mich ein ordentlicher depressiver Schub überrollt. Ich wache am Morgen auf, verschiedene Szenen meines Lebens – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter – fallen mir ein, alle beschämen mich oder klagen mich an. Ich beginne zu grübeln und meine Bilanz ist: rundum gescheitert. Ich denke mir nur mehr Selbstmordszenen aus (das sind reine Phantasien à la Tagträume, keine realistischen Vorbereitungen oder Planungen! Wobei der Gedanke, dass es endlich vorbei ist, schon verführerisch erscheint. Aber wir sind hier nur in Gedankenspielen und auf jeden Fall im falschen Film). Da ist jetzt überhaupt eine wichtige Zwischenbemerkung notwendig: ich habe schon vor langem einen Pakt mit mir geschlossen, dass ich das nie machen werde. Auch weil ich weiß, dass man sich damit nichts erspart. Was man so vermeiden will, wird einem im Tod unvermeidlich serviert. Ich rede nicht von irgendwelchen außerirdischen Scharfrichtern oder alten Deppen da oben, sondern von so einer Art Naturgesetz und davon, dass einem spätestens im Sterben der Energiekörper mit der Ganzheit des Selbst konfrontiert und wir die ganze, unverfälschte Wahrheit anschauen müssen und dürfen, sozusagen sub specie aeternitatis und nicht nach unserer fragmentierten Wahrnehmung und eingeschränkten Einsichten. Es funktioniert keine Abkürzung. Ende der Zwischenbemerkung.

Eine schwere Verzweiflung hat sich auf mich gelegt, die dann schon Richtung Resignation und Gleichgültigkeit abrutscht. Ich kämpfe mit aller geistigen Kraft gegen dieses einprogrammierte Selbstzerstörungsprogramm und halte immer wieder fest und sage es mir ständig vor: Das ist nicht meine innerste Stimme, das ist eine fremde Installation (ich werde die Definitionen meiner Kindheit nicht und nicht los). Ich kämpfe gegen meine inneren Dämonen und das ist so anstrengend, dass ich nicht nach außen kommunizieren kann. Ich rede auch meine Frau neben mir nicht an, weil mir vorkommt, dass mir das in meiner schmarotzerischen Wertlosigkeit nicht zusteht. Ich sage mir immer wieder vor, dass diese Denke das Ergebnis der Traumata meiner Kindheit ist und keine profunde Bilanz, dass ich beziehungsweise diese Fremdzuschreibung nicht in der Lage ist, mein ganzes Leben mit allem Drum und Dran zu bilanzieren und mehr den Hass von damals widerspiegelt. Und dass das Ganze deswegen wenig mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Als meine Frau das Frühstück bringt, esse ich stumm, aber ich registriere erleichtert, dass ich Appetit habe und mir das Essen schmeckt. Also sooo tief kann der Anfall nicht sein, ich muß nur noch ein wenig durchhalten. Ja, ich stehe auf, rasiere mich, putze mir die Zähne und setze mein Gebiss ein, arbeite beim Abbau der Urlaubsbewässerung und gieße dann ein noch wenig die Zimmerpflanzen und schaffe es gegen großen inneren Widerstand und Hoffnungslosigkeit doch wie gestern ausgemacht mit meiner Frau, mit der ich kaum rede, ins Fitnessstudio zu gehen. Und auch mein übliches Zwei-Stunden-Programm durchzuziehen. Dann ist mir etwas leichter. Ich bin richtig hungrig und meine Frau lädt mich in einem Restaurant zum Essen ein, das ich mit Appetit verzehre. Jetzt weiß ich: das Ärgste ist überwunden. Aber ich bleibe den ganzen Tag noch verschlossen und in mich gekehrt. Ich schreibe das auch auf (um 17:26), weil ich es nicht aussprechen kann, aber meine gute Frau wird den Text lesen. Vielleicht versteht sie dann meine Distanziertheit heute.


(26.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 23. Juli 2026

4556 Yogamatten

 



16:57.  Sommernachmittag. Das Flugzeug oben und die Rasenmäher unten klingen schon fast elegisch, oder als wäre ihnen fad. Ich bin wieder am Tempel heroben. Der Aschenbecher neben der Sitzbank stinkt mit seinem verbrannten Inhalt, aber das vertreibt mich nicht. Die rot-weißen Absperrbänder zur archäologischen Grabung zittern im Wind. Schöne Wolken, sehr schöne Wolken, wie im Bilderbuch, nur echter; sie stören nicht den blauen Sommerhimmel. Und erst der Blick über die Ebenen Richtung Osten! Eine Weite, die mir fast im Herzen weh tut. Ich sehe eine Elster ins Gebüsch am Südhang fliegen. Blauer Schatten hat sich auf die weiße Notizbuchseiten gelegt. Diese lockere Reihe weißer Wolken zieht so getragen und majestätisch den Horizont entlang, langsam wie eine edle Karawane. Dieses schon ins Abendliche gleitende Sonnenlicht auf den Bäumen und Mauern und Wiesen; man ahnt, dass die heimlichen Versprechen des Tages nicht mehr eingelöst werden. Was für eine Unmittelbarkeit! Eine Frau ist jetzt auf den Frauenberg herauf gekommen, mit Yogamatte und Kerze; sie wird hier wohl üben. Sie legt die Karten. Das hier ist sicherlich ein sehr geeigneter Ort dafür. Der Wind wird stärker. Die Absperrbänder flattern laut. Die Frau hat mit ihren Übungen begonnen. Ich schaue zur Seite, dann doch wieder hin auf die Frau, die sich zirka zehn Meter direkt vor mir befindet. Ich will sie nicht irritieren, aber weggehen will ich auch nicht. Ich betrachte links die rostigen Eisengestelle für das Sieb der archäologischen Erdarbeit. Auch ich nehme eine meditative Haltung im Sitzen ein und schließe die Augen. Ich bemerke wieder stark den Geruch der Asche und der Zigarettenstummel im Aschenbecher bei der Bank. Jetzt kommt ein Mann mit Yogamatte. Die beiden kennen sich. Jetzt reden sie. Eine Schwalbe fliegt von links vorne nach rechts hinten; eine Taube von rechts hinten nach links vorne. Jetzt kommen viele Schwalben. Noch eine Frau mit Yogamatte und Kind kommt. Der Bub fährt dann mit seinem Rad wieder weg. Eine Nebelkrähe. Die Yogaleute reden immer noch. Langsam fühle ich mich genötigt, zu gehen. Die schier endlose Wolkenkarawane zieht immer noch am Horizont dahin. Ja gut, ich gehe. Ich habe das Gefühl, ich störe sie. Unauffällig verneige ich mich in ihre Richtung mit gefalteten Händen und leisem „namaste!“


(22.7.2027)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4555 Sturm und Lourdes

 



11:28 a.m.  Sturm (Graz – der innere Korrektor) hat gestern großartig gewonnen und heute, beim Abstieg vom Seggauberg nach Leibnitz/Lipnica hinunter ist mir ein Reh über den Weg gehüpft: so schnell, so ruhig, so gekonnt und unglaublich elegant. Ich sitze wieder im Rosegger (Café … – der innere Korrektor). (Vielleicht hilft dir heute der lokal-literarische Namenspatron beim Schreiben – der innere Spötter.) Nein, ich bleibe verdächtig einfallslos. Auf meinem Konto ist endlich Geld eingelangt, was mein Selbstbewußtsein gleich bis zur Arroganz hebt (also fast schon zur Selbst-Bewußtlosigkeit wird – der innere Spötter). Mit dieser späten, ungeordneten und uninspirierten Morgenplauderei bin ich bereits am Ende meines Schreibelans. Ich versuche es noch mit irgendetwas über die Boxenmusik oder mein Hinstieren aufs Weinregal, aber daraus entsteht nichts. Ich bedanke mich beim Kellner überschwänglich für die Köstlichkeit der Rhabarber-Basilikum-Limonade und bitte ihn, mein Lob der Küche weiterzuleiten. Ich beobachte die anderen Gäste, aber daraus wird auch nichts Schreibwürdiges (es gibt ja auch einen inneren Zensor – der innere Zensor). Ich gebe für den Moment meine Schreibversuche auf, aber was mache ich jetzt?


12:35.  Am Rückweg ins Quartier bin ich wieder beim Kapuzinerkloster eingekehrt und sitze in der Lourdeskapelle (Das Lied von Bernadette von Franz Werfel liebe ich!). Weil ich jetzt wieder Geld habe, habe ich für die drei Kerzen ordentlich bezahlt und mich zum Beten sogar auf den Betstuhl gekniet – was nicht ganz schmerzfrei abgegangen ist – und ich stelle fest, dass ich eine große Sehnsucht nach (religiöser) Hingabe habe – was immer das heißt, aus welcher psychologischen Situation auch immer das kommt. Was mich schon etwas wundert, denn ich bin auf dieser Ebene ein aufgeklärter Zyniker. Ich mißtraue diesen „religiösen“ Impulsen und ich glaube zu recht. Nichtsdestotrotz genieße ich das Knien und Beten, obwohl ich es mir nicht abnehmen kann, aber anscheinend spiele ich es gern. Das Katholische – in dem ich vom Familiären her nicht aufgewachsen bin – muß mich in meiner Kindheit viel mehr beeindruckt haben, als mir bewußt ist (und es ist mir bewußt). Ich möchte noch festhalten, dass meine Religionskritik in Wirklichkeit, wenn ich richtig loslege, viel tiefer geht als die der aufgeklärten Rationalisten (das will ich jetzt nicht ausführen; dafür gibt es genug Beispiele und Belege hier auf der Schublade). Mein düdelndes Handy lenkt mich ab und bricht den Bann. Ich gehe jetzt (wobei sich die Frage erhebt, was der ärgere Bann ist: Lourdes oder Handy – der innere Spötter).


