Mittwoch, 22. April 2026

4433 Im Leo

 



Ich blättere im Café Leo (die Uhrzeit zu notieren hat er vergessen – der Tipper) in der REMbox, aber um gründlich zu lesen, bin ich zu müde (2 Stunden Fitness!) und zu nervös (Einkäufe! Wäsche! Geschirr! sind noch zu erledigen). Beim neuen Falter hat jemand von den letzten zwei Blättern Stücke weggerissen. Ich hasse das bei Texten, die ich lesen will. Na gut, die Frau Dusl kann man noch lesen. Ich liebe ihre etymologischen Ableitungen (auch wie sie formuliert sind)!

Die Flaschen der stärkeren Getränke ganz oben im hochgehängten Regalkastl (hoch gehängt ist nicht das selbe wie hochgehängt! - der Autor) beeindrucken mich in ihrer fröhlichen Ansammlung und verdichteten Gemeinschaft; fast schon poetisch. Die Musik aus den Boxen ist wunderschön! Keine Ahnung, wer das ist. Irgendetwas Irisches in zeitgemäßer Interpretation, vielleicht? Soll ich zu saufen beginnen? So richtig wegkippen und sich selbst vergessen? Seit über zwanzig Jahren hat das überhaupt keinen Reiz mehr auf mich ausgeübt.

Jetzt – plötzlich wird es mir klar – weiß ich, warum ich die REMbox umherschleppe: sie soll meine Anwesenheit stärken und rechtfertigen, mir genug Daseinsberechtigung verschaffen und mich vor Angriffen, Verleumdungen und Beschimpfungen schützen. Damit mich nicht jeder Anhauch von Infragestellung verwehen kann (beachte: ver-weh-en; vergleiche: letz, ein altes Wort für schwach und verletzen – der Autor). Ein existenziales Schutzschild und schlagkräftiges Argument. So ungefähr.

Nach dieser Erkenntnis ist es aber höchste Zeit, aufzubrechen und mit der Erledigung der Einkäufe zu starten. Obwohl: die Spielraumkinder kommen so nach 16 Uhr; wenn ich jetzt einkaufen gehe, komme ich vermutlich zur Rushhour zurück und das ist nicht gut: die Kleinen kennen mich noch nicht so und fürchten sich noch manchmal vor mir. Dabei habe ich den Einkauf schon verschoben, damit ich nicht um 3 Uhr p.m. mit dem vollen Trolley in die Abholphase der aktuellen Tageskinder und damit in den Stau im Vorzimmer komme (diese Kinder fürchten mich nicht mehr, sondern begrüßen mich manchmal mit „Kaka Peter!“, was mir sehr gefällt. In echt!). (Normalerweise erledige ich zuerst die Arbeit, bevor ich es mir gemütlich mache – ich will sie hinter mir haben und nicht mehr daran denken müssen.) Ich geh jetzt einfach nach Hause, lege den schweren Rucksack mit der REMbox ab und schnappe mir den Trolley; notfalls kann ich ja auf einer der Bänke unter den drei Säulengleditschien vorm Haus warten, wenn ich zu ungünstiger Zeit mit dem Einkaufen fertig sein sollte. Würde es nicht aufs Monatsende zu gehen und meine Finanzen nicht schon etwas angespannt sein, würde ich einen zweiten Cappuccino trinken und alles abwarten. Aber egal!


(22.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 21. April 2026

4432 Ich liebe das Weite

 



10:51 a.m.  Das Lokal ist ziemlich voll und ich finde einen Platz im hinteren Raum. Die hoch gehängten Spiegel an der mittelgrauen Klinkerwand gegenüber und gleichzeitig el condor pasa aus den Boxen. Einer der Spiegel ist mit einem ungewöhnlichem englischsprachigen Werbeplakat für ungarische Weine beklebt, wenn es denn ich Wahrheit nicht die Ankündigung eines Club-Events hier im Lokal ist (aus dieser Distanz kann ich nur Teile der Überschrift lesen, das Kleingedruckte gar nicht). Das einzige Fenster hier geht auf den Hinterhof; obwohl das kein so toller Anblick ist und in der Fensternische ein turtelndes Paar sitzt, schaue ich von hier aus quer durch den Raum durch das kleine Fenster hinaus, denn ich suche das Weite. Selbst wenn der Blick nur durch den Hof kommt und dann dort an der Hauswand stehen bleiben muß, eignet ihm ein leichter Anhauch von Weite und Unendlichkeit. So ist das. Die Sehnsucht nach dem Unendlichen gibt nicht auf. Ich aber werde jetzt wieder in der REMbox blättern und den Beitrag von Hans Pfefferle lesen (REM – ein romantischer Igel).

Jetzt habe ich ein Schnittlauchbrot gegessen und dabei ist es mir gelungen, alle, wirklich alle Schnittlauchstücklein, auch die, die vom Brot auf Serviette, Tablett und Tisch gefallen sind, zu finden, aufzusammeln und zu verzehren. Denn wenn Pflanzen schon verletzt oder gar getötet werden, um uns zu ernähren, will ich sie und ihr Bewußtsein würdigen und ehren, indem ich alles aufesse (es gibt hier im Lokal und im Urbanen keine beziehungsweise zu wenige naturbelassene Flächen, die nicht von irgendwelchen Kontroll-, Beschneidungs- und Säuberungsbrigaden heimgesucht werden, sodass man keine paar Brösel und Tropfen der Erde, um sie zu würdigen und zu bedanken, überlassen und zurückschenken kann (bedanken hier grundsätzlich transitiv, aber nicht reflexiv! - der Autor). (Als Dank für diesen Satz solltest du, um die Erde des Weiteren und auch von deinen Gedankengängen zu verschonen, wirklich nur mehr bio essen! - der innere Spötter.)

Das ist wirklich ein grandioser Text vom Hans Pfefferle! So eine gute Analyse und Einordnung! (Ich hab eh angerufen und ihm das gesagt.) Ein Schauder läuft mir über den Rücken. (Den Goethe mag ich allerdings nicht!) Jetzt füllt sich das Lokal wieder mit den Mittagessern (exakt 12 Uhr). Boxenstopp (ich; nicht die Musik).

Von Magnesium ist die Rede. Ich überlege das Heimgehen; schließlich habe ich viel zu tippen (sehr viel! - der Tipper) und eine „romantische“ Unruhe ficht mich an (Pfefferletext!).

Auf dem Weg zum Klo schaut mich ein am Boden liegender Hund, dessen Vorderpfoten unter dem Sessel hervorschauen, traurig an und ich steige vorsichtig über seine Vorderbeine, und ich weiß nicht, ist diese Traurigkeit im Blick von mir oder von dem Tier? Als meine Projektion muß ich es nicht erklären, aber trauert die Art der Hunde über den Verlust der ursprünglichen Wolfheit? Der Preis war wohl sehr hoch, oder? (Und wie ist das mit der Menschheit? - der innere Spötter).


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4431 FrühstückerInnen

 



8:22 a.m.  War heute schon im Pyjama recht aktiv: die Tagesration Kräutertee gebraut, gefrühstückt, Geschirrspüler ausgeräumt, eingeräumt, in Betrieb gesetzt, vorher noch am Fenster gewunken, wegen der Kälte und von meiner Frau empfohlen in eine Decke eingehüllt (war trotzdem kalt). Jetzt habe ich mich wieder ins Bett gehockt, um mich aufzuwärmen und den Tag im Geiste zu ordnen (von ordnen kann keine Rede sein – er denkt, phantasiert, und assoziiert einfach so chaotisch herum; man kann es nicht einmal sortieren nennen – der innere Spötter).

Ich lausche dem Surren in den Ohren, um meine Gedanken zu beruhigen, aber dann fällt mir ein, dass ich gestern im Internet gelesen habe, dass solches Surren ein Symptom für einen bevorstehenden Schlaganfall sein kann. Und dann fällt mir ein, dass ich auch gestern im Internet gelesen habe, dass lange Zeit im Internet zu verbringen, eine Auswirkung und Folge von Depression und Angststörung sein kann und helfen soll, von den ständigen negativen Gedanken und Selbstanklagen abzulenken.

