4499 Spielverderber
12:45. Ich sitze im Weltcafé ausnahmsweise auf der wunderbar schattigen Terrasse draußen an diesem heißen Tag, somit im Raucherbereich, und hoffe, dass mir das Geschehen in der Schwarzspanierstraße Beschreibungsmaterial liefert. Im Moment allerdings habe ich einen großen Durchhänger, aber schon kommt der üblicherweise bestellte Cappuccino. Es ist wirklich ein Weltcafé: zwei Tische weiter reden drei junge Damen Tirolerisch! Die anderen Tische kann ich nicht gut genug abhören (Spionageausrüstung wäre nicht schlecht!). Was sie alle reden, verstehe ich sowieso nicht. Und: der Wind versucht meine aufgeschlagene Notizbuchseite umzublättern. Versitze ich hier einen begehrten Essplatz beim ledigen Kaffeetrinken? Meine Skrupel scheinen unausrottbar. Damit kann ich schon leben, wie mit meiner Morgenangst, dem knappen Budget, dem zumindest unsicheren gesellschaftlichen Status, den Besenreisern an den Beinen, den zur Zeit moderaten Knie- und gelegentlichen Kreuzschmerzen, der zunehmenden Vergeßlichkeit (jetzt passiert es ihm schon, dass er ein Wort mit doppel s schreibt und dann auf ß korrigiert; er wird bald widerwillig, aber doch auf die neue Rechtschreibung umgeschaltet haben – der innere Spötter), der Weltfremdheit, meinem Fremdkörperdasein, weniger mit den lästigen Stoff- oder Plastikmarkerln oben innen am Kragen der T-Shirts, die mich ständig am Hals kratzen, aber wieder gut mit dem Anblick von kurzbehosten oder -berockten oder -bekleideten Damenbeinen (es ist nicht so schlimm, wie es klingt; das findet er hald (sic!) witzig; verzeiht es ihm, er wurde noch in den Fünfzigerjahren grundsozialisiert - der innere Spötter), und mit Kaffee, der mich schon optimiert hat, stimmungsmäßig (später dann und bei Überdosierung macht ihn der Kaffee weinerlich – der innere Spötter). Vorhin habe ich gelesen, dass es für die Haut gesünder ist, nur zwei- oder dreimal die Woche zu duschen! Ich hab’s gewußt! Ich hab’s gewußt! Zurück in die Schwarzspanierstraße: die Tischbesetzung nebenan wechselt (es hat rundherum schon mehrere Wechsel gegeben, aber er ist mit dem Schreiben nicht nachgekommen – der innere Spötter).
13:30. Der große Narrenturm wölbt sich hinter der niederen Hecke auf der kleinen Böschung vor dem richtig blauen Himmel fast erschreckend nahe zu mir her, als ich aus dem Tietzetor getreten bin, obwohl der Abstand reichlich sein müßte. Ich lehne mich an die schattige Hausmauer und schaue zum alten, sonnenbestrahlten Rundbau hin (das ist es für jetzt, länger mag er nicht stehen und krampfhaft das Notizbuch mit der Unterkante an seinen Bauch pressen um zu schreiben – der innere Spötter). Ich lasse den Wind die Notizbuchseite umblättern, weil sie vollgeschrieben ist. Hoffentlich weht er mir in Dankbarkeit neue Ideen zu (naja, die Sache spielte sich in Wahrheit so ab: der Wind will seine Seite umblättern, erhält das Blatt nieder, schreibt den Satz Ich lasse den … ganz unten am Rand der Seite hin, weil er die Idee hat, den Wind tatsächlich die Seite umblättern zu lassen, die aber erst jetzt, nach obigem Satz, voll ist; als er aber den Wind dann umblättern lassen will, kommt dieser aus der anderen Richtung und drückt das Blatt nieder – der innere Spielverderber).
(8.6.2026)
©Peter Alois Rumpf Juni 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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