(22.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4554 Das Prasseln des Regens

 



16:31.  Wenn es von Flugzeugen und Verkehrslärm nicht so laut wäre, würde ich das schöne Prasseln des leichten Regens auf das Stadeldach hören. So bleibt nur das schlurfende Geräusch von Autoreifen auf nassem Asphalt und das Anschauen der herumziehenden Wolken, des erfrischten Grüns, der Regentropfen, die vom Dach in die Dachrinne rinnen, und des fallenden Regens itself. Eine Lücke im Verkehrslärm! Jetzt höre ich den Regen! Das Vergnügen hält nur den Bruchteil einer Sekunde, denn ehe das letzte Auto ganz verklungen ist, taucht schon das nächste auf. Überhaupt: Auto und verklungen: diese Kombination ist viel zu beschönigend! Ich blicke zwischen die Weinblätter so gut es geht in die Landschaft hinaus, zu der auch der graue Himmel und die Nebelschwaden gehören. Ich kann wirklich kein Prasseln und kein Gluckern hören. Dafür krähte weit weg ein Hahn, bevor ihn ein Motorrad übertönt hat. Jetzt, jetzt kann ich den leichten Regen hören und sogar einen Vogel; es ist schon wieder vorbei. Ich bin dafür, dass der Benzinpreis ums Zehnfache steigt und die Autofahrer alle Folgekosten ihres Treibens selbst tragen müssen. Jetzt, jetzt, das Tropfen auf den Weinblättern! Schon vorbei, nicht mehr zu hören. Der aufkommende Wind läßt kurz die Blätter rascheln, dann ist auch das wieder übertönt. Ein Flugzeug. Der Lärm hört einfach nicht auf. Nie. Der Regen wird stärker, jetzt kann ich ihn hören, aber der nächste Heuler ist schon da. Und gleich mehrere hinten nach. Ich gebe es auf, dem Regen lauschen zu wollen.


(21.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 21. Juli 2026

4553 Odysseus – Rosegger - Davis

 



11:59 a.m.  Soll ich richtig frech sein und meinen Kaffeehauskonsum mit der Karte meiner Frau bezahlen, obwohl ich sie wie auch meine Tochter dazu überredet habe, sich zu mir ins Café zu setzen und Kaffee zu trinken? Wäre fast eine Finte odysseusischen Ausmaßes (wir hatten an Hand eines Artikel im Standard über die Verfilmung der Odyssee diskutiert). Ich überlege noch und versuche die zu erwartenden Folgen abzuwägen (meine Psychotherapieteilrückvergütung ist noch nicht auf meinem Konto. Oder ist deren bewilligter Zeitabschnitt schon wieder abgelaufen? Was mache ich dann?! Zu diesem verbalaggressiven Psychiater gehe ich sicher nicht mehr, um eine Verlängerung der Teilrückvergütung zu beantragen!). So sitze ich also im Café Rosegger herinnen – während fast alle anderen Gäste den Gastgarten draußen am Hauptplatz bevorzugen – und schaue auf die Wand mit den Weinregalen und lasse mich von der Endorphinmusik aus den Boxen berieseln. Schritte habe ich heute erst 3.034 auf meinem Schrittkonto. Was tun? Nun, ich bleibe sitzen. Eine Soft-Porno-Variante von No Woman No Cry tönt jetzt aus den Boxen (man verzeihe mir meine Wortwahl, die meinem Intellekt unzutreffend und blöd vorkommt, aber meiner Assoziationslogik passend. Meine Assoziationen können nicht irren! Das Unbewußte ist heilig!). (Diese Behauptung ist freilich unhaltbar! - der innere Kritiker.) (Kümmere dich lieber darum, wie wir das mit dem Mittagessen machen! Und das ständige Platzieren von Sätzen in Klammern ist auch kindisch! - der innere Spötter.) Gut, ich werde jetzt zum Quartier den Seggauberg hinaufsteigen. (Sowie es ausschaut, verhilft dir der Name Rosegger literartechnisch überhaupt nicht zu einem besseren Text! - der innere Spötter.) Was! Ist das jetzt ein Miles Davis aus den Boxen!?! Eine von den „gefälligeren“ Nummern? Das Trompetenspiel klingt so, aber die Nummer kenne ich nicht. Ist das ein Omen, dass ich in der Welt nicht völlig verloren bin und hier auf Erden doch noch eine Funktion als Zeuge habe? (Fragt sich nur: als Zeuge wofür – der innere Spötter.) Die Begleitmusik klingt mir auch gekonnt und raffiniert genug für ein Miles-Davis-Stück. Ja, ich bin mir ziemlich sicher: Miles Davis. Danke, Universum, danke! Ich zahle und gehe los. (Zahlen mit Karte war hier gar nicht möglich – der Tipper.)


(21.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4552 Tempelschlaf

 



16:01.  Als ich unten vorm Haus auf dem bequemen Stuhl saß, dachte ich noch Lazy Monday Afternoon, aber jetzt, heroben am Frauenberg, fühle ich mich verpflichtet, zu schreiben (Arbeit sozusagen). Darum sitze ich am Plateau auf der Bank, der Blick geht Richtung Museum, Kirche, Friedhof; die Sicht auf den Kirchturm ist allerdings von einem großen Apfelbaum verstellt. Die freundliche Museumskustodin hat soeben ihr Museum abgesperrt und mir einen schönen Nachmittag gewünscht. Ich habe ihren Gruß erwidert (wow! - der innere Spötter). Ein angenehmer Wind geht, so stark, dass der steirische Panther auf der Museumsfahne nur so ruckelt und zuckelt. Der typische, schöne, badefreie Sommernachmittag ist das! Aber ich habe erst 8.421 Schritte! Ich muß noch auf 10.000 kommen! Der steirische Panther krallt sich ängstlich an den Fahnenstoff und klammert sich fest, damit ihn der Wind nicht davonweht. Ein hoch fliegendes Flugzeug will ihn mit seinem Brummen beruhigen, aber die Turmuhr schreckt ihn mit ihrem Viertelschlag wieder auf. Der Verkehrslärm ist deutlich, aber entfernt und unten; man muß sich nicht betroffen fühlen. Baustellen gibt es irgendwo da unten auch, aber so weit entfernt, dass sie mich nicht tangieren. Vielleicht klopft der eine seinen Betonmischer aus. Etwas Weißes schwebt durch die Luft und landet in der Wiese vor der niederen Tempelmauer. Der stärker gewordene Wind weht meine kurz auf der Bank abgelegte Brille ein paar Zentimeter Richtung Absturz. Ach! Das Gurren schläfriger Hühner, so ein friedliches Geräusch! Der Wind legt weiter zu und pfeift und heult sogar ein wenig. Ich hätte Lust, mich in die Wiese zu legen und zu schlafen. Tempelschlaf gilt ja als inspirierend. Stattdessen beschließe ich, hier heroben umherzugehen, nur im engeren Tempelareal. Der Wind rauscht schon unheimlich in der riesigen Eiche in der südwestlichen Ecke.


(20.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 19. Juli 2026

4551 Elfuhrfünfundfünfzig

 



11:55 a.m.  Den Zigarettenrauch weht es bis hierher an die lange Bank. Ich huste. Die Sulm rauscht, insoferne sie bei der Steinernen Wehr abrinnt. Meine Augen brennen von Sonnencreme und Sonnenlicht. Ich bin jetzt im Schatten. High Noon (Sommerzeit, also nicht der Zenit des Tages). Ich klicke den Pilotstift auf Standby und versuche, mit dem nun länger aus dem Kugelschreiberschaft herausragenden Klicker in meinem Ohr Ohrenschmalz zu erstierlen. Kein nennenswerter Ertrag (Gottseidank; denn das heißt, ich habe heute Morgen die Ohren eh gründlich geputzt). Zwei kleine weiße Tröpfchen landen urplötzlich auf meinem rechten Unterarm. Hat irgendwer in der Nähe unvorsichtig mit einem Sonnencremesprayer hantiert? Oder war es doch so ein Dinosauriernachfahre aus dem Gebüsch über mir? Erriechen kann ich es nicht. Na gut, man muß ja in seinem kleinen irdischen Leben nicht alle Welträtsel entschlüsseln. Vielleicht sollte ich diese Substanz – bevor sie in die Haut eingezogen oder getrocknet ist, einfach abwaschen und das Ganze vergessen? Schon finde ich die geheimnisvollen Tropfen gar nicht mehr auf meinem Unterarm. Aber wer weiß, was das Zeug für Substanzen enthält! Bis jetzt spüre ich nichts. Einige Insekten führen nun zu meinen Füßen einen hektischen, irren Tanz auf. Vielleicht sollte ich doch ins Wasser gehen, um mich abzukühlen. Außerdem bin ich schon hungrig.


13:29.  Es ist wieder heiß und ziemlich windstill. Der Rauch des Rauchers zieht jetzt nicht in meine Richtung (lange Bank). Die Weide am Ufer und die Pappeln dort sind unglaublich hoch. Und andere Bäume auch. Die Wiese ist heute vom nächtlichen Regen grüner. So schnell geht das. Mit der Windstille ist es jetzt vorbei (er glaubt wirklich, er muß das um der Wahrhaftigkeit willen herschreiben – der innere Spötter). Ich bin satt und träge. Träge und faul und in müder Erwartung wie das trockene Moos auf dem Eternitdach des hölzernen Kabinenhauses (Oida! Deine Vergleiche! Gehen in ihrer Schiefheit auf keine Kuhhaut! - der innere Spötter). Plötzlich wirkt dieses durch und durch braune Kabinenhaus wie ein Fremdkörper, der nur mit seinem Stromkabel am Giebel am gemauerten Buffetgebäude hängt und im Bild gehalten wird.


14:11.  Ich schleppe mich auf die lange Bank (er übertreibt; er hat sich gerade in der kühlen Sulm erfrischt – der innere Spötter). Allmählich füllt sich die Badeanstalt (ob er jemals wieder einfach dasitzen und schauen kann, ohne ständig zu formulieren und zu schreiben? - der innere Spötter). Die Biker starten ihre Maschinen und drehen das Gas rauf und runter (brumm! brumm! - der innere Spötter). (Endlich verspottet er einmal nicht mich! - der Autor.) Okay! Vielleicht sollte ich doch nicht so viel schreiben; meine Frau kommt mit dem Lesen nicht mehr nach! Und sonst dürfte ich auch nur noch eine regelmäßige Leserin (das -in vermutlich) haben, die aber auch längst nicht mehr alles schafft.


(19.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Samstag, 18. Juli 2026

4550 In der Lourdesgrotte

 



10:37 a.m.  Jetzt sitze ich in der Kirche des Leibnitzer Kapuzinerklosters (einen Cappuccino habe ich schon intus) und zwar in der Lourdesgrottenkapelle. Und es gefällt mir hier. Das halbrunde Deckengewölbe – dem Querschnitt nach; der längliche Kapellenraum erstreckt sich so gute zehn oder fünfzehn Meter. Und an der Stirnwand die Nische mit der Heiligen Maria ohne Kind, umgeben vom typischen Grottendesign à la Tropfsteinhöhle (ich verkneife mir den Spott, was da und warum es tropft – vielleicht erkläre ich es an anderer Stelle; heute will ich nicht arrogant sein), zwei Engel wachsen aus den Seitenwänden heraus und flattern vergeblich auf die Verehrte zu (im Katholischen wird Maria verehrt, nicht wie eine Göttin angebetet – offiziell). Rechts in einer kleinen Nische der heilige Antonius von Padua mit Kind, und links der heilige Judas Thaddäus, der in Notfällen anzurufen ist. Zwei Beichtstühle, je einer links und rechts. Ein Betstuhl zum Knien in gehörigem Abstand vom Marienaltar. Und viele brennende Kerzen am Gestell davor – der Ort wird offensichtlich gern aufgesucht. (Draußen beginnt es zu tröpfeln – der Tipper.)