Irgendwie ist es mir heute nicht gelungen, die Pölster im Rücken richtig zu schlichten, denn es tut mir schon der Nacken weh. Ich rücke und zupfe herum; vielleicht passt es jetzt. Nach welchen bewußten uund unbewußten Prinzipien hatte ich mein Leben angelegt? Gibt es überhaupt Prinzipien? Der Verkehrsüberwachungshubschrauber jetzt wird mir auch nicht helfen, dahinter zu kommen. Naja, ich hab eh keine Kraft mehr, mich deswegen richtig anzustrengen. (Und jetzt? Jetzt hockt er mit verschränkten Armen da und hat die Augen geschlossen und ist ganz zufrieden und frönt der Illusion, irgendwas im Griff zu haben – der innere Spötter.) [ich hätte es mit h geschrieben.]

Wende im Wendenland am Bett der Sav’ (ursprünglich ist der deutsche Name der Sava: Sau, wie Drava: Drau) (irgendsoein Halbschlafsatz).

Wenn ich die Lesebrille auf habe, bewegt sich der Schatten dort am Bild im Bücherregal; nehme ich die Brille ab (ab, nicht runter ist ein kleines Geschenk an meine bundesdeutschen LeserInnen), verharrt er bewegungslos. So, jetzt fühlt er sich ertappt, der Schatten, und rührt sich auch bei aufgesetzter Brille nicht. Wie wäre es mit einem Ausflug in mein Lieblingscafé Espresso Burggasse? Die erste Welle der FrühstückerInnen sollte schon vorbei sein bis ich hinkomme.


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4430 Der Leibnitzgedanke

 



0:22 a.m.  (Endlich wieder vor Mittag.) Ansonsten habe ich jetzt nichts zu sagen, aber mir wird schon noch etwas einfallen. Schließlich bin ich jetzt optimistischer als vor zwei Wochen. Allerdings bin ich sehr müde, sehr müde. Ich überlege gerade, wie es wäre, wenn ich am Frauenberg bei 8430 Leibnitz/Lipnica stürbe? (Jedenfalls historisch – der innere Spötter). Am Schädel juckt es. Ich lasse den Leibnitzgedanken wieder fallen. Und dort oben begraben sein? - nehme ich ihn wieder auf. Naja, zu weit hergeholt. Ich bin schon recht müde. Der Holzrabe am Fenster scheint in seinem statischen Gleitflug sanft die Flügel zu bewegen; nicht schlagen, nur leicht dem Luftstrom anpassen. Ich bin wirklich schon müde.


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4429 Vor der Therapie

 



12:26.  Ich sitze im Weltcafe, aber an der anderen Wand als üblich und das Bild gegenüber gefällt mit tendenziell besser als die auf meiner Seite, auf die ich ansonsten starre (obwohl von dem/der selben MalerIn). Der Kaffee ist schon da, der Toast kommt bald, nehme ich an. Ein Typ gegenüber mit sehr beeindruckendem markanten, männlichem Gesicht irritiert mich; fast frißt mich der Neid. Der Toast ist noch nicht da (Mittagszeit! Viel Betrieb). Läßt die Wirkung der Droge REMbox schon nach? Wieder das alte Drecksgefühl über mich? Ich will das noch nicht glauben. Soll ich einfach die REMbox auf Seite 255 aufschlagen und meine Bilder anschauen (zum Wiederhochladen des Hochgefühls)? Und wenn die Dosis dann zu schwach ist, werde ich enttäuscht sein? [RëMTE. Ein toller Text von Karin Peschka in der REMbox! - nebenbei lese ich auch darin.] (Geht dir das RemRemRem nicht schon langsam auf die Nerven? - der innere Spötter.) (cold turkey? - der noch innerere Spötter.) Nein.

Die vollgestopften Bücherkästen unerreichbar hoch an der Wand gegenüber, direkt unter den Entlüftungsrohren, altes Holzzeugs, viele Bücher, deren Titel ich aus der Entfernung nicht entziffern kann. An fremden Leben mitnaschen (ich verfolge die Chats auf xxx). Die drei Bücherkästen: mit je zwei Stützen unter ihren Bodenplatten, und je eine Lampe ist an der oberen Stirnleiste montiert, die die Bücher beleuchtet (nicht gleichmäßig; das geht sich bei diesem Lichtkegel nicht aus). Oben drauf, unter den Entlüftungsrohren fast eingequetscht, je zwei Blumenstöcke (wenn die echt sind: wer gießt die und wie?).

Ratlos, ob ich noch einen Kaffee bestellen soll, ratlos, weil schon in der Monatsmitte sich deutlich zu Ende neigende Geldmittel. Was mache ich morgen, wenn ich heute schon fast alles ausgegeben haben werde? (Wer weiß, lebst du morgen noch! - der innere Spötter.) Noch 42 Minuten bis zur Psychotherapie. Soll ich in den Höfen des Alten AKH herumgehen? Mit dem schweren Rucksack? (Selber schuld, was schleppst du auch den REM-Ziegel mit dir herum – der innere Spötter). 41 Minuten.


(20.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4428 Nun denn

 




0:00.  Genau Mitternacht, als ich zu schreiben beginne und deswegen – wie schon längst angewöhnt – auf die Uhr schaue. Ein neuer Tag also. Es ist still. Außen still, innen laut: da surrt’s, singt’s, brummt’s, heult’s, vibriert’s, …

Mir fallen die Augen zu. Nun denn …


(20.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April  2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4427 Die Sonne im Nacken

 



12:00.  Der Sommer ist (jetzt) da, ich sitze jedoch drinnen, mit der Sonne im Nacken. Das heißt: im Katscheli. An der Wand drüben die Barlampe, mit doppelspiraligem Glühteil in der runden Glasbirne. Ich habe nach dem Lesen den Standard schlecht in die Zeitungshalterung an der Wand gesteckt und korrigiere das nun. Jazzige Querflötenmusik aus den Boxen. Ich bin hier, um mit der REMbox anzugeben, nicht nur wegen des Kaffees. Ich finde meine Angeberei lächerlich und unreif, kann sie jedoch kaum verhindern. Oder ist das eh normal, dass man herzeigen will, worauf man stolz ist?

Wenn ich meine Wege gehe, schaue ich herum, ob ich jemanden sehe, den oder der die REMbox interessieren könnte, oder jemandem, dem oder der das Buch laut Liste zukommen soll (AutorInnen, Kulturmanager …). Das kommt mir selbst lächerlich und peinlich vor (als würden die alle ständig ausgerechnet hier umherrennen), aber das ist ein interessantes sozial-psychologisches Phänomen, das ich da an mir beobachte: denn vor diesem Buch war ich fast immer mit vor Scham über mein gescheitertes Berufsleben gesenktem Kopf unterwegs, und diese Dokumentation, in der auch Arbeiten von mir abgebildet und beschrieben sind, und so für überlieferungswürdig geachtet werden, hat bewirkt, dass ich öfters gehobenen Hauptes und mit offenem Blick meine Wege gehe. Erstaunlich, was das bisschen Resonanz – ich meine das bisschen nicht abwertend, ich meine das auf das Weltgeschehen bezogen – ausmacht. Ich bin sehr dankbar für dieses Buch und bedanke mich bei allen, die es gemacht, betrieben und gefördert haben.


(17.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4426 In etwa

 



8:17 a.m.  Heute bin ich ganz ohne Angst aufgewacht und blicke erstaunt in den Morgen. Ich lasse mir noch ein wenig Zeit, bevor ich mit den Einkäufen starte. Die Ruhe in der Frühe tut mir gut. Und was die Verteilung der REMbox betrifft, konzipiere ich im Kopf schon die nächste E-mail. Heute weiß ich in etwa, was ich zu tun habe.


(17.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4425 Schmutziges Gelb

 



0:00 a.m.  Ich schaue auf die Uhr; sie zeigt genau Mitternacht. „Ich muß das aufschreiben“, denke ich. Der dunklere Teil meines Gesichtsfeldes ist blau. Wenn ich je gewußt habe, wie dieses Blau heißt, dann habe ich es vergessen. Aber das Blau kenne ich; ich habe es schon gesehen. Es ist zwischen dunkel und hell, aber satt, fett und dicht. Sehr schön eigentlich. Aber wie es heißt, weiß ich nicht mehr (wenn ich es überhaupt einmal gewußt habe). Jetzt ist es verschwunden. Jetzt sind die dunkleren Teile meines Gesichtsfeldes in einem trüben, dumpfen, durchsichtigen Grau; wie schmutziger, nicht allzu dichter Nebel. Der obere Bereich ist jetzt in einem Streifen wieder blau geworden, aber nur für kurze Zeit. Das Spiel wiederholt sich. Wenn der obere Streifen blau wird, wird der Rest gelber; ein Hauch schmutzigen Gelbes über dem Grau.


