4570 Weinen
9:52 a.m. Ich sitze im Kaffeeamt, lese im Standard den Bericht über die Salzburger Aufführung von Messiaen’s Saint François d’Assise und fange richtig zu weinen an. Ich schlage meine Hände vors Gesicht und muß den Tränen kurz freien Lauf lassen. Verdammt! Ich wußte nicht, dass ich eine solche Gottessehnsucht habe! Dabei mag ich den Franziskus gar nicht (siehe Text Nummer 8 „Über das Heilige und das Unheilige II“ auf dieser Schublade). So sitze ich also hier, halte meinen Kopf gesenkt, dass man meine Tränen nicht sieht und versuche übers Beschreiben wieder Contenance und Oberhand zu gewinnen. Ich werfe mir mein Geheule nicht vor; ich will damit nur nicht anecken und meine tiefsten Sehnsüchte nicht irgendjemandem Unwürdigen oder einem blöd grinsenden Zyniker zeigen. Mir fallen dazu schon Geschichten meiner Kindheit ein, aber so weit möchte ich das Analysieren jetzt nicht treiben. Das unkontrollierte Weinen ist nun gestoppt.
So, durch weiteres Zeitungslesen bin ich wieder normal. Aber der da zum Vorschein gekommen ist, der ist schon der echtere, der ich – sozusagen – „wirklicher“ bin.
11:20 a.m. Zum Analysieren und Infragestellen gäbe es natürlich viel. Und ich meine nicht nur die psychologischen, soziologischen Vorbehalte, die zwar auch angebracht sein können, aber nie so tief gehen wie Kritik und Vorbehalte der (echten) Seher (dazu gäbe es noch viel zu sagen; das habe ich aber alles schon hier in der Schublade geschrieben). Erinnerungen meiner Kindheit in einer teilweise und oft versteckten religionsfeindlichen Umgebung fallen mir ein; mein kindlicher Wunsch, