Donnerstag, 7. Mai 2026

4452 Haarspangerl

 



15:03.  Auch hier arbeitet der Wind: schüttelt – nicht immer, aber von Zeit zu Zeit – den Stoff des großen Sonnenschirms draußen und wiegt die großen, hohen Pflanzen – keine Ahnung, welche – in ihren großen Töpfen. Ich schaue auf die PassantInnen und Fahrzeuge in der Leopoldsgasse. Ich bin ganz Beobachter, besser noch: Betrachter, deswegen rege ich mich auch nicht über die fetten, hässlichen SUVs auf, die vorbeifahren. Jetzt: eine versonnene Rollerfahrerin. Interessant: die PassantInnen fast nur auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Vielleicht entsteht der Eindruck nur, weil ich sie dort auf der anderen Straßenseite länger im Auge habe, als wenn sie diesseitig direkt vorm Fenster, hinter dem ich im Lokal sitze, vorbeisausen und ich sie deswegen kaum registrieren kann.

Selbstverständlich habe ich die REMbox am Tisch liegen (und schon darin geblättert – ich entdecke immer wieder Neues und Überraschendes und Großartiges). Der Autobus fährt langsam vorbei – ich bin darüber überrascht und brauche ein wenig, bis ich meine Gedanken und mein Wissen so geordnet habe, dass mir klar und erinnerlich ist: hier ist die ganz reguläre Route des 5A. Ein kleines Mädchen hat sich draußen auf der Terrasse auf einen eigenen Tisch neben den der Eltern gesetzt und versucht versunken und konzentriert und so schön, irgendetwas mit einem Stück Stoff hinzubekommen. Ah! Es ist ein kleines Säckchen und sie will es aufsetzen, aber die Öffnung ist zu klein. Dann läßt sie das Ding einfach fallen, nachdem sie sehr lange ihren offensichtlichen Plan verfolgt hat (Achtung! Ganz genau weißt du es nicht! Sie könnte ja Verschiedenes ausprobiert haben – der innere Spötter). Jetzt arbeitet sie wieder mit dem Sackerl und hat es erfolgreich über ihre rechte Hand gezogen. Der Vater hat schon ein buntes Kinderhaarspangerl im Haar; würde gerne wissen, ob er es weiß, ob er es mitbekommen hat, dass ihm sein Töchterchen dieses ins Haar gesteckt hat oder nicht, oder ob er es gegebenenfalls schon vergessen hat (Auch das weiß du nicht wirklich: vielleicht hat er selbst es genommen, um eine widerspenstige Haarsträhne niederzuhalten – der innere Spötter).

Auf den Wind habe ich schon lange nicht mehr geachtet; momentan ist er sanft, fast unmerklich. Ein weibliches T-Shirt in einem besonders schönen Gelb geht drüben vorbei (und gelb ist heikel!). Die Musik aus den Boxen ist angenehm (warum schreibst du immer aus den Boxen? Ist das nicht eh klar? Stellt das ab! - der innere Spötter).

Die schöne Nachmittagsmelancholie fließt aus den Boxen in meine Seele (wo sie schon wartet). Die Bilder an der Wand kommen mir bekannt vor und sind mir dennoch fremd (bist du heute nicht schon genug auf irgendwelchen saalrevolutionären, romantisierenden, pseudopoetischen Widerspruchszusammenlegungen herumgeritten? - der innere Spötter). Eine telefonierende Radfahrerin. Die Musik ist nun französisch (Lycéeismus? - der innere Spötter). Eine Frau mit einem großen Hund. Der Wind ist wieder da. Zu Hause sollten sowohl die Waschmaschine wie auch der Geschirrspüler mit ihren ersten Befüllungen fertig sein, aber ich mag noch nicht gehen. Ach Gott! Ein balzendes Männchen und ein Weibchen, das mitspielt (wenn du das verurteilst, sagt das mehr über dich als über die Szene – der innere Spötter). Der Rest vom Schützenfest wäre eigentlich ein angemessener Titel für eine Ausstellung meiner Bilder – gibt mir der innere Spötter ein. Aber damit hat er recht (Achtung! Eigentlich – der Weigel Hans wird mit dir schinpfen! - der innere Spötter). (Wenn er mich wahrnimmt, soll’s mir nur recht sein – der Schreiber). Ich könnte überhaupt ein paar Wohltäter aus dem Jenseits brauchen. Den Weigel lieber nicht.

Am Heimweg ist mir noch eine Möglichkeit eingefallen, wie ich mit der REMbox angeben kann: ich stelle sie in mein Fenster.


(6.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite