Dienstag, 26. Mai 2026

4479 Manikürzeug

 



15:00.  Kann ich etwas Neues aus dem Gänsehäufel berichten? Nein, nichts Neues unter der Sonne: die Kinder jenseits der Hecke schreien, der Wind läßt von Zeit zu Zeit die Pappelblätter zittern, auch die Lichtreflexionen auf dem Wasser blinken, manche Schatten tanzen, meine Frau schläft auf der Decke, wacht auf, schaut sich um, überlegt anscheinend etwas und nimmt dann die leere Flasche, um Wasser holen zu gehen. Pfingstsonntag. Wo ist der Heilige Geist? Der weht angeblich auch, wo er will. Und schon fährt mich ein Windstoß an (Echt jetzt? - der innere Spötter). Ist das ernst gemeint, frage ich den Wind. Das ferne Grummeln eines Flugzeugs (heute anscheinend sehr wenige, oder habe ich sie bis jetzt nicht registriert?). Die Häuschen am Ufer, dahinter die großen Wohnanlagen; Donaustadt eben. Pappelsamen fliegen langsam herunter, außer der Wind taucht ihnen ordentlich an, dann fliegen sie quer von rechts nach links. Es stinkt nach Zigarettenrauch. Auf dem Wasser die bescheuerten Plastikboote mit Palme (vielleicht sind die in ihren Kübeln sogar echt; das kann ich von hier aus nicht verläßlich feststellen). Vom Nagelbett meines linken kleinen Fingers steht ein Hautstückchen ab und beginnt mich zu nerven. Manikürzeug habe ich nicht dabei. Eine kleine Ameise besucht die aufgeschlagene Notizbuchseite und wendet sich mit Grausen ab, verheddert sich jedoch in der Behaarung meines rechten Oberschenkels. Soll ich wieder eine Wanderrunde durchs Gelände drehen? Ich brauche noch einige Schritte zum Plansoll zehntausend Schritte. Ja, warum nicht. Und nachher ins Wasser.


18:01.  Es wird Abend. Die Hitze hat sich verflüchtigt, zumindest hier am Wasser unter den Bäumen, durch die ein ständiger Wind geht. Die Schatten sind größer und länger geworden und viele Besucher brechen auf. Ich nehme die Kappe ab und werfe sie ins Gras, denn der Schatten, in dem ich sitze, ist dicht und stark. Das Glitzern des Lichts am Wasser wirkt schon etwas schwermütig. Abschied. Wir brechen jetzt auch auf.


(24.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4478 Besonders groß

 



9:31 a.m.  Heute war die Angst am Morgen besonders groß. Ich bin sie immer noch nicht ganz los. Es geht immer um mein Leben: zuerst der Traum, wo ich nicht weiß, wo ich bin und wo ich hingehöre, wo ich wohne und mich einfach mit nichts auskenne und zurechtfinde. Dann die Erinnerungsfetzen aus meinem Leben, alle unmöglich und schwer auszuhalten, oder einfach nur peinlich, und der körperliche Eindruck, die Angst frißt mein Inneres auf. Das alles wiederum vermischt mit neuerlichen Traumfragmenten, oft nur eine einzelne Szene, die mich in diesem gelähmten Zustand angeht. Auch jetzt kann ich mich kaum wach und aufrecht halten.


(24.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 202   peteraloisrumpf@gmail.com

4477 Das Schwimmen

 



14:49.  Im Garten bei den vielen Hollerbüschen habe ich gerade einen Durchhänger. Ich bin müde und erschöpft, kraftlos, aber der Holunder duftet und der Autoverkehr rauscht, die Vögel singen (heute habe ich zizibee herausgehört), Kinder jenseits der hohen Hecke rufen in ihrem Spiel. Mächtige Roßkastanienbäume und noch mächtigere Pappeln, eine leichte Brise, der Himmel blau, nur ganz wenige weiße Wolken am Horizont, ein paar wenige Schleier, eine Waldtaube ruft ihr guruguruuh. Die Laube gewährt mir Schatten und Schutz. Ein Kinderfahrrad steht ungerührt in der frisch gemähten Wiese. Ein blauer Fleck auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite. Mein Magen knurrt. Schmetterlinge (ich sehe nicht so viele), eine Krähe ruft und eine andere antwortet, ein Flugzeug mit Kondensstreifen. Mir ist es fast ein wenig zu heiß und zu sonnig. Schnell beschleunigte Autos weiter weg, klingt fast wie ein illegales Autorennen; Folgetonhorn während ein Plastikbehälter auf Steinplatten verschoben wird (es klingt so, sehen kann ich es nicht). Ich bin so müde, eine Fliege landet auf meinem letzen Knie, Badekleidung hängt zum Trocknen in der Sonne; ist das dort eine junge Libelle? Die Fliege vom Knie ist jetzt auf die aufgeschlagene Notizbuchseite gelaufen und rennt dort hektisch und nervös, wie in Panik, hin und her, bevor sie wieder auf das Knie zurückkehrt und dort verweilt. Das vermeintliche Autorennen könnten auch Motorräder gewesen sein, fällt mir jetzt ein. Aber so deutlich habe ich das Geräusch nicht mehr im Ohr, als dass ich das sicher überprüfen kann. Ein Flugzeug ist zu hören, aber ich sehe es nirgends. Oder doch: ganz hoch oben, der Kondensstreifen ist schon fast zur Gänze aufgelöst. Meine liebe Frau will, dass ich mit ihr schwimmen gehe.

Schön war’s, das Schwimmen. Erfrischend.


(23.5.2026)


©Peter Alois Rumpf   Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4476 Epstein

 



16:34.  Bin im Leo. Im Traum kann ich durch Wände gehen steht auf meinem T-Shirt, obwohl ich mich an keine solche Traumszene erinnern kann. Woran ich mich erinnern kann, ist, dass mir heute Jeffrey Epstein im Traum erschienen ist. Er sitzt mir gegenüber und sagt: „Was machen wir noch mit dir!?!“ Das hat durchaus besorgt geklungen, dass er mich alte, gescheiterte Existenz nirgends mehr beruflich und gesellschaftlich unterbringen kann. Ich bin so eingekrümmt gesessen – in etwa wie mein realer Körper in meiner seitlichen Schlafposition – der Brustkorb zusammengedrückt, die Arme vor die Brust gepresst. Epstein macht meine Körperhaltung nach – durchaus im ernsthaften Versuch, meine Lebenssituation zu verstehen, um mich gesellschaftlich und beruflich adäquat einsetzen zu können. Wie ein Coach, der probiert, aus mir doch noch etwas zu machen. Vielleicht wollte er mich auch auf meine selbstbehindernde Haltung aufmerksam machen. Ich habe immer nur gesagt: „Mir ist kalt! Mir ist so kalt!“ Mehr habe ich nicht geträumt. Von Sex war nicht die Rede; das Thema war gar nicht da. Sehr eigenartig. Sehr, sehr eigenartig.

Zurück ins Leo. Fensterplatz. Gegenüber auf der anderen Straßenseite der Radfux. Le… ah! Die Family ist gekommen und will draußen sitzen.


(22.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4475 Stille Fröhlichkeit

 



22:35.  Das Fenster habe ich soeben geschlossen und ein wenig tanzt der hölzerne Fensterrabe noch. Heute bin ich nicht übermüdet und meine Augen sehen so weit noch klar. Still ist es, ich habe meine Füße mit den Zehen hochgestellt, während sich die Fersen in die Matratze pressen, damit meine herangezogenen Beine nicht davonrutschen. Still ist es, und eine seltene, aber häufiger auftauchende ruhige Fröhlichkeit umhüllt mich. Irgendwo scheppert kurz ein Fenster. Oder eine Tür. Jetzt gehen doch die optischen Verschiebungen los – zum Beispiel wirkt es so, als würde die frankophone Schweizerin wie in einem Lift abwärts fahren, aber sie rührt sich nicht von der Stelle. Diese optischen Verschiebungen stören mich gar nicht. Ich finde sie interessant. Ich bette mich jetzt zum Schlafen. Und wenn ich noch nicht einschlafen kann, will ich nur in die stille Nacht lauschen. Hier, mitten in der Stadt.


