4467 Erstaunlich
8:01 a.m. Angst, Angst, und immer wieder diese Angst. Na gut, stellen wir uns. Den schwarzen Fensterraben sehe ich am Brillenrand doppelt und sein Hin-und-Her spiegelt sich im Glas eines im Bücherregal aufgestellten kleinen gerahmten Bildes. Wenn diese Angst genau so da wäre, wenn ich wohlhabend wäre, wäre sie wohl nicht Existenzangst, sondern Lebensangst, oder? Ich erkenne nämlich nicht, welche Angst das ist. Sie sagt mir nichts beziehungsweise ich verstehe sie nicht. Vielleicht sind es beide (und sie schaukeln einander auf). Gibt es noch andere? Ich bin mir jetzt ziemlich sicher: es sind beide beteiligt: Lebensangst und Existenzangst. Und? Hilft mir die Erkenntnis? Ein wenig schon, obwohl viele Ungewissheiten bleiben. Der Fensterrabe hat zu schaukeln aufgehört, nur ganz minimale Bewegungen bilde ich mir ein, ausmachen zu können. Bin ich bereit zum Frühstück? Ich bin bereit zum Frühstück.
9:00 a.m. Vielleicht ist es aber auch der Horror vor der Leere. Vor der Leere, die da nach dem Aufwachen vor mir liegt.
11:20 a.m. Vielleicht ist der Roman, den ich gerade lese, doch nicht so schlecht. Jedenfalls läßt er mich nicht los.
Erstaunlich: die eine Kunstkarte, die da im Regal an ein paar Buchrücken lehnt, erkenne ich nicht wieder; als sähe ich sie jetzt zum ersten Mal. Dabei habe ich sie irgendwann vor Jahren dort hingelehnt. Ich erkenne nicht, was sie darstellt, die unidentifizierten Formen lassen sich nicht deuten, schon gar nicht weiß ich, von wem das abgebildete Bild gemalt ist. Das ganze Bild kann so nicht stimmen. Mich irritiert, dass mich meine Augen am helllichten Tag so narren können. Ich trete zum Regal, endlich setzt mein Gehirn das Bild richtig zusammen. Ein schönes Bild einer in einem Garten auf einem Liegestuhl ruhende Dame. Ich nehme die Kunstkarte und drehe sie um: Henri Charles Manguin; La sieste ou Le rocking Chair, Jeanne; 1905. Aber immer noch kann ich mich an dieses Bild nicht erinnern, weder, dass ich es je gesehen habe, noch dass ich es hingestellt habe; als bemerkte ich es heute zum ersten Male.
(18.5.2026)
©Peter Alois Rumpf Mai 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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