Donnerstag, 2. Juli 2026

4533 Der Pakt

 



11:13 a.m.  Im Espresso Burggasse tönt aus den Boxen nach einigen Hits aus meiner Zeit nun Jolene, das ich damals nicht so am Schirm hatte. Aber es ist ein Lied, das mir vor Jahren meine Töchter auf ihrer Geschenkcede neben Von hier an blind, Born to die, Knocking on heavens door, Paparazzi, Scientist, Space Oddity und Stadium Arcadium für mich gesungen und gespielt haben und schon – meine regelmäßigen LeserInnen ahnen es schon – kommen mir die Tränen. Hier ist das aber wirklich berechtigt, denn von der Liebe seiner Kinder berührt zu sein, kann doch nicht falsch sein! (Die Frage, die sich erhebt – Weigel schau owa! - ist eher, ob und wie sehr ich mich dieser Liebe würdig erwiesen habe. Aber das gilt für alle Kinder-Eltern-Beziehungen. Und damit es kein Mißverständnis gibt: ursprünglich lieben alle Kinder ihre Eltern! So, jetzt Schluß damit!)

Aus den Boxen kommt nun amerikanische, folknahe, rockige Bob-Dylan-Gitarrenmusik, wo sich der Verdacht auf Nabelschnurmusik auftut (um einmal nicht erhebt zu sagen), was meine Rührung noch erhöht (ach! Schon wieder so ein Ich-Text! - der innere Spötter). Auf meinem T-Shirt steht Ich bin freiwillig hier und damit könnte das Espresso Burggasse gemeint sein, überhaupt diese unsere Welt hier oder die sentimentalitätsverdächtige Rührseligkeit (es ist immer noch in Rechnung zu stellen, dass das die Droge Kaffee sein kann).

Der Deckenventilator steht. Mein erster Cappuccino ist ausgetrunken. Wie geht es weiter? Aha! Eine traurig-sehnsuchtsvolle Mundharmonika heult aus den Boxen. Natürlich geht es um die Liebe, wie ich wegen meiner schlechten Englischkenntnisse kaum, aber letztlich doch dem Liedtext entnehme. Jetzt Stand by me; Jetzt The Boxer. Ein bißchen angst und bange wird mir schon bei so viel nostalgischer Musik, die mich mehr aufwühlt, als mir (oder deinem Selbstbild? – der innere Spötter) lieb ist. Es geht weiter mit alten Hits – Have You Ever Seen the Rain? … Jetzt muß ich aufpassen, dass ich nicht komplett in meine Gymnasiumszeit mit allem Pi-Pa-Po abrutsche … house of the rising sun … und vieles andere.

Platzwechsel. Ich blicke jetzt direkt in die Laube hinaus (18°N) wie auf eine Bühne. In ihrem Hintergrund läßt der Regisseur ständig so Vehikel von links nach rechts durchs Bühnenbild fahren.

Dann kommt eine alte Bettlerin herein. Ins Lokal. Das wird hier zugelassen, wenn die Bettler die Gäste nicht zu sehr belästigen (und das gefällt mir sehr!) Niemand will oder kann ihr etwas geben, ich auch nicht. Sie steht herum, will nicht sogleich abtreten und murmelt etwas von der schlechten Welt. Sie ist wirklich sehr alt. Die ältere Frau am Nebentisch, die offensichtlich an ihrem Laptop arbeitet und mit der ich nach dem Eintreten ein paar Worte gewechselt hatte, reagiert ziemlich verbal-aggressiv im Tonfall und sagt etwas wie „Hören Sie auf, die Leute zu belästigen!“ Mir erschreckt daran die Wut, die da durchkommt. Ich meine, wenn sie das Gefühl hat, dass diese Frau ein bequemeres und leichteres Leben hat als sie, so kann sie doch ihren Job aufgeben, ihre Besitztümer weggeben und sich selbst zum Betteln auf die Straße stellen und die Lokale abklappern.

