4517 Lange Sommerhose
10:55 a.m. Im Espresso Burggasse. Standard zurückgelegt, Kleine Zeitung geholt. Der erste Cappuccino zur Hälfte ausgetrunken. Plötzlicher Drang zu schreiben, obwohl noch nicht alles gelesen. Ist das Trotz? (siehe Nummer 4516 Keinen Kopf machen). Heute habe ich keine REMbox mit! In der Hitze zu schwere Schlepperei (die Medien warnen vor Überanstrengung im Alter). Und jetzt? Ein Schluck Kaffee, die Kleine Zeitung/Ennstal/Todesanzeigen-Bezirk Liezen.
11:21 a.m. (Ich schreibe hald (sic!) so gern ante meridiem). Ohne REMbox weiß ich nicht so recht, was ich jetzt mit meinen Händen, meinen Augen und meiner Aufmerksamkeit anfangen soll. Gut, der Lichtengel wie immer; Cappuccino II und Schnittlauchbrot bestellt. Ich sollte mir vielleicht eine leichte lange Sommerhose zulegen; kann ich noch in der Öffentlichkeit meine nackten Beine herzeigen?
Ich verschiebe die Entscheidung bezüglich langer Sommerhose und esse das Schnittlauchbrot. Ich bin nicht der einzige Danebene hier – wie ich gerade an einer Gast-sucht-die-ausgestellten-Mehlspeisen-Szene ablesen kann. Heute ist die Musik weiblich (wie auch besagter Gast). Das Welttheater ist gar nicht so uninteressant. Ich schau mich um und genieße meine Abseitsposition (so gut es geht – der innere Spötter). Ja, ich finde es wirklich schön, elegisch und bedeutungsvoll, wie da die Menschen draußen vorübergehen und der leichte Wind die Zweige der Platane, die schon ihre Früchte ausbildet … denk beim Schreiben, dass du das alles zeitnahe eintippen mußt, denn es könnte ja sein, dass dich die Götter z’fleiß bei deiner lächerlichen, leicht durchschaubaren, folkloristischen und unglaubwürdigen Todessehnsucht erhören – im Gegensatz zu deiner Sehnsucht nach einem ordentlichen Lottogewinn, der dich von einigen deiner Sorgen befreien würde (und dir jede Menge neuer bescheren – der innere Spötter). Der – von mir aus gesehen – rechte Flügel des Lichtengels wird wirklich immer schwächer. Oh, gedankenlos habe ich ein vermeintliches Stäubchen vom Notizbuch gewischt, vielleicht jedoch war das ein kleines Insekt, das ich jetzt getötet habe. Wenn ja, muß ich mit den Konsequenzen leben. Ich beobachte die Gesten der Gäste in der Laube draußen und ziehe – gottseidank – keine Schlüsse daraus (was sich im Paralleluniversum abspielt, weiß ich natürlich nicht). Langsam werde ich unruhig. Bald breche ich zur Stadtwanderung durch die Hitze auf. Die junge Frau am Nebentisch scheint etwas Mathematisches zu lernen oder zu erarbeiten, aber was weiß ich.
(19.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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