4530 Ein ereignisreicher Tag
11:23 a.m. Schon wieder bin ich so rührselig im Espresso Burggasse, dass ich Tränen in den Augen habe (oder kommen die von einer leichten Entzündung wegen hitzebedingtem Bodenozon – wovon niemand mehr spricht – vom übermäßigen Bildschirmkonsum und von zu viel Zugluft wegen der offenen Fenster in der Nacht? - der innere Spötter). Ich glaube schon, dass die Musik aus den Boxen (ziemlich meine Zeit damals) und die Willkommenskultur hier für mich dabei eine Rolle spielen (die „Willkommenskultur“ haben sie hier generell, nicht nur für dich; bilde dir nichts ein! - der innere Spötter). Meinetwegen dann „auch für mich“ (und heimlich denkt er doch, dass er hier besonders willkommen ist. Aber er hat diesbezüglich eh schnell Zweifel. Es kann leicht kippen – der innere Spötter). In die äußerst angenehme Leere hier herinnen – alle sitzen draußen in der Laube – phantasiere ich mir verschiedene Begegnungen - dass jemand bekannte(r), den/die ich jahrelang nicht gesehen habe, die Tür hereinkommt und wir beide uns freuen (so richtig fündig wird er bei möglichen Zielpersonen eh nicht – der innere Spötter). (Hauptsache aus dem angeblich so angenehmen Hier und Jetzt raus in die Ferne und die Nicht-Realität – der innere Spötter.) (Ja, ich geb’s schon zu: das hat etwas Törichtes – der Autor.)
Every single day of my life singt es aus den Boxen – wie zutreffend! Ich streichle sanft und ergriffen die rote Resopalplatte des Kaffeehaustisches. Jetzt tätschle ich mit der flachen Hand auf den Tisch – auch sanft. Brille und Schreibstift habe ich abgelegt und lausche nur auf die Musik (die ich nicht kenne). Und schaue umher, auch zum Fenster hinaus. Ich bekomme schon wieder Hunger. Soll ich mein letztes Geld ausgeben? Morgen ist doch der Erste!
Manchmal kommen ganz laute Menschen herein, die schreien, wenn sie reden (obwohl es hier herinnen leer ist). Das ist keine Kritik, nur eine Beobachtung (bist du sicher? - der innere Spötter). Jetzt die Doors. Obwohl ich kein großer Doorsfan bin, wieder eine Steigerung der Rührseligkeit bei Jim Morrisons Stimme. Irgendwelche verlorenen Hoffnungen und Erwartungen meiner Jugend müssen davon in Schwingung versetzt worden sein.
Die Musik ist inzwischen schon längst weiter, wie das Leben und der Fluß der angebotenen Chancen. Mein T-Shirt trägt die Aufschrift Wundertäter. Blöderweise habe ich beim Designen der Aufschrift an Daniil Charms und seine Geschichte „Die alte Frau“ gedacht, wo ein Schriftsteller die geniale Idee hat, einen Roman über einen Wundertäter zu schreiben, der nie ein Wunder vollbracht hat. Er tut es einfach nicht. Also wird uns der am Donnerstag gegen Spanien auch nicht helfen (ja, das hast du von deiner ständigen Selbstreduzierung! - der innere Spötter).
Die Tageskinder werden jetzt allmählich zu ihrem Mittagsschlaf geführt – da geht es für mich um eine halbwegs praktikable zeitliche Platzierung meines Marsches nach Hause, damit ich zu einer nicht allzu störenden Zeit ankomme. Ein lautes Motorrad prescht vorbei, die Burggasse hinunter Richtung Innenstadt. You gave me no reply tönt es aus den Boxen und ich denke an das Universum (dabei warst du es, der die Angebote ausgeschlagen hat – der innere Spötter). An irgendwas erinnert mich mein Herumsitzen hier, aber an was? The Cream spielt aus den Boxen (meine Jugend!). Outside my window is a tree ... wie passend! Auch wenn das nicht mein Fenster ist, zwei Platanen dort stehen, und viele Leute darunter sitzen. Nun die Brecht-Weill-Doors. Ich akzeptiere, dass ich mich in der Welt überhaupt nicht auskenne, mit allen Folgen (I tell you we must die). Und And in your eyes you see nothing – das stimmt natürlich auch: ich bin kein Seher. Leider! (Das liegt an dir – der innere Korrektor.) I, I, I am so happy wird gesungen – und das bedeutet, dass ich den Schmerz zulassen kann. Wenn ich jetzt losgehe, komme ich nach der Abholzeit zu Hause an. Ich bleibe aber noch sitzen. You can talk to me. Auf!
14:11. Das Universum spricht doch zu mir! Ich bin schon am Heimweg und gehe im Schatten außen an den barocken Gebäuden des Museumsquartiers entlang, als ich einen Straßenmusikanten mit Gitarre das Großvater von den STS singen höre. Das Lied fährt mir ein und berührt mich sofort und heftig und ich werfe ein Münze in seinen Flex-Becher und bleibe stehen. Rührselig war ich schon den ganzen Tag, trotzdem wundere ich mich, dass mir das Lied so nahe geht – ein sooo großer Fan von STS war ich gar nicht (besitze von ihnen keine einzige Platte). Aber ich bin emotional ganz aufgewühlt, denke etwas später daran, dass ich schon längst im Großvateralter bin, und dass ich im Aufwachsen nie einen Großvater wie im Lied hatte, und auch sonst keine Person, die mir den Rücken gestärkt hätte und die Welt erklärt. Dann singt der Musikant ein mir unbekanntes Lied – ich finde, er spielt recht gut – und dann singt und spielt er ein Lied von den Red-Hot-Chili-Peppers und jetzt heule ich richtig. Ich drehe den Kopf ein wenig zur Seite und blicke zu Boden, aber die Tränen, die mir über die Wangen rinnen, versuche ich erst gar nicht zu stoppen und wische sie auch nicht weg. Dann kommen noch die Beatles, Bob Dylan … langsam gewinne ich meine Fassung wieder. Das Ganze macht mich schon verlegen; Innerer Spötter, willst du nicht auch deinen Senf dazugeben?
Bei den RHCP geht es wohl um ein Berührtsein, weil ich – wenn auch anonym, unausgesprochen, ungewiss und aus der Distanz - eine verwandte Seele getroffen haben könnte; anscheinend oder scheinbar; auch um so eine Art Zugehörigkeit vielleicht. Was für ein ereignisreicher Tag bis jetzt!
(30.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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