4413 Wartesaal
10:09 a.m. Im Weltcafé ein englisches Frühstück? Ist das bei dieser weltweiten Frühstückskarte nicht ein wenig kolonialistisch? Egal, mir ist kalt und ich brauche Kalorien und Kraft, die Leib und Seele beisammen hält. Aus den Lautsprechern jault es laut, weiblich und funky-soulig. Der Kaffee ist schon da. Ich habe ein sehr schönes Hemd an. Ein Erbstück meines Vaters. Er hat es auch geschenkt bekommen (hast du nichts Interessanteres zu schreiben? - der innere Spötter). Die Musik hat sich verändert (Oida! - der innere Spötter). Meine Handschrift gefällt mir auch, aber als ich das hinschreibe, muß ich plötzlich furchtbar niesen, was ich aber, weil ich nicht schnell genug ans Taschentuch gekommen bin, abwürgen mußte. Das fette englische Frühstück ist da.
Das Hallenartige hier hat auch etwas. (Er widersteht der Versuchung, über seine schrumpfköpfige Heiligenfigur aka zusammengefalteter Sonnenschirm vorm Fenster zu schreiben – der innere Spötter.) Ich sitze nahe an der inneren Ecke eines Ļ (mein Sitzplatz eine Spur näher an der Ecke als der Strich beim Ļ da; außerdem: seitenverkehrt) und blicke somit in zwei verschiedene Welten (äußerlich: Restaurantabteil – Caféabteil, mit den niederen Tischchen). Jetzt nach dem Essen wäre eine halbwegs ordentliche Tageszeitung nicht schlecht. Gibt es hier anscheinend nicht. Dabei wäre genug Platz für Herumsitzer. Zumindest um diese Zeit. Besser, ich finde mich mit einem gewissen Weltverzicht ab und werde fröhlich. Ich meine, unglücklich bin ich jetzt auch nicht, höchstens leicht melancholisch (was ich grundsätzlich durchaus in Ordnung finde).
Die Bilder an der Wand sind für mich grenzwertig, und damit meine ich, dass sie wirklich kippen zwischen erträglich und unerträglich. Auf meine „Heiligenfigur“ draußen wandert in Zeitlupe ein gepunkteter Lichtfleck zu. Eine Frau kommt ins Lokal, schaut ums Eck zu mir her, rümpft die Nase und geht wieder. Wenn die meinen Namen kennete!
Im Wartesaal! Das hier ist wie in einem gemütlicheren Wartesaal! Frägt sich nur, worauf ich warte. Der Lebenszug ist längst ohne mich abgefahren. Der grüne gepolsterte Sitzhocker zeigt ein arrogantes Katzengesicht (aufgedruckt), der rosarote einen fruchtbeladenen Apfelbaum, die anderen sind ohne Bilder, so weit ich sehen kann. Ganz hinten in der Ecke entdecke ich noch einen Apfelbaumhocker. Und bei dem unter dem Nachbartischchen vermute ich noch eine Katze, aber ich bin nicht sicher, da ich nur die Rückseite sehen kann. Jetzt wäre Bewegung gut, oder? Wofür habe ich die Walkingstecken mit? Ein bißchen träge (so sehr, dass er den Satz nicht beenden kann – der innere Spötter).
(7.4.2026)
©Peter Alois Rumpf April 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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