Auch hier ist meine „Andacht“ von ständigem Autolärm begleitet – und zwar von außen und von innen – siehe die Anmerkung oben (er meint es so: gestört vom inneren Ego, weil griechisch αύτόϛ/autos selbst heißt. Er kann’s nicht lassen, anzugeben zu versuchen! – der innere Spötter).

Es kommen wirklich ständig BeterInnen herein, was mir gefällt. Was mir auch gefällt: der Preis für eine „Opferkerze“ – das ist ein schwerfälliger, schwermütiger, zu schwerer Begriff für das Licht, das man für sein Anliegen oder nur so, um die lokalen „Götter“ zu würdigen, vor einem Heiligenbild zum Beispiel anzündet – der Preis also ist nicht wie in allen anderen Kirchen vorgegeben, sondern es wird um eine freiwillige Spende gebeten. Also könnte zur Not einer ohne Geld trotzdem eine Kerze zur Unterstützung seines Anliegens bei den Himmelskräften anzünden. Franziskanische Demut hald (sic!).

Irgendwie lustig: links und rechts vom Altar sind Nischen, zu und in denen das Grottendesign vom Lourdesaltar weitergeführt ist. In der rechten Nische befindet sich ein Fenster; in der linken – etwas versteckt, aber offen und letztlich einsichtig – die Besenkammer mit Gießkanne für die vielen Blumenstöcke am Altar.

Den Hauptaltar lasse ich heute aus; offensichtlich dem heiligen Andreas geweiht (und dem Heiligen Kreuz – wie ich recherchiert habe – der Tipper). Ich werde gleich gehen und den steilen Weg hinauf in unser Quartier steigen, den Standard und den Falter nach Hause zu bringen. Das Stadtcafé, wo ich zuerst schreiben wollte, hatte mich irgendwie nervös gemacht. Die Einheimischen schreien immer so, wenn sie reden.

In der Nachbarkapelle der von Lourdes – ich bin immer noch in der Kirche - befindet sich zu meinem Erstaunen in einer Ecke ein großer Bildschirm an der Wand – ich tät’ sagen: ein Fernseher. Was genaues weiß man nicht.

Bei meiner Kniebeuge vorm Verlassen der Kirche knackst vor allem mein linkes Knie ordentlich (welcher Orden? Franziskanisch? - der innere Spötter), aber ich habe mich eh mit Weihwasser bekreuzigt.

Bevor ich die Kirche tatsächlich verlasse, fällt mein Blick noch auf ein Bild über dem Broschürenkasten: der Tod des heiligen Franziskus, tät’ ich sagen; die Brüder umstehen ihn, der schon am Rücken liegt, und manche weinen. Die Engel aber, die die Seele des Sterbenden in Empfang nehmen wollen, mit ihren hellblau-esoterischen Flügeln, die schauen von Gesicht, Frisur und ihren flatternden Haaren und ihrer halbnackten Erscheinung her wie sehr irdische Weiber aus; nicht wie Gestalten einer anderen Welt.


(18.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4549 Soda-Zitron

 



12:15.  Der Wind, der Wind, das himmlische Kind, er wieget die Bäume so lind. Ich bin der Schriftführer. Meine Frau kommt mit ihrem Soda-Zitron und bietet mir an, davon zu trinken. Ich nehme an und ein paar Schlucke und sage zu ihr und spreche: „Danke, liebe Frau! Du bist so gut zu mir!“ Dann wende ich mich wieder der Umgebung zu, lasse meine Augen über die großteils sonnige und großteils leere Wiese gleiten, blicke hinüber zur Steinernen Wehr und wie das überlaufende Wasser linksseitig aus den Rohren schießt und rauscht und den tiefer gelegenen Flußabschnitt zu befüllen versucht.


13:57.  Stellt sich das Wetter um? Eher ist es noch Wetter-Umstellung-Preparatión (das Gewitter ist erst in der Nacht gekommen – der Tipper). Die Brause nebenan wird angedreht (gedrückt eigentlich). Die Kinder spielen. Ich höre ihr Geschrei und meine, die einzelnen bekannten Stimmen herauszuhören. Ein bisschen hart, die Holzpritsche, auf der ich sitze. Die Leute lagern im Schatten. Ich stehe vom Platz auf und gehe gute zehn Meter weiter, um zu sehen, was denn die Kinder spielen. Wenn ich es richtig sehe, geht es darum, gegen die Strömung des herabschießenden Wassers zu schwimmen und zu klettern. Bei dieser Höhe scheint mir das nicht wirklich gefährlich. Boris Johnson zieht sich neben mir eine Hose an und stöhnt und schnauft dabei vor Anstrengung (ich kenn’ das auch!); Boris Johnson spricht Tirolerisch. Die Kinder klettern die Steinerne Wehr hinauf und dann wieder hinunter und werfen so ein kleines Plastikschwimmbrett ins Wasser und müssen es dann in der Strömung – die aber nicht lange stark ist und sich nach ein paar Metern schnell im beckenartigen unteren Flußbett verliert – zurückholen. Jetzt schleppen sie einen Riesenast aus dem Wasser – ich glaube, sie wissen noch nicht, was sie mit ihrer Beute anfangen sollen. Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit steht auf meinem T-Shirt, das bei der Decke drüben auf dem Gewandberg liegt und in der Sonne die Schweißflecken meiner Wanderung hierher hinaustrocknet. Die Kinder spielen jetzt auf der schrägen Uferwiese Fußball, aber nicht lange – verständlicherweise – dann wechseln sie nämlich in den ebenen Bereich weiter hinten. Die Zweige des Ufergebüsches kitzeln mich im Rücken. Die Fliegen versuchen mich zu vertreiben – unterstelle ich mal. War das eine Bremse? Der leichte Wind ist angenehm, richtig lindernd (was eigentlich? - der innere Spötter).


15:28.  Schreiben ist meine einzige Daseinsberechtigung – rede ich mir ein – (wobei sich das Einreden auf die Daseinberechtigung bezieht und nicht auf das Wort einzige; das einzige muß ich mir nicht einreden; das liegt auf der Hand). (Jetzt, wo er die unvermeidliche „Selbsterniedrigung“ absolviert hat, sollte es eine Zeit lang genügen und wieder weiter gehen – der innere Spötter.)
Wind kommt auf. Vertreibt er die Wolken ober schiebt er sie her? Die anderen Bankerlsitzer – ich sitze wieder auf der langen Bank – die anderen Bankerlsitzer also zappeln ständig herum, wippen nervös mit Beinen und Füßen, sodass die Holzbank von den Schwingungen zittert. Interessiert euch, wie es mit dem Wetter weitergeht? Es weht der Wind und der hat der Sonne freie Sicht auf unser Leben verschafft. Die Wolken scheinen sich zu verziehen. Spatzen hüpfen umher auf der Suche nach Nahrung (sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber arbeiten den ganzen Tag). Ein Amselweibchen sammelt fleißig und ausdauernd und fliegt mit ihrer Beute zum Nest im Ufergebüsch. Die Bachstelze von gestern habe ich heute noch nicht umher stolzieren gesehen; nur einmal eine in der Dachrinne des Buffetgebäudes. Die Elegie des … das hatten wir schon! Ein Nachmittag am Wasser. Ein unbekanntes Insekt, das mich gebissen hat, habe ich getötet. Dann insgesamt drei.


(17.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 16. Juli 2026

4548 Der schmerzensreiche Rosenkranz

 



(1) …, der für uns Blut geschwitzt hat

Ein bisschen ungemütlich, wie Petrus und Johannes schlafen. Johannes liegt flach, verkrampft und streckt seine Nase gen Himmel, noch irgendwie verdreht. Petrus schläft überhaupt im Halbsitzen, ohne dass man sieht, wo er sich anlehnen könnte. Schaut also falsch aus. Vom Mund her könnte es sein, dass er schnarcht. Jesus verdreht theatralisch den Kopf und faltet die Hände ins Nichts. Die Gelsen stechen (mich). Jesus kniet. Die Augen wirken glasig, der Mund ist nach unten verzogen. Der Ausdruck im Gesicht hat etwas. Ist es Angst, was sich zeigt? Ich weiß es nicht. Hinter Johannes sind Lüftungsschlitze im Mauerwerk.
 

(2) …, der für uns gegeißelt worden ist

Dieser Jesus ist farblos, ganz blaß und unbemalt. Der Geißler schlägt sich fast selbst die Rute ins Gesicht, steht zu weit weg, ist eitel und scheint mit seinem erhobenen linken Arm seinen rechten beim Zuschlagen zu behindern. Er schaut auch ganz woanders hin. Rechts neben Jesus liegt schon wieder einer am Boden und schläft, wieder halb aufgerichtet, stützt sich nur mit seinem rechten Arm ab; wenn ich Gesicht und Frisur richtig deute, könnte das der Petrus sein. Aber wieso? Was macht der Feigling so nahe an der Szene? Und schlafend? Oder ist es doch ein weiterer, müde gewordener Schläger? Der weiße Jesus steht so da, mit den Händen an einen Block gefesselt, leicht verdreht und im Gesicht erinnert er mich an einen der Highwaymen, dessen Name ich nicht parat habe, den Mund leicht geöffnet, als fange er gleich ins Mikrophon zu singen an.


(3) …, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist

Jetzt ist der Jesus wieder bemalt und hat schon die Dornenkrone auf. Sein Mantel purpur, mit grünem Band. Die zwei Soldaten brechen gerade jeder einen weiteren Zweig. Wirken auch eitel und eigentlich gelangweilt. Sie stieren ins Leere; auch etwas verdreht (das Pseudoreligiöse scheint das Verdrehte zu bevorzugen), schauen weder auf den Gefolterten, noch zu uns Betrachter und Spötter. Der linke Folterknecht tanzt beinahe. Hier hat Jesus ein feines, schönes Gesicht. Die zwei Folterer haben überdeutliche Gesichter.


(4) …, der für uns das schwere Kreuz getragen hat

Maria schaut beleidigt drein, dreht den Körper von Jesus weg, nur den Kopf in ungefähr in seine Richtung, aber findet ihn nicht und schaut an ihm vorbei. Sie ist beleidigt, dass ihr großartiger, wundertätiger Sohn so endet und will das nicht sehen. Der Jesus schaut einfach deppert drein. Sein Bart wirkt aufgepickt, wie bei einem Laiendarsteller; schlechter Visagist. Das Holzkreuz scheint er nicht zu spüren – es liegt auf seiner Schulter und er braucht es anscheinend nicht beachten – aber sein Kreuz tut ihm schon lange weh, so wie er dasteht. Und auch sein linkes Knie. Jooo, soga, da dokta hot gsog, i muass opariern, und dann Reha, die Kranknkassa zohlt’s eh!