(17.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 16. April 2026

4424 Der REM-Ziegel

 



12:20.  Mit dem REM-Ziegel (eigentlich: REMbox) im Espresso Burggasse. Ich will das Buch allen zeigen und will damit angeben, traue mich aber nicht. Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank. Aber wenn mich wer fragt, warum ich das Buch ständig herumschleppe, kann ich ja antworten, dass ich dabei bin, Belegexemplare zu verteilen, was gar nicht gelogen ist, aber das hier am Tisch ist mein Exemplar, das ich nur aus angeberischen Gründen (vergeblich) umhertrage (weil niemand darauf anspringt). Mein Gott! Mein Bedürfnis nach Anerkennung muß riesengroß sein! Die Jahre am Abstellgleis werden erst jetzt so richtig spürbar. Gut, da muß ich irgendwie durch, auch wenn es nicht auf elegante Weise gelingt und peinlich wird. Kleine Komödien sind angesagt (die erste habe ich heute schon beim Hinterlegen des Belegexemplars für die Magistratsabteilung 7 hingelegt; aber die war nicht so lustig, dass man sie erzählen muß. So à la der Ochs findet nicht das richtige Tor).

Es hat schon Sinn, das REM-Buch im Café zu lesen: ich entdecke immer wieder ganz tolle Texte (und Bilder sowieso); zu Hause würde ich mich ans Laptop setzen, vielleicht. Dieses Buch wird voll einschlagen und tut es schon! (Achtung vor aggressiver Rhetorik! Und außerdem hätte er vorhin fast macht Sinn geschrieben – der innere Spötter.)

Ist es eigentlich unhöflich, wenn ich den Kellner nur mit Fingerzeig meine Bestellung übermittle? Mir geht es darum, nicht allzu viele Umstände zu machen (was leicht nach hinten losgehen kann, weil es bei Missverständnissen erst recht kompliziert und umständlich werden kann; aber hier kennen sie mich schon). Aber ist es objektiv unhöflich?

Mein Gott! Es ist schon toll! Ich bin am Bucheinband abgebildet! Zwar verfremdet und natürlich nicht allein und kaum zu erkennen – abgesehen davon, dass das zugrunde gelegte Foto 42 Jahre alt ist – aber trotzdem! (Ich probiere hald (sic!) es mit dem alten Architektengrundsatz: was man nicht verhindern kann, muß man betonen.) (Wenn wir schon bei den Ziegeln sind – der innere Spötter.)

13:59.  Wenn ich im REM-Buch die Fotos meiner vernichteten Bilder anschaue, kommt der Schmerz. Das ist mir nach außen unangenehm, darauf herumreiten zu müssen, aber nach innen ist es eine Notwendigkeit: kein Loslassen ohne den Schmerz zugelassen zu haben. Adé.

14:38.  Nun sitze ich unter einer der Linden Am Gestade. Das junge Grün der Bäume, aller Bäume am Herweg ist so unglaublich; ich kann es fast nicht glauben, dass das wahr ist. Ich raste hier ein wenig. Aufgewühlt wie ich bin, bin ich nun erschöpft, ein wenig, vielleicht (Frage an die LeserInnen, wegen des ständigen vielleicht: welches Buch liest er gerade? - der innere Spötter). Der Brunnen des betrügerischen Baders plätschert ruhig und leise. In der Ecke links hinter mir hockt einer, raucht, checkt sein Handy (Eine Frage an die Cloud: darf man ein Smartphone Handy nennen?) (Weiß er überhaupt, was eine Cloud ist? Ich fürchte: nein – der innere Spötter.) Es schlägt Dreiviertel drei. Es stinkt schon nach Zigarettenrauch. Und natürlich die obligatorische Baustelle rechts um die Ecke mit ihrem rücksichtslosen Getöse (seht ihr, die unhinterfragte Priorität von Wirtschaft, Arbeit und Lärm will er nicht anerkennen! Geh doch ins Kloster! - der innere Spötter). Wer weiß, wie es dort ist (mein Versuch vor Jahrzehnten, in einem Kloster ein, zwei Semester leben zu dürfen, wurde nicht erlaubt.) (Vielleicht solltest du froh sein! Vielleicht - der innere Spötter.) Die Atemschutzfeuerwehr fährt mit Blaulicht vorbei. Wird es noch regnen? Ich werde weitergehen.


(16.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4423 Contenance

 



6:53 a.m.  Heute habe ich gegenüber meiner morgendlichen Angst die Contenance bewahrt. Sie ist da, das Zittern ist da, aber sie hat mich nicht überwältigt: ich bleibe beobachtend und gehe nicht unter. Etwas in mir bleibt ruhig und gerät nicht in Panik. Ich habe mich im Bett aufgesetzt und dass soeben die Heizung anspringt, beruhigt mich auch. Der Gedanke, ob das noch lange so weitergeht oder ob wir uns die Wohnung in Zukunft nicht mehr leisten werden können, hätte das Potential, mich wieder in Panik zu versetzen, aber ich lasse mich nicht ganz darauf ein. Ich spüre zwar das Vibrieren im Zwerchfell und merke das Zittern am Kinn, aber bleibe beherrscht. Ich denke: mein ganzes Leben mußte ich mit dieser Angst verbringen, jetzt muß ich auf meine alten Tage deswegen nicht mehr durchdrehen (trotz des immer näher rückenden Todes – der kann ja auch eine Erlösung sein). Ich atme tief durch. Dann drehe ich den Kopf hin und her. Spott und Selbstironie kommen lächelnd näher. Wieder atme ich tief durch. (Was sich liebt, das neckt sich.) Wieder in dunkle Regionen abgedriftet, aber ohne Gefahr. Und retour.

Meint jemand, aus dem Bett springen und los! wäre das Richtige? Du hast keine Ahnung! Wenn es sich vermeiden läßt, gehe ich nicht mit offener Angst in den Tag; die Hunde draußen riechen das.


(16.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026  peteraloisrumpf@gmail.com

4422 Als REM-Promi

 



22:50.  Es ist nicht so einfach, als REM-Promi zu leben. Soll ich den Leuten sagen, wer ich bin? Oder weiterhin bloß einen Dummy schicken? Die Bücher im Bücherregal haben sich wie kleine Balkone an einer Häuserfront angeordnet, zumindest solange ich nicht genau hinschaue. Im Surren und Zirpen in den Ohren gibt es nicht nur Rhythmus und Tonhöhenmodulationen, sondern auch ein Drehmoment. Ich, ich bin schon zu müde.


(15.4.2026)


©Peter Alois Rumpf  April 2026  peteraloisrumpf@gmail.com

4421 Die Lücke

 



7:27 a.m.   Angst bis zur Übelkeit.

7:49 a.m.   Die Leere (das Leck) in der Leibesmitte habe ich mit Haferbrei gestopft. Jetzt dürfte es eine Zeit lang wieder halten. Der Fensterrabe schaukelt hin und her, wie immer, wenn ich das Rollo hochgezogen habe. Ich will meine Kontoüberweisungen nicht über das Handy machen, aber bald wird es nicht anders möglich sein. Das überfordert mich; ich weiß nicht, was tun. Das nur zum Beispiel. Die Verkehrsüberwachungshubschrauber lärmen die angeblichen Alltagsselbstverständlichkeiten ein, damit diese bei allen zur Arbeit Eilenden gut sitzen. Ein Riss geht durch den Anbau (nicht hier). Die Müllabfuhr rumpelt durch das Stiegenhaus. Jetzt ist es wieder ruhig geworden, auch die angesprungene Heizung gurgelt nicht mehr im Heizkörper. Jetzt geht es wieder mit zuschlagenden Türen und ferne dröhnenden Flugzeugen in den Himmeln los. Bald werde ich alltagstauglich sein (so weit das bei mir überhaupt möglich ist). Die verstopfte Lücke in der Leibesmitte scheint zu halten.


(15.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4420 Achja!

 



22:48.  Die Freude, dass es noch Fotos meiner Bilder gibt, ist inzwischen der Trauer darüber, dass ich sie zerstört habe, gewichen. Zumindest beschreibe und bebildere ich das, was sich in mir abspielt, so (und es spielt sich viel ab). Vielleicht ist alles ganz anders. Vielleicht. Zwischen meinen Augen zieht es sich zusammen, und in meiner Leibesmitte arbeitet ein dumpfes Weh, aber seelisch. „Schlafe!“, denke ich mir, „ich will schlafen!“ „Achja!“, murmle ich halblaut, während ich die Pölster richte.