(21.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 21. Mai 2026

4474 Gegessen werden alle

 



10:18 a.m.  Heute wieder das köstliche Schnittlauchbrot; für den Pfingstmontag habe ich nach einem Blick in die Frühstückskarte schon etwas Üppigeres anvisiert, aber bereits wieder vergessen (kein Problem! Steht ja eh in der Karte, gell?! - der innere Spötter). Gerade schlage ich die treu mitgeschleppte REMbox auf, schon ist das Schnittlauchbrot da. Ich werde mich auch heute bemühen, alle Schnittlauchstückchen, auch die beim Abbeißen vom Brot gefallenen, aufzulesen und zu verspeisen. Und richtig! Ein Schnittlauchstückchen ist schon beim Anheben und ersten Biß (Biss schaut mir zu sehr wie Pisse aus) vom Tablett mit dem Brot zum Tablett mit dem Cappuccino rübergesprungen. Ein zweites muß es ihm von mir unbemerkt nachgemacht haben – ich entdecke es unterm Mannerschnittchen beim Kaffee versteckt. Eines ist im weiteren Verfahren der Nahrungsaufnahme auf die rote Resopaltischplatte gehüpft, eine weiteres hat es nur auf die äußerste Kante der Brottabletts geschafft. Gegessen werden alle; sie sollen nicht umsonst gestorben sein (und wenn sie irgendwo verrotten, wäre es umsonst? - der innere Spötter). Sicherheitshalber, wer weiß, wo sie sonst landen. Aber stimmt, die Gesamtmenge der Energie im Universum wird vermutlich gleich bleiben, oder? Kann mich wer physikalisch, kosmologisch und teilchenphänomenologisch aufklären? (Wie weit ist es literaturassoziatorisch von Tablett zu Tablette? - der innere Spötter.)

Der Lichtengel übrigens leuchtet heute nicht (ich glaube nicht, dass die Lampe kaputt ist, ich vermute, dass sie nicht eingeschaltet wurde). Macht nichts! Er ist ja geistig-geistlich da (Ähem!! - der innere Spötter). Die Musik ist angenehm. Eigentlich habe ich auch hier nicht zum Fenster hinausgeschaut, aber jetzt habe ich kurz die im Glas der geöffneten Eingangstüre sich spiegelnden Passanten in ihrem Vorbeigehen betrachtet. Den Wind in den Platanenzweigen zu erwähnen mag schon eine unzulässige Wiederholung sein, aber der Wind in den Zeigen ist einfach Realität. Um die geht es doch auch, oder?


11:52 a.m.  (Damit ich auch wieder einmal eine Uhrzeit aufschreibe.) Ich starre ein wenig ins vollgefüllte, leere Chaos der kaum sortierten optischen Wahrnehmung (zwischen den Dingen, die sich auch spiegelnd überlagern können, ist viel leerer Raum). Darum hole ich mir jetzt wieder eine Zeitung.


12:23.  (Um wieder einmal eine Uhrzeit bekannt zu geben.) Es müssen Wolken die Sonne verdecken und ich lasse das graue Lesezeichenbändchen meines Notizbuches, das auf dem roten Tisch gelegen ist und mir so in dieser ambientalen Konstellation irgendwie uncool vorgekommen ist, mittels Aufheben des an die Tischkante gelehnten Notizbuches in den dadurch entstandenen Spalt zwischen letzterem und dem Tisch fallen, wo es jetzt einfach herunterhängt und auf dem Oberschenkel meines überschlagenen Beines zu liegen kommt. Ein rotes Palästinensertuch im Lokal stört und beunruhigt mich (dabei habe ich selbst vor 48 Jahren ein solches in schwarz getragen; leider, Gott sei’s geklagt!). Eine gewisse Pattsituation ist nun entstanden (du hättest auch eine ungewisse Pattsituation schreiben können – der innere Spötter).

Habe ich schon genug geschrieben? Ich habe genug geschrieben (ich habe ja einen Ruf als Vielschreiber zu verteidigen!). (Einen Ruf?!? - der Scherz war gut! - der innere Spötter.) Ich sitze in einer gespielten Erschockenheitsgeste (beide Hände vorm Mund) da und warte auf innere Klärung. Das Innere sagt jedoch: es ist Zeit zu gehen (fragt sich welches Innere, das eigene oder das fremd installierte? – der innere Spötter).


(21.5.2026)



©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4473 Scheißt nicht

 



8:11 a.m.  Der Acht-Uhr-Hubschrauber nervt gewaltig; sein aufgeregtes Geflatter und Geknatter – und er fliegt nicht einfach von a nach b, sondern hin und her, vielleicht irgendetwas umkreisend – ich kann ihn ja nicht sehen – mein Nervensystem jedoch ist alarmiert im wörtlichen Sinn, denn es muß sofort an Krieg denken. Soviel ich weiß, geht es um Verkehrsüberwachung. Ich kann mir nicht helfen, ich finde dieses Getue und diesen Aufwand maßlos übertrieben und selbst als technische Notwendigkeit aus der Logik des verhätschelten Autoverkehrs fragwürdig.

Nun hocke ich also verschlafen im Bett, die linke Seite des aufgeschlagenen Notizbuches zwischen Zeige- und Mittelfinger der Richtung Faust eingekrümmten linken Hand geklemmt und festgehalten und kämpfe gegen die zufallenden Augen. Also kämpfen ist übertrieben – gegen die Augen! Gott bewahre! - ich versuche einfach, nicht mehr einzuschlafen.


8:29 a.m.  Und wenn wir schon beim Herummeckern sind: Mir geht die ärztlich verordnete Blutdruckmesserei zweimal am Tag gehörig auf die Nerven: ich sammle Liste um Liste voll mit den erhobenen Messdaten; kein Arzt schaut sich das an; wenn der Blutdruck dann einmal höher ist, bin ich gleich alarmiert und aufgeregt und kenne mich nicht aus. Was tun? Denn ich kann nicht nachvollziehen, warum er meistens bei 130 plus minus herumkrebst und dann plötzlich und trotz der Medikamente auf 140 und mehr hinaufschießt und auch nicht, warum und was das bedeutet (so wie eben).

(Übrigens: eine Premiere: er hat heute tatsächlich Schreibzeug und Brille mit aufs Klo genommen, sitzt jetzt am Thron und schreibt, aber scheißt nicht – der innere Spötter.)


(21.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4472 Freihängend

 



0:35 a.m.  Die kleine Holzkugel am Ende der Schnur, mit der man mein Holzmövenmobile ins Flügelschlagen versetzen kann, stößt direkt neben meinem linken Ohr laut gegen das Holz der Rückwand des Bettgestells. Auf dem Kastl am Fußende des Bettes spielen sich interessante Szenen ab, weil die kleinen, gemalten und dann fotografierten weiblichen Gestalten aus den zweidimensionalen Kunstkarten herausgestiegen sind und wie auf einer Bühne posieren. Ich sehe sie tatsächlich als kleine, freistehende Figuren, als hätte ich eine 3-D-Brille auf. Die anderen Kunstkarten verändern sich im Halbdunkel ebenfalls, der nachgemalte und dann fotokopierte auferstandene Christus zum Beispiel abstrahiert sich radikal zu einem uninterpretierbaren Farbflecken. Und im Dunkel hinter der freihängenden Karte mit dem Abbild eines durchstochenen Jesusherzens erscheint zögerlich ein verschämt oder misstrauisch sich tarnend nach unten blickender freistehender Kopf; schwer zu erkennen, aber dreidimensional und ohne seinen übrigen Körper. Wie solche optischen Verschiebungen im vertrauten Zimmer stattfinden können, ist mir schon ein kleines Rätsel; mit dem, was sich dort real befindet, hat dieser lose Kopf gar nichts zu tun. Die Müdigkeit reißt mir jetzt schon ständig gähnend das Maul auf und ich werde bald nachgeben.


(21.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 20. Mai 2026

4471 Fernweh

 



14:15.  Bleiben wir einmal beim Kaffee. Nimm nicht gleich Buch, Zeitung oder Schreibzeug zur Hand. (Vergeblich! - der innere Spötter.)

Vorhin, beim Friseur (Zwei-Millimeter-Schnitt): ich habe ein wenig warten müssen; dabei habe ich durch die offene Tür auf den Karmelitermarkt geblickt; hinter dem eigenartigen Dach eines Neunzehnten-Jahrhundert-Hauses mit Kuppel und anderen Spezialitäten schwankte leise ein roter Kran im Rhythmus der orientalisch angehauchten Musik im Frisiersalon, obwohl er sie niemals hören konnte. Der Himmel hinter dem Kran war blau, mit weißen Schleiern, aber auch ein paar kompakte weiße Wolken zogen über das Firmament (das gar nicht so firm ist, sondern sehr verletzlich – der innere Spötter) und diese kompakten weißen Wolken riefen in mir eine starke Sehnsucht hervor, stärker als es der bloß blaue Himmel hervorrufen hätte können. Fernweh (obwohl er gar nicht verreisen will – der innere Spötter). (Aus der Box im Leo wird jetzt keine Zukunft, immer nur Gegenwart! gesungen.) Soll man sich darüber freuen? Ich muß hier eine für mich lesbare Zeitung finden (die Zeit, die herumliegt, halte ich nicht aus). Finde keine für mich passende. Also dann wieder in der REMbox blättern.