Die Szene ist schon längst vorbei, aber ich bin innerlich immer noch mit der strengen Frau in Verhandlung und sage alles, was ich jetzt nicht gesagt habe. Erst langsam kann ich wieder bewußt meine Umgebung wahrnehmen, etwa wie der Wind draußen durch die Krone der großen Platane und das Gebüsch dort streift.

California Dreamin‘. Die Musik davor konnte ich wegen meines inneren Bettlerin-Dialogs gar nicht registrieren. Warum geht mir das so nahe? (willst du das jetzt wirklich erforschen? - der innere Spötter.)

Der Lichtwechsel draußen auf der Bühne muß auch noch erwähnt werden. Offensichtlich ziehen Wolken über den Himmel, den ich von hier aus nicht sehen kann. Der nächste Bettler ist im Anmarsch und ich fürchte ein Auszucken der Frau am Nebentisch; solche Szenen halte ich schwer aus. Aber es ist gut ausgegangen: der Mann ist hereingekommen, hat seine Zeitungen (Augustin) angeboten, hat alle Neins einfach akzeptiert und ist wieder hinaus. Die Frau am Nebentisch hat nichts gesagt. White Room – ich heule schon beinahe. So kann das mit mir nicht weitergehen! Was muß für mich damals alles an dieser Musik gehangen sein! (Vielleicht ist das die Aufgabe für dein restliches Leben, dass du ordentlich zu heulen lernst – der innere Spötter.) Jetzt die Beach Boys. Die hier wollen mich heute mürbe machen! Wenn es mir zu viel wird, kann ich ja gehen. Das Agieren der Schauspieler auf der Bühne habe ich noch nicht beschrieben: sie sitzen da, essen, trinken, reden, gestikulieren … mehr ist nicht zu sagen; jedenfalls spielen sie es geschickt auf realistisch. Noch so ein alter Hit; Titel und Band fallen mir nicht ein. Wenn ich die Lichtverhältnisse draußen, den Wind und so weiter richtig deute, sind jetzt ideale Wetterverhältnisse für den Weg nach Haus (an das Universum: er meint mit Zuhause die Schreygasse, nicht die Ewigkeit oder etwas in der Art – der innere Spötter). Der Aufbruch jetzt wäre etwas früh. Die Frau am Nebentisch, obwohl sie still und konzentriert am Laptop arbeitet, ist mir seit dem Zwischenfall unangenehm (ich beziehe ihren ihr von mir unterstellten Vorwurf an die Bettlerin, unselbständig und schmarotzerisch zu sein, sofort auch auf mich und habe dem innerlich kaum etwas entgegenzusetzen). Ich gehe. Und ich gehe in eigener Verantwortung und freiwillig und mache niemandem Vorwürfe. Bis bald, geliebtes Espresso Burggasse.

13:00.  Beim Weggehen habe ich noch der Frau am Nebentisch einen schönen Tag gewünscht – übrigens sitze ich im Hof des Museumsquartiers und eine Taube bettelt mich an; die da oben haben schon Sinn für Humor! - habe der Frau also einen schönen Tag gewünscht, denn das gehört sich für mich und ich sagte es einigermaßen ehrlich und in segnender Professionalität (wenn es nicht ein blödes Selbsterhöhungs-Selbstbeweihräucherungstheater und saudepperter Unterwerfungs-Masochismus ist – vielleicht wäre es wichtig gewesen, der Frau zu sagen, dass man/frau nicht das Recht hat, die Möglichkeit zu unästhetischen Begegnungen wegradiert zu bekommen; vor allem, wenn man/frau selber eindeutig gesellschaftlich und sozial in einer besseren Position ist. Oder es waren deine "guten Wünsche" gar ein passiv-aggressives Dem-andern-glühende-Kohlen-aufs-Haupt-Streuen, was schon recht unverschämt wäre – der innere Spötter).