(14.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 14. April 2026

4419 Schnittlauch

 



11:26 a.m.  Beim Essen des köstlichen Schnittlauchbrotes mit viel, viel Schnittlauch auf aufgeschlagener Butter auf Sauerteigbrot in meinem Lieblingscafé fallen viele Schnittlauchstücklein auf das unterlegte Papier und das Serviertablett und auf den Tisch. Ich picke möglichst viele davon auf – alle schaffe ich nicht – und esse auch sie, weil sie so gut schmecken und ich Speisen schwer wegwerfen kann: immerhin sind Pflanzen – wie alle Lebewesen mit Bewußtsein begabt – dafür gestorben (oder sterben noch – der innere Spötter) und damit sie nicht umsonst gestorben sind, esse ich sie (man könnte natürlich argumentieren: kommen die heruntergefallenen Stücklein auf einen Komposthaufen, wären sie auch nicht umsonst gestorben. Oder kann man sagen, im Universum geht überhaupt nichts verloren?).

Wie auch immer: In angeberischer Weise habe ich die REMbox vor mir am Tisch liegen – ein wirklich großartiges, gelungenes, umfangreiches und umfassendes Buch; Dokumentation und Darstellung der Wiener Künstlergruppe REM der Achtzigerjahre – und blättere darin, schaue mir genußvoll die vielen Bilder an, lese die wirklich und in echt interessanten Texte und bin hingerissen (ich gebe zu, dass er nicht nur von seinen eigenen Beiträgen begeistert ist – der innere Spötter). Das ist für mich, als würde ich durch diese Dokumentation ein wenig aus meiner Sackgasse herausgekommen sein, und das hat einen regelrecht erlösenden Effekt auf meine gequälte Seele: nicht alles in meinem (beruflichen) Leben war sinnlos, nicht all mein Wirken habe ich zerstören können, nicht alles ist verloren gegangen. Seit ich das Buch in der Hand habe (seit Freitag – der innere Spötter), bin ich völlig aufgewühlt, bis zur Schlaflosigkeit (aber auch vor Erleichterung und Freude). Obwohl ich diese Bücher beim Verteilen an die AutorInnen und fördernden Institutionen und Personen schwer im Rucksack herumtrage, habe ich das Gefühl, eine jahrzehntealte Last (genau: 37 Jahre alt) losgeworden zu sein. Mir ist zeitweise zum Heulen, aber das ist gut! Das ist wirklich gut!

Wenn ich die Fotos meiner zwei (dann ungefähr 1992 zerstörten) Bilder im Buch (keine Erinnerung mehr, wer die fotografiert hat) anschaue, begreife ich erst, wie sehr ich mich bei dieser Zerstörung verletzt habe; was für ein Stück meines Lebens ich abgehackt habe. Das war ein (mehr als bloß) symbolischer Selbstmord nach der katastrophalen Beratung beim Münchner Astrologen Wolfgang Döbereiner, der mich so in die Enge getrieben hatte. Shame on you, Döbereiner! Ich kann meine damalige Verstörung und den jetzigen Schmerz gar nicht in Worte fassen. Seit damals habe ich beruflich und gesellschaftlich gar keinen Boden mehr unter meinen Füßen gefunden. Shame on you, Döbereiner! Shame on you! Man tritt einen, der wankt und einem nichts getan hat, nicht nieder! Schon gar nicht, wenn er Rat sucht! In der Hölle sollst du schmoren! Gut, von mir aus im Fegefeuer, aber du kommst erst raus, wenn du mit allen Fasern deiner verdorbenen Seele erleben hast müssen, was du – nicht nur bei mir – angerichtet hast.

12:00 Mittag.  High Noon. (Naja, wir haben Sommerzeit; die Sonne steht noch nicht in ihrem Zenit – der innere Spötter.) (In meinem Leben geht sie schon unter.) Die Musik aus den Boxen aus meiner Jugend (jetzt: Spencer Davis Group, Gimme some lovin’) (Er ist ganz stolz, dass ihm nach minutenlangem Nachdenken der Name der Gruppe eingefallen ist – der innere Spötter.)

Diese Kriegsgeneration war wirklich eine Verhaugeneration (c/o Hannes Priesch). Es ist bitter. (Er sitzt tatsächlich da, die REMbox groß sichtbar auf dem Tischchen abgelegt, und träumt davon, dass ihn wer darauf anspricht – der innere Spötter.) Stimmt, ich gebe es schon recht billig. Daran erkenne ich, wie sehr ich die Jahre über in sozialer und seelischer Not war – und erschrecke. So eine Art Ritt über den Bodensee.

Seelisch erschöpft – es gibt so viel zum Aufarbeiten und neu Einordnen; immer noch! - sitze ich da und überlege, ob ich einen dritten Cappuccino bestellen soll. Meine Augen füllen sich ein ganz klein wenig mit Tränen (was immer das heißt!- der innere Spötter). Ich muß mich regelrecht beherrschen, den Leuten hier nicht das REMbuch (und besonders seine Beiträge – der innere Spötter) unter die Nase zu halten und meine Schüchternheit hilft mir gottseidank dabei. (Dabei würde er gern sagen: „Seht her, bei dieser wichtigen und tollen Künstlergruppe war ich dabei! Seht her, das habe ich gemalt! Seht her, das habe ich geschrieben! Ich bin kein Versager!“ - der innere Spötter.) (Freundchen! Reiß dich endlich zusammen – der innere Korrektor.)

Nein! Ich zeige meinen Schmerz, meine Angst und meine Einsamkeit (als Kind und beim Ritt über den Bodensee; aber jetzt bin ich drüben und falle nicht tot vom Pferd!). Jetzt das wunderschöne Liebeslied von Jefferson Airplane Today aus den Boxen (danke, Universum!). Jetzt weine ich wirklich verhalten (was immer das ist – der innere Spötter). Ich staue es eh zurück.

Ich verankere meinen Blick kurz am Lichtengel dort in der Fensternische. Seine Flügel strahlen heute besonders schön und trösten mich (richtige Männer brauchen keinen Trost – der innere Spötter). Sie leuchten durch meine Augen in meine kindliche (nicht kindische? - der innere Spötter) Seele.

Ich habe ein wenig Angst davor, wenn die Wirkung der Droge REMbox nachläßt. Was wird dann mit mir passieren? Werde ich den Halt verlieren? Und doch vom (zu hohen?) Ross fallen? Jetzt, wo ich um meinen innereren Bereich herum weich geworden bin? Ein Plakatverteiler kommt herein und fragt, ob er eines aufhängen darf; das habe ich damals für REM auch oft gemacht.

Ach ja, und Herr Hubert Scheibl ist auch herinnen gesessen und ich konnte nicht an mich halten und habe ihm das Foto eines seiner Werke, das in der REMbox abgebildet ist, weil er auch einmal im REM ausgestellt hat, gezeigt. Schüchternheit hin oder her. So etwas wird immer ein wenig peinlich.

Langsam werde ich überständig. Ich finde, dass es schon passend ist, die REMbox in der Öffentlichkeit zu lesen; es geht dabei doch um Öffentlichkeit. Zu Hause weiß ich da nicht so recht, wohin mit meiner Aufgewühltheit. (Meine Notizen im Notizbuch sind nun auch bunter geworden.)


(14.4.2026)


©Peter Alois Rumpf April 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 9. April 2026

4418 Gegenlicht

 



10:40 a.m.  Wegen der Helligkeit draußen haben wir hier herinnen Gegenlicht (sein geliebtes fast vor Gegenlicht hat er gestrichen – der innere Spötter). Amerikanische Popmusik [er ist zu faul – (und eigentlich auch zu inkompetent – der ganz innere Spötter), dies ordentlich auszuführen – der innere Spötter] aus den Boxen. Ich sitze am Eckplatz, wo ich fast (!) nie sitze; wegen der zwei Meter ist das trotzdem eine ganz andere Perspektive. Der Blick auf den Lichtengel ist weiterhin gegeben. Es gibt Menschen, die sitzen so aufrecht da, dass man ihnen ihre Existenz in dieser Welt sofort abnimmt. Die Gläser des verspiegelten Gläserregales hinter der Bar sind deutlich ins Zentrum meines Gesichtsfeldes gerückt und glitzern freudig und Erwartung erweckend drauflos. Ich drehe mich ein wenig nach rechts, Richtung Glasfensterfront. Zwei Anrufe irritieren mich, aber die Wellen verebben wieder (als hätte die Ebbe keine Wellen! - der innere Spötter).

