Donnerstag, 25. Juni 2026

4525 Konzert

 



10:57 a.m.  Ich sitze schon länger im Espresso Burggasse, aber jetzt muß ich noch den Falter lesen.

11:51 a.m.  Mein Kopf raucht und schwurbelt vom Gelesenen; offensichtlich hält er nicht mehr viel aus. Dabei habe ich gestern in der Arena ein tolles, wunderbares Konzert von Aldous Harding erlebt, am Heimweg habe ich Leute in der wartenden Menge vor der roten Ampel angeplaudert und bin in unserem Haus wie in jüngeren Jahren die Stiegen in Zwei-Stufen-Sprüngen hinaufgelaufen, obwohl ich am Vormittag im Fitnessstudio war und sonst auch schon fast 15 152 Schritte absolviert hatte. So sehr hat mich das Konzert beflügelt. Apropos: mein Lichtengel hier hat immer noch ungleiche Flügel und das wird sich vermutlich nicht ändern, bis die eine Glühbirne kaputt gegangen sein wird. Aber das macht nichts. Aber auch dann ist es zwar ein wenig wahrscheinlicher, jedoch dennoch unsicher, ob eine Glühbirne mit exakt der selben Lichtstärke wie die andere eingeschraubt werden würde, aber – wie schon gesagt – eventuell wahrscheinlicher, weil die neue ja aus der gleichen Glühbirnenpackung genommen werden könnte wie die, aus der die jetzt stärkere genommen worden ist, oder? Aber – wie auch schon gesagt – es macht mir nichts aus, wenn die Lichtflügel ungleich leuchten (worüber könntest du sonst so „schön“ schreiben? - der innere Spötter), aber majestätischer wäre er, der Lichtengel, wenn beide Flügel die selbe, stärkere Lichtstärke hätten (So! Jetzt ist es aber genug - der innere Korrektor). Gut, ich lehne mich zurück, lege die Brille ab und lasse die Umgebung einfach auf mich einwirken (wenn er diesen Satz fertig geschrieben haben wird – der innere Spötter). Nein, vorher muß ich noch aufs Klo. Von Rhythmus und Bass her müßte das Lied jetzt aus den Boxen On Along The Watchtower sein, aber es ist zu laut im Moment, als dass ich den „Rest“ vom Song hören kann.

Nur einige Sekunden halte ich es aus, nur einfach dazusitzen, dann greife ich doch wieder zum Griffel, weil mich das alles hier so glücklich macht – auch noch das Konzert gestern. Ich würde das gern mit jemand face-to-face teilen, aber so geht es auch, mit stillem, aufgestautem Wohlwollen allem rundherum gegenüber.

Was so ein Baum im Blickfeld ausmacht! Die Platane da draußen ist ja auch wirklich herrlich (obwohl fraulich passender wäre, nicht wahr? - der innere Spötter). Was das Konzert gestern betrifft: sie spielten auch live so präzise und diszipliniert; das passt hier so gut. Keine Ausflipperei, und dennoch hatte ich den Eindruck, Frau Harding freue sich und taue richtig auf – wie gesagt, mein Eindruck; und ich war eher weit hinten (wie es auch zu deinem Leben passt – der innere Spötter) und habe ihr Gesicht und ihre Mimik nicht so deutlich sehen können – und der Funke ist wirklich übergesprungen. Auch die Stücke, die ich nicht kannte, waren mir gleich zugänglich und alles so toll gespielt und gesungen. Dieses Konzert gehört neben dem des Revolutionary Ensembles 1977 auf Schloss Moosham, denen des Art Ensembles of Chicago so um 1980 zu den besten Konzerten, die ich erlebt habe (wobei ich schon festhalten muß, dass ich nicht so viele Konzerte besucht habe; Geldmangel, Depression und Resignation begleiten mich doch schon fast mein ganzes Leben). Ich sage innerlich zur Platane, dass ich glücklich bin (und dass du zweieinhalb Cappuccini intus hast, auch? - der innere Spötter). Ich starre zum Lichtengel, sehe die Lichtstrahlen wie Sternspritzer abspringen und meine Augen füllen sich mit Tränen der Rührung (das sind die fragwürdigsten Momente! - der innere Korrektor). Laß mich!

Das Konzert des großartigen Revolutionary Ensembles (Leroy Jenkins, Jerome Cooper, Sirone = Norris Jones) damals wird für mein Empfinden immer das allertollste Konzert bleiben; ich glaubte tatsächlich, den Höhepunkt der Musikentwicklung miterlebt zu haben und dass es keine Weiterentwicklung mehr geben kann. Sozusagen das Ende der Musikgeschichte. Ich war völlig weg. Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank war dem nicht so, aber damals war ich völlig hingerissen. Und hingerissen war ich auch gestern beim Konzert von Aldous Harding.

Der Deckenventilator dreht sich schneller als die Erde sich um die eigene Achse dreht und wie schnell sich die Zeit und die Geschichte weiterdrehen, weiß ich auch nicht und muß ich auch nicht wissen. Heute ist mir das alles egal.


(24.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

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