Dienstag, 7. Juli 2026

4535 Steirisches Ennstal

 



10:56 a.m.  Der Lichtengel leuchtet nicht. Er hängt nur als ausgeschaltete Wandlampe in der Fensternische. Ein wenig traurig schaut sie aus, obwohl es ein wirklich schönes Fünfzigerjahre-Design ist. Ich fürchte mich vor der Urlaubsreise; mir ist alles zu viel: Kofferpacken, Entscheiden, ob ich ein Laptop mitschleppen soll oder nicht, den Zug nicht verpassen und die geplante Kajakfahrt. Alles ganz harmlos, aber meine Angst schnürt mich ein. Und Nein-Sagen schaffe ich auch nicht. Außerdem: wenn wir dort sind, werde ich es genießen; ich kenne mich. Es ist lediglich ein Kampf gegen meine inneren Dämonen; aber: es ist ein Kampf, und der ist anstrengend. Ich sehne mich danach, endlich angekommen zu sein, meinen Platz zu haben (wo es allerdings auch nicht bei geschlossenem Fenster reinregnen sollte), wo nicht dauernd irgendwo eine Lücke aufreißt. Aber so etwas ist unrealistisch. Das Leben ist ein Kampf, aber ich bin müde und ängstlich. Lassen wir das; ich drehe mich dabei im Kreis. Eine unglaubliche Trauer erfaßt mich (oder ein gigantisches Selbstmitleid – der innere Spötter). Draußen beginnt es zu regnen, und das löst einige Hektik in der Gästelaube in der Burggasse aus. Es ist gleich dunkler geworden, der Gastraum füllt sich mit den Regenflüchtlingen und ich hole mir den oder die eine oder andere Prominente zu einem imaginären Gespräch herbei. Wir reden eher Belangloses (ein bißchen Selbstrechtfertigung ist schon dabei, gell? - der innere Spötter). Aber nennen wir das Ganze hier einmal so: Endzeitstimmung.

Zum Thema Lebenskampf ist zu sagen: es ist ein Unterschied, ob man regulär zu einem Kämpfer ausgebildet wurde, die entsprechenden Schulungen und Übungen bei einem erfahrenen Lehrer, der einen trainiert, sein Können weitergibt und einem den einen oder anderen Trick zeigt, durchlaufen hat, oder ob man einfach so, ohne je in Sicherheit und Ausbildung (nehmt das Wort ruhig wörtlich: Aus-Bildung – das Bild kann ausblühen und sich entfalten) gewesen zu sein, in die Arena geworfen wurde und so von Anfang an ums Überleben kämpfen mußte, ohne richtig Luft holen zu können (und was hat das mit dir zu tun? Verfälscht du gerade deine Lebensgeschichte? - der innere Spötter).

Weil ich nichts mehr zu sagen habe, versuche ich, aus dem Gesprächssound der kleinen Damenrunde nebenan herauszuhören, aus welcher Region sie kommen. Ich tippe sogar aufs Steirische Ennstal, dann verwerfe ich es. Aber dann fällt das Wort „Grimmingtherme“, wenn ich mich nicht verhört habe. Dann verwerfe ich den Gedanken noch einmal. Fragen traue ich mich nicht. Was soll’s! Das sind so blöde Ablenkungsmanöver vor dem, was im Inneren hochkommen will. Und wenn sie wirklich von dort wären, was hätten sie mit mir zu tun? Obwohl ich dort aufgewachsen bin: Nichts! Gar nichts! Aber ein Spaß wäre es schon gewesen, wenn ich sie gefragt hätte und doch recht geraten habe. Ich versuche, die Spiele unserer Nationalmannschaft in der Gruppenphase zu rekonstruieren, aber mir fallen nicht einmal alle Gegner ein; es ist wie ausgelöscht. Sollte ich mir Sorgen machen? Dass etwas mit meinem Gehirn nicht stimmt, vermute ich schon länger. … So, jetzt habe ich doch alle beinander (ich mache mir auch Sorgen, wenn du in einen rustikalen Ton verfällst – der innere Spötter). Es ist wohl so, dass ich alle Trümmer, Bruchstücke, Einzelteile meines Lebens nicht zusammenhalten kann. Bin ich mir selber fremd? (das ist doch völlig wurscht! - der innere Spötter.)

Weil es draußen regnen könnte – es zieht so herum – hülle ich Notizbuch und das kleine Büchlein zum Zeichnen, das ich auch immer dabei habe, in ein Plastiksackerl und stecke beide dann in mein Albertinatascherl. Dabei schaue ich seit Monaten zum ersten Mal wieder in dieses Zeichenbüchlein und staune über die Zeichnungen und sie gefallen mir. Aber ich fürchte, ich werde damit trotzdem nicht weiterkommen. In mir ist zu viel abgebrannt (ha,ha,ha! Deine Leidensangeberei nimmt dir niemand mehr ab! - der innere Spötter). Ich habe auch nur die letzten zwei Zeichnungen angeschaut, eine vom März, eine vom Jänner.


(6.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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