Jetzt bin ich sitzend überhaupt gleich ums Eck gerückt und blicke ins Gegenlicht auf die Burggasse 351° N. Die seitlich beleuchteten Gesichter der in entsprechender Position sitzenden Gäste sind sehr interessant: ich sehe sie nämlich im Profil, das Licht von draußen kommt aus der mir gegenüber liegenden Richtung, und somit sind es nur wenige Lichtflecken, die ich aus meiner Perspektive auf den Gesichtern – sozusagen an ihren „Kanten“ – sehen kann und das gibt diesen Gesichtern so ein interessantes, fast artifizielles, überirdisches Aussehen (Puh! Jetzt hat er sich angestrengt! - der innere Spötter). Oh! Bin ich happy! Ich vertiefe mich in diese Gesichtsbetrachtungen, so als wären sie lebende Gemälde, die sich bewegen. Zum Beispiel streut das Licht so schön bei den Stirnen herein und erzeugt tolle Licht-Schatten-Effekte. (Das Gefühl, dass er damit übergriffig in Leben und Integrität anderer gafft und für sein ästhetisches Vergnügen missbraucht, hat er nicht. Es sind ja bloß „Kunstwerke“ – der innere Spötter.) Kaffeerauschmäßig steuere ich nun auf einen Höhepunkt zu. Der Wind schaukelt die noch ganz schwach belaubten Zweige der Platanen draußen vor der Tür. In meiner direkten Blicklinie zum Fenster hinaus befinden sich sieben seitlich beleuchtete Gesichter, alle weiblich (was seine „Betrachtungen“ vermutlich auch leichter macht! - der innere Spötter) (Nein! Da verwahre ich mich dagegen! Auch du, Spötter, hast nicht das Recht, bloß mit Unterstellungen zu arbeiten; das Ganze hat nichts damit zu tun! Ich betrachte diese Gesichter in Ehrfurcht vor Leben, Universum und Schöpfung! - der Schreiber.) (Meinetwegen tendenziell – der innere Spötter.) Apropos Schreiber(ling): Für Schriftsteller gibt es den PEN, für Autoren die Grazer AutorinnenAutorenVersammlung (die mich nicht aufgenommen hat), für unsereinen gründe ich den Verband für (verletzte) Schreiberlinge.

Ah! Jetzt sitzt auch ein Mann in meiner Blicklinie, und wie es der Teufel oder wer-oder-was-auch-immer will, gibt sein Gesicht – ich weiß nicht, ob wegen der Physiognomie oder der zufälligen Kopfhaltung – lichttechnisch nicht viel her. Nur die Unterlippe glitzert ein wenig beim Reden. Vielleicht ist auch das Sonnenlicht draußen etwas schwächer geworden.

Ich atme durch und bereite mich innerlich auf meine Wanderung in die Innenstadt vor, um wie geplant Kräutertees zu kaufen. Deshalb kippe ich den letzten Schluck Kaffee hinunter und habe mich dabei jedoch verkutzt und einen Husten mit substantiell nicht nur luftigen Auswurf, der sich am ganzen Tischchen ausgebreitet hat, nicht verhindern können. Oh wie peinlich! Meine ganze seriöse (mehr oder weniger – der innere Spötter) Schriftstellerei ist desavouiert! Autoren und Schriftsteller verschlucken sich nicht in aller Öffentlichkeit! Brav und demütig habe ich die Tröpfchen und die Krenstücklein aufgewischt.


(9.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4417 Der heikle Morgen

 



7:38 a.m.  Der immer etwas heikle Morgen scheint gut überstanden zu sein. Ich hocke schon mit gewaschenem Gesicht lesebereit im Bett. Der Blutdruck ist schon gemessen und die Morgentablette schon eingenommen. Ein wenig kreist die Angst noch um die Leibesmitte, aber lähmen wird sie mich heute nicht mehr. Ein Hustenanfall rüttelt mich noch einmal durch, gestreckt habe ich meine Glieder vorhin.

Zum Lesen kann ich mich doch noch nicht durchringen. Ich liege nur da und versuche, auch innen nicht zu sprechen und nicht zu denken.


(9.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4416 Vorstadtcafé

 



15:01.  Aus Verlegenheit in einem Vorstadtcafé mitten in der Stadt. Nur Krone und Kurier. Der Kaffee ist nicht so toll. Ein sehr hoher Tisch. Die Vorstadtcafés und die Landcafés sind sich ziemlich gleich. Der Kaffee kann besser oder schlechter sein, das Ambiente ist gleich. Braun, rosa zum Beispiel; es gibt natürlich auch verblümelte und übermusterte Varianten. Das Zeug in den Fensternischen: gleich. Ebenso die Wandvertäfelungen, die Lampen, sonstiges Dekor. Und nur die anspruchslosen Zeitungen. Auch die überdesignten Kleiderhaken (wie sich der Geschmacklose das Edle so vorstellt). Hier ist der Tisch ungewöhnlich hoch. Ungewohntes Sitz- und Schreibgefühl. Ich meckere so vor mich hin, aber das ältere, soeben hereingekommene Paar ist sehr freundlich. Sie wechseln den Platz, weil er meint, sie würden mir am vorigen das Licht auf das Notizbuch nehmen. Dabei habe ich gar nichts gesagt und gemeint, das sei gar nicht nötig (Oida! Du willst nichts gesagt haben und sprichst dennoch davon, dass das nicht nötig sei?! Das ist keine Logik, auch wenn man sich denken kann, dass mit nichts sagen keine Beschwerde über verstelltes Licht gemeint war! Ich erwarte, dass du stringenter und widerspruchsfrei formulierst! - der innere Spötter). (Und weil die beiden, eigentlich er, so nett waren, wenn auch ein wenig ins Distanzlose kippend, hat er gleich davon phantasiert, doch am Land leben zu können. So schnell geht das bei ihm: ein wenig Freundlichkeit und schon ändert er seine Meinung. Dabei weiß er, dass die Freundlichkeit bis jetzt nur darauf beruht, dass der Mann ihn einfach als Gleichgesinnten angenommen hat. Dem Stresstest war diese Freundlichkeit noch nicht ausgesetzt – der innere Spötter.) (Mir ist jedoch wichtig, festzuhalten, dass der Ausgang eines solchen Stresstestes wirklich offen ist! - der innere Korrektor.) Den Kaffee habe ich schon ausgetrunken. Jetzt geht es energiemäßig wieder. Ich werde dann weitergehen, Papier für den Drucker besorgen. 10 457 Schritte habe ich heute schon absolviert. Daheim wartet die 60-Grad-Wäsche in der Waschmaschine aufs aufgehängt Werden, die 40 grädige aufs gewaschen Werden. Und der Geschirrspüler ist auch noch nicht fertig eingeräumt. Dann kann ich lesen.

21:53. (14 243 Schritte sind es jetzt geworden. Zum Lesen ist er irgendwie nicht gekommen; vielleicht jetzt.)


(8.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4415 Vielleicht

 



0:36 a.m.  Vielleicht ändert sich etwas Wichtiges in mir. Vielleicht findet ein Umbau statt. Vielleicht verpuppe ich mich oder bin es schon. Vielleicht wachsen mir Flügel, oder Kiemen, oder ein Schwanz, oder Fühler.

Der Gedanke macht mich regelrecht glücklich. Als würde ich jetzt den Ausweg wissen und schon die ersten Schritte auf ihm gehen. Vielleicht ist schon irgendetwas Blödes von mir abgefallen. Unbefangen und jugendlich kratze ich mich am Kopf. Und dann gähne ich unverschämt in die Welt hinaus. Wieder kratze ich mich mit verträumter Lust am Kopf. Die absolute Stille hier dröhnt und surrt und hebt und senkt ihren melodiösen Wasserstand. Ich wippe voll Erwartung mit den Füßen; den rechten zwischen großer Zehe und der zweiten des linken Fußes gesteckt, und das bei ausgestreckten Beinen (darum muß er mit der linken Hand das Notizbuch hochhalten – der innere Spötter). Es ist schon spät, aber ich mache mir keine Sorgen.


