4502 Türen öffnen automatisch
10:30 a.m. Der Dienstag ist de facto mein fixer Espresso-Burggasse-Tag, wiewohl noch mehrere Tage dazukommen können. Aber auch die Herfahrt hat einiges zu bieten: mit der U2 ist das so: ab der Station Rathaus bis Karlsplatz fährt sie auf der zukünftigen U5-Strecke, die automatisiert sein wird und wo schon Bahnsteigtüren installiert sind und funktionieren, und das bedeutetet, dass immer alle – ich betone: alle – U-Bahntüren in jeder der Stationen automatisch öffnen und das Drücken des Öffnen-Knopfes an der U-Bahntür nicht nötig ist. Für mich ist das ganz simpel: dort wo es auch Bahnsteigtüren gibt, öffnen die Türen automatisch und das wird auch in jeder der betroffenen Stationen per Lautsprecher in den Waggons angesagt – und wo es die Bahnsteigtüren nicht gibt, muß man/frau den Türöffnerknopf wie bisher auf der U2 und immernoch auf allen anderen U-Bahnlinien drücken, wenn man ein- oder aussteigen will. Ich habe das schnell, nämlich nach der ersten Konfrontation mit diesem provisorischen System, kapiert und bin äußerst arrogant gegenüber den Luschis, die das nicht verstehen (wollen) und mit sinnloser Eifrigkeit die Knöpfe drücken. Noch dazu, wo ich den Eindruck habe, die Wiener Linien wollen es – aus Gründen, die ich nicht kenne, aber als technische vermute – nicht, dass man/frau bei Doppeltürenstationen diese Knöpfe drückt. Ich verachte regelrecht die Leute, die da mit wichtigem Gesichtsausdruck, aber dramhappert und deppert herumdrücken (besonders verachtet er dabei die Frauen, die sowieso die Tendenz haben, bei technischen Sachen die Ohren anzulegen und sich blöd zu stellen – denkt er zumindest, aber das schreibt er nicht hin, weil er sich nicht noch unbeliebter machen will, abgesehen davon, dass er sich mit seinem Beitrag ohnehin schon als Funktionsfaschist geoutet hat – der innere Spötter). Ich kann in diesen Situationen den Impuls, den Leuten, die verschlafen, ignorant oder realitätsverweigernd diesen vermaledeiten Knopf unbedingt und unbelehrbar drücken wollen und schon trancemäßig auf diesen zusteuern, laut zurufen: „Halt! Stopp! Nicht!“ und wenn sie zum Knopf hinlangen, ihnen auf die Finger zu klopfen. Ich kann diesem Impuls also kaum widerstehen. Mein Kompromiss zwischen meinen Impulsen und den gesellschaftlichen Normen ist, dass ich – wenn ich auf dem Weg hierher beim Volkstheater aussteigen will – gleich nach der Station Rathaus mich vom Sitzplatz erhebe, mich ganz bis zur U-Bahntür dränge und mit meinem mächtigen Körper den Zugang zum Druckknopf verstelle.
Und heute war noch etwas: ich steige beim Volkstheater – niemand hatte es gewagt, den Knopf zu drücken - aus – ich hatte mich in der U2 genau in den Waggon und an die Tür platziert, wo ich direkt zur Rolltreppe zur 49iger-Haltestelle hinauf komme – mache die paar Schritte zur Rolltreppe, besteige sie, als ich sehe, dass der junge Mann vor mir zu laufen beginnt, weil er von seiner Position weiter oben schon sehen kann, dass eine 49iger-Straßenbahn in der Station steht und jederzeit losfahren könnte, renne auch ich los – so gut es geht: Knie, Kreuz – und dem Mann vor mir zur Straßenbahn nach. Eine Sekunde und Millimeter, bevor er den Türöffnerknopf erreicht, hat jedoch der Straßenbahnfahrer den Türöffnungsautomatismus ausgeschaltet und die Tür geht nicht mehr auf. Darauf zeigt der junge Mann von ganz hinten nach vorne dem Fahrer den Stinkefinger und ich mache es in seinem Windschatten, aber gut sichtbar ebenso. Da aber schaltet der Fahrer die Türöffnerelektronik wieder ein und wir können einsteigen (möglicherweise hat er dadurch eine Grünphase der entscheidenden Ampel verpasst). Als ich dann Haltestelle Kirchengasse aussteigen will, gehe ich ganz nach vorne und spreche gegen das geschlossene Kommunikationsgitter der Fahrerkabine „ich möchte mich für den Stinkefinger entschuldigen!“, weiß aber nicht, ob der das überhaupt gehört hat. Deshalb drehe ich mich nach dem Aussteigen um und blicke von außen vorne in die Fahrerkabine und lächle den Fahrer an und tippe mit meinen beieinander gehaltenen rechten Zeige- und Mittelfinger auf den Schirm meiner Kappe und auch er lacht und hebt – ein wenig müde? – grüßend seinen Arm.