Mein Gott! Ich sitze am Fenster und schau gar nicht hinaus. Das muß (s)ich sofort ändern! Zwettler Sonnenschirme. Drüben geht eine Schulklasse von rechts nach links; herüben eine orthodox-jüdische Familie von links nach rechts. Nun kommt ein junger, schlanker, flotter Telefonierer mit deutlicher Rückfrisur (herüben, links - rechts). Und der Wind: auch deutlich, aber nicht wild (und schon hat er das Interesse an den Passanten wieder verloren – der innere Spötter). Jetzt ist die volle Abholzeit; darum bleiben wir noch ein wenig sitzen, bleiben noch ein wenig da (das war noch gar nicht die Abholzeit, wie er später bemerkt hat, als er beim Nachhausegehen erst recht in die Rushhour der Abholzeit geraten ist. Das kommt davon, wenn man eine Armbanduhr mit super designten Ziffern trägt, die man sich nie merkt und nicht g’scheit derlesen kann – der innere Spötter).

Der Wind wird stärker, die Sonnenschirme draußen zittern und wanken schon. Aus den Boxen: It’s okay! It’s okay! It’s okay!

Das Fernweh übrigens hat in echt mit einer ganz anderen Ferne zu tun: mit der des weggedrängten Energiekörpers, nach dem man sich sehnt und den man fürchtet (So! Nach dieser richtigen, aber trotzdem beschissenen Belehrung deiner LeserInnen mußt du jetzt nach Hause gehen! Wäsche und Geschirr warten! - der innere Spötter).


(20.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 19. Mai 2026

4470 Ich schwöre

 



11:26 a.m.  Der letzte Schluck vom ersten Cappuccino. Alles ist genau so, wie ich es gern habe: das Lokal nicht überfüllt, weil an sonnigen Tagen wie heute viele in der Laube draußen sitzen, das Schnittlauchbrot mein zweites Frühstück, wobei ich jedes, ich schwöre: jedes Schnittlauchstückchen aufgelesen und gegessen habe, die Musik (aus den Boxen – der innere Spötter) ist unbekannt und angenehm (fürs Wohlgefühl ist angenehm eine hinreichende Bedingung), Standard und Kleine Zeitung (Ennstal) habe ich schon durchgeblättert; ab jetzt mit dem Notizbuch auch die REMbox am Tisch, sanfter Wind schaukelt draußen die Zweige der zwei herrlichen Platanen, die offene Lokaltür macht meinen momentanen Lebensraum offen und frühsommerlich, als böte das Leben noch viele Chancen. Jetzt wird es etwas laut hier, weil ein paar junge Männer vor Freude aufjubeln (ich weiß nicht, warum). Ein junger Mann, der die Lokalwand mit ihren Bildern betrachtet, verstellt mir die Sicht auf den asymmetrischen Lichtengel – der von mir aus gesehen linke Lichtflügel leuchtet stärker und reicht höher auf die Wand hinauf – aber das ist keine Beschwerde: der junge Mann darf das, noch dazu, wo es mir soeben erst eingefallen ist, den Lichtengel mit einem Blick zu begrüßen, obwohl ich schon eine gute Dreiviertelstunde hier herinnen sitze.

Ich blättere in der REMbox und als ich sie zuklappe und auf den Tisch lege, zucke ich unbewußt – ich weiß nicht genau, wie und mit welchen Körperteilen – jedenfalls mit einem der Beine, sodass ich unabsichtlich den Kaffeehaustisch verrücke. So, das nur zur Vollständigkeit.

Heute ist ein Tag ohne gröbere Verpflichtungen und ohne Termine, aber ich habe noch vor, zum Caritaslager zu wandern, um Decken für die REMbox-Präsentation in der Secession am 27.5. um 19h zu besorgen. Zu Hause dann will ich die angestauten Texte eintippen (macht er jetzt brav – der Tipper). Ob mein Vorgehen bezüglich der Texte sinnvoll, angemessen oder übertrieben, oder blauäugig ist, frage ich mich nicht … frage ich mich schon manchmal, aber am eingeübten Ablauf ändert das bis dato nichts mehr.

Wenn ich in der REMbox blättere, gerate ich inzwischen immer auf die selben Seiten, so mein Eindruck (heute bin ich schüchtern, aber ich frage trotzdem: wen interessiert das? - der innere Spötter). Mittersteig 10 notiere ich, nachdem ich am Smartphone nachgeschaut habe, wo ein Caritaslager ist (ich wiederhole: w.i.d? - der innere Spötter). Soll ich schon losstarten? Bald.

Jetzt.


(19.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4469 Üppig

 



7:59 a.m.  Meine frankophone Schweizerin schaut heute wieder so feist aus, obwohl sie das nicht ist, was ich mir jederzeit beweisen könnte, wenn ich aufstünde und an die Kunstkarte im Regal herantretete. Feist ist sowieso übertrieben, aber üppig, üppig erscheint sie mir (dabei ist die abgebildete Frau schlank). Diese optische Täuschung muß etwas mit den Farben zu tun haben, damit, wie ihr rechter Oberarm aus dem grünen Hintergrund herausleuchtet (wenn es denn nicht doch mit seinen inneren Bildern zu tun hat – der innere Spötter). Der unmögliche Hut wirkt aufgesetzt (Oida! - der innere Spötter) und von hier aus, als wäre er ein steckengebliebener, schlecht gemalter Energiewirbel (nein, nein, das ist schon ein Hut; ein riesiger, überkandidelter Damenhut, der gar nicht zu der bäuerlichen Frau passt).

(So bin ich heute der morgendlichen Angst entkommen, bevor sie die Chance hatte, mich zu überfallen.)


(19.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4468 Menü

 



13:29.  Es gibt keine Tageszeit, an der mich die Schwermut nicht anfahren kann. Ich beschwere mich nicht, ich stelle nur fest. Draußen auf der Schwarzspanierstraße scheint die Sonne, und manchmal macht es mir die Schwermut leicht, mich schwebend zu fühlen, weil der Körper sich nicht rühren mag (Natürlich rührt er sich! Er übertreibt wieder! Außerdem hat er verschwiegen, dass er sich gerade erst mit dem 9.90-€-Menü – Bärlauchsuppe und Röstkartoffeln mit Zwiebeln an Cremespinat – vollgefressen hat – der innere Spötter). Langsam gewöhne ich mich an die kunstvoll-unleserlichen Ziffern meiner Armbanduhr und nach Wochen kann ich sie immer sicherer ablesen, zeitweise auch ohne Brillen. Das habe ich vergessen: die Musik aus den Boxen ist auch melancholisch und ich reagiere stark auf Musik. Soll ich schon zu Therapie aufbrechen? Etwas zu früh, aber warum nicht.

Als ich vorm Weggehen im Klo in den Spiegel schaue und ein alter Mann herausschaut, erschrecke ich im ersten Moment ein wenig, aber dann freue ich mich und denke: der hat das meiste schon hinter sich. Also war das doch Lebensangst. Vielleicht jedoch verdränge ich nur den Tod aus meinem Bewußtsein? Ich nehme es mir nicht ab, dass ich mich vor dem Tod nicht fürchte. Wenn der richtig näher kommt, wird es mich schon ordentlich herbeuteln; ich muß jetzt schon lachen!


(18.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4467 Erstaunlich

 



8:01 a.m.  Angst, Angst, und immer wieder diese Angst. Na gut, stellen wir uns. Den schwarzen Fensterraben sehe ich am Brillenrand doppelt und sein Hin-und-Her spiegelt sich im Glas eines im Bücherregal aufgestellten kleinen gerahmten Bildes. Wenn diese Angst genau so da wäre, wenn ich wohlhabend wäre, wäre sie wohl nicht Existenzangst, sondern Lebensangst, oder? Ich erkenne nämlich nicht, welche Angst das ist. Sie sagt mir nichts beziehungsweise ich verstehe sie nicht. Vielleicht sind es beide (und sie schaukeln einander auf). Gibt es noch andere? Ich bin mir jetzt ziemlich sicher: es sind beide beteiligt: Lebensangst und Existenzangst. Und? Hilft mir die Erkenntnis? Ein wenig schon, obwohl viele Ungewissheiten bleiben. Der Fensterrabe hat zu schaukeln aufgehört, nur ganz minimale Bewegungen bilde ich mir ein, ausmachen zu können. Bin ich bereit zum Frühstück? Ich bin bereit zum Frühstück.