(8.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 7. April 2026

4414 Der Walkingstecken

 



12:54.  Hinter der Votivkirche im Park. Die Sonne scheint, der Wind ist noch ein wenig frisch, die Bäume schlagen aus (ich schreibe ohne Brille!). Ein breiter, dünner Kondensstreifen zieht sich über die Kirche. Das Müllabfuhrauto beim Hotel drüben dreht und wendet lautstark seinen Abfall, nachdem es ihn eingeworfen bekommen hat, in seiner Transporttonne. Vögel sehe ich keine. Doch, einige wenige sausen durch den Park und sind schon wieder verschwunden. Ich vermute, es waren Nebelkrähen. Das junge Grün ist jedes Jahr eine neue und echte Überraschung. Ein Hund pisst ohne Baum direkt in die Wiese. Dafür hat er einen Ball im Maul und jetzt kommt er an mir vorbei. Immer wieder irgendwelche Folgetonhörner (oder wie das heißt). Suche ich noch? Warte ich nur mehr? Oder warte ich gar nicht mehr richtig? Jetzt im Konkreten bis es Zeit für meine Psychotherapiestunde ist. Ein bisschen Kopfweh von der engen Kappe, aber würde ich den Verschluss weiter stellen, würde mir der Wind die Kappe vom Kopf wehen. Ich nehme die Kappe kurz vom Haupt und betrachte sie: sie ist auch nicht mehr schön. Jetzt, wo es windstill ist, wird es sogleich warm. Nun sehe ich ein paar Tauben. Es werden immer mehr. Sie flattern oben auf den neugotischen Stützen und Balustraden der Kirche herum. Der Wind wird wieder stark und rauscht. Ich entdecke ein Vogelnest im nur leicht angegrünten Baum links von mir. Auch zwei Arbeiter klettern mit Helm und Seil auf der Kirche herum. Der Wind weht mir einen meiner hinter mir an der Parkbank angelehnten Walkingstecken auf die linke Schulter und dies gibt mir einen leichten Schlag, der mich aufschreckt, weil ich das nicht kommen gesehen habe. Vielleicht sollte ich weitergehen. Ich schaue noch ein wenig den Arbeitern oben zu. Solch eine Arbeit hätte ich niemals machen können!


(7.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4413 Wartesaal

 



10:09 a.m.  Im Weltcafé ein englisches Frühstück? Ist das bei dieser weltweiten Frühstückskarte nicht ein wenig kolonialistisch? Egal, mir ist kalt und ich brauche Kalorien und Kraft, die Leib und Seele beisammen hält. Aus den Lautsprechern jault es laut, weiblich und funky-soulig. Der Kaffee ist schon da. Ich habe ein sehr schönes Hemd an. Ein Erbstück meines Vaters. Er hat es auch geschenkt bekommen (hast du nichts Interessanteres zu schreiben? - der innere Spötter). Die Musik hat sich verändert (Oida! - der innere Spötter). Meine Handschrift gefällt mir auch, aber als ich das hinschreibe, muß ich plötzlich furchtbar niesen, was ich aber, weil ich nicht schnell genug ans Taschentuch gekommen bin, abwürgen mußte. Das fette englische Frühstück ist da.

Das Hallenartige hier hat auch etwas. (Er widersteht der Versuchung, über seine schrumpfköpfige Heiligenfigur aka zusammengefalteter Sonnenschirm vorm Fenster zu schreiben – der innere Spötter.) Ich sitze nahe an der inneren Ecke eines Ļ (mein Sitzplatz eine Spur näher an der Ecke als der Strich beim Ļ da; außerdem: seitenverkehrt) und blicke somit in zwei verschiedene Welten (äußerlich: Restaurantabteil – Caféabteil, mit den niederen Tischchen). Jetzt nach dem Essen wäre eine halbwegs ordentliche Tageszeitung nicht schlecht. Gibt es hier anscheinend nicht. Dabei wäre genug Platz für Herumsitzer. Zumindest um diese Zeit. Besser, ich finde mich mit einem gewissen Weltverzicht ab und werde fröhlich. Ich meine, unglücklich bin ich jetzt auch nicht, höchstens leicht melancholisch (was ich grundsätzlich durchaus in Ordnung finde).

Die Bilder an der Wand sind für mich grenzwertig, und damit meine ich, dass sie wirklich kippen zwischen erträglich und unerträglich. Auf meine „Heiligenfigur“ draußen wandert in Zeitlupe ein gepunkteter Lichtfleck zu. Eine Frau kommt ins Lokal, schaut ums Eck zu mir her, rümpft die Nase und geht wieder. Wenn die meinen Namen kennete!

Im Wartesaal! Das hier ist wie in einem gemütlicheren Wartesaal! Frägt sich nur, worauf ich warte. Der Lebenszug ist längst ohne mich abgefahren. Der grüne gepolsterte Sitzhocker zeigt ein arrogantes Katzengesicht (aufgedruckt), der rosarote einen fruchtbeladenen Apfelbaum, die anderen sind ohne Bilder, so weit ich sehen kann. Ganz hinten in der Ecke entdecke ich noch einen Apfelbaumhocker. Und bei dem unter dem Nachbartischchen vermute ich noch eine Katze, aber ich bin nicht sicher, da ich nur die Rückseite sehen kann. Jetzt wäre Bewegung gut, oder? Wofür habe ich die Walkingstecken mit? Ein bißchen träge (so sehr, dass er den Satz nicht beenden kann – der innere Spötter).


(7.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4412 Guten Morgen Angst

 



6:56 a.m.  Guten Morgen Angst. Schon im Schlaf bist du auf Besuch gekommen, in den Traum, wo ich a) mein Studium überraschenderweise und unverständlich noch nicht fertig hatte und noch eine Vorlesung und eine Prüfung nachträglich absolvieren muß, b) die blauen Nazis in Österreich die Herrschaft bereits übernommen haben und schon mit ihren Schikanen besonders auch gegen die Theologen begonnen hatten, und c) plötzlich alle Teilnehmer der Lehrveranstaltung sich angestellt haben, um etwas ausgehändigt zu bekommen, und ich das nicht mitbekommen habe, worum es geht, was es ist und ob ich das auch brauche. Jetzt, nach dem Aufwachen, bist du mir – wie man das so sagt – voll eingefahren und ich frage dich, was du mir sagen willst; oder was du von mir willst. Willst du mich warnen? Wovor? Auf etwas hinweisen, was ich übersehen habe? Worauf? Bitte, sprich mir mir! Ich will zuhören und es verstehen, aber ich verstehe nichts. Es ist nur die blanke Angst. Bewegungsloses Zittern, das sich dann doch am Kinn sichtbar macht. Worum geht es? Ist es das Entsetzen darüber, dass ich mein Berufsleben vermasselt habe und mir die Erfahrungen des Austausches mit und der Entfaltung meiner Talente in der Welt fehlen? Das könnte sein, oder? Aber was jetzt? Das ist unabänderlich verloren und nicht mehr einholbar. Du wirst mich also bis an mein Lebensende begleiten? (Und nachher erst recht?) Dann bleibt mir nichts anderes über, als still zu halten? Oder wie? Jetzt ist das schon Zähneklappern.

Ist da wer eingemauert? Halbherzig und ratlos klopfe ich ein paarmal an die Wand; dann lasse ich es und denke, das ist doch absurd und ein Hirngespinst.

Meine vorm Bauch gefalteten Hände sind eingeschlafen. Ich löse sie voneinander und lege sie seitlich links und rechts auf das Leintuch.

Als ich eingenickt die Vision habe, dass ich aus meiner Wunde Fleisch herausschneide, lege ich das Schreibzeug weg und will es zunächst gar nicht aufschreiben.


(7.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4411 Vielleicht

 



23:41.  Es ist düster hier beim kleinen Licht, aber still. Ich bin dieses kleine Licht nicht mehr gewohnt, vielleicht; darum kommt es mir so ungewöhnlich vor. Ungewöhnliches passiert, vielleicht; denn am Abend hat mich eine außerordentliche Traurigkeit angefallen, ist aber nach einigen Minuten wieder verebbt. Diese Traurigkeit war unglaublich groß. Ich habe mir eingebildet, das war die schwerste Traurigkeit, die ich kenne; vielleicht. Jetzt scheint sie schon längst weg zu sein. Mir geht es gut. Wie die Traurigkeit da war, ist es mir auch nicht schlecht gegangen, eigentlich. Sie hat mich nur niedergedrückt, dass ich mich kaum rühren konnte (Angst hatte ich nicht). Ich habe das ausgehalten und war erstaunt. Aber jetzt bin ich leer und müde, vielleicht.


(6.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4410 Vorwärts zurück in die Moderne!