(5) …, der für uns gekreuzigt worden ist

Der rechte und der linke Schächer schauen nicht soo verschieden aus, wie sonst bei den Kreuzigungsszenen üblich, aber ich kann dem linken schlecht ins Gesicht schauen, weil genau hinter seinem Kopf die Sonne steht und mich blendet. Etwas traurig Verzweifeltes meine ich schon zu sehen (während mich eine Wespe umkreist und belästigt und gegen mein Gesicht anfliegt). Der rechte Schächer hat schon etwas Abgeklärtes in seinem Gesicht. Der Jesus ist fertig. Die Maria schaut so betroppezt drein, der Johannes faltet und hebt seine Hände wie ein ungeübter Laiendarsteller in eine sinnlose Höhe. Dem Jesus reißt es schon den Leib auf und der Lack geht ab. Aber sein Gesicht: irgendwie schön. Die Nasenlöcher der Maria dürften irgendwelche Insekten mit einem Insektenhotel verwechselt und zur Eiablage benutzt zu haben. Es wölbt sich ein halb blauer, halb wolkiger Himmel über das Geschehen (abgesehen davon, dass es von ständigem Autolärm begleitet wird).



©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4547 Der Baum ist tot

 



11:41 a.m.  Der riesige Baum ist tot. Es schaut so aus, als wäre er zu Tode geschnitten worden. Alle Äste sind beschnitten. Aber ich weiß nicht, was passiert ist - ich sehe nur den toten Baum vor mir.

Hinter mir klappern die Störche, die hier mitten in der kleinen Stadt auf einem kleinen Schlot nisten. Die Turmuhr schlägt Dreiviertel. Eigentlich wollte ich mich in die Kirche setzen, aber dort hat es mir nicht behagt (wegen dem Sargtransportwagen, der im Mittelgang abgestellt ist? - der innere Spötter). Also sitze ich heraußen vorm typischen Kriegerdenkmal mit Blick auf den toten, zugerichteten Baum (342°N). Ein Passant pfeift eine unangenehme Melodie. Zwei Zweige – ich bemerke es erst jetzt – scheinen kleine Blättchen ausgetrieben zu haben (vor oder nach dem Baumschnitt? - das ist die entscheidende Frage).


(16.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4546 Wieder im Stadel

 



16:36.  Wieder im Stadel. Beschallt von Autos und einer Fernsehkomödie von nebenan, einer Amsel, Motorräder, dem Surren in den Ohren, aber herinnen säuselt nicht einmal der sanfte Wind. Eine Krähe. Geschirr – alles draußen. Das Auto jetzt muß einen Anhänger haben. Meine Nase juckt. Meine Brille, die ich auf den Holztisch gelegt habe, weil ich sie zum Schreiben gar nicht brauche, darf ich nicht vergessen. Die Turmuhr von Frauenberg schlägt Viertel. Mein Handy düdelt. Der Fernseher nebenan ist aus. Verkehrslärm und der in den Ohren. Gezwitscher von Spatzen (umgangssprachlich). Moped. Ich gehe ins Quartier lesen. Oder essen.


18:11.  Auf der Terrasse des gehobenen Restaurants wuselt es nur so von Menschen. Der mächtige Weinberg drüben links leuchtet im Abendlicht, während im Norden schon die Bewölkung aufzieht (348°N). Die Kirchturmuhr von Frauenberg schlägt Viertel. Das helle, gelb durchleuchtete Grün an den Bäumen zwischen dem satteren der Blätter im Schatten. Das ist ja eine Platane, realisiere ich erst jetzt. Und der andere Riesenbaum wird eine Linde sein. Der trächtige Apfelbaum rechts, bescheiden neigt er sich ein wenig. Eine Amsel überprüft mich, weil sie an die Äpfel will – unterstelle ich mal. Oder sie sucht nach Regenwürmern. Ganze Karawanen an Fußwallfahrern sind bergan unterwegs zum Frauenberg. Die lauteste und auffälligste Dramatik spielt sich jedoch auf den drei Straßen ab, obwohl die so eintönig ist. Der Wind bewegt die leeren Sitze der Kinderschaukel und den großen Sonnenschirm. Auch im Westen türmen sich die Wolken, aber die sind heller; der Osten ist ebenfalls überzogen, jedoch von flacherem Wolkengebild (Wolkengebild - gratuliere zu dieser Bezeichnung – der innere Spötter), nur der Süden ist noch frei. Kann das da wirklich eine Bachstelze sein? Die wird mir doch nicht vom Sulmbad hierher gefolgt sein! Ich wußte nicht, dass sich Bachstelzen so weit vom Wasser entfernen. Der mächtige Weinberg dort drüben gerät immer mehr in den Schatten. Schwalben sausen auch herum (oder sind es Mauersegler?). Weit drüben krähte der Hahn.


(15.7.2026)


©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4545 Im Stadel

 



10:06 a.m.  Im Stadel. Es ist so schön, wie das Licht durch die Spalten zwischen den Brettern der Holzwand hereinkommt und streut. Rundherum wächst der wilde Wein außen an den hölzernen Stadelwänden. Sulmbad ist für heute wieder angesagt. Links an der Rückwand steht der Tischfußballautomat, rechts der Tischtennistisch. Eine blaue, möglicherweise säkularisierte Maria mit Kind steht auf einem Querbalken der Rückwand. Altes Handwerkszeug, Ski, Kinderstühle, eine Holzpaneelplatte zum Abdecken des Wutzlers bei Regen lehnt auch an der Wand. Ein alter Schlitten; Pferdegeschirr (Zuggeschirr), Joch. Der Drehteil einer alten Presse. Eine Waldtaube ruft.


12:09.  Eine Bachstelze schimpft mit mir, während ich im Sulmbad im Schatten unter dem Busch sitze, von dem ich nicht weiß, was für einer das ist. Dann hüpft und stolziert sie weiter – immer so typisch wippend – ziemlich weit zu Fuß. Dann sehe ich sie nicht mehr. Bin ich zu nahe am Nest? Keine Ahnung, wo und wie und wann die ihre Nester bauen. Dass sie mich wirklich angebettelt hat, kommt mir unwahrscheinlich vor; die sind doch Insektenjäger. Aber was weiß ich. Vielleicht war sie die Seele irgendeines Verstorbenen, oder die eines Träumers, einer Träumerin, die mir unbedingt etwas mitteilen wollte. Oder die vom bajuwarischen Affenarsch? Weil ich ihn heute beim Herwandern schon verflucht habe? (Das hättest gern! - der innere Spötter.) Es zieht schon etwas zu. Heute dürfte ein Gewitter kommen. Das ist auch angesagt. Geschirr scheppert im Buffet. Ein Flugzeug relativ nieder über uns. Vermutlich Graz/Thalerhof, oder? Die Sulm rauscht.


12:52.  Die fünf Menschen, die auf der Decke Karten spielen, wirken unter der mächtigen Weide ganz klein. Die Sonnenschirme, die nicht aufgespannt sind, wirken wie in gespannter Erwartung; im Gegensatz zu denen, die aufgespannt sind; die wirken entspannt. Es liegt schon etwas in der Luft (vermutlich das heranreisende Gewitter). „Meine“ Luftmatratze liegt unter der Erle. Die Elegie von Stromleitungsmasten aus Holz; der eine ragt über das Buffetgebäude. Und wieder kommt die Bachstelze von hinten über das Ufergebüsch geflogen, aber diesmal schimpft sie nicht mit mir. Die Insekten werden richtig lästig. Sogar die Fliegen beißen unangenehm.


(15.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 14. Juli 2026

4544 Horror Patriae

 



14:11.  Die Ameisen scheinen auf der kleinen Erle eine Blattlausfarm zu betreiben – wenn ich ihre Ameisenstraße richtig deute. Die Pfadfinderführer können genau so deppert schreien wie die anderen Schreier. Der Wind – soeben hat er sich gelegt – hatte ein unruhiges, aber schönes Licht-Schattenspiel auf meiner aufgeschlagenen Notizbuchseite produziert. Es ist sehr schön hier, aber irgendwie habe ich alles über; dieses Gefühl kommt aus meinem Inneren. Wie es genau dort hineingekommen ist, weiß ich nicht; nur ungefähr (ah geh! Das weiß du besser, als du zugibst! - der innere Spötter). (Ich wiederhole: es gibt auch einen inneren Zensor; der hat aber nichts mit dem vorher zu tun. Ich bin im Sulmbad Steinerne Wehr.)

Ich sitze auf der langen Bank und als sich die Frau zwei Meter weiter von der Bank erhebt, erzittert die gesamte Holzbank der Länge nach. Ich beobachte, aber auch ich werde beobachtet, wenn ich nicht hinschaue, wie ich für den Bruchteil einer Sekunde feststellen konnte. Ich bin also nicht der einzige Beobachter hier. Absolut windstill ist es jetzt. Gerade als ich beobachte, kabbelt mir eine Fliege über die Hand und lenkt mich ab. Fürs Schwimmen habe ich einen zu vollen Bauch (ist das ein annehmbarer Ich-Text? Ich frage deine LeserInnen – der innere Spötter). Dort drüben sitzt so ein Boris-Johnson-Typ und raucht. Ich muß meine Frau dazu animieren, hier noch Kaffee zu trinken (schreib nur dazu, damit sie dich auch auf einen Kaffee einlädt! So früh im Monat blank zu sein, so eine Schande! Du Versager! - der innere HaSSer).

16:03.  Ich habe auf einen blaugrünen Fleck im Wald gestarrt und bin eingeschlafen. Dann wieder wach geworden und leicht verwirrt. Ich suche einen praktikablen Schattenplatz zum Schreiben und wechsle hin und her. Ich bin nicht zufrieden und überdrüssig (wessen, weiß ich auch nicht ganz genau). Meine Frau bespricht mit mir die nächsten Besorgungen.Ich richte mich ganz nach ihr. Ich blicke Richtung Campingplatz (143° SO). Die Pfadfinder brechen auf (das hat nichts mit dem Campingplatz zu tun). Wasser? Schwimmen? Ich weiß nicht. Ich könnte auf alles schimpfen und alles runtermachen. Ein Hubschrauber. Was will der noch?