9:00 a.m.  Vielleicht ist es aber auch der Horror vor der Leere. Vor der Leere, die da nach dem Aufwachen vor mir liegt.


11:20 a.m.  Vielleicht ist der Roman, den ich gerade lese, doch nicht so schlecht. Jedenfalls läßt er mich nicht los.

Erstaunlich: die eine Kunstkarte, die da im Regal an ein paar Buchrücken lehnt, erkenne ich nicht wieder; als sähe ich sie jetzt zum ersten Mal. Dabei habe ich sie irgendwann vor Jahren dort hingelehnt. Ich erkenne nicht, was sie darstellt, die unidentifizierten Formen lassen sich nicht deuten, schon gar nicht weiß ich, von wem das abgebildete Bild gemalt ist. Das ganze Bild kann so nicht stimmen. Mich irritiert, dass mich meine Augen am helllichten Tag so narren können. Ich trete zum Regal, endlich setzt mein Gehirn das Bild richtig zusammen. Ein schönes Bild einer in einem Garten auf einem Liegestuhl ruhende Dame. Ich nehme die Kunstkarte und drehe sie um: Henri Charles Manguin; La sieste ou Le rocking Chair, Jeanne; 1905. Aber immer noch kann ich mich an dieses Bild nicht erinnern, weder, dass ich es je gesehen habe, noch dass ich es hingestellt habe; als bemerkte ich es heute zum ersten Male.


(18.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4466 Nerven

 



9:56 a.m.  Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt. Ich warte auf eine mir unbekannte Dame (REMboxübergabe).

(Alles gut gegangen – der Tipper)


(14.5.2026)


14:32.  Im Leo finde ich den Falter nicht. Ein bisserl gekrümmt sitze ich da, verbogen (nach dem Fitnessstudio). Ziegelergasse steht in gelber, leuchtender Schrift im Notizbuch; trotzdem leicht zu übersehen. Das war vorgestern. Heute ist alles ganz anders. An Jugendliche wird kein Alkohol ausgeschenkt. Gut. Einverstanden. Ich habe den falschen Mann im Auge gehabt, oder? Aus Verlegenheit schlage ich die REMbox auf und blättere darin und gerate an REM ist tot, aber später dann doch deppensicher auf meine Seite. Eines der Monsterablätter zeigt sich im runden Spiegel hoch oben. Eine rote Ziffernanzeige der – so vermute ich - Kühlbox für die Kuchen und Torten ganz unten knapp über dem Fußboden springt zwischen – ich glaube – 1 und 5 hin und her; genau kann ich es nicht sehen, weil diese Ziffernanzeige sich hinter einer metallenen Schutzblende mit drei Längsstreben befindet, die über die gesamte Breite des hohen Apparats verläuft und nur Bruchstücke der Ziffernanzeige sichtbar läßt. Ich glaube, das reicht für heute.


(15.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4465 Verabredet

 



5:54 a.m.  Das habe ich jetzt davon: seit über einer Stunde liege ich wach und kann nicht schlafen. Ich weiß nicht, was mich so aufregt. Ist es diese ganze REM-Geschichte? Oder weil ich von den vielen dadurch aufgewühlten Erinnerungen und Erkenntnissen emotional so aufgescheucht bin? Oder sind es die Medikamente, die ich nehmen muß? Ich werde jetzt einfach lesen.


16:20.  Im Kaffeeamt. Sonst fällt mir nichts ein.


17:03.  Dafür sitze ich jetzt auf der Mariahilferstraße (Maria, hilf!), die tief stehende Sonne im Rücken blicke ich auf die daherkommenden, sonnenbeleuchteten Gesichter, die aus dem Farbkonglomerat der Umgebung herausstrahlen (passiv; ob sie auch aktiv strahlen, weiß ich nicht und dersehe es nicht; dafür müßte ich aufmerksamer hinstarren, und das ist mir zu gefährlich). Hier ist schon so eine Verdichtung und ein Auto nach dem anderen biegt hier in die Zieglergasse ab, denn weiter dürfen sie nicht in die Mariahilferstrasse (vulgo Mahü), was anscheinend eine gewisse Aggression erzeugt.

An der Stelle, wo ich sitze, ist inzwischen die Sonne hinter den Mahügebäuden untergegangen, und die Gesichter der Entgegenkommenden leuchten nicht mehr. Die Bänke sind etwas verdreckt (Masse erzeugt meistens Dreck, besonders die der „normalen“ Konsumenten). Ich schaue auf die Uhr: 17:17. Ich warte auf eine Schlüsselübergabe (nicht für mich), dazu bin ich verabredet.


(13.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4464 Bißchen feig

 



23:43.  Mir kommt vor, ich lese einen schlecht geschriebenen Roman. Trotzdem höre ich nicht auf. Vielleicht kann ich daraus etwas lernen. Und: ich bin mir meines Urteils nicht sicher. Morgen habe ich etwas zu erledigen. Ein paar Szenen des Tages gehen mir noch durch den Kopf und ich lache innerlich. Aber auch wieder nicht sooo. Bin ich bereit zum Schlafen? Es ist noch etwas da, das mich nicht schlafen lassen will. Was es ist, ist mir nicht klar. Was will angeschaut werden? Plötzlich kommt große Trauer über mich, eine sanfte, freundliche Trauer, die mich nicht niederschlagen will. Woher kommt sie? Was bedeutet sie? Was will sie mir sagen? Die oberen drei Reihen des Bücherregals haben jetzt einen Blaustich, der jedoch gleich wieder verschwindet. Ich glaube, ich bin jetzt ein bißchen feig.


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 12. Mai 2026

4463 Ich glaube: live

 



12:50.  Am Heimweg ein kurzer Abstecher zum Giacometti (ich glaubte, im Mumok gäbe es eine neue Ausstellung, aber die offen sind, kenne ich schon alle. Aber das macht nichts). Das habe ich bereits gesagt: mir wäre die femme debout III von den anderen Ausstellungsstücken abgesetzter und allein stehend lieber, aber das Konzept hier sieht Konfrontation, Gegenüber- und Nebeneinanderstellung vor. Wer bin ich, dass ich das begutachten will.

Andererseits renne ich da mit Notizbuch und Pilotstift in der Hand herum, als würde ich mich in diesem Museum nicht bloß auskennen, sondern als wäre ich vom Fach oder sogar Kurator oder sonst ein wichtiger Mann hier (denkste! - der innere Spötter) – naja, ich kann auch entsprechend wichtig dreinschauen – ich muß lachen, woher ich diese Chuzpe nehme (und? Lachst du auch darüber, dass du dich an jüdischen Wörtern vergreifst und dich damit völlig zu Unrecht aufplustern willst? - der innere Spötter).

Na gut, gehen wir einen Stock tiefer zur Barbara Kapusta, die ich auch so gerne anschaue.

Dort wird eine Schulklasse belehrt und die Stühle vorm Video, dem ich so besonders gern zuschaue, sind alle besetzt. Ich gehe deswegen in den größeren Raum zurück und zu George Grosz, Victor Brauner und Friedl Dicker-Brandeis nach hinten. Jetzt wird die Klasse abgezogen und es wird ruhiger und ich tanze in den frei gewordenen Zwischenräumen zwischen Barbara Kapustas Giants herum, weil die Videostühle immer noch besetzt sind. Ich fange gefährlich zu schwanken an und fürchte, mit dem aufgeschlagenen Notizbuch vorm Bauch, dem Griffel in der Hand und der abgesehen von Lesen und Schreiben optisch verunsichernden Brille auf, auf eine der schönen Skulpturen zu stürzen. Darum nehme ich mehr Abstand und setze mich auf einen der soeben frei gewordenen Sessel vorm tollen Video von Barbara Kapusta … (jetzt hast du typischerweise zu lange im Stehen herumgeschrieben, bevor du dein Vorhaben ausgeführt hast, und jetzt sind wieder alle Plätze besetzt – der innere Spötter). Aber jetzt! Der Mann neben mir nimmt das Video auf. Ich lasse mich zunächst nur von Begleitmusik und Begleitstimme, deren Englisch ich gar nicht verstehe, davontragen, bevor ich auf den Bildschirm schaue. Gut, dass es diese Ausstellung noch gibt! Sie berührt mich immer. Ich hoffe, dass in meiner Treue und Hingabe nicht nur Unterwerfung und toxisches Absaugen fremden Lebens ist, sondern auch Liebe. (Ich war sicher schon zwanzigmal hier.) Und die zerspringenden Ringe und die zerspringende Hand lösen immer noch einen kleinen Schock aus. Geht es doch nur um den Reiz? Das wäre schade. Ein wenig gehe ich noch umher, dann verlasse ich die Ausstellung in … Stimmung (welches Wort würde passen? Weinerlich, wenn es nur beschreibend und nicht abwertend wäre. Mit Tränen in den Augen ist übertrieben, denn ich weine nicht; ich bin dem nur nahe).


