4510 Soundcheck
17:40. Durch die offene Lokaltür kommt der Zigarettenrauch herein. Draußen brennt die postgewittrige Sonne her auf den zum Teil noch nassen Asphalt. Zum kleinen Teil. Heute gibt es eine Lesung im Katscheli. Ich bin in die Vorbereitungs- und Aufbauarbeiten geraten. Von und über irgendwelche Spiegelungen blenden durch das Glas der offenen Lokaltür von Zeit zu Zeit irgendwelche Lichtflecken herein, deren Ursprung schon die Sonne sein müßte. Der Soundcheck läuft gerade, ich hätte ihn lieber vermieden, wenn ich es gewußt hätte (ich habe hier immer ohne technische Hilfsmittel gelesen), es kommt mir vor, als wäre ich in ein intimes Geschehen eingedrungen. Schreiben tue ich nicht, weil ich etwas zu sagen hätte, sondern aus Verlegenheit. Aber gehen will ich jetzt auch nicht; was kann ich dafür, dass der Beginn um mindestens eine halbe Stunde verschoben wurde? Ich bin heute schon 12 537 Schritte gegangen und will nun sitzen und rasten. Eigentlich fürchte ich mich vor dem, was mich da erwartet. Aber ganz hinten an der Wand, den Tisch als Barriere vor mir, könnte es gehen (auf meinem T-Shirt steht: noli me tangere!). Die Dächer der geparkten Autos blinzeln von je einer einzigen Stelle blendend beim Fenster herein. Selbst die Gesichter und nackten Oberarme der Menschen draußen in der Sonne schaffen ein Lichtstrahlbündel bis herein zu schicken. Mein Gott! Bei solchen Veranstaltungen bin ich so ein Fremdkörper! Ich gehöre auf die Bühne, Kanzel, in den Altarraum, auf ein Podest et cetera, niemals ins Publikum. Aus nicht so eindeutig herleitbarem Frust beginne ich, innerlich grantig zu werden (der Frust ist schon herleitbar – er will nur nicht nachdenken und sich die Sache genauer anschauen – der innere Spötter). Für Flucht ist es zu spät. Die abstrahlenden Sonnenflecken auf den Autodächern schauen wie der dichte Funkenflug beim Schweißen oder wie Sternspritzer aus und man kann die Lichtstrahlen abspringen sehen. Der Himmel schweißt ihnen ihre Egocontainer auf - auch nicht schlecht! Okay! Okay! Zurück ins Hier und Jetzt!
Jetzt werde ich plötzlich sehr müde. Ich gehöre nicht hierher. Ich meine nicht das Lokal; ich meine diese Welt. Ich weiß mir hier nichts anzufangen und alle meine Anläufe verlaufen im Sand. Wie ein Fluß, der nie das Meer erreicht (ist das hier und jetzt? - der innere Spötter). Nur dem Ventilator fühle ich mich verbunden, obwohl der ja nicht vergeblich kreist. Jetzt ganz, ganz schöne afrikanische Musik aus den Boxen. Wirklich wunderschön! Danke, Universum! Danke, Afrika! Der Wind hebt draußen die Sonnensegel und muß sie wieder fallen lassen. Gut, drei starke Schweißstellen an drei Autos draußen blenden mich noch und ein paar schwächere gesellen sich dazu. Gut, schweißt mich auf und laßt die Funken überspringen; ich bin bereit, in Licht aufzugehen. (Boah! Jetzt trägt er aber dick auf und überschätzt seine Kräfte, seine Containance und seine Hingabefähigkeit! - der innere Spötter)
(Die Lesung der Schriftstellerin war übrigens sehr toll! - der Tipper)
(13.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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