4532 Das ist der Deal
11:08 a.m. Wunderschöne, unbekannte Musik aus den Boxen des Espresso Burggasse. Ich unterbreche sogar die Falterlektüre. Es ist mir schon peinlich, aber: wieder Tränen in den Augen. Ich mag einfach traurige Musik (auf meinem T-Shirt steht: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit/Jugend). (Du hättest zwei Leiberl machen sollen: eines mit Kindheit und das andere mit Jugend – der innere Spötter.) Ich lese weiter in den Zeitungen. Soeben habe ich ein wichtiges Zitat von Tocotronic im Falter gelesen: „Wer ich sagt, hat noch nichts gesagt.“ (dabei hat er das w in wichtiges so schlampig geschrieben, dass das auch als n, das Wort also als nichtiges gelesen werden kann – der innere Spötter.) Zuerst bin ich gleich sehr eingeschüchtert und stimme dem Zitat zähneknirschend zu. Dann allerdings kommt mir die Erkenntnis: Wer er, sie, es, das Essen, der Lichtengel, die Boxen, Autoverkehr, Bachmannpreis, Klagenfurt, Cappuccino, Falter et cetera sagt, hat auch noch nichts gesagt. Respektive noch nicht viel (so viel gestehe ich zu).
12:14. Halte ich noch einen zweiten Cappuccino aus? Oder wird es mich umhauen? Ich sitze da, schiebe meinen Pilotstift mit dem Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger nach vorne, und dann mit Daumen und Mittelfinger (!) wieder zurück und lauere auf Eingebung, Erkenntnis und Erlösung. Ich hätte auch noch gern enorme Erhöhung des Einkommens dazu geschrieben, aber das sehe ich ein: das kann man hier und so nicht bekommen. „Der Wundertäter war von hohem Wuchs“ hat Daniil Charms seinen Schriftsteller in der Erzählung Die alte Frau schreiben lassen, aber ich bin nur 177 – wenn ich mich richtig erinnere und noch nicht allzu sehr geschrumpft bin. Ich rufe den einflügeligen Lichtengel zu Hilfe (wegen der enormen Erhöhung des Einkommens), aber mache mir wegen seiner Versehrtheit nicht allzu große Hoffnungen (ich muß lachen, weil auch mein Vater nur einen Arm hatte!). Wie es ausschaut, ist für viele das Ich-Schreiben höchstens zur Lösung einer Schreibblockade erlaubt, aber wenn diese überwunden ist, muß man die Ich-Texte vernichten. Ich aber: erstens streiche ich nichts, und zweitens schreibe ich sowieso nur gegen meine Blockaden, möglicherweise. Und weil das viele meiner LeserInnen (Ha! Ha! Ha! - der innere Spötter) nicht wissen werden: ich bin schon ein Auftragsschreiber! Meine liebe Frau erwartet jedes Wochenende so ungefähr fünf bis zehn Texte von mir, die sie lesen will. Das ist der Deal.
Ja gut, dann wäre jetzt die Zeit, nach Hause zu wandern - bevor das Gewitter kommt - und dann die letzten vier, fünf Texte einzutippen.
(1.7.2026)
©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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