Und an der Kreuzung Burggasse/Museumstraße habe ich gesehen, wie ein junger Priester in Soutane – also vermutlich stockkonservativ – an der Fußgängerampel den Knopf gedrückt hat, aber den, der nur die Lautstärke des Blindensignals erhöht und so mehr Lärm, aber keine frühere Grünphase bringt, und ich eile auf ihn zu, um ihm das mit versteckter, hinterfotziger Aggressivität zu sagen, aber er versteht kein Deutsch. Vermutlich hat mich getriggert, dass er als völlig weltfremder junger Mann im Gegensatz zu mir doch seinen Ort, sein Arbeitsgewand und sein Einkommen gefunden hat, wobei auch ich annehme, dass er in seinem Job mehr Schaden anrichtet, was nicht heißt, dass ich und auch die progressiven Katholiken aus dem Schneider sind. Okay. Ich gehe jetzt weiter und schleppe in der Hand die bestellten Klebeetiketten mit, die größenmäßig nicht in mein Albertinatascherl passen, was ich nicht erwartet habe, weil ich nicht mit diesem Verpackungsgrößenwahn gerechnet habe.

14:30.  Heute spielt in der Fußballweltmeisterschaft Österreich gegen Spanien. Ich hatte überlegt, wo ich das Match anschauen soll: Katscheli, Public Viewing irgendwo, oder doch zu Hause. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Aber heute auf meiner Fußwallfahrt durch die Stadt treffe ich zufällig auf der Straße die Chefin und eine Kellnerin vom Katscheli, und damit ist meine Entscheidung aufgehoben und durch eine neue ersetzt: ich werde ins Katscheli gehen. Ich kann diesen Wink des Schicksals doch nicht ignorieren und möchte keinesfalls die Schicksalgöttinnen gegen mich und mein Land aufbringen! Das können heute weder ich noch die österreichische Nationalmannschaft brauchen! Um diesen Pakt zu bestätigen und abzusichern, bin ich am Heimweg gleicht ins Katscheli auf ein Getränk eingekehrt. Amen!


(2.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 1. Juli 2026

4532 Das ist der Deal

 



11:08 a.m.  Wunderschöne, unbekannte Musik aus den Boxen des Espresso Burggasse. Ich unterbreche sogar die Falterlektüre. Es ist mir schon peinlich, aber: wieder Tränen in den Augen. Ich mag einfach traurige Musik (auf meinem T-Shirt steht: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit/Jugend). (Du hättest zwei Leiberl machen sollen: eines mit Kindheit und das andere mit Jugend – der innere Spötter.) Ich lese weiter in den Zeitungen. Soeben habe ich ein wichtiges Zitat von Tocotronic im Falter gelesen: „Wer ich sagt, hat noch nichts gesagt.“ (dabei hat er das w in wichtiges so schlampig geschrieben, dass das auch als n, das Wort also als nichtiges gelesen werden kann – der innere Spötter.) Zuerst bin ich gleich sehr eingeschüchtert und stimme dem Zitat zähneknirschend zu. Dann allerdings kommt mir die Erkenntnis: Wer er, sie, es, das Essen, der Lichtengel, die Boxen, Autoverkehr, Bachmannpreis, Klagenfurt, Cappuccino, Falter et cetera sagt, hat auch noch nichts gesagt. Respektive noch nicht viel (so viel gestehe ich zu).