14:47.  Das Wandern durch die 12-Grad-Celsius-Stadt hat mir gut getan. Ich sitze nun auf einer der Bänke vor unserem Haus im Wind unter den Säulengleditschien und warte, bis die Tageskinder-Abholzeit-Rush-Hour mit ihrem Gedränge im Vorzimmer vorbei ist. Eine Taube fliegt auf und davon. Eine schwarze Krähe (hier gibt es auch Nebelkrähen) zieht nicht allzu hoch über uns hinweg. Aus irgendeiner Wohnung in der Gasse ertönt ein Klavier. Ich glaube: live.


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4462 Gutt!

 



10:11 a.m.  Oh! Ist das sauguat! Im Lieblingscafé, ein üppiges, köstliches Schinkenbrot mit aufgeschlagener Butter mit Kren, der erste Cappuccino schon ausgetrunken, mit REMboxverteilungsSMS beschäftigt – also voll im Geschäft – boah! Ist das vui gutt (oder gout)! Ist das urgeil! Ich fühle mich großartig! CCR und die Box Tops (The Letter) aus den Boxen (das sind schöne Lieder! Es geht mir nicht um Nostalgie; die RHCP zum Beispiel, oder Aldous Harding oder Agnes Obel et cetera würden mir auch gefallen). Jetzt geht die Musik schon mehr in die amerikanischen Fünfzigerjahre – der Johnny Cash ist noch gegangen – aber bei dem da steige ich aus.

Und warum der Rückfall ins rustikale Sprachgut als Ausdruck deiner Euphorie? – fragt der innere Wächter. Ja, das ist eine interessante Frage. Ich stöbere schon in meinen Kindheitserinnerungen, so richtig fündig werde ich nicht (abgesehen davon, dass auch in meiner Kindheit rustikales Sprachgut nicht meines war). (Jetzt kommt eine neuerer Johnny Cash aus den Boxen, den ich mag). Egal. Lesen wir wieder Zeitung.

11:06 a.m.  Die E-Gitarre klimpert so schön in ihrem Understatement (bitte! Schreib jetzt nicht aus den Boxen! - der innere Spötter). Ja, ich sitze wirklich mitten im Weltgeschehen! Rundherum spielt sich das Leben ab und draußen bläst der Wind durch die Platanen (ich mußte vier oder 5 Sekunden nachdenken, bis mir der Name der mir so vertrauen Bäume eingefallen ist. Arbeitet mein Gehirn schon an seiner Auflösung?) und den Weingewächsen am Gestänge der Laube (und was es sonst noch an Pflanzen in der kleinen Oase gibt). Eine schwermütige Mundharmonika zieht ihre monotone, sehnsüchtige Linie durch den Song; keine Ahnung wer; ich bin und bleibe ein Amateur, ich hoffe, dass das wirklich von der Liebe kommt (keine Hobbies! Darauf bestehe ich, weder das Schreiben, noch das Zeichnen, noch das Musikhören, noch sonst irgendwas ist bei mir ein Hobby!). Ich schlage die REMbox auf und gerate an die Hinterköpfe von Manfredu Schu, Hannes Priesch und Peter Battisti (Seite 111; mehrfacher Uranus, glaube ich). Was sagt uns das? Keine Ahnung.

Langsam werde ich es gewohnt, die REMbox am Tisch liegen zu haben: es kommt mir fast gar nicht mehr komisch, aufdringlich oder angeberisch vor.

Heute hat zum ersten Male jemand gefragt, was das für ein Buch am Tisch sei, wenngleich die Dame selbst auch ein – wenn ich spöttisch wäre, würde ich sagen: „missionarisches“ Anliegen hatte, wie auch ich auf meine passiv-autoritäre Art (die REMbox als verführerisch gewünschte Aufmerksamkeitsfalle am Tisch liegen haben). Vielleicht werde ich auf einen Vortrag eingeladen.

Ich selber, ich rede zu viel. Eindeutig rede ich zu viel. Kaffeerausch und aufgekratzte Euphorie – aber ich beklage mich nicht, ich kann das schon genießen und darüber lachen. So! Bevor ich hier überständig bin, werde ich jedoch aufbrechen.


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4461 Undicht

 



0:14 a.m.  Das Gefühl, als würde eine Uhr in meiner Mundhöhle ticken und ich die Unruh spüren, wie sie im Mund hin und her springt. Naja, es wird wohl das Pochen des Herzschlags sein, den ich da wahrnehme. Ein eigenartiger Tag ist das heute (11.5.) gewesen. Nichts besonderes ist geschehen, nur so ein Schleier von Fremd- und Eigenartigkeit. Und jetzt bin ich – unverständlich – erschöpft. Ich gähne lang und in stoßartigen Wellen, und dann nochmals in einem lange sich dahinziehenden, einzigen Zug. Genug! Schlafen.


8:04 a.m. Eine Träne rinnt aus dem Auge vorsichtig am Rande der Wange hinab, links, eine – wie mir scheint – allergische Reaktion, die zusammen mit Niesen gerne am Morgen auftritt. Es regnet, und mein Zimmerfenster ist tatsächlich undicht, wenn ein starker Wind das Wasser gegen die Scheiben klescht. Aber jetzt regnet es wieder moderat und brav von oben nach unten und somit besteht im Moment für meine Kemenate keine Gefahr.

Bis jetzt ist dieser Morgen ganz angenehm, gefrühstückt habe ich schon; auch sonst. Der Tag liegt leer vor mir, was er alles schon vorbereitet hat, weiß ich natürlich nicht (also dürfte die Leere in mir liegen). Schauen wir, was wir mit der Leere jetzt anfangen können; alle Varianten gelten, selbst einschlafen. Das will ich nämlich klar gesagt haben, von vornherein gibt hier kein richtig und falsch (hast du das auch wirklich verstanden? - der innere Spötter).


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 11. Mai 2026

4460 Pflichtbewußtsein?

 



16:23.  Es ist Nachmittag und ich bin müde. Ich bin den ganzen Tag etwas neben der Spur. Das Gewitter ist vorüber und ich wundere mich, dass bei meinen alten Doppelfenster auch die Scheiben des inneren Flügels bis zur halben Oberlichte hinauf Regenspritzer abbekommen haben. Ich kann mir das nicht erklären; während des Gewitters war ich nicht zu Hause, sondern in meiner Psychotherapiestunde. (Und ich wundere mich, dass ich beim dritten Satz auch schreiben wollte, aber zuerst und hingeschrieben habe, während mein Geist auch denkt. Was ist da los?) Eigentlich wollte ich die angestauten, handgeschriebenen Texte eintippen und auf die Schublade stellen, aber ich mag nicht. Ich mag nicht. Ich fühle mich kraftlos und müde und es fällt mir ein, dass ich schon den ganzen Tag mühsam und gekrümmt umherschleiche. Ein paar Seiten habe ich gelesen (Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf), dann war der Roman „ausgelesen“. Ich versuche, mich mit dem Gedanken anzutreiben, dass, stürbe ich jetzt, die letzten zwei (jetzt drei – der Korrektor) Texte nicht auf der Schublade gerettet und verfügbar wären, aber der Trick funktioniert heute nicht, weil es mir völlig wurscht ist. Was für eine komische Erschöpfung, für die ich keinen Grund erkennen kann; ich habe mich heute nicht angestrengt. Oder merke ich das nicht mehr?

Mit Pflichtbewußtsein (?) hat es funktioniert: als mir eingefallen ist, dass ich das Geschirr noch nicht gemacht habe und es meine treue Frau morgen für die Tageskinder braucht, habe ich es geschafft, wieder tätig zu werden.