 



11:08 a.m.  Vorwärts! Zurück in die Moderne! Wir sitzen in der Lucy-Bar und ich trinke Kaffee, bevor wir die Ausstellungen anschauen. Weil das Belvedere 21 bei unserem Ankommen noch geschlossen war, sind wir durch einen schmalen Spalt im Schiebetor auf die Terrasse hinter der Bar geschlüpft, haben uns an ein Tischchen gesetzt und umher geschaut. Und ich muß sagen: ich liebe die Moderne. In dem Fall ist es die Architektur, nicht nur, aber besonders die des Zwanzgerhauses. Es muß auch etwas mit meiner Kindheit zu tun haben, wo die Moderne ein Versprechen war. Die Fortschrittskritik ist erst später gekommen. Ich sitze gerne hier in der Lucy-Bar, einfach vom Ambiente her; zum Beispiel die faszinierenden Lampenschirme. Meine Faszination der Moderne muß etwas mit der – scheinbar oder anscheinend – abgeschüttelten Tradition und ihrer Schwere zu tun haben. Genauer gesagt: mit der Erinnerung an das Lebensgefühl damals, wo sich ein leichterer und lockererer Zugang zu allem aufgetan hat. Der orange Lampenschirm vor mir ist wunderschön. So einfach ist das. Man kann es einfach ausprobieren. Niemand verbietet einem, zu „kratzeln“. Ich rede von damals. Hier und jetzt sitze ich beim Kaffee.


(6.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4409 Mühsam

 



14:15.  Wird es regnen? Es zieht so herum. Aber eher nicht. Das Grün ist so frisch. Erschreckend fast wie der Wind die großen, schlanken Fichten wiegt; sie wanken hin und her als würden sie gleich umstürzen. Aber sie halten sich erstaunlich gut. Ich bin abgelenkt. Ich kann mich kaum konzentrieren. Sie vergleichen die Gastarife. Eine Elster landet auf einem Dachfirst und fliegt wieder weiter. Sie klatschen, weil der Tarifwechsel online gelungen ist. Mich betrifft es nicht. Eine Katze ist vor der Tür. Sie wird gefüttert. Ich bin so satt. Vor Müdigkeit und Verlegenheit zupfe ich am Lesezeichenbändchen (Müdigkeit habe ich so schlecht geschrieben, dass man Müsligkeit lesen kann). Der Kaffee, an dem ich nippe, ist schon kalt. Die schwankenden Stangenfichten sind mir immer noch unheimlich. Ein Hund bellt. Oh, ein wenig Licht kommt auf und verändert das Ambiente komplett. Mein Gott, ist diese Schreiberei mühsam! Der Geschirrspüler arbeitet schon (hat hier alles nichts mit mir zu tun). Der Hund bellt wieder. Der fliegende Holländer wird erwähnt. Von leckerem (!) Essen ist die Rede.


(4.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 3. April 2026

4408 Plattenspieler

 



15:33 a.m.  (Sommerzeit). Die Matthäus-Passion. Entweder sind meine uralten Platten kaputt oder der Plattenspieler, oder dieser ist schlecht eingestellt (man hört mehr als nur die eine Rille – blöderweise kenne ich mich mit dem Zeug überhaupt nicht aus. Der fragwürdige Umgang mit Dingen, die man nicht versteht). Was ich immer schade finde, dass der Jesus eine Bassstimme ist – verständlich aus der Tradition; Bass als Stimme des Himmels - aber falsch: Jesus von Nazareth war Wanderprediger und ist Sohn, nicht Vater. Aber gut, auf mich kommt es nicht an und vielleicht liege ich Lebensuntüchtiger und Weltfremder ganz falsch (ich ziehe den Schwanz ein und halte meine Behauptung eh schon für ausgesprochen fragwürdig). (Und es ist doch schon ziemlich leichtsinnig – gelinde ausgedrückt – sich so gegen Tradition, Bach und was-weiß-ich-was aus dem Fenster zu lehnen. Und noch dazu, dieses Meisterwerk als bloßen Ausgangspunkt und Anlass für solch ein subjektives Geschreibsel und den eigenen Gefühlsdusel zu nehmen, oder? - der innere Kritiker.)

Blute nur, du liebes Herz … . Jetzt weine ich kurz auf. In den Lautsprechern knackst, klopft, scheppert und flirrt es. Der Wind draußen reißt die Schutzbehängung des Baustellengerüstes mit Netzbahnen am Haus da drüben auf und bewegt und hebt sie und läßt sie flattern und wieder sinken.

Bin ich es? Nun kommt die Sonne durch und beleuchtet das gegenüber liegende Haus und die Wolken am Himmel geben ein paar hellblaue Durchblicke frei. Die Wolken verziehen sich immer mehr.

Inzwischen habe ich versucht, übers Internet herauszufinden, wie man das Gewicht des Tonarms richtig einstellt. Trotz klarer Beschreibung ist es mir nicht gelungen. Jesus ist jetzt in Gethsemane. Es rauscht und pocht aus den Lautsprechern, aber das kann mir die Musik nicht wirklich vertreiben. Nebenbei suche ich meinen Schreibstift, den ich jedoch im Mund halte, ohne dass ich es noch weiß (Multitasking ist nichts für mich). Die Bewölkung hat wieder zugenommen, aber noch scheint die Sonne. Trotz meines gescheiterten Versuchs, die Tonarmeinstellung durchzuführen, scheint es jetzt doch besser zu sein.

Gerne will ich mich bequemen … . Der Wind ist nun schwächer und so laufen schöne, sanfte Wellen durch die teilweise aufgerissenen Schutznetze des Baustellengerüstes. Die Sonne bricht voll und stark durch.

Die tendenziell oder wirklich antisemitische Stelle jetzt tut mir weh (er soll sich nicht so verlogen in Geschichte und Leiden anderer hineintheatern und vor der eigenen Tür seiner Vorfahren kehren! – der innere Korrektor!) (Ist dieser innere Korrektor wirklich innen? Oder kommt er von außen und du bist gar nicht aus dir heraus zu solchen Einsichten fähig? - der innere Spötter.)

Wie hat es in meiner Kindheit geheißen? Ein Sack voll Ohrwaschln ist schnell brockt!

Alles wird schlechter. Zu früh gefreut. Die Tonqualität wird unangenehm.

Jetzt legt sich über alles ein Schatten und das Sonnenlicht ist sehr schwach geworden. Die Schatten der Pflanzen im Musikzimmer sind kaum noch zu sehen an der Wand.

Zweiter Teil. Die Sonne ist kurz wieder da. Nun wird mir das alles bereits etwas zu viel und ich werde unruhig. Mein Jesus schweigt.

Und alsbald krähete der Hahn.

Erbame dich. Das ist normalerweise meine Heulstelle, aber diesmal habe ich mich gut abgeschottet; nicht zuletzt auch von der wieder ganz schlechten Tonqualität abgelenkt (es geht ihm also doch nur um seine schwächelnden Empfindungen und kleinen Gefühlchen – der innere Spötter).

Vielleicht höre ich hier auf. Das Baustellennetz ist schon so eingerissen, dass es im leichten Wind so ausschaut, als würden sich zwei Netzstränge die Hände schütteln. Ich glaube, das reicht für heute. So oder so.


(3.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4407 Die Kupferröhre

 