12:14.  Halte ich noch einen zweiten Cappuccino aus? Oder wird es mich umhauen? Ich sitze da, schiebe meinen Pilotstift mit dem Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger nach vorne, und dann mit Daumen und Mittelfinger (!) wieder zurück und lauere auf Eingebung, Erkenntnis und Erlösung. Ich hätte auch noch gern enorme Erhöhung des Einkommens dazu geschrieben, aber das sehe ich ein: das kann man hier und so nicht bekommen. „Der Wundertäter war von hohem Wuchs“ hat Daniil Charms seinen Schriftsteller in der Erzählung Die alte Frau schreiben lassen, aber ich bin nur 177 – wenn ich mich richtig erinnere und noch nicht allzu sehr geschrumpft bin. Ich rufe den einflügeligen Lichtengel zu Hilfe (wegen der enormen Erhöhung des Einkommens), aber mache mir wegen seiner Versehrtheit nicht allzu große Hoffnungen (ich muß lachen, weil auch mein Vater nur einen Arm hatte!). Wie es ausschaut, ist für viele das Ich-Schreiben höchstens zur Lösung einer Schreibblockade erlaubt, aber wenn diese überwunden ist, muß man die Ich-Texte vernichten. Ich aber: erstens streiche ich nichts, und zweitens schreibe ich sowieso nur gegen meine Blockaden, möglicherweise. Und weil das viele meiner LeserInnen (Ha! Ha! Ha! - der innere Spötter) nicht wissen werden: ich bin schon ein Auftragsschreiber! Meine liebe Frau erwartet jedes Wochenende so ungefähr fünf bis zehn Texte von mir, die sie lesen will. Das ist der Deal.

Ja gut, dann wäre jetzt die Zeit, nach Hause zu wandern - bevor das Gewitter kommt - und dann die letzten vier, fünf Texte einzutippen.


(1.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4531 Die Brillengläser beschlagen sich

 



7:59 a.m.  Ich warte nur mehr auf den Wetterumschwung. Die Hitze hat mich mürbe gemacht. Die Brillengläser beschlagen sich ständig vom Schwitzen. Noch habe ich die Fenster offen. Ich bin schon neugierig, wie die nächtlichen Fußballspiele ausgegangen sind. Und schon rennt der innerliche Wunschfilm vom morgigen Sieg über Spanien ab. Ich überlege, was nach I wer narrisch! und Bist du deppert! kommen könnte. Nicht, dass es an fehlenden Ausrufsätzen scheitert! Na gut, damit bin ich nun aus Schlaf und Traum in die Realität geglitten. Ich gehe hinunter frühstücken. Ich bin schon hungrig, wie ich jetzt spüre.


(1.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4530 Ein ereignisreicher Tag

 



11:23 a.m.  Schon wieder bin ich so rührselig im Espresso Burggasse, dass ich Tränen in den Augen habe (oder kommen die von einer leichten Entzündung wegen hitzebedingtem Bodenozon – wovon niemand mehr spricht – vom übermäßigen Bildschirmkonsum und von zu viel Zugluft wegen der offenen Fenster in der Nacht? - der innere Spötter). Ich glaube schon, dass die Musik aus den Boxen (ziemlich meine Zeit damals) und die Willkommenskultur hier für mich dabei eine Rolle spielen (die „Willkommenskultur“ haben sie hier generell, nicht nur für dich; bilde dir nichts ein! - der innere Spötter). Meinetwegen dann „auch für mich“ (und heimlich denkt er doch, dass er hier besonders willkommen ist. Aber er hat diesbezüglich eh schnell Zweifel. Es kann leicht kippen – der innere Spötter). In die äußerst angenehme Leere hier herinnen – alle sitzen draußen in der Laube – phantasiere ich mir verschiedene Begegnungen - dass jemand bekannte(r), den/die ich jahrelang nicht gesehen habe, die Tür hereinkommt und wir beide uns freuen (so richtig fündig wird er bei möglichen Zielpersonen eh nicht – der innere Spötter). (Hauptsache aus dem angeblich so angenehmen Hier und Jetzt raus in die Ferne und die Nicht-Realität – der innere Spötter.) (Ja, ich geb’s schon zu: das hat etwas Törichtes – der Autor.)

Every single day of my life singt es aus den Boxen – wie zutreffend! Ich streichle sanft und ergriffen die rote Resopalplatte des Kaffeehaustisches. Jetzt tätschle ich mit der flachen Hand auf den Tisch – auch sanft. Brille und Schreibstift habe ich abgelegt und lausche nur auf die Musik (die ich nicht kenne). Und schaue umher, auch zum Fenster hinaus. Ich bekomme schon wieder Hunger. Soll ich mein letztes Geld ausgeben? Morgen ist doch der Erste!