16:46.  Meine Tragikomödie geht weiter (aber du weißt nicht wie, gell?! - der innere Spötter). Irgendwer in der Nähe räuspert sich und grunzt wie ein krankes Nilpferd. Ich schaue nicht hin, ich will nicht wissen, wer das ist; ich fühle mich hier fremd (na Gottseidank! Da kennst du dich aus – der innere Spötter). Offensichtlich geht es auf den Abend zu; schön, aber traurig. Ich winke meiner Frau zu, wo ich den Eindruck hatte, sie sucht jemanden oder etwas. Ich sollte nicht so viel schreiben; da muß ich wieder so viel tippen (wie wäre es mit streichen?! - der innere Spötter). Der Glatzkopf steht genauso blöd in der Sonne wie ich, wenn ich mich trocknen lassen will (jetzt habe ich etwas gestrichen!). Horror patriae hat jemand, der mit seinem Kind vorbei geht, auf seiner Tasche stehen. Hunde gibt es auch hier. Irgendetwas muß anders werden, ganz anders! (aber du weiß nicht was, stimmt’s? – der innere Spötter). Wie ein Raubvogel suche ich vor allem die Bäume nach etwas Brauchbarem ab (Botschaft, Erkenntnis, anorganische Lebewesen …). (Lieber Freund, das geht entschieden zu weit! Das mußt du streichen! - der innere Kritiker.) (Du wie ein Raubvogel! Dass ich nicht lache! - der innere Spötter.) Ein kleines Propellerflugzeug; was will mir das sagen? Röhrt und schraubt sich so dahin; schon längst kein Wunder mehr. Verlegen und ratlos lege ich Zeigefinger und Mittelfinger meiner linken Hand auf die aus den Holzbrettern der langen Bank herausstehenden Schraubenköpfe. That’s it. Ich hab es einfach nicht geschafft. Aber wenn ich mein Notizbuch auf der schrägen langen Bank ablegen will, kann ich seine Unterkante bei den herausragenden Schraubenköpfen so einhaken, dass es nicht abrutscht!


(13.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 13. Juli 2026

4543 Die steile Stiege hinunter

 



10:14 a.m.  Ich sitze in der Marienkirche am Frauenberg bei Leibnitz/Lipnica (Heilige Maria – Aufnahme in den Himmel – ich halte soetwas für wirklich möglich!), die Turmuhr schlägt Viertel, vier Kerzen à 1.- € habe ich schon angezündet, tatsächlich ein Vaterunser und ein Gegrüßetseistdu gebetet, nun also in der hintersten Kirchenbank; draußen im Friedhof, der die Kirche, wie es in alten Zeiten üblich war, umgibt, wird laut und von kurzen Rufen unterbrochen, Gras gemäht. Und zwar mit diesen – der Name ist schon so häßlich – Rasentrimmern (mußte erst nachschauen, wie die wirklich heißen; er hatte Seitenschneider geschrieben – der Tipper) – jedenfalls ein Spaß für jeden, der gerne Gas gibt; ein unglaublich nerviges Geräusch, als würde ein infantiler Trottel mit dem Gas eines Mopeds spielen und angeben. Aber immerhin haben sie da in der Kirche am Opferstock noch echte Kerzen. An und für sich habe ich heute ein schweres Herz, weswegen ich ja herauf gepilgert bin, aber im Moment bin ich dabei, in Arroganz und Verachtung für die Trotteln da abzurutschen. Direkt vor der Kirchentür wird wieder Gas gegeben, diese ruckartige Hochfahren der hoch aufheulenden Motoren geht mir so was auf die Nerven und läßt mir keine Besinnung aufkommen; dieser ganze barocke Freskenscheiß hier in der Kirche interessiert mich auch nicht, was sollen die in einer Welt, in der es im und rund um einem Gotteshaus keine Stille geben darf, wo sich die dumme Geschäftigkeit und die blinde Rationalität überall und jederzeit breit machen darf und alles andere vertreiben? Aber wahrscheinlich sind die Fresken da mit ihrer verlogenen und areligiösen Verdrehtheit und Theatralik auch schon Teil dieser fatalen Entwicklung. Lassen wir das.

Zurück ins Hier und Jetzt! Die Motormäher sind nun etwas weg vom Kirchentor … nein, ich gehe jetzt raus und steige zum heidnisch-römischen Tempel hinauf. Genauso sinnlos natürlich. Erlösung gibt es nirgends. Die Turmuhr schlägt Halb.

Jetzt sitze ich auf den Mauerresten des Mars-Latobius-Tempels – Siedlungs- und Kultgeschichte hier heroben 6500 Jahre – und erst vorhin, nachdem mich eine Frau angesprochen hat, habe ich gemerkt, dass ich nach dem Zähneputzen vergessen hatte, mein Gebiss reinzugeben. Mit dieser Frau habe noch völlig unbefangen geredet und nicht gewußt, dass ich dabei meine Zahnlücken herzeige. Aber das ist auch schon wurscht (würde mich darauf jemand ansprechen, würde ich eine erfundene Zahnfleischentzündung als Ausrede vorschieben). (Dafür kann ich jetzt im Sonnenlicht ohne Brille schreiben.). Aber das Ganze macht mich unruhig und nervös und ich will doch hinunter ins Quartier, den Fehler zu korrigieren.

Beim Hinuntersteigen über die schmalen Stiegen des Kalvarienberges – Kreuzigungsszene – ich mokiere mich nicht über Ausdruck und Haltung der Figuren daselbst – kurz nachdem mich eine Brennnessel erwischt hat – vermutlich eine Strafe für meinen Hochmut (ich geb schon zu, eine sehr milde Strafe und angeblich gesund) – dämmert mir, ich könnte vielleicht überhaupt auf das morgendliche Zähneputzen vergessen haben. Darüber sinnierend stapfe ich unsicher und leicht schwindelig – seit den scheiß Medikamenten häufiger! - die steile Stiege hinunter.


(13.7.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 12. Juli 2026

4542 So leicht!

 



11:43 a.m.  Am Steinernen Wehr kann ich ohne Brillen schreiben [Mein Gott! Da bist du an einem herrlichen Platz an der Sulm, eingesäumt von schönen großen Bäumen – ich vermute sogar einen Maulbeerbaum, habe jedoch keine Ahnung, ob das überhaupt möglich ist (möglich ja, aber das da ist kein Maulbeerbaum – der Tipper, der immer recherchieren muß) – warst schon im kühlen Wasser schwimmen und strömen, läßt dich in der Sonne trocknen, ein Urlaub, den du gar nicht selbst finanzierst, bekommst alles geschenkt inklusive Nahrung und Rückeneinschmieren, ein herrliches Sommerwetter, und noch vieles andere, und dir fällt nicht mehr ein, als dass du im Sonnenlicht ohne Brille schreiben kannst! Oida! - der innere Spötter]. Eine Frau spielt Gitarre, aber ist kaum zu hören, weil hier das übliche Badeplatzgeschrei – das so sehr mit den Ferien verbunden ist – fast alles übertönt. Die Sulm rauscht auch, insoferne sie über die Überlaufrohre der Wehr abrinnt und – sagen wir – einen Meter hinunterstürzt. Ansonsten fließt sie komplett still. Boote werden geräuschvoll und laut durch die Wiese, über den Sand und über Steine gezogen und entlang der Steinernen Wehr, bevor sie ins Wasser klatschen. Ich muß niesen und denke daran, dass ich noch die nasse Badehose anhabe. Eine junge Frau trägt einen Nasenschmuck, der mir beim ersten Anblick wie ein Chaplin-Bärtchen vorgekommen ist. Das soll jetzt aber nicht als letzter Satz dastehen, bevor ich eine Pause mache und Wasser trinken gehe.


12:34.  „Ich habe noch nie gesehen, wenn einer umfällt“, sagt ein Mann. Und ein anderer fragt mich, ob mein Tatoo mit einem Sternbild zu tun hat – er entschuldigt sich vorher für seine Neugier. Ich gebe brav Auskunft; und durchaus geschickt, sodass ich für die Deformierung des Orion eine plausible Ausrede habe. Ja, das ist gelungen! Ich nehme diese Argumentation in mein Repertoire auf (auch ihm selber gegenüber – der innere Spötter). (Und um sein Versagen beim Tätowieren zu minimieren – der noch innerere Spötter.) Die Kanuleute sprechen über ihre Kunden und rauchen und trinken Bier. Jetzt aber reden sie auch über die Tiere, die sie gesehen haben. Das ergibt bei mir ein paar Pluspunkte. Ich werde langsam hungrig.


14:06.  (Nach dem Essen) Die brauchen sich gar nicht aufregen, wenn ich mich in ihrer Nähe auf die lange Holzbank, die auch mit zum Trocknen ausgelegtem Badezeug belegt ist, setze! Sie regen sich eh nicht auf; aber sicherheitshalber stelle ich das hier schriftlich fest (und er befürchtet wirklich, verspaukt zu werden und fürchtet sich richtig davor – der innere Spötter). Die Kaffeeschlange ist sehr lang (beim Buffet drüben – schreibt das dazu! - der innere Spötter). Ein Baby schreit, bis die Mutter es stillt. Es kann nicht viel mehr als ein paar Tage alt sein. Dabei hätte ich auch gerne einen Kaffee, aber ich warte ab, bis der Andrang am Buffet nachläßt (lieber Freund, ich hab das mit den Ich-Texten schon kapiert und will trotz aller aktuellen Literaturkritik auch gar nicht schimpfen, aber das soll jemanden interessieren? Ich echt? Bitte! Denk ein wenig nach! - der innere Spötter). Ein leichter, angenehmer Wind (das schreibst du auch nicht zum ersten Mal! - der innere Spötter). (Der Wind weht auch nicht zum ersten Mal! - der Schreiber.) (Es gibt übrigens auch einen inneren Zensor! Nur dass das auch einmal gesagt ist! - der innere Zensor.)

In der Lücke zwischen den Bäumen dort im Wald türmen sich weiße Wolken. (M)Eine Frau schleicht umher, kommt näher und setzt sich neben mich auf die Bank, aber vorher verschiebt sie von jemand anderem zum Trocknen ausgebreitetes Badezeug, um Platz zu schaffen; ich sage noch: „Das kannst du nicht machen! Das gehört nicht dir!“, aber sie macht es einfach und lacht. So einfach kann das Leben sein! Zum Kaffee anstellen will sie sich nicht.


