4445 Tunnelblick
11:02a.m. Juhu! Meine Maipension ist schon da! Ich sitze im Espresso Burggasse, trinke eine Mélange, aber bestelle noch kein Frühstück, um die Vorfreude noch länger auszukosten (damit es kein Mißverständnis gibt: er hat zu Hause schon das wunderbare Müsli gegessen, das seine liebe Frau jeden Morgen zubereitet – der innere Spötter). Natürlich liegt die REMbox schon auf dem Tisch (ich fürchte, da kommt er nicht mehr raus – er wird die bis an sein Lebensende umherschleppen – der innere Spötter) und langsam kommt der Wunsch auf, sie jemandem unaufgefordert zu zeigen. Aber so weit sind wir noch nicht (vielleicht in ein, zwei Wochen – der innere Spötter). Der Lichtengel ist immer noch einflügelig (sprich: die linke Glühbirne der zweilampigen Wandleuchte ist ausgefallen), aber ich könnte nochmals versuchen, der REMbox den Lichtengel zu zeigen, denn das erste Foto ist mißlungen.
Ein Wunder ist geschehen! Ein befreundetes Paar aus Vorarlberg ist schon die ganze Zeit im Lokal gesessen und ich habe sie nicht bemerkt; als ich sie dann gesehen habe, habe ich ihnen tatsächlich unaufgefordert die REMbox gezeigt, auch gleich meine Bilder darin und ununterbrochen und unstoppbar erklärend geredet. Mit meinem Tunnelblick war mir völlig wurscht, ob sie das sehen wollen oder nicht (Seht her! Seht her! Das habe ich gemacht!). Danke Universum! (Aus den Boxen Chichamusik; schon lange nicht mehr gehört.) Ich sitze völlig euphorisiert da und sage laut „Chicha!“ ins Lokal hinein (obwohl das jetzt einfach lateinamerikanische Musik ist; er wollte zeigen, dass er Chicha kennt, was schief gegangen ist, weil die Chichamusik schon vorbei war – der innere Spötter). Es hat eh niemand zugehört. Mein Geltungsbedürfnis ist tatsächlich unglaublich! (Kein Wunder eigentlich, aber das darf keine Ausrede sein – der innere Kontrollor.) Kein Mensch ist illegal, auch ich nicht! (merk dir das endlich! – der innere Spötter). (Obwohl: mir fiele dazu schon noch etwas ein, dass dir diese Aussage nur so um die Ohren haut! - der innere Korrektor.) Ich bin dem Weinen nahe; jedenfalls füllen sich meine Augen mit salzigem Wasser. Aus den Boxen nun dieser – wie heißen die nur?! … cuba club (nein! Buena Vista Social Club heißen sie – der Tipper) mit ihrem berühmten, wunderbaren Musikstück (Chan Chan – der Tipper). Ich möchte Kaffee trinken, bis ich im Kaffeerausch wahnsinnig werde (da bist du schon nahe dran – der innere Spötter), mich der Absurdität des Lebens (deines Lebens! - der innere Spötter) in die Arme werfen und lachen, lachen, lachen, mit weinenden Augen lachen! (So! Jetzt beruhig’ dich wieder, du mit mit deiner Revolution im Saale, oder besser: im Café – der innere Spötter.) Der Mann am Nebentisch hält sein Handy ans Ohr (der Schreiberling versucht sich wieder ein wenig zu erden – der innere Spötter).
Whow! Das bestellte Omelette ist viel größer als erwartet und schmeckt köstlich! Ich bin hier und jetzt richtig glücklich (und schon taucht ganz am Rande die Angst auf, dass die Götter neidisch werden – der innere Spötter). Noch hält die Balance. Wieder Tränen in den Augen (rausrinnen tun sie nicht – der innere Spötter).
13:02. Ich lese im Falter im Artikel über den spanischen Bürgerkrieg (die linken Verbrechen habe ich schon in den späten Siebzigerjahren in Graz via Wolf Biermann „aufgearbeitet“) eine Passage aus einem Brief von Simone Weil an Georges Bernanos und es kommen wieder die Tränen in die Augen. (Das wundert mich nicht: es bestätigt meine Haltung damals in Graz, wegen der ich in „meiner“ Szene sehr schief angeschaut wurde und weswegen ich aus Graz geflüchtet bin.) Also wieder eine nachträgliche Rehabilitierung.
13:37. Der Kaffeerausch ist abgeklungen, unauffällig, während ich in den Zeitungen gelesen habe. Der Kaffee (Mélange Nummer 3) ist kalt geworden und schmeckt nun bitter (das hat nichts mit der Qualität des hier servierten Kaffees zu tun, die ist ausgezeichnet, sondern mit meinem Kaffeekater und dem daraus entstandenen Kaffeeüberdruss und dem übermäßigen Kaffeegenuß, der meine Geschmacksnerven überfordert, so wie meinen psychischen sowie sinnlichen Apparat überaffiziert und überhitzt hat. Reggae artige Musik aus den Boxen, mit der ihr eigenen faden-faulen-lasziven Rhythmik, die so leicht einfährt und überhaupt nicht faul und fad ist, passt zu meiner Stimmung, auch wenn die alles andere als lasziv ist. Durch die offene Lokaltür zieht es frisch herein. Jetzt sind wir musikalisch wieder in Lateinamerika. Im vorderen Raum bin ich im Moment der einzige Gast. Dieser Rhythmus (der Musik) ist treibender, als der vorhin. Jedoch bleibe ich noch sitzen (Omelette und drei Cappuccini rechtfertigen meine Lokalhockerei). Außerdem ist der dritte noch nicht ausgetrunken. Jetzt ist endlich Zeit, in der REMbox meine Bilder anzuschauen. Das passt zur Wehmut, die inzwischen zu Besuch gekommen ist (und umgekehrt). (Mir geht es überhaupt nicht schlecht – Wehmut gehört zu mir und ich möchte sie nicht missen.) Der Schatten der Sessellehne an der hölzernen Barverkleidung wird durch draußen vorbeifahrende Autos scheinbar bewegt (dabei ändern sich dadurch nur kurz die Lichtverhältnisse).
(30.4.2026)
©Peter Alois Rumpf April 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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