Manchmal kommen ganz laute Menschen herein, die schreien, wenn sie reden (obwohl es hier herinnen leer ist). Das ist keine Kritik, nur eine Beobachtung (bist du sicher? - der innere Spötter). Jetzt die Doors. Obwohl ich kein großer Doorsfan bin, wieder eine Steigerung der Rührseligkeit bei Jim Morrisons Stimme. Irgendwelche verlorenen Hoffnungen und Erwartungen meiner Jugend müssen davon in Schwingung versetzt worden sein.

Die Musik ist inzwischen schon längst weiter, wie das Leben und der Fluß der angebotenen Chancen. Mein T-Shirt trägt die Aufschrift Wundertäter. Blöderweise habe ich beim Designen der Aufschrift an Daniil Charms und seine Geschichte „Die alte Frau“ gedacht, wo ein Schriftsteller die geniale Idee hat, einen Roman über einen Wundertäter zu schreiben, der nie ein Wunder vollbracht hat. Er tut es einfach nicht. Also wird uns der am Donnerstag gegen Spanien auch nicht helfen (ja, das hast du von deiner ständigen Selbstreduzierung! - der innere Spötter).

Die Tageskinder werden jetzt allmählich zu ihrem Mittagsschlaf geführt – da geht es für mich um eine halbwegs praktikable zeitliche Platzierung meines Marsches nach Hause, damit ich zu einer nicht allzu störenden Zeit ankomme. Ein lautes Motorrad prescht vorbei, die Burggasse hinunter Richtung Innenstadt. You gave me no reply tönt es aus den Boxen und ich denke an das Universum (dabei warst du es, der die Angebote ausgeschlagen hat – der innere Spötter). An irgendwas erinnert mich mein Herumsitzen hier, aber an was? The Cream spielt aus den Boxen (meine Jugend!). Outside my window is a tree ... wie passend! Auch wenn das nicht mein Fenster ist, zwei Platanen dort stehen, und viele Leute darunter sitzen. Nun die Brecht-Weill-Doors. Ich akzeptiere, dass ich mich in der Welt überhaupt nicht auskenne, mit allen Folgen (I tell you we must die). Und And in your eyes you see nothing – das stimmt natürlich auch: ich bin kein Seher. Leider! (Das liegt an dir – der innere Korrektor.) I, I, I am so happy wird gesungen – und das bedeutet, dass ich den Schmerz zulassen kann. Wenn ich jetzt losgehe, komme ich nach der Abholzeit zu Hause an. Ich bleibe aber noch sitzen. You can talk to me. Auf!


14:11.  Das Universum spricht doch zu mir! Ich bin schon am Heimweg und gehe im Schatten außen an den barocken Gebäuden des Museumsquartiers entlang, als ich einen Straßenmusikanten mit Gitarre das Großvater von den STS singen höre. Das Lied fährt mir ein und berührt mich sofort und heftig und ich werfe ein Münze in seinen Flex-Becher und bleibe stehen. Rührselig war ich schon den ganzen Tag, trotzdem wundere ich mich, dass mir das Lied so nahe geht – ein sooo großer Fan von STS war ich gar nicht (besitze von ihnen keine einzige Platte). Aber ich bin emotional ganz aufgewühlt, denke etwas später daran, dass ich schon längst im Großvateralter bin, und dass ich im Aufwachsen nie einen Großvater wie im Lied hatte, und auch sonst keine Person, die mir den Rücken gestärkt hätte und die Welt erklärt. Dann singt der Musikant ein mir unbekanntes Lied – ich finde, er spielt recht gut – und dann singt und spielt er ein Lied von den Red-Hot-Chili-Peppers und jetzt heule ich richtig. Ich drehe den Kopf ein wenig zur Seite und blicke zu Boden, aber die Tränen, die mir über die Wangen rinnen, versuche ich erst gar nicht zu stoppen und wische sie auch nicht weg. Dann kommen noch die Beatles, Bob Dylan … langsam gewinne ich meine Fassung wieder. Das Ganze macht mich schon verlegen; Innerer Spötter, willst du nicht auch deinen Senf dazugeben?

