Dienstag, 28. April 2026

4439 Der Kran

 



13:58.  Der rot und weiß gestrichene Kran führt seinen ausladenden Arm durch das üppig sprießende Grün der dicht stehenden Gartenbäume und ist jetzt aus meinem Gesichtsfeld verschwunden, aber seinen Motor kann ich noch hören. Der Frühling ist wahnsinnig geworden, wieder so schnell so warm und läßt die Natur – oder wer oder was das ist – fast beängstigend wuchern. Jetzt rührt sich der Kran nicht mehr und der Wind hält ebenfalls still, für kurze Zeit bleibt sogar der Straßenlärm aus. Eine Waldtaube ruft und Wind und Straße setzen wieder ein und ersterer erzeugt ein Ehrfurcht gebietendes Rauschen in den Gärten. Bis der Kran wieder anfängt und der Autolärm gar nicht mehr aufhört. Motorräder sind auch dabei und Flugzeuge und Spatzengezwitscher – wenn es denn wirklich nur die Spatzen sind. Ich sitze im Schatten und die sonnenbeleuchteten Stellen sind von einem überirdischen Gelb-Grün vor dem tiefen blauen Himmel. Das Braun und Grau der Baumstämme und Äste wäre auch noch zu erwähnen. Die Gespräche in der Sonne locken mich an, und die Wärme dort.

In der Sonne ist alles ganz anders. Eine Krähe schreit unaufhörlich, der Autolärm ist näher und lauter, und die Gestätte über der Straße, dort wo die Flotowvilla gestanden ist und dann abgerissen wurde, sind die aufgewühlte Erde und die Schutthaufen vom Abriss schon längst mit dichtem Gras überwachsen, mit ein paar Tulpen dazwischen vermutlich vom früheren Garten der Villa übriggeblieben und wieder aufgegangen. Eine Biene summt aufgeregt vor meinem Brillenglas, aber nur kurz, dann haut sie wieder ab. Ich glaube nicht, dass das alte Haus neben dem Flotowhügel noch lange stehen gelassen wird; die Grundstücke hier sind wertvoll und teuer und sollen in der Logik des Kapitals finanziell verwertet werden und deswegen mit scheußlichen, einträglichen Neubauten bestückt.
Ich werde später durch den Wald gehen, aber jetzt bleibe ich noch in der Sonne sitzen. Das Durch-den-Wald-Gehen ist genau so fragwürdig wie nur was, von „echter Natur“ kann keine Rede sein. Aber gerade um diese Jahreszeit wird es sichtbar: ein paar Jahre ohne Menschen und die Sache schaut ganz anders aus. Ich wäre ja auch zu feige, in einer Wildnis mit Bären und Wölfen und ohne Wege und Stege herumzusteigen. Jetzt ist es nicht mehr eine einzelne Krähe, die ruft, und das Palaver wird immer lauter und intensiver.


(25.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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