Freitag, 19. Juni 2026

4513 Ganz wild

 



11:26 a.m.  Heute gehe ich es ganz wild an: der erste Cappuccino ist nicht einmal ausgetrunken, schon lege ich die REMbox auf den mit roter Resopalplatte versehenen, quadratischen Kaffeehaustisch, auf dem das blaue und das rote Lesezeichenbändchen der REMbox sowie das graue meines Notizbuches nahe beieinander liegend um farbliche Aufmerksamkeit buhlen. Der Lichtengel leuchtet immer noch asymmetrisch. Alte Hits aus den Boxen, aber wirklich fast nur die guten; das ist wichtig, denn ich bin nicht nostalgisch (jetzt zum Beispiel fifty ways to leave your lover). Ist es doch dieses Lied, das mir die Tränen in die Augen treibt oder dort der unperfekte Lichtengel, der so hoffnungsvoll seine ungleichen Flügel ausgebreitet hat und doch nicht fliegen kann? Ich bewundere den ganz gerade gewachsenen, rindenbunten Stamm der Platane draußen in der Laube, deren Zweige ganz lieb und leicht im einfühlsamen Wind schaukeln. Ich sehe nur den unteren Teil ihrer Krone, die sich wie ein riesiger Sonnenschirm über die Laube wölbt, aber jetzt beginnt, sich majestätisch tanzend - aber nicht kokett - hin und her zu drehen. Der Oldie jetzt ist mir zu konventionell; ich weiß nicht, wer das ist, kenne aber den Song, weil der damals unvermeidlich war.

Was zieht mich da alles an? (Weil diese Oldies vermutlich geremastert sind, oder weil die Anlage besser ist als mein kleines Kofferradio damals, haben sie bei aller Vertrautheit etwas leicht Entfremdetes, aber jedenfalls Schärferes, Klareres; die einzelnen Stimmen und Instrumente sind als individuelle Linien besser heraushörbar.)

Ich sollte jetzt etwas essen, obwohl ich nicht wirklich hungrig bin; ich weiß auch schon, was. Ich warte aber noch mit dem Bestellen und lege mein graues Notizbuchbändchen am roten Tisch quer über das blau-violette der REMbox; das ebenfalls angepeilte rote hatte es verfehlt. 12:00. Eleanor Rigby (das erste und vielleicht einzige Beatleslied, wo ich damals den Text zu verstehen versucht habe). Was weht mich da alles an?


14:39.  Jazz aus den Katscheliboxen. Ich starre auf die Leinwand, wo morgen früh das Fußballspiel gezeigt werden wird – so Gott will. Jetzt ist es im Lokal sehr ruhig, obwohl alle Tische besetzt sind. Ich bin es, der mit seinen blöden Witzen die Ruhe unbedingt stören muß. Was ist denn los? Ginge ich jetzt schnurstracks nach Hause, käme ich voll in die Abholzeit mit ihrem Gedränge im Vorzimmer; das muß nicht sein. So warte ich noch ein wenig ab. Draußen sitzt niemand. Die Stimmung ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm. Fragt sich, welcher Sturm, oder? Alle hier arbeiten an ihren Laptops oder Dings (Notebooks – der Tipper), nur ich schreibe händisch auf Papier. Nachdem die Posaune geblasen hat, klimpert das Klavier, alles sehr dezent, ausgewogen und … bis ein Handy düdelt. Bin ich froh, dass es nicht meines war (Präteritum: inzwischen hat es schon aufgehört; so schnell bin ich beim Schreiben nicht). Komm! Entspann dich! Leg Griffel und Brille weg und lehne dich zurück! Wieder Schweißbogen-Sternspritzer-Lichtreflexionen, diesmal von einer Frontscheibe eines Autos.


(16.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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