Das auf dem Weg hierher. Nun also sitze ich im Espresso Burggasse, habe die Zeitungen schon gelesen und werde bald meinen zweiten Cappuccino bestellen, vielleicht auch ein Schnittlauchbrot (köstlich! Mit aufgeschlagener Butter!), blicke kurz zum asymmetrischen Lichtengel – der linke Flügel scheint immer schwächer zu leuchten – aber vorher werde ich mein Handy checken. Mein rechter Arm ist von der Schreiberei schon müde, darum wende ich mich der REMbox zu.
11:24 a.m. Creedence Clearwater Revival aus den Boxen (heute scheinen sie wieder auf Nostalgietrip zu sein (Rolling Stones, sogar Cream … wirklich nicht die Schlechtesten. Dabei sind die Kellner zu jung, um für diese Musik nostalgische Gefühle zu hegen). Auf meinem Leiberl übrigens steht: Lieber nicht! (Crosby, Stills, Nash and Young – genau genommen weiß ich nicht, ob mit oder ohne Mr. Young). Jetzt tritt gerade eine Pattsituation ein, sowohl was das Wetter draußen, als auch was meine Impulse betrifft. Dabei schreibt mir meine Armbanduhr, ich solle mich bewegen und läßt am Display so ein Männele tanzen, aber ich habe einen kindischen Widerstand gegen solche kindischen Aufforderungen. Aus Verlegenheit und ratlos greife ich zur REMbox. Aber die tausendste Betrachtung meiner „verschollenen“ Bilder (in dieser Sache war ich mir mein eigener Nazi) bringt mir heute auch nichts (Griffel weglegen wäre eine Option – der innere Spötter). (Jetzt wieder die Rolling Stones.) Ich betrachte den Unterschied von Lichtstärke und Schatten zwischen der kristallinen Deckenlampe und ihrer Spiegelung im Fenster (den Hit kenne ich auch, aber … doch Rolling Stones … oder doch nicht? - ich bin verwirrt … nein, nein, sicher nicht, aber ich weiß nicht wer). Salzkristalle auf meiner Haut (vom Essen des Schnittlauchbrotes! In China ist ein Sack Reis umgefallen – der innere Spötter).
Gewasserten Frucht- und Gemüsesaft bestellt (das wird ein Scheiß-Text, mein Freund! - der innere Spötter). Der bewässerte Saft schmeckt köstlich! (deine depperten Wortspiele sind auch fürn Hugo! Und fällt dir nichts anderes ein als das köstlich!? - der innere Spötter). Zu viel Rolling Stones gehen mir doch auf die Nerven, ich weiß nicht, ob das an der Quantität oder der Qualität der gespielten Nummern liegt.
An einer Schriftstellerkarriere kann ich nicht arbeiten, ich gehöre zu denen, die entdeckt werden müssen (und dann würde er sich noch ausführlich zieren! Er hat eine Scheißangst vor Erfolg! - der innere Spötter), abgesehen davon, dass mein Alter … (was jetzt! Schreib eine ordentliche Aussage hin! Sei nicht so denkfaul! Die drei Punkte … sind feig! - der innere Kritiker).
Diese Unruhe in der Ruhe vor dem Sturm; diese Pattsituation; diese – scheinbare! - Unentschiedenheit, wo doch schon längst alles beschlossen ist; diese Illusion über die Möglichkeiten des Eingreifens, wenn die Schicksalsmechanik schon abzulaufen beginnt; diese Hin und Her – innen und außen; dieses unangebracht wirkende Aufgescheucht-Sein, dabei ist es absolut angebracht, wenn es auch schon fast zu spät ist; eilt alle in die Luftschutzbunker! Aber auch ich bleibe sitzen und trinke langsam meinen köstlichen Saft. Es wird Zeit, dass endlich die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt! Die Musik irritiert mich immer mehr, nicht, weil sie schlecht wäre, sondern weil sie mir bekannt und in meinen Tiefen der Erinnerungen abgespeichert vorkommt, aber ich keine Ahnung habe, wer da spielt. Vielleicht sind es unbekannte Nummern bekannter Bands oder Sänger (heute nur männliche); vielleicht sind sie remastered und mir deswegen etwas entfremdet, … . Das mit dem Saft war eine gute Idee! (jetzt hau ich dir bald das Schreibzeug aus der Hand! Nimmt dein Klumpert und geh! … heim! – der genervte innere Kritiker.)
(9.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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