12:03.  Die Sonne scheint und auf meinem Konto befindet sich schon die monatliche Pension, darum sitze ich in einem Café, aber drinnen, jedoch am Fenster mit Blick auf den nackten Schanigarten und die Leopoldsgasse. Die Passanten reflektieren einseitig das Sonnenlicht, besonders im Gesicht (da freut er sich über den kindischen Reim, der sich – das gebe ich zu – zufällig ergeben hat. Stabreime liebt er auch – der innere Spötter). Ich sitze mit überschlagenen Beinen etwas verdreht. Die Honorarnote für meine Psychotherapiestunden des Monats März habe ich bei der Zweigstelle der kranken Gesundheitskasse in der Lasallestraße schon eingeworfen und bin dann nach der sonnigen Wanderung den schönen, großzügigen und eigentlich prächtigen Boulevard hinauf (obwohl man es als Hinuntergehen zum Praterstern empfindet, aber die Donau befindet sich im Rücken) und weiter hierher hier eingekehrt. Einfallslos wie ich bin, nehme ich einen Schluck Wasser aus dem Wasserglas. Ich betrachte vor allem die drei großen Bilder an der Wand gegenüber (ich sitze mit Blickrichtung 343° N). Dann betrachte ich ein schönes, schlankes Kupferrohr an der Wand der Nische, in der in sitze, in dem – dem Kupferrohr – das Kabel zum Oberlichtenlüftungsventilator schön und gerade hinauf geleitet wird, an dessen – des Kupferrohrs – unterer Hälfte ein weiteres Kabel mittels Schlaufen außen angeheftet ist, das – das Kabel - von irgendsoeiner, für mich unverständlichen Schalterdose (drei verschiedene Schalter) nach oben in eine – wie heißt das? - Elektrodose in der Wand – ganz beim Kupferrohr, so, dass ein Kreissegment des Deckels sogar unter das Kupferrohr geraten ist – geführt wird, wo es – das Kabel – durch ein aus dem Deckel ausgeschnittenes, umgekehrtes, flächiges V darin verschwindet. Auf der anderen Seite der Kupferröhre befindet sich auch so eine bedeckelte Elektrodose, ebenfalls in die Wand eingelassen, deren ebenfalls kreisrunder Deckel nicht beschnitten ist. Ich mache ein Beweisfoto von der Kupferröhre und drehe mich dann auf meinem Sitz etwas weiter nach rechts auf Fenster, Straße und Sonnenlicht zu (Blickrichtung 33° NO). Vor innerem Vergnügen und wegen der noch kühlen Luft, die bei der offenen Tür hereinkommt, jagt mir ein angenehmer Schauder über den Rücken; trotzdem würde ich gern weinen können. Bald ist es irgendwie (ich habe Verständnis für deine innere Unaufgeräumtheit und Verwirrung, aber muß es immer irgendetwas mit irgend- sein? - der innere Spötter) … irgendwie Zeit, nach Hause zu gehen. Wenn mich die Kellnerin – ich habe sowohl den Kaffee als auch das Wasser schon ausgetrunken – frägete, ob ich noch etwas wünschete, antwortete ich: „Ja, Vollkommenheit!“ Da die aber hier nicht zu kaufen ist, „wünsche“ ich mir - sozusagen sekundär – bloß zu zahlen.


(3.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 1. April 2026

4406 Ärgerlich?

 



8:36 a.m.  Der gelbe Stift schreibt blau. Nein: schwarz. Das sehe ich erst jetzt. Meine Augen sind noch nicht ganz wach und ganz verklebt. Die erste Selbstvergewisserung des Tages (er ist sich gar nicht sicher, ob das eine Selbstvergewisserung ist oder nicht eher eine Selbstinszenierung – der innere Spötter). Also: ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie es der liebe Gott bei seiner Schöpfung gemacht hat – hell-dunkel, oben-unten etc. - nur dass ich das jetzt nicht zum ersten Male mache, sondern es schon von tausenden Malen eingeübt ist (und ob es gut ist, weiß er auch nicht so recht – der innere Spötter). Gottseidank habe ich dafür Zeit, und so halte ich inne und lausche meinem Surren in den Ohren (da könnte ich ins Chaos zurückgleiten!). Was ist jetzt los? Mein linker Arm schmerzt, dabei halte ich das Notizbuch gar nicht verkrampft, sondern habe meine Hand flach darauf liegen. Geht schon wieder vorbei. Ein bißchen überfordert bin ich mit dieser ganzen Gesundheitscheckerei und Messerei und Tablettenschluckerei schon. So habe ich jetzt bereits endlose Blutdruckstatistiken, aber wer schaut sich das an? Ich kann daraus nicht viel mehr ablesen, als dass er manchmal höher und manchmal niedriger ist; wobei mir rätselhaft bleibt, wieso und wodurch ausgelöst. Werde ich jetzt ärgerlich?


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4405 Schlecht geschlafen

 



1:40 a.m.  Der Amazonas ist weit weg. Wie vieles andere auch. Das tut nicht viel zur Sache. Ich kratze mich am Hals und wundere mich über meine kalten Füße (ich bin doch heute wieder über sechstausend Schritte gegangen!). Gut, die österreichische Nationalmannschaft (männlich, Fußball) hat gewonnen und in meinem Lieblingslokal haben sie die Frühstückskarte geändert. Meine eine Tochter hat heute mit mir geschimpft, weil ich so viele Kunstkarten mit halbnackten Frauen in meinem Zimmer hängen habe. Also geschimpft ist nicht richtig: sie hat es kritisiert. Ich habe mich diesbezüglich taub gestellt. Mit dem Künstlerschmäh wäre ich gar nicht durchgekommen (auch vorm Universum nicht). Wahrscheinlich ist das bloß eine Attitüde, noch dazu aus vergangenen, schon untergegangenen Zeiten. Meine Füße sind immer noch kalt. Mein Blutdruck war wieder zu hoch (mir ist nichts aufgefallen, aber die Messung vor zwei Stunden hat das ergeben). Vergangene Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen.


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4404 Wortspiel

 



9:32 a.m.  Das Wortspiel, das ich mir im Badezimmer beim Waschen meines verschlafenen Gesichtes (zuerst warm, dann kalt) ausgedacht habe, funktioniert nicht: Herr Provisor. Ich meinte eine männliche Person, dessen Leben und dessen Wohnräume immer nur provisorisch sind. (Außerdem gibt es diesen Begriff sowohl im kirchlichen, als auch im apothekischen Bereich, wie ich später beim Googeln herausgefunden habe.) Somit liegt kein Witz darin. Also werde ich ihn nicht in die Facebookgruppe Einwortgedichte, Wortspiele, selbst erfunden posten. Macht nichts. Es kann ja nicht jeder ausgedachte Witz zünden und geistreich sein. (vgl. Etymologie von Witz!)

Können wir jetzt zu einem anderen Thema kommen? Ja? Ja? Ja. Herrlich ist es um diese Zeit noch im warmen Bett zu hocken und Zeit fürs Lesen und eine bewegliche Gliederschreibtischlampe am Kastl daneben montiert zu haben, so dass ich sie je nach Bedarf herdrehen oder wegdrehen kann und höher oder niedriger stellen. Auch zum Schreiben ein idealer Arbeitsplatz. Und der Ausblick in meine kleine Kemenate ist wunderbar: die vielen bunten Bücher, die vielen bunten Kunstkarten an den Wänden, der Cedeturm, der überladene Schreibtisch vorm Fenster drüben, der Sessel mit dem abgelegten Gewand (weiß auf dunkelblau), das Hausaltärchen mit dem verstaubten Räucherzeugs und vieles, vieles mehr; dieser Anblick erfreut mein Herz, obwohl allem etwas Provisorisches anhaftet; oder gerade deswegen … jetzt werden mir die Gedanken zu kompliziert und schal, und ich verstehe nicht, warum ich mich an dieses provisorische Zimmer so klammere. Macht nichts. (Macht natürlich schon etwas – der innere Spötter.) Ich gebe (vorläufig?) diese Untersuchung auf und werde einfach im Buch ab Seite 332 weiterlesen.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4403 Die Unterhose

 



0:36 a.m.  Ich lese (also bin ich – der innere Spötter) und bekomme nichts mehr mit. Weil ich schlampig und verschlingend lese, merke ich mir keine Namen und auch sonst nicht viel. Wenn dann noch ein oder zwei Tage Lesepause dazwischen kommen, kenne ich mich in der Handlung gar nicht mehr aus. Wer warum wen attackiert oder verfolgt und um welchen Schmuggel es geht. Trotzdem lese ich weiter. Trotzdem mag ich es, benommen und verwirrt durch für mich unverständliche Welten zu taumeln. So wirklich weiß ich nicht warum und auch nicht, was ich mir dabei heraushole. Gefühle? Fremde Erlebnisse? Stimmungen? Beschreibungen (also Wörter und Sätze, Redewendungen, Metaphern, weiß der Teufel was)? (Er kennt es von seinem echten Leben auch nicht anders, das Taumeln meine ich – der innere Spötter.) Etwas in mir hat sich eingehakt und zieht mich weiter. Jetzt muß ich aber aufs Klo. Vielleicht lese ich nachher weiter. Ich muß morgen nicht früh aufstehen. Der Holzrabe am Fenster hat wieder seine weißlich-gelbe Aura. Ich lache innerlich über meine (inzwischen seit Jahrzehnten untypische) weiße Unterhose, die oben auf dem Gewandsessel ausgebreitet liegt, als würde sie mich noch auf etwas aufmerksam machen wollen und auf der dunkelblauen Fläche meines T-Shirts darunter (das mit dem Aufdruck geeignete Zielperson) forciert herausleuchten wollen. Aber jetzt endlich aufs Klo. Wahrscheinlich ist es eh nur nervöser Harndrang.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com