(12.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4541 Viele bunte Autos

 



17:26.  Seggau (zwischen Seggauberg und Frauenberg, dem uralten Kultort). Links führt eine Straße vorbei, rechts führt eine Straße vorbei, wir sind am Land. Der wilde Wein rankt sich bis in den Giebel des Stadels hinein. Wolken ziehen über den weiten Himmel und könnten, müssen aber nicht einen Regenschauer bringen. Tröpfelt es schon? Nein, diese taktilen Empfindungen auf der Haut müssen etwas anderes sein. Ein Kleinflugzeug nicht allzu hoch über uns. Ich schaue den Wolken bei ihren Wanderungen und Veränderungen zu. Eine Amsel meckert, tuckert … oder wie nennt man das, wenn sie nicht singt, sondern bloß … schimpft? Ein Hund bellt. Viele bunte Autos wollte ich schreiben, aber bunt sind die Autos heutzutage nicht mehr. Von weiß über grau bis schwarz. Oh! Ein rotes! Ein Hahn kräht in der Ferne. Der Apfelbaum hat schon die ersten Früchte abgeworfen. Durch den Gartenbretterzaun links kann ich sehen, wie die Heilige Maria ihren Körper vom Kreuz tragenden Jesus wegdreht und nur ihr verzerrtes Gesicht zu ihm hinwendet. Beide rühren sich nicht und sind Wind und Wetter ausgesetzt. Eine leichte Brise kommt auf und rüttelt ein wenig am Sonnenschirm. Es donnert, oder ist das ein Auto auf einem unebenen Nebenweg? Ich werde hier bald richtig angekommen sein. Nun kommt die Abendsonne durch und fährt mit ihrem gelben Licht über die hügelige Landschaft. Ein weiteres, lautes, großes Flugzeug schwebt schwerfällig über uns hinweg. Eine Krähe schreit in der Ferne. Der Ausblick, den ich immer so geliebt habe, und den ich als Profilbild für diesen Ort hier abgespeichert hatte, öffnet sich noch nicht richtig. Aber das kommt noch, da bin ich mir sicher. Noch so ein Flugzeug, aber viel, viel höher und in die andere Richtung. Ich schaue Richtung 334° NW. Das Wolkenspiel – ich muß es nicht wiederholen. Die Sonnenstrahlen fächern sich von oben auf die Erde hernieder. Die nahe Kirchturmuhr schlägt halb.


(11.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 9. Juli 2026

4540 Miles smiles

 



10:09 a.m.  Die Beatles meiner Zeit aus den Boxen. Zögerlich kommt die Sonne heraus. Der Lichtengel ist finster. Ich bin nicht wirklich entspannt, obwohl mich heute früh keine Angstattacke überfallen hat, sondern lediglich ein paar kleine Ängstlein besucht. Zufällig sehe ich, dass seit dem Start meiner Schreiberei fünf Minuten vergangen sind (ich verbiete ihm, hinzuschreiben, dass es inzwischen sieben Minuten sind – der innere Korrektor). Lassen wir das. Ich muß aufs Klo. Wieder zurück klicke ich den Kugelschreiber vom Schreibbereitschaftsstatus zurück in den Standby, aber diesmal funktioniert der Trick nicht. William the Conqueror und Miles smiles (Insiderwitz Espresso Burggasse) (soooo lustig sind Namensscherze auch wieder nicht! - der innere Spötter).

Ich bin schon aufgeregt, wenn nicht hysterisch wegen der Urlaubsreise (Entfernung: 224km). Helter Skelter (überhaupt Beatlestag hier). Das Bild dazu im Beatles-Songbook damals: die nackte Rutsche. Jetzt die Doors. Ich esse ein Schnittlauchbrot und gleich lebe ich auf und es geht mir besser. Was ich auch wieder einmal feststellen mußte: wenn mich jemand anspricht, bin ich sofort alarmiert und reagiere übertrieben vorsichtig. Es war trotzdem ein nettes Gespräch. Eine Reserviertheit bleibt. Jetzt T-Rex aus den Boxen; das ist schon nach meiner Zeit; gehört nicht in mein Repertoire. Aber jetzt! The Cream! I feel free. Und die Rolling Stones (wenn der Handke die japanische Hitparade von was-weiß-ich-wann als literarischen Text abschreiben darf, darf ich auch die Nummern aus den Boxen hier aufzählen; Ich schreib eh nicht alle auf und füge dazwischen Ich-Textstücke ein!) (Immerhin heißt der Handke auch Peter, gell?! – der innere Spötter).


11:56 a.m.  Heute sind so schöne Wolken am Himmel; ich sehe das am Heimweg beim Museumsquartier, wenn ich außen die Nordseite passiere (genau: 32°NO – der Korrektor).


12:18.  Auch vom riesigen Karlsplatz aus ist ein herrlicher Himmel mit wunderschönen Wolken zu sehen, die es an Dramatik mit jedem Theaterstück aufnehmen (vielleicht sind es die selben Kräfte, die da walten). Die Toilettenanlage hier schaut wie eine Tankstelle aus. Es ist Sommer, richtig Sommer (24°C). Ich atme ein, ich atme aus. Der Wind ist stark und droht mir die Kappe vom Kopf zu blasen. Die Polizei fährt vorbei. Majestätisch, wie der Wind die Zweige und Äste der Bäume im Park biegt. Ein wunderbarer Tanz auf mittlerer Höhe. Die verdächtigen Wassertropfen auf meiner Hose sollten nun getrocknet sein. Ich kann von der Bank aufstehen und weitergehen.


(9.7.1026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 8. Juli 2026

4539 Ehrenpreis

 



10:01 a.m.  Wie ich es nach so einem Morgen geschafft habe, aufzustehen, zu frühstücken, das Geschirr in den Spüler zu stellen, ein Tab dazuzugeben und einzuschalten, rasieren, zähneputzen, mich anziehen, alles für meine „Reise“ in den siebenten Bezirk herrichten inklusive Wetter checken, alles umschnallen, tatsächlich hinfahren, in der U-Bahn ein zufällig sich ergebenes Gespräch ganz normal führen, den kleinen Fußmarsch von der Straßenbahn ins Espresso Burggasse … dafür gebührt mir ein Ehrenpreis! (die Infantili-Medaille erster bis zweiter Klasse? – der innere Spötter.) Und dabei habe ich bei all der Anstrengung noch gar nichts erreicht, außer dass Geschirr gewaschen wird: kein Einkommen lukriert, keine neuen Förderungen aufgestellt, weder für Bilder noch für Texte, keine Ankäufe, keine Veröffentlichungen, keinen Verlag, keine Einreichung irgendwelcher Art, nichts verkauft; nur aufstehen und den Tag zulassen. In der Nische des Lichtengels ist es finster, aber die ersten Schlucke vom Kaffee tun mir gut (Sucht hald (sic!) - der innere Spötter).


11:30 a.m.  Die Lektüre ist beendet. Lieber keinen Kaffee mehr. So, jetzt funktionieren also auch die Ich-Texte nicht mehr – ich meine, dass mir nicht einmal dafür etwas einfallen will. Ein lässlicher Regentag. Den Text vom Morgen ergänzt (so etwas passiert bei mir selten). Mein linkes Auge hat etwas und tränt; schon seit Tagen (ich komme wieder auf das Bodenozon; obwohl: heute ist es regnerisch und kühl). Ich klicke die Mine des Kugelschreibers wieder aus, weil mir eingefallen ist, dass jedesmal, wenn ich das mit dem Gedanken, dass mir jetzt sowieso nichts zu schreiben einfällt, getan habe, mir dann doch ein Satz zumindest eingefallen ist.


13:08.  Auf der Fußwanderung nach Hause hat mich die Traurigkeit voll erwischt. Mit diesem seelischen Weh in der Brust, das mir fast die Luft nimmt und wo sich irgendwas bei der Nasenwurzel zusammenzieht. Eine emotionale Erschöpfung ist dabei, die auch auf den Körper abstrahlt. Ich sitze auf einem Bankerl in der Postgasse bei der Stankt-Barbara-Kirche und ein blinkender Kleinlastwagen verstellt mir die Sicht. Es beginnt zu tröpfeln und ich will mein Notizbuch schützen, deshalb räume ich alles weg und verstaue es in meiner Umhängetasche.


(8.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4538 Mit voller Wucht

 



7:35 a.m.  Die Angst am Morgen ist mit voller Wucht zurückgekehrt. Ich will noch schlafen, aber ich liege nur gelähmt vor Angst da und halte es kaum aus. Die Angst sitzt in der Leibesmitte (während die Trauer, die vermutlich später auftauchen wird, sich im Bereich des Herzens einnisten wird). Ein Regenschauer geht soeben los. Ich sehe ihn nicht, ich höre ihn nur. Und schon ist er wieder vorbei. Mir ist schlecht vor Angst. Ich habe mich schon aufgesetzt. Das hilft ein wenig, aber nicht viel. Die Angst kommt wieder heftiger in einem neuen Anlauf. Weil ich dabei mit geschlossenen Augen optisch so etwas Anrollendes wahrnehme, fällt mir eine Fiebervision meiner Kindheit ein, wo ich die rollende Kraft aus der Unendlichkeit als heranrollende Feuerbälle auf mich zurasen gesehen habe und wie sie gegen meinen Schutzschild vor der Leibesmitte prallen, um ihn zu zerbrechen. Wäre er zerbrochen, wäre ich gestorben.

Ich kann jetzt auch nichts essen, was sicherlich die Angst dämpfen würde, ich bekomme jedoch nichts hinunter. Ich überlege, die verordneten Medikamente abzusetzen, weil mir der Verdacht kommt, dass das hier ihre Nebenwirkungen sind, aber das getraue ich mich auch nicht, weil dann Blutdruck und Cholesterin wieder hochschießen könnten. Mir ist schlecht. Ich werde mich zwingen müssen, das Müsli hinunterzuwürgen, aber dafür muß ich es aus dem Bett schaffen.


(8.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 7. Juli 2026

4537 Kröpflweg und Kröpfelsteig

 



14:03.  Weil im Leo eine kleine Zeichnung einer kleinen Ausstellung an der Wand mich – nicht nur – vom Sujet her an den „Köpflweg“ in der Albertina erinnert (obwohl sie doch anders ist) und mir der Name der Malerin nicht und nicht einfällt, habe ich den zu googeln versucht, was mir nicht gelungen ist. Ich bekomme da lauter Schmarrn angeliefert und das ärgert mich. Auch der zweite Versuch ist fehlgeschlagen. Selbst auf der Albertinasuche nix. Von Mon...zky; jedenfalls ein polnischer Name tät ich sagen. Der Vorname war vorhin schon da und ist jetzt wieder weg. Montessietzky? Stimmt nicht ganz. Ich muß aufpassen, dass mir nicht ständig der Vorname der Werefkin, deren Bilder ich auch liebe, dazwischenrutscht. Ich versuche ein dritte Suchen mit der Arbeiter, auch ein Bild der Montessietzky (Schreibung stimmt nicht), aber ich finde auch nichts.