(11.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4459 Schwere Augen

 



8:43 a.m.  Graues Licht kommt beim Fenster herein und ich hocke satt im Bett, mein Bauch voller Müsli, die Augen brennen ein wenig und ich nehme mir einen entspannten Vormittag vor mit lesen und schreiben. Aber die Augen fallen mir noch zu, und so verfolgt meine Aufmerksamkeit bei geschlossenen Augen, wie sich der Speisebrei in meinen Innereien (er traut sich nicht Magen oder Darm schreiben, weil er sich anatomisch überhaupt nicht auskennt – der innere Spötter) langsam fortbewegt. Zumindest habe ich den Eindruck, dass es das ist, was ich wahrnehme. Je nachdem, wo meine Gedanken hin kreisen, kann auch Angst kurz aufwallen, aber im Griff hat sie mich heute nicht. Ich hebe die Augenbrauen so weit es geht an, aber die Lider bleiben geschlossen. Ich stelle an meinen Augen eine leichte Unklarheit fest und schon füllen sie sich mit Tränen. Das ist eindeutig eine körperliche Reaktion, keine seelische. Mir fällt auf, dass ich - um für mein Notizbuch mit den Oberschenkeln eine Auflage zu schaffen habe ich die Beine herangezogen und die Füße an sich auf dem Leintuch aufgepresst – dass ich die Füße also mit den ins Leintuch gepressten Fersen als Drehpunkt vorn hochgestreckt habe und dabei die Zehen spreize. Das wirkt etwas verkrampft, obwohl ich entspannt sein will. Das Grau am Fenster wird auch schon etwas heller und klarer und die Augen bekomme ich immer noch schwer auf.


(11.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4458 Das fröhliche Müsli

 



9:10 a.m.  Ich ziehe den Rotz hoch (weil beim Schneuzen die Nase verstopft ist und nichts weitergeht) und schaue auf die abgefallenen Blütenblätter der Pfingstrosen am großen Tisch im Wohnzimmer und auf die Blumen selbst in den zwei Vasen. Die Frühstücksvorspeise ist da, aber ich bin noch traumverwirrt und traumverhangen (ich träume fast täglich von REM) und reagiere nicht. Unser dreifaltiger Wohnzimmerbaum in den zwei Töpfen schaut heute anders aus: irgendwie „transparenter“ und „deutlicher“, ausdifferenzierter und „zerrupfter“, also detailgenauer; ein bisserl dekonstruiert. Aber das wird wohl an meinen Augen und meinem Bewußtsein liegen; die drei Pflanzen werden sich von gestern auf heute nicht so verändert haben. Eine Amsel schimpft im Hof (wenn es denn eine Amsel ist) und bevor ich mir in meinem getrübten Zustand wirklich Klarheit verschaffen kann, hat sie aufgehört. Ich verschlinge nun die Vorspeise (Salatblatt, Paprikastückchen, Orangenstückchen, Zuckermelonenstückchen) und der Vogel, der jetzt singt, ist eindeutig eine Amsel; um das zu erkennen, reicht meine Weltkenntnis aus. Das Tablett mit dem fröhlichen Müsli, dem Getränk aus Kurkuma latte und Rise & Shine Raw Cacoo & Mushrooms Morning Mix With Lion’ Mane, Maca, Ashwagandha & Spices aus Portugal, der Kerze im Glas und den Vitamin D3-Tropfen bringt mir meine liebe Frau ins Bett.


(10.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4457 Zweitöpfig

 



8:46 a.m.  Oh! Ich muß noch die Zimmerpflanzen gießen! Heute ist ihr Tag.

8:54 a.m.  Done. Und jetzt? Ich bin voller Tatendrang, aber mir fallen keine passenden Taten ein. Ein wenig huste ich, als hätte ich Wasser in der Lunge (was einem Hypochonder hald (sic!) alles so einfällt – der innere Spötter). Dabei will ich nicht glauben, dass ich Hypochonder bin. Egal, wenden wir uns höheren Dingen zu.

Der dreifaltige, zweitöpfige Wohnzimmerbaum mit seinen Bändchen, die ihn hochziehen und halten, dass er nicht zusammenfällt, ein oder zwei Wäschekluppen stecken im Gezweig und ein nicht leuchtendes Papierlampenimitat aus Papier. Ich frage mich: vertragen sie sich gut, der Avocado, die Monstrera und der Benjamini? Oder haben sie einen lebenslangen, zermürbenden Konkurrenz- und Überlebenskampf in ihrer unfreiwilligen Dreiecksbeziehung?
Jetzt ist das Frühstück da.


(9.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4456 Rinde vermehren

 



18:00.  Ich trinke verwässerten Apfel-Karottensaft (genau so habe ich das auch bestellt), der köstlich schmeckt. Durch die offene Lokaltür ziehen Rauch und Gestank herein, die in der Karmelitergasse anscheinend nicht genug Platz haben oder auch nicht in den Himmel aufsteigen können. Heute hätte ich mich sogar auf einen der Gehsteigplätze gesetzt, aber in der warmen Sonne war keiner frei. Darum sitze ich jetzt unter der Wandschaukel und schau mir im Spiegel beim Schreiben zu. Italienische Musik aus den Boxen. Die Kellnerin zündet die Tischkerzchen in den Gläsern an und ich höre das Klicken des Feuerzeuges, bis ein Folgetonhorn irgendwo in der Nähe das Geräusch übertönt. Die REMbox liegt neben mir auf der Bank.

Im REMbox-Artikel über mich steht über meine Schublade: „So gewann Peter Rumpfs [du solltest dir endlich einen anderen Familiennamen zulegen! – der innere Spötter] Introspektion im Lauf der Jahre immer an Substanz, den Jahresringen eines Baumes nicht unähnlich.“ (Katia Huemer)

Zuerst habe ich dieses zunächst überlesene Bild vom Baum kaum wahrgenommen und keine Meinung darüber gehabt, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto zutreffender und schöner finde ich es. Meine Texte umwachsen mich im Kreis, die alten verschwinden unter den neuen und Risse in der immer dicker werdenden Rinde wird es auch geben (oder Verrisse, würdest du deine Texte ordentlich an Publikum und Kritik bringen – der innere Spötter). Genau deswegen lasse ich einfach nur die Jahresringe wachsen und vermehre die Rinde.


(8.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 7. Mai 2026

4455 Spät

 



14:03.  Spät, sehr spät, nach vier Stunden im Lieblingslokal greife ich zum Griffel, um zu schreiben. Was, das weiß ich noch nicht. Heute ist einiges anders, weil ich an einem anderen Platz sitze, wie genau, ist mir zu blöd zu schildern, jedenfalls geht mein Blick direkt zur Fensterfront auf die Burggasse hinaus (Wen interessiert das? - der innere Spötter). Dem Universum natürlich. Ich zerkaue einzelne Schnittlauchstückchen, die meine Zunge in der Mundhöhle noch findet. Langsam werde ich richtig hungrig. Ich sollte besser gehen. Oder? So wie es ausschaut, wird das heute schwer mit den 10.000 Schritten, weil ich schnell heim zum Essen muß (aus innerem Antrieb); keine langen Wanderungen wie sonst (wieder: wen interessiert das?- der innere Spötter). Dem Universum natürlich! Oder wenigstens dem kollektiven Unterbewußtsein (schlimmstenfalls dessen Abteilung Müllhalde des Menschengeschlechts – der innere Spötter).


(7.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4454 Tapferer Rotz

 



7:12 a.m.  Ich bin gerade dabei, die morgendliche Angst abzufangen und wie es scheint, gelingt es einigermaßen. Damit es kein Mißverständnis gibt: abzufangen, bevor sie voll auf mich losgehen kann; obwohl sie schon dabei ist, irgend so eine absurde Drohkulisse vor meinem inneren Auge aufzubauen (und der heulende Wind hilft ihr dabei).

Ja, der Himmel ist bewölkt – das merkt man auch in meinem kleinen Lichtschachtzimmer – und die Windböen heulen und scheppern immer wieder beim gekippten und beim flügelverklemmten Fenster vor der Zimmertür herein. So hocke ich an die Rückwand gelehnt im Bett und versuche, ruhig zu bleiben und meine Balance zu halten. Irgendwas wäre noch zu den Lichtverhältnissen an diesem bewölkten Tag im Zimmer und zu der daraus entstehenden Stimmung, die da beim Fenster hereinfließt, zu sagen, aber ich finde weder Inhalt, Begriff noch Worte dafür. Ich merke nur, dass Erfahrungen und Bilder meiner Kindheit mitschwingen, ohne sie richtig identifizieren und verstehen zu können. Sie haben jedenfalls etwas mit Vormittagen zu tun. Tapfer ziehe ich den Rotz in der Nase hoch, bevor ich zerfließe, und hole mich so ins Hier und Jetzt zurück. Ich werde in die Küche hinunter frühstücken gehen.