Bei den RHCP geht es wohl um ein Berührtsein, weil ich – wenn auch anonym, unausgesprochen, ungewiss und aus der Distanz - eine verwandte Seele getroffen haben könnte; anscheinend oder scheinbar; auch um so eine Art Zugehörigkeit vielleicht. Was für ein ereignisreicher Tag bis jetzt!


(30.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4529 Hitze

 



12:07.  Die andauernde Hitze setzt mir zu. Und ich fürchte die nachfolgenden Gewitter, weil mein Zimmerfenster undicht ist. Zermürbt wandere ich durch die Wohnung und suche Linderung. Ab und zu lege ich mich in die Badewanne mit kaltem Wasser, wo ich auch nicht weiß, ob das eine gute Methode der Abkühlung ist. Man liest und hört die verschiedensten Aussagen. Erstaunlicherweise bin ich recht hungrig.

Jetzt sitze ich allerdings im Kaffeeamt und muß aufpassen, dass ich mit meinen verschwitzten Händen nicht die Schrift im Notizbuch verschmiere, und heiß ist es hier auch. Doch wieder nach Hause in die Badewanne? (Gut, so kalt ist das Wasser in der Badewanne auch nicht mehr, obwohl er es gestern erst frisch eingelassen habe: 27°C – der Korrektor.) 37°C wird nun als die offizielle Temperatur in Wien/Leopoldstadt angezeigt.


(29.6.2026)


©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4528 Beim Erbsenbach

 



16:46.  Ich sitze im Wald und die kleine Wanderung war märchenhaft. Märchenwald ist er keiner, denn mit Fabelwesen scheint er nicht bestückt zu sein, aber auch kein ganz irdischer, wilder Wald mit wilden, gefährlichen Tieren, sondern ein Wald im Stadtgebiet von Wien mit angelegten und markierten Wegen, mit Schildern und bei dem windstillen, heißen Nachmittag mit Autolärm von der Sieveringer Straße statt Waldesrauschen. Rehe habe ich hier schon einmal gesehen, Fuchse und Co leben sicher auch in diesem Waldstück, aber keine Bären und Wölfe – obwohl mich soeben ein illegal freilaufender Hund, den ich nicht gleich bemerkt habe, erschreckt hat. Jetzt kommt sogar etwas Wind und damit ein leichtes, aber deutliches Rauschen im Wald auf. Der Weg zum und dann vom Reisser Kreuz durch die Weingärten in der prallen Sonne war sehr heiß; der Aufstieg zum Häuserl am Stoan – bei mir nenne ich diesen steilen Weg den Mini-Pliënten-Sattel-Steig – obwohl da einige Welten und Kilometer zwischen dem und dem echten Anstieg dort liegen – also den Aufstieg zum Gasthaus habe ich trotz großer Hitze erstaunlich gut geschafft. Dort habe ich ein Soda-Zitron getrunken. Dann bin ich weiter zum Ebsenbach hinüber und hinunter (Stand jetzt: 10 843 Schritte) und nun raste ich auf einer Bank. Im Gehen habe ich mir eine tolle Geschichte ausgedacht, aber jetzt fallen mir nur noch ein paar Bruchstücke ein, die ich gar nicht mehr zusammenbauen kann. Gut, dann stecken wir das Schreibzeug wieder in mein Albertinatascherl und schauen die Bäume an und durch Laub und Gebüsch die vorbeifahrenden Autos am anderen Ufer des Ebsenbaches. (Die Brille beschlägt sich andauernd vom Schweiß.)


(17.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com