Ich lasse das und drehe mich mehr zum Fenster hin. Soviel gibt der Blick auch nicht her: ich blicke in zwei aufgeschlagene Laptops zweier draußen sitzender Lokalgäste und registriere achtlos ein paar für mich momentan uninteressante Passanten. Ich weiß schon: ich müßte nur genauer hinschauen, dann würde jeder, jede interessant, aber momentan mag ich mich nicht anstrengen. Ich will wissen, wie die Künstlerin heißt, deren Bild mir beim Betrachten dieser Zeichnung hier eingefallen ist. (Also: in der Albertina: Marie Luise von Motesiczky, Kröpfelsteig, Hinterbrühl, 1927. Und dann: Marianne von Werefkin. Im Leo: Frau Parmis Taraqki, deren Zeichnungen mir gefallen – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Jetzt betrachte ich doch interessiert eine Szene beim Fahrradgeschäft gegenüber, aber zum Aufschreiben und Schildern reicht es nicht. Jetzt spielt sich auch herinnen eine Szene ab, aber wie oben. Die Universumsmechanik und die Lebensdynamik und was-weiß-ich-wer-noch erzeugen doch immer wieder „Szenen“, darauf kann man sich verlassen. Ein kleines Mädchen mit seinem Vater kommt herein; so ein ernsthaftes Gesicht! Mir treibt es die Tränen in die Augen (nicht schon wieder! - der innere Spötter); der junge Vater strahlt nur so voller Liebe zu seinem Kind; da sollte alles gut gehen!?! Die Reparaturszene vorm Fahrradgeschäft ist auch noch nicht zu Ende. Die Musik passt auch: traurig-schönes E-Gitarren-Gejammer auf solidem Bass und unnachgiebigen Rhythmen.


(7.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4536 Bloßer Gedanke

 



0:26 a.m.  Ich empfinde seit Tagen eine starke Trauer. Am Morgen kommt eher die Angst – bei weitem nicht so heftig, wie sie schon einmal war – im Laufe des Tages dann die Trauer, sehr stark, mit richtigem Druck auf die Brust; ich kenne das so dominant nur von großen Trennungen; aber was diese jetzige Trauer auslöst, weiß ich nicht. Sicher, das Alter wird eine Rolle spielen, die ablaufende Lebenszeit und die Erkenntnis, was alles von meinen Erwartungen und Hoffnungen ans und Träumen vom Leben unerfüllt bleiben wird. Trotzdem verstehe ich sie in ihrer Heftigkeit nicht. Oder steht wirklich schon der Tod hinter mir und wird mir bald auf die Schulter klopfen? Spürt das mein Körper, dass es bald schon Abschied nehmen heißen wird? Und nur mein Ich-Bewußtsein weigert sich, es zur Kenntnis zu nehmen? Und spielt bestenfalls damit herum, als wäre es ein bloßer Gedanke?


(7.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4535 Steirisches Ennstal

 



10:56 a.m.  Der Lichtengel leuchtet nicht. Er hängt nur als ausgeschaltete Wandlampe in der Fensternische. Ein wenig traurig schaut sie aus, obwohl es ein wirklich schönes Fünfzigerjahre-Design ist. Ich fürchte mich vor der Urlaubsreise; mir ist alles zu viel: Kofferpacken, Entscheiden, ob ich ein Laptop mitschleppen soll oder nicht, den Zug nicht verpassen und die geplante Kajakfahrt. Alles ganz harmlos, aber meine Angst schnürt mich ein. Und Nein-Sagen schaffe ich auch nicht. Außerdem: wenn wir dort sind, werde ich es genießen; ich kenne mich. Es ist lediglich ein Kampf gegen meine inneren Dämonen; aber: es ist ein Kampf, und der ist anstrengend. Ich sehne mich danach, endlich angekommen zu sein, meinen Platz zu haben (wo es allerdings auch nicht bei geschlossenem Fenster reinregnen sollte), wo nicht dauernd irgendwo eine Lücke aufreißt. Aber so etwas ist unrealistisch. Das Leben ist ein Kampf, aber ich bin müde und ängstlich. Lassen wir das; ich drehe mich dabei im Kreis. Eine unglaubliche Trauer erfaßt mich (oder ein gigantisches Selbstmitleid – der innere Spötter). Draußen beginnt es zu regnen, und das löst einige Hektik in der Gästelaube in der Burggasse aus. Es ist gleich dunkler geworden, der Gastraum füllt sich mit den Regenflüchtlingen und ich hole mir den oder die eine oder andere Prominente zu einem imaginären Gespräch herbei. Wir reden eher Belangloses (ein bißchen Selbstrechtfertigung ist schon dabei, gell? - der innere Spötter). Aber nennen wir das Ganze hier einmal so: Endzeitstimmung.

Zum Thema Lebenskampf ist zu sagen: es ist ein Unterschied, ob man regulär zu einem Kämpfer ausgebildet wurde, die entsprechenden Schulungen und Übungen bei einem erfahrenen Lehrer, der einen trainiert, sein Können weitergibt und einem den einen oder anderen Trick zeigt, durchlaufen hat, oder ob man einfach so, ohne je in Sicherheit und Ausbildung (nehmt das Wort ruhig wörtlich: Aus-Bildung – das Bild kann ausblühen und sich entfalten) gewesen zu sein, in die Arena geworfen wurde und so von Anfang an ums Überleben kämpfen mußte, ohne richtig Luft holen zu können (und was hat das mit dir zu tun? Verfälscht du gerade deine Lebensgeschichte? - der innere Spötter).

Weil ich nichts mehr zu sagen habe, versuche ich, aus dem Gesprächssound der kleinen Damenrunde nebenan herauszuhören, aus welcher Region sie kommen. Ich tippe sogar aufs Steirische Ennstal, dann verwerfe ich es. Aber dann fällt das Wort „Grimmingtherme“, wenn ich mich nicht verhört habe. Dann verwerfe ich den Gedanken noch einmal. Fragen traue ich mich nicht. Was soll’s! Das sind so blöde Ablenkungsmanöver vor dem, was im Inneren hochkommen will. Und wenn sie wirklich von dort wären, was hätten sie mit mir zu tun? Obwohl ich dort aufgewachsen bin: Nichts! Gar nichts! Aber ein Spaß wäre es schon gewesen, wenn ich sie gefragt hätte und doch recht geraten habe. Ich versuche, die Spiele unserer Nationalmannschaft in der Gruppenphase zu rekonstruieren, aber mir fallen nicht einmal alle Gegner ein; es ist wie ausgelöscht. Sollte ich mir Sorgen machen? Dass etwas mit meinem Gehirn nicht stimmt, vermute ich schon länger. … So, jetzt habe ich doch alle beinander (ich mache mir auch Sorgen, wenn du in einen rustikalen Ton verfällst – der innere Spötter). Es ist wohl so, dass ich alle Trümmer, Bruchstücke, Einzelteile meines Lebens nicht zusammenhalten kann. Bin ich mir selber fremd? (das ist doch völlig wurscht! - der innere Spötter.)

Weil es draußen regnen könnte – es zieht so herum – hülle ich Notizbuch und das kleine Büchlein zum Zeichnen, das ich auch immer dabei habe, in ein Plastiksackerl und stecke beide dann in mein Albertinatascherl. Dabei schaue ich seit Monaten zum ersten Mal wieder in dieses Zeichenbüchlein und staune über die Zeichnungen und sie gefallen mir. Aber ich fürchte, ich werde damit trotzdem nicht weiterkommen. In mir ist zu viel abgebrannt (ha,ha,ha! Deine Leidensangeberei nimmt dir niemand mehr ab! - der innere Spötter). Ich habe auch nur die letzten zwei Zeichnungen angeschaut, eine vom März, eine vom Jänner.


(6.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 3. Juli 2026

4534 Plauderton

 



16:01.  Heute ist der Wind stark und warm. An sich nicht unangenehm, wie der so um die nackten Beine und Arme streicht, aber Unruhe bringt er schon: das ständige Gerüttel und Geflatter an Vorhängen & Co. Ich starre vor mich hin und das heißt - so wie ich hier im Lokal sitze – ich starre durch den offenen Mittelteil der Besteckstellage in den Bereich hinter die Budl, die offiziell natürlich einen besseren Namen haben dürfte. Aber manchmal reizt es mich, veraltete, aussortierte, als dialektal empfundene und bestenfalls rustikal geduldete Begriffe zu verwenden, vor allem, wenn mir das Ambiente etwas gehoben vorkommt, was im Prinzip ja kein Nachteil ist – für mich allerdings genügt für so eine Kategorisierung, wenn in einem Lokal erwartet wird, dass man sich den Platz zuweisen läßt, was ich gerne mich blöd stellend unterlaufe (oder betont unterwürfig - und das ist nicht gespielt – indem du untertänigst fragst, ob du dich dort hinsetzen darfst – der innere Spötter) – (Mir geht dein schnüffelnder und süffelnder Plauderton schon gehörig auch die Nerven! Und warum kannst du nicht einfach süffisant schreiben? - der innere Spötter.) Aber vermutlich ist das alles sowieso nur in meinem Kopf.

Interessant ist es, dass es unter den Gästen immer wieder eine Person gibt, die die Atmosphäre des Gastraums zur Gänze dominiert. Diese Person muß gar nicht besonders laut reden – eine gewisse Lautstärke gehört allerdings schon dazu – ich kann es auch nicht an dem festmachen, was sie sagt – obwohl: ganz wurscht ist das auch nicht – eher ist es der Tonfall. Und die Selbstverständlichkeit einer übertriebenen Anwesenheit. Die deutet freilich doch auf Unsicherheit im Tieferen hin, oder? Ich frage meine LeserInnen.

Die Musik ist auch angenehm und schön wehmütig (nein, nein! Noch heult er nicht! - der innere Spötter). Der Wind hat alle Wolken verblasen und die Sonne erzeugt so schöne Lichtflecken in den Fensternischen, die von so schönen, tiefen, scharfen Schatten begleitet werden, aber schon etwas von der Trauer des Abends und des Untergangs mitbringen. Ich bin schon anfällig für gefälligen Pop, nur traurig muß er sein und gut ist auch eine gezogene E-Gitarre (wegen der Nabelschnur wahrscheinlich – der innere Spötter). (Das mit der Nabelschnur meint der innere Spötter so: die Saiten der Gitarre als Symbol für die Nabelschnur, besonders wenn sie elektrisch verstärkt wird. Sozusagen ein Schwächlings und Muttersöhnchen Gejaule und Gejammer. Das dürfte er dem bajuwarischen Affenarsch abgeschaut haben. Ich selber habe mir versprochen, von diesem Typen nichts mehr zu übernehmen und ihn in meinen Texten nicht mehr zu zitieren oder zu erwähnen. Der hat genug angerichtet! - der Autor.)

