Dienstag, 14. Juli 2026

4544 Horror Patriae

 



14:11.  Die Ameisen scheinen auf der kleinen Erle eine Blattlausfarm zu betreiben – wenn ich ihre Ameisenstraße richtig deute. Die Pfadfinderführer können genau so deppert schreien wie die anderen Schreier. Der Wind – soeben hat er sich gelegt – hatte ein unruhiges, aber schönes Licht-Schattenspiel auf meiner aufgeschlagenen Notizbuchseite produziert. Es ist sehr schön hier, aber irgendwie habe ich alles über; dieses Gefühl kommt aus meinem Inneren. Wie es genau dort hineingekommen ist, weiß ich nicht; nur ungefähr (ah geh! Das weiß du besser, als du zugibst! - der innere Spötter). (Ich wiederhole: es gibt auch einen inneren Zensor; der hat aber nichts mit dem vorher zu tun. Ich bin im Sulmbad Steinerne Wehr.)

Ich sitze auf der langen Bank und als sich die Frau zwei Meter weiter von der Bank erhebt, erzittert die gesamte Holzbank der Länge nach. Ich beobachte, aber auch ich werde beobachtet, wenn ich nicht hinschaue, wie ich für den Bruchteil einer Sekunde feststellen konnte. Ich bin also nicht der einzige Beobachter hier. Absolut windstill ist es jetzt. Gerade als ich beobachte, kabbelt mir eine Fliege über die Hand und lenkt mich ab. Fürs Schwimmen habe ich einen zu vollen Bauch (ist das ein annehmbarer Ich-Text? Ich frage deine LeserInnen – der innere Spötter). Dort drüben sitzt so ein Boris-Johnson-Typ und raucht. Ich muß meine Frau dazu animieren, hier noch Kaffee zu trinken (schreib nur dazu, damit sie dich auch auf einen Kaffee einlädt! So früh im Monat blank zu sein, so eine Schande! Du Versager! - der innere HaSSer).

16:03.  Ich habe auf einen blaugrünen Fleck im Wald gestarrt und bin eingeschlafen. Dann wieder wach geworden und leicht verwirrt. Ich suche einen praktikablen Schattenplatz zum Schreiben und wechsle hin und her. Ich bin nicht zufrieden und überdrüssig (wessen, weiß ich auch nicht ganz genau). Meine Frau bespricht mit mir die nächsten Besorgungen.Ich richte mich ganz nach ihr. Ich blicke Richtung Campingplatz (143° SO). Die Pfadfinder brechen auf (das hat nichts mit dem Campingplatz zu tun). Wasser? Schwimmen? Ich weiß nicht. Ich könnte auf alles schimpfen und alles runtermachen. Ein Hubschrauber. Was will der noch?

16:46.  Meine Tragikomödie geht weiter (aber du weißt nicht wie, gell?! - der innere Spötter). Irgendwer in der Nähe räuspert sich und grunzt wie ein krankes Nilpferd. Ich schaue nicht hin, ich will nicht wissen, wer das ist; ich fühle mich hier fremd (na Gottseidank! Da kennst du dich aus – der innere Spötter). Offensichtlich geht es auf den Abend zu; schön, aber traurig. Ich winke meiner Frau zu, wo ich den Eindruck hatte, sie sucht jemanden oder etwas. Ich sollte nicht so viel schreiben; da muß ich wieder so viel tippen (wie wäre es mit streichen?! - der innere Spötter). Der Glatzkopf steht genauso blöd in der Sonne wie ich, wenn ich mich trocknen lassen will (jetzt habe ich etwas gestrichen!). Horror patriae hat jemand, der mit seinem Kind vorbei geht, auf seiner Tasche stehen. Hunde gibt es auch hier. Irgendetwas muß anders werden, ganz anders! (aber du weiß nicht was, stimmt’s? – der innere Spötter). Wie ein Raubvogel suche ich vor allem die Bäume nach etwas Brauchbarem ab (Botschaft, Erkenntnis, anorganische Lebewesen …). (Lieber Freund, das geht entschieden zu weit! Das mußt du streichen! - der innere Kritiker.) (Du wie ein Raubvogel! Dass ich nicht lache! - der innere Spötter.) Ein kleines Propellerflugzeug; was will mir das sagen? Röhrt und schraubt sich so dahin; schon längst kein Wunder mehr. Verlegen und ratlos lege ich Zeigefinger und Mittelfinger meiner linken Hand auf die aus den Holzbrettern der langen Bank herausstehenden Schraubenköpfe. That’s it. Ich hab es einfach nicht geschafft. Aber wenn ich mein Notizbuch auf der schrägen langen Bank ablegen will, kann ich seine Unterkante bei den herausragenden Schraubenköpfen so einhaken, dass es nicht abrutscht!


(13.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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