Dienstag, 5. Mai 2026

4450 Zum Angeben

 



13:13.  Der Lichtengel strahlt wieder zweiflügelig, aber jetzt der – von mir aus gesehen – linke Flügel doppelt (mindestens!) so stark wie der nun verkümmert wirkende rechte (von mir aus gesehen). Ich habe lange überlegt, ob ich heute schon wieder die Reise in mein Lieblingscafé antreten soll und jetzt bin ich froh, dass ich hergekommen bin. Der in kleinen Schlucken einverleibte Kaffee wirkt schon und Weite und Freude und Wohlgefühlt haben von mir - sagen wir ruhig: Besitz ergriffen. Die REMbox habe ich trotz innerer Bedenken wieder auf den Tisch gelegt – recht spät nach meiner Ankunft zwar, aber schließlich doch – darin gelesen habe ich noch nicht. Das Handy zeigt keinen Rückruf – den habe ich auch nicht wirklich erwartet. Mein Blick bleibt beim Lichtengel hängen: der linke Flügel strahlt so kraftvoll und betörend! Es ist schön, wenn man einen Mann sieht, der errötet – aber trotzdem schaue ich sofort weg, weil – ich weiß nicht – es ist ja eine Art Intimität, die der Betroffene vermutlich nicht preisgeben wollte. Ich sollte wieder Zeitung lesen – schreibt mir irgendwer im Inneren vor.


13:53.  Zum ersten Mal blicke ich heute bewußt beim Fenster hinaus in den kleinen Gastgarten unter den zwei Platanen und auf die Burggasse und auf die vorbeiwandernden PassantInnen. Sloop John B. von den Beach Boys fällt mir ein, obwohl aus den Boxen etwas anderes kommt, aber Sloop John B. hätte gut gepasst. Die gegenüber liegende Häuserfront ist sonnenbeleuchtet, nur die vorbei fahrenden Autobusse können die – aus meiner Sicht – Gegenlichtbeleuchtung mit ihrem übergroßen Körperbau kurz dämpfen. Es wird Zeit, in die Sonne zu gehen (sicherheitshalber mache noch einen Blick in die REMbox, damit es nicht so ausschaut, als hätte ich sie nur zum Angeben auf dem Tisch liegen).


(5.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4449 Geschafft

 



0:20 a.m.  Ich atme tief ein und aus und bin froh, dass ich diesen Tag geschafft habe und letztlich gar nicht so schlecht. Aber ausgelaugt bin ich von den Ängsten und Anstrengungen. Darum werde ich jetzt schlafen. Der schwarze Holzrabe am Fenster hat wieder seine weißlich-gelbe Aura (des Schreibers Pilotstift ist übrigens auch gelb, schreibt aber schwarz – der innere Spötter).


(5.5.2026)


©Peter Alois Rumpf   Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4448 Ein gutes Zeichen

 



11:56.  Ich sitze in Hof 5 unter den einander überlappenden Kronen einer Rosskastanie und einer Linde (ziemlich genau in der Mitte). Natürlich (und das heißt freilich unnatürlich) muß irgendwo in einem anderen Hof eine Baustellenmaschine röhren. Der Lindenbaum hat schon geblüht, die Kastanie blüht jetzt und wird von Biene & Co besucht. Ein angenehmes Lüftchen weht; ich spüre es auch als leichten Druck im Ohr. Die Kirchenglocken rundherum läuten den Mittag ein; wie ich dieses Geläute liebe! Das praktische und verwertende Gesurre eines Baustellenkrans vielleicht stört die Schönheit und den Klang der durch das Geläute irdisch hörbar gemachten Sehnsucht nach Transzendenz (Transzendenz – auch so ein blödes Wort, aber mir fällt auf die Schnelle kein besseres ein). Der Kragen meines Sakkos drückt auf meinen Nacken; ich zupfe es zurecht. So ist es besser. Und nun das unvermeidliche Flugzeug: nieder, laut, aufdringlich, beängstigend und viel zu billig. Ich muß aufpassen, dass ich in meiner Not nicht zu arrogant werde: die Passanten kommen mir so unzulänglich vor, aber besser für den Überlebenskampf ausgestattet (klar, das ist so eine unlautere Projektion, und das weiß er auch – der innere Spötter). Es ist ein schöner Platz hier an diesem sommerlichen Tag. Ein Folgetonhorn, dann eine Taube, dann ist es ziemlich ruhig, das Gezwitscher in den Bäumen stört die Ruhe nicht (ist aber auch dem Überlebenskampf geschuldet – der innere Spötter). Ein seufzender Atemzug, ein gutes Zeichen!


(4.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4447 Bannungsversuch

 



6:09 a.m.  Die Angst ist heute so heftig eingefahren, dass mir übel ist. Innerlich schreie ich vor Angst und kann mich kaum auf einen klaren Gedanken konzentrieren. Es herrscht absoluter Alarmzustand und mit dem, was da auf mich zu kommt, bin ich vollends überfordert (zum Beispiel kenne ich mich überhaupt nicht damit aus, wie ich nach der Abschaffung des Tan-Codes von meinem Konto Überweisungen tätigen kann. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich die notwendigen Voraussetzungen für den neuen Zugang auf meinem Laptop installieren kann. Das nur als ein Beispiel).

9:35 a.m.  Die Angst ist noch da, schwächer zwar, aber sie hat mich bis in mein Lieblingslokal begleitet. Der Lichtengel leuchtet gar nicht mehr und irgendwas passt immer noch nicht. Ich aber halte mich tapfer; ich gebe nicht auf. Immer wieder sage ich mir vor: es muß nicht elegant sein, ich muß nur irgendwie durch. Bis es vorbei ist. Die REMbox habe ich auf den Tisch gelegt, aber heute wirkt sie sehr fremd. Trotzdem gebe ich sie nicht weg. (Aindschä aus den Boxen; ja, ich rufe auch nach dem Engel!) Etwas essen, um mich noch besser zu festigen? Mich schaudert’s. Die Rolling-Stones-Nostalgie hilft mir nicht nur nichts, sie ist mir auch unangenehm. Damals waren doch auch Scheißzeiten. Ich bestelle eine Eierspeis (Monatsbeginn); schlechtes Gewissen habe ich sowieso; das ist auch schon egal.

10:06 a.m.  Nur langsam scheint sich die blanke Angst aufzulösen. Das zweite Frühstück scheint mir gut getan zu haben. Eigentlich wäre heute Fitness angesagt gewesen, aber so voller Angst wollte ich nicht ins Fitnessstudio (wie wohl das Training vermutlich gegen die Angst geholfen hätte, aber so paralysiert und ohne innere Schutzschilder habe ich mich der unterschwellig immer mitschwingenden Angst vor den starken Männern dort nicht auch noch zu stellen getraut). Ich könnte in der REMbox blättern.

Jetzt ist wirklich das Ärgste vorbei: heute hat es zirka fünf Stunden gedauert, um aus der Angst herauszukommen. Das ist länger als sonst. Mir fehlt einfach etwas Grundlegendes, um im normalen Leben einigermaßen zurecht zu kommen. Das darf ich mir jedoch nicht vorwerfen (dürfen schon, aber es bringt dir nichts – der innere Spötter). Danke, innerer Spötter, dass du auch wieder da bist. Das ist ein gutes Zeichen. Glaube ich zumindest. Wie wird das noch weitergehen? Außerdem bin ich zu dick (aha! Jetzt rattert diese innere Maschine wieder, aber wenn du dafür Energie hast, geht’s dir wirklich besser – der innere Spötter).

10:47 a.m.  (Dass ich nicht nur zu Beginn der Schreibsitzung oder nach einer längeren Pause die Uhrzeit notiere, sondern schon alle Pfiff’, ist wohl noch der Angst geschuldet, die noch immer irgendwo in mir lauert und von der ich befürchte, dass sie gleich wieder losschlägt. Die Uhrzeit-Notiererei ist Bannungsversuch.)

Manchmal zeigen sich auch Stücke einer angenehmeren Realität, aber gleichzeitig weisen sie mich ab (mit diesem kryptischen Satz will er etwas sagen, das er nicht verraten will – der innere Spötter).

Gar nichts! steht auf meinem T-Shirt und das stimmt. Jetzt kommt langsam die Trauer näher. Sie ist mir viel lieber als die Angst. Irgendwas geht hier im Lokal vor, ein kompetent auftretender – was mich mißtrauisch macht – Mann erklärt und begutachtet oder so ähnlich. Wird hier umgebaut werden!?! Oh! Oh! Oh! Ich bin skeptisch! Meine Welt droht zusammenzubrechen: zuerst der Kontoscheiß, dann die leichte REM-Überforderung, der Teilzusammenbruch des Bettes, und jetzt wird mein Lieblingslokal umgebaut!?! (gemach! gemach! - vielleicht deutest du das alles falsch! - der innere Spötter).

Gott-oder-wer-oder-was-auch-immer-sei-dank, nein. Laut Auskunft ist es nur eine Kontrolle irgendeiner Behörde oder Ähnliches; kein Umbau! Bin ich erleichtert! Jetzt schaut die Welt gleich wieder freundlicher aus.


(4.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4446 Der Wind

 



13:10.  Der Wind ist heute im Gänsehäufel sehr heftig; es rauscht nur so in den Bäumen, hauptsächlich alte Pappeln und die anderen? Eschen? Kann das sein? Oder doch irgendeine Weidenart? Mein Vater hatte schon mit mir geschimpft, weil ich die einheimischen Pflanzen und Bäume nicht kannte; gezeigt und erklärt hat sie mir aber auch nicht. Der Löwenzahn ist großteils schon verblüht und wird bald seine Samen losfliegen lassen (übrigens: was beim Menschen und Tieren Samen heißt, heißt in der Botanik Pollen – der innere Spötter). Der Wind läßt die Bäume so laut rauschen, dass man sogar das Krähenpalaver kaum hören kann. Und Richtung Sonne glitzert das vom Wind aufgewühlte Wasser breit und lebhaft. Ein wenig kühl, wenn ich im Wind aufrecht im Klappstuhl sitze. Von Zeit zu Zeit fahren die Windböen ganz wild in die runde Halbinsel, dass es sogar – gottseidank – den unangenehmen Lärm der beschallten Boote verträgt und übertönt. Der starke Wind, wie er die Äste und Zweige und die jungen Bäume überhaupt biegt und rüttelt und über die Insel braust, erzeugt durchaus eine Ahnung der Ungezügeltheit und Kraft, zu der die sogenannte „Natur“ fähig ist. (Jetzt werde ich in einem Heft über Dschingis Khan lesen. Wie passend.)


(3.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com