Der Wind zerrt an der EU-Fahne draußen vorm Eich- und Vermessungsamt; die aber hängt fest. Und ebenso reißt der Wind am Sonnensegel des kleinen Schanigartens. Mein Gleichgewicht ist schon fragil. Und zur E-Gitarre ist noch zu sagen: auch wenn sie ordentlich „schweißt“, die Nabelschnur ist gebunden und nicht frei und der Gitarrist spielt Mamas wilden Liebling (ah! Jetzt kommt der Oberlehrer durch. Und hast du nicht bemerkt, dass du, ja du damit wieder dem bajuwarischen Affenarsch voll auf den Leim gegangen bist? - der innere Spötter).

Vermutlich ist das alles nur in meinem Kopf.

Der Schatten eines Firmensymbols vermutlich, auf der Glasscheibe des Fensters – nehme ich an – den ich an der Nischenwand da vorne langsam mit der absteigenden Sonne versinken und verschwinden sehe, zerreißt mir fast das Herz. Jetzt (16:59) ist er weg, und der Ort, wo er stand, er hat ihn vergessen (ich will jetzt wirklich nicht spotten; ich will nur wissen, ob du hier das Bibelzitat wirklich ernst meinst? - der innere Spötter).


(3.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 2. Juli 2026

4533 Der Pakt

 



11:13 a.m.  Im Espresso Burggasse tönt aus den Boxen nach einigen Hits aus meiner Zeit nun Jolene, das ich damals nicht so am Schirm hatte. Aber es ist ein Lied, das mir vor Jahren meine Töchter auf ihrer Geschenkcede neben Von hier an blind, Born to die, Knocking on heavens door, Paparazzi, Scientist, Space Oddity und Stadium Arcadium für mich gesungen und gespielt haben und schon – meine regelmäßigen LeserInnen ahnen es schon – kommen mir die Tränen. Hier ist das aber wirklich berechtigt, denn von der Liebe seiner Kinder berührt zu sein, kann doch nicht falsch sein! (Die Frage, die sich erhebt – Weigel schau owa! - ist eher, ob und wie sehr ich mich dieser Liebe würdig erwiesen habe. Aber das gilt für alle Kinder-Eltern-Beziehungen. Und damit es kein Mißverständnis gibt: ursprünglich lieben alle Kinder ihre Eltern! So, jetzt Schluß damit!)

Aus den Boxen kommt nun amerikanische, folknahe, rockige Bob-Dylan-Gitarrenmusik, wo sich der Verdacht auf Nabelschnurmusik auftut (um einmal nicht erhebt zu sagen), was meine Rührung noch erhöht (ach! Schon wieder so ein Ich-Text! - der innere Spötter). Auf meinem T-Shirt steht Ich bin freiwillig hier und damit könnte das Espresso Burggasse gemeint sein, überhaupt diese unsere Welt hier oder die sentimentalitätsverdächtige Rührseligkeit (es ist immer noch in Rechnung zu stellen, dass das die Droge Kaffee sein kann).

Der Deckenventilator steht. Mein erster Cappuccino ist ausgetrunken. Wie geht es weiter? Aha! Eine traurig-sehnsuchtsvolle Mundharmonika heult aus den Boxen. Natürlich geht es um die Liebe, wie ich wegen meiner schlechten Englischkenntnisse kaum, aber letztlich doch dem Liedtext entnehme. Jetzt Stand by me; Jetzt The Boxer. Ein bißchen angst und bange wird mir schon bei so viel nostalgischer Musik, die mich mehr aufwühlt, als mir (oder deinem Selbstbild? – der innere Spötter) lieb ist. Es geht weiter mit alten Hits – Have You Ever Seen the Rain? … Jetzt muß ich aufpassen, dass ich nicht komplett in meine Gymnasiumszeit mit allem Pi-Pa-Po abrutsche … house of the rising sun … und vieles andere.

Platzwechsel. Ich blicke jetzt direkt in die Laube hinaus (18°N) wie auf eine Bühne. In ihrem Hintergrund läßt der Regisseur ständig so Vehikel von links nach rechts durchs Bühnenbild fahren.

Dann kommt eine alte Bettlerin herein. Ins Lokal. Das wird hier zugelassen, wenn die Bettler die Gäste nicht zu sehr belästigen (und das gefällt mir sehr!) Niemand will oder kann ihr etwas geben, ich auch nicht. Sie steht herum, will nicht sogleich abtreten und murmelt etwas von der schlechten Welt. Sie ist wirklich sehr alt. Die ältere Frau am Nebentisch, die offensichtlich an ihrem Laptop arbeitet und mit der ich nach dem Eintreten ein paar Worte gewechselt hatte, reagiert ziemlich verbal-aggressiv im Tonfall und sagt etwas wie „Hören Sie auf, die Leute zu belästigen!“ Mir erschreckt daran die Wut, die da durchkommt. Ich meine, wenn sie das Gefühl hat, dass diese Frau ein bequemeres und leichteres Leben hat als sie, so kann sie doch ihren Job aufgeben, ihre Besitztümer weggeben und sich selbst zum Betteln auf die Straße stellen und die Lokale abklappern.

Die Szene ist schon längst vorbei, aber ich bin innerlich immer noch mit der strengen Frau in Verhandlung und sage alles, was ich jetzt nicht gesagt habe. Erst langsam kann ich wieder bewußt meine Umgebung wahrnehmen, etwa wie der Wind draußen durch die Krone der großen Platane und das Gebüsch dort streift.

California Dreamin‘. Die Musik davor konnte ich wegen meines inneren Bettlerin-Dialogs gar nicht registrieren. Warum geht mir das so nahe? (willst du das jetzt wirklich erforschen? - der innere Spötter.)

Der Lichtwechsel draußen auf der Bühne muß auch noch erwähnt werden. Offensichtlich ziehen Wolken über den Himmel, den ich von hier aus nicht sehen kann. Der nächste Bettler ist im Anmarsch und ich fürchte ein Auszucken der Frau am Nebentisch; solche Szenen halte ich schwer aus. Aber es ist gut ausgegangen: der Mann ist hereingekommen, hat seine Zeitungen (Augustin) angeboten, hat alle Neins einfach akzeptiert und ist wieder hinaus. Die Frau am Nebentisch hat nichts gesagt. White Room – ich heule schon beinahe. So kann das mit mir nicht weitergehen! Was muß für mich damals alles an dieser Musik gehangen sein! (Vielleicht ist das die Aufgabe für dein restliches Leben, dass du ordentlich zu heulen lernst – der innere Spötter.) Jetzt die Beach Boys. Die hier wollen mich heute mürbe machen! Wenn es mir zu viel wird, kann ich ja gehen. Das Agieren der Schauspieler auf der Bühne habe ich noch nicht beschrieben: sie sitzen da, essen, trinken, reden, gestikulieren … mehr ist nicht zu sagen; jedenfalls spielen sie es geschickt auf realistisch. Noch so ein alter Hit; Titel und Band fallen mir nicht ein. Wenn ich die Lichtverhältnisse draußen, den Wind und so weiter richtig deute, sind jetzt ideale Wetterverhältnisse für den Weg nach Haus (an das Universum: er meint mit Zuhause die Schreygasse, nicht die Ewigkeit oder etwas in der Art – der innere Spötter). Der Aufbruch jetzt wäre etwas früh. Die Frau am Nebentisch, obwohl sie still und konzentriert am Laptop arbeitet, ist mir seit dem Zwischenfall unangenehm (ich beziehe ihren ihr von mir unterstellten Vorwurf an die Bettlerin, unselbständig und schmarotzerisch zu sein, sofort auch auf mich und habe dem innerlich kaum etwas entgegenzusetzen). Ich gehe. Und ich gehe in eigener Verantwortung und freiwillig und mache niemandem Vorwürfe. Bis bald, geliebtes Espresso Burggasse.

13:00.  Beim Weggehen habe ich noch der Frau am Nebentisch einen schönen Tag gewünscht – übrigens sitze ich im Hof des Museumsquartiers und eine Taube bettelt mich an; die da oben haben schon Sinn für Humor! - habe der Frau also einen schönen Tag gewünscht, denn das gehört sich für mich und ich sagte es einigermaßen ehrlich und in segnender Professionalität (wenn es nicht ein blödes Selbsterhöhungs-Selbstbeweihräucherungstheater und saudepperter Unterwerfungs-Masochismus ist – vielleicht wäre es wichtig gewesen, der Frau zu sagen, dass man/frau nicht das Recht hat, die Möglichkeit zu unästhetischen Begegnungen wegradiert zu bekommen; vor allem, wenn man/frau selber eindeutig gesellschaftlich und sozial in einer besseren Position ist. Oder es waren deine "guten Wünsche" gar ein passiv-aggressives Dem-andern-glühende-Kohlen-aufs-Haupt-Streuen, was schon recht unverschämt wäre – der innere Spötter).

Und an der Kreuzung Burggasse/Museumstraße habe ich gesehen, wie ein junger Priester in Soutane – also vermutlich stockkonservativ – an der Fußgängerampel den Knopf gedrückt hat, aber den, der nur die Lautstärke des Blindensignals erhöht und so mehr Lärm, aber keine frühere Grünphase bringt, und ich eile auf ihn zu, um ihm das mit versteckter, hinterfotziger Aggressivität zu sagen, aber er versteht kein Deutsch. Vermutlich hat mich getriggert, dass er als völlig weltfremder junger Mann im Gegensatz zu mir doch seinen Ort, sein Arbeitsgewand und sein Einkommen gefunden hat, wobei auch ich annehme, dass er in seinem Job mehr Schaden anrichtet, was nicht heißt, dass ich und auch die progressiven Katholiken aus dem Schneider sind. Okay. Ich gehe jetzt weiter und schleppe in der Hand die bestellten Klebeetiketten mit, die größenmäßig nicht in mein Albertinatascherl passen, was ich nicht erwartet habe, weil ich nicht mit diesem Verpackungsgrößenwahn gerechnet habe.

14:30.  Heute spielt in der Fußballweltmeisterschaft Österreich gegen Spanien. Ich hatte überlegt, wo ich das Match anschauen soll: Katscheli, Public Viewing irgendwo, oder doch zu Hause. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Aber heute auf meiner Fußwallfahrt durch die Stadt treffe ich zufällig auf der Straße die Chefin und eine Kellnerin vom Katscheli, und damit ist meine Entscheidung aufgehoben und durch eine neue ersetzt: ich werde ins Katscheli gehen. Ich kann diesen Wink des Schicksals doch nicht ignorieren und möchte keinesfalls die Schicksalgöttinnen gegen mich und mein Land aufbringen! Das können heute weder ich noch die österreichische Nationalmannschaft brauchen! Um diesen Pakt zu bestätigen und abzusichern, bin ich am Heimweg gleicht ins Katscheli auf ein Getränk eingekehrt. Amen!


(2.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com