(7.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4453 Die Schnake

 



0:21 a.m.  Die Sonne ist wieder am Aufsteigen (nicht ganz! Wir haben Sommerzeit – der innere Spötter), mein Blick ist trüb und lichtverschmutzt und die Ohren sind voll der Surrerei. Ich lege meinen Kopf schief zur Seite, um an der Leselampe vorbei ins Zimmer zu schauen, aber viel sehe ich nicht, vor allem kaum die Details. Schübe von weißlichen Wellen laufen durchs Zimmer; sie verdecken nicht das Dahinterliegende, sondern sind wie aus ganz dünnem Nebel. Eine kleine Schnake kommt dem Licht der Leselampe nicht mehr aus; darum drehe ich jetzt ab.


(7.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4452 Haarspangerl

 



15:03.  Auch hier arbeitet der Wind: schüttelt – nicht immer, aber von Zeit zu Zeit – den Stoff des großen Sonnenschirms draußen und wiegt die großen, hohen Pflanzen – keine Ahnung, welche – in ihren großen Töpfen. Ich schaue auf die PassantInnen und Fahrzeuge in der Leopoldsgasse. Ich bin ganz Beobachter, besser noch: Betrachter, deswegen rege ich mich auch nicht über die fetten, hässlichen SUVs auf, die vorbeifahren. Jetzt: eine versonnene Rollerfahrerin. Interessant: die PassantInnen fast nur auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Vielleicht entsteht der Eindruck nur, weil ich sie dort auf der anderen Straßenseite länger im Auge habe, als wenn sie diesseitig direkt vorm Fenster, hinter dem ich im Lokal sitze, vorbeisausen und ich sie deswegen kaum registrieren kann.

Selbstverständlich habe ich die REMbox am Tisch liegen (und schon darin geblättert – ich entdecke immer wieder Neues und Überraschendes und Großartiges). Der Autobus fährt langsam vorbei – ich bin darüber überrascht und brauche ein wenig, bis ich meine Gedanken und mein Wissen so geordnet habe, dass mir klar und erinnerlich ist: hier ist die ganz reguläre Route des 5A. Ein kleines Mädchen hat sich draußen auf der Terrasse auf einen eigenen Tisch neben den der Eltern gesetzt und versucht versunken und konzentriert und so schön, irgendetwas mit einem Stück Stoff hinzubekommen. Ah! Es ist ein kleines Säckchen und sie will es aufsetzen, aber die Öffnung ist zu klein. Dann läßt sie das Ding einfach fallen, nachdem sie sehr lange ihren offensichtlichen Plan verfolgt hat (Achtung! Ganz genau weißt du es nicht! Sie könnte ja Verschiedenes ausprobiert haben – der innere Spötter). Jetzt arbeitet sie wieder mit dem Sackerl und hat es erfolgreich über ihre rechte Hand gezogen. Der Vater hat schon ein buntes Kinderhaarspangerl im Haar; würde gerne wissen, ob er es weiß, ob er es mitbekommen hat, dass ihm sein Töchterchen dieses ins Haar gesteckt hat oder nicht, oder ob er es gegebenenfalls schon vergessen hat (Auch das weiß du nicht wirklich: vielleicht hat er selbst es genommen, um eine widerspenstige Haarsträhne niederzuhalten – der innere Spötter).

Auf den Wind habe ich schon lange nicht mehr geachtet; momentan ist er sanft, fast unmerklich. Ein weibliches T-Shirt in einem besonders schönen Gelb geht drüben vorbei (und gelb ist heikel!). Die Musik aus den Boxen ist angenehm (warum schreibst du immer aus den Boxen? Ist das nicht eh klar? Stellt das ab! - der innere Spötter).

Die schöne Nachmittagsmelancholie fließt aus den Boxen in meine Seele (wo sie schon wartet). Die Bilder an der Wand kommen mir bekannt vor und sind mir dennoch fremd (bist du heute nicht schon genug auf irgendwelchen saalrevolutionären, romantisierenden, pseudopoetischen Widerspruchszusammenlegungen herumgeritten? - der innere Spötter). Eine telefonierende Radfahrerin. Die Musik ist nun französisch (Lycéeismus? - der innere Spötter). Eine Frau mit einem großen Hund. Der Wind ist wieder da. Zu Hause sollten sowohl die Waschmaschine wie auch der Geschirrspüler mit ihren ersten Befüllungen fertig sein, aber ich mag noch nicht gehen. Ach Gott! Ein balzendes Männchen und ein Weibchen, das mitspielt (wenn du das verurteilst, sagt das mehr über dich als über die Szene – der innere Spötter). Der Rest vom Schützenfest wäre eigentlich ein angemessener Titel für eine Ausstellung meiner Bilder – gibt mir der innere Spötter ein. Aber damit hat er recht (Achtung! Eigentlich – der Weigel Hans wird mit dir schinpfen! - der innere Spötter). (Wenn er mich wahrnimmt, soll’s mir nur recht sein – der Schreiber). Ich könnte überhaupt ein paar Wohltäter aus dem Jenseits brauchen. Den Weigel lieber nicht.

Am Heimweg ist mir noch eine Möglichkeit eingefallen, wie ich mit der REMbox angeben kann: ich stelle sie in mein Fenster.


(6.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4451 Ditschen

 



0:29 a.m.  Die kleine weiße Holzkugel am Faden des Holzmövenmobiles, das über meinem Bett hängt, ditscht sanft gegen meine linke Wange, aufgescheucht von meinen Bewegungen, als ich nach Notizbuch und Pilotstift (hellblau) gelangt habe. Wie immer, wenn ich in einem Roman oder einer Erzählung gelesen, mir dabei fremde Welten eingezogen habe, brauche ich etwas Zeit, um hierher, hier in mein Zimmer, zurückzukommen; und mein Geist noch länger, und meine Seele auch, und meine Stimmung sowieso. Vielleicht schreibe ich das noch aus dem Roman heraus, wer weiß. Meine Kopfhaut juckt, wie jetzt öfters am Abend. Ich kratze sie ein wenig, dann lasse ich das sein und fahre nur mehr mit der flachen Hand über den Schädel. Ich bin schon recht müde, aber ich muß noch einen Ausstieg finden. Irgendeinen annehmbaren letzten Satz. (Wie wäre es mit: Vorm Schlafen muß ich noch aufs Klo? Oder: Der schwarze Holzrabe beim Fenster hat wieder eine weißlich-gelbe Aura? - der innere Spötter.)


6.5.2026


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 5. Mai 2026

4450 Zum Angeben

 



13:13.  Der Lichtengel strahlt wieder zweiflügelig, aber jetzt der – von mir aus gesehen – linke Flügel doppelt (mindestens!) so stark wie der nun verkümmert wirkende rechte (von mir aus gesehen). Ich habe lange überlegt, ob ich heute schon wieder die Reise in mein Lieblingscafé antreten soll und jetzt bin ich froh, dass ich hergekommen bin. Der in kleinen Schlucken einverleibte Kaffee wirkt schon und Weite und Freude und Wohlgefühlt haben von mir - sagen wir ruhig: Besitz ergriffen. Die REMbox habe ich trotz innerer Bedenken wieder auf den Tisch gelegt – recht spät nach meiner Ankunft zwar, aber schließlich doch – darin gelesen habe ich noch nicht. Das Handy zeigt keinen Rückruf – den habe ich auch nicht wirklich erwartet. Mein Blick bleibt beim Lichtengel hängen: der linke Flügel strahlt so kraftvoll und betörend! Es ist schön, wenn man einen Mann sieht, der errötet – aber trotzdem schaue ich sofort weg, weil – ich weiß nicht – es ist ja eine Art Intimität, die der Betroffene vermutlich nicht preisgeben wollte. Ich sollte wieder Zeitung lesen – schreibt mir irgendwer im Inneren vor.


13:53.  Zum ersten Mal blicke ich heute bewußt beim Fenster hinaus in den kleinen Gastgarten unter den zwei Platanen und auf die Burggasse und auf die vorbeiwandernden PassantInnen. Sloop John B. von den Beach Boys fällt mir ein, obwohl aus den Boxen etwas anderes kommt, aber Sloop John B. hätte gut gepasst. Die gegenüber liegende Häuserfront ist sonnenbeleuchtet, nur die vorbei fahrenden Autobusse können die – aus meiner Sicht – Gegenlichtbeleuchtung mit ihrem übergroßen Körperbau kurz dämpfen. Es wird Zeit, in die Sonne zu gehen (sicherheitshalber mache noch einen Blick in die REMbox, damit es nicht so ausschaut, als hätte ich sie nur zum Angeben auf dem Tisch liegen).


(5.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4449 Geschafft

 



0:20 a.m.  Ich atme tief ein und aus und bin froh, dass ich diesen Tag geschafft habe und letztlich gar nicht so schlecht. Aber ausgelaugt bin ich von den Ängsten und Anstrengungen. Darum werde ich jetzt schlafen. Der schwarze Holzrabe am Fenster hat wieder seine weißlich-gelbe Aura (des Schreibers Pilotstift ist übrigens auch gelb, schreibt aber schwarz – der innere Spötter).


(5.5.2026)


©Peter Alois Rumpf   Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4448 Ein gutes Zeichen

 



11:56.  Ich sitze in Hof 5 unter den einander überlappenden Kronen einer Rosskastanie und einer Linde (ziemlich genau in der Mitte). Natürlich (und das heißt freilich unnatürlich) muß irgendwo in einem anderen Hof eine Baustellenmaschine röhren. Der Lindenbaum hat schon geblüht, die Kastanie blüht jetzt und wird von Biene & Co besucht. Ein angenehmes Lüftchen weht; ich spüre es auch als leichten Druck im Ohr. Die Kirchenglocken rundherum läuten den Mittag ein; wie ich dieses Geläute liebe! Das praktische und verwertende Gesurre eines Baustellenkrans vielleicht stört die Schönheit und den Klang der durch das Geläute irdisch hörbar gemachten Sehnsucht nach Transzendenz (Transzendenz – auch so ein blödes Wort, aber mir fällt auf die Schnelle kein besseres ein). Der Kragen meines Sakkos drückt auf meinen Nacken; ich zupfe es zurecht. So ist es besser. Und nun das unvermeidliche Flugzeug: nieder, laut, aufdringlich, beängstigend und viel zu billig. Ich muß aufpassen, dass ich in meiner Not nicht zu arrogant werde: die Passanten kommen mir so unzulänglich vor, aber besser für den Überlebenskampf ausgestattet (klar, das ist so eine unlautere Projektion, und das weiß er auch – der innere Spötter). Es ist ein schöner Platz hier an diesem sommerlichen Tag. Ein Folgetonhorn, dann eine Taube, dann ist es ziemlich ruhig, das Gezwitscher in den Bäumen stört die Ruhe nicht (ist aber auch dem Überlebenskampf geschuldet – der innere Spötter). Ein seufzender Atemzug, ein gutes Zeichen!


(4.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4447 Bannungsversuch

 



6:09 a.m.  Die Angst ist heute so heftig eingefahren, dass mir übel ist. Innerlich schreie ich vor Angst und kann mich kaum auf einen klaren Gedanken konzentrieren. Es herrscht absoluter Alarmzustand und mit dem, was da auf mich zu kommt, bin ich vollends überfordert (zum Beispiel kenne ich mich überhaupt nicht damit aus, wie ich nach der Abschaffung des Tan-Codes von meinem Konto Überweisungen tätigen kann. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich die notwendigen Voraussetzungen für den neuen Zugang auf meinem Laptop installieren kann. Das nur als ein Beispiel).

9:35 a.m.  Die Angst ist noch da, schwächer zwar, aber sie hat mich bis in mein Lieblingslokal begleitet. Der Lichtengel leuchtet gar nicht mehr und irgendwas passt immer noch nicht. Ich aber halte mich tapfer; ich gebe nicht auf. Immer wieder sage ich mir vor: es muß nicht elegant sein, ich muß nur irgendwie durch. Bis es vorbei ist. Die REMbox habe ich auf den Tisch gelegt, aber heute wirkt sie sehr fremd. Trotzdem gebe ich sie nicht weg. (Aindschä aus den Boxen; ja, ich rufe auch nach dem Engel!) Etwas essen, um mich noch besser zu festigen? Mich schaudert’s. Die Rolling-Stones-Nostalgie hilft mir nicht nur nichts, sie ist mir auch unangenehm. Damals waren doch auch Scheißzeiten. Ich bestelle eine Eierspeis (Monatsbeginn); schlechtes Gewissen habe ich sowieso; das ist auch schon egal.

10:06 a.m.  Nur langsam scheint sich die blanke Angst aufzulösen. Das zweite Frühstück scheint mir gut getan zu haben. Eigentlich wäre heute Fitness angesagt gewesen, aber so voller Angst wollte ich nicht ins Fitnessstudio (wie wohl das Training vermutlich gegen die Angst geholfen hätte, aber so paralysiert und ohne innere Schutzschilder habe ich mich der unterschwellig immer mitschwingenden Angst vor den starken Männern dort nicht auch noch zu stellen getraut). Ich könnte in der REMbox blättern.

Jetzt ist wirklich das Ärgste vorbei: heute hat es zirka fünf Stunden gedauert, um aus der Angst herauszukommen. Das ist länger als sonst. Mir fehlt einfach etwas Grundlegendes, um im normalen Leben einigermaßen zurecht zu kommen. Das darf ich mir jedoch nicht vorwerfen (dürfen schon, aber es bringt dir nichts – der innere Spötter). Danke, innerer Spötter, dass du auch wieder da bist. Das ist ein gutes Zeichen. Glaube ich zumindest. Wie wird das noch weitergehen? Außerdem bin ich zu dick (aha! Jetzt rattert diese innere Maschine wieder, aber wenn du dafür Energie hast, geht’s dir wirklich besser – der innere Spötter).

10:47 a.m.  (Dass ich nicht nur zu Beginn der Schreibsitzung oder nach einer längeren Pause die Uhrzeit notiere, sondern schon alle Pfiff’, ist wohl noch der Angst geschuldet, die noch immer irgendwo in mir lauert und von der ich befürchte, dass sie gleich wieder losschlägt. Die Uhrzeit-Notiererei ist Bannungsversuch.)

Manchmal zeigen sich auch Stücke einer angenehmeren Realität, aber gleichzeitig weisen sie mich ab (mit diesem kryptischen Satz will er etwas sagen, das er nicht verraten will – der innere Spötter).

Gar nichts! steht auf meinem T-Shirt und das stimmt. Jetzt kommt langsam die Trauer näher. Sie ist mir viel lieber als die Angst. Irgendwas geht hier im Lokal vor, ein kompetent auftretender – was mich mißtrauisch macht – Mann erklärt und begutachtet oder so ähnlich. Wird hier umgebaut werden!?! Oh! Oh! Oh! Ich bin skeptisch! Meine Welt droht zusammenzubrechen: zuerst der Kontoscheiß, dann die leichte REM-Überforderung, der Teilzusammenbruch des Bettes, und jetzt wird mein Lieblingslokal umgebaut!?! (gemach! gemach! - vielleicht deutest du das alles falsch! - der innere Spötter).

Gott-oder-wer-oder-was-auch-immer-sei-dank, nein. Laut Auskunft ist es nur eine Kontrolle irgendeiner Behörde oder Ähnliches; kein Umbau! Bin ich erleichtert! Jetzt schaut die Welt gleich wieder freundlicher aus.


(4.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4446 Der Wind

 



13:10.  Der Wind ist heute im Gänsehäufel sehr heftig; es rauscht nur so in den Bäumen, hauptsächlich alte Pappeln und die anderen? Eschen? Kann das sein? Oder doch irgendeine Weidenart? Mein Vater hatte schon mit mir geschimpft, weil ich die einheimischen Pflanzen und Bäume nicht kannte; gezeigt und erklärt hat sie mir aber auch nicht. Der Löwenzahn ist großteils schon verblüht und wird bald seine Samen losfliegen lassen (übrigens: was beim Menschen und Tieren Samen heißt, heißt in der Botanik Pollen – der innere Spötter). Der Wind läßt die Bäume so laut rauschen, dass man sogar das Krähenpalaver kaum hören kann. Und Richtung Sonne glitzert das vom Wind aufgewühlte Wasser breit und lebhaft. Ein wenig kühl, wenn ich im Wind aufrecht im Klappstuhl sitze. Von Zeit zu Zeit fahren die Windböen ganz wild in die runde Halbinsel, dass es sogar – gottseidank – den unangenehmen Lärm der beschallten Boote verträgt und übertönt. Der starke Wind, wie er die Äste und Zweige und die jungen Bäume überhaupt biegt und rüttelt und über die Insel braust, erzeugt durchaus eine Ahnung der Ungezügeltheit und Kraft, zu der die sogenannte „Natur“ fähig ist. (Jetzt werde ich in einem Heft über Dschingis Khan lesen. Wie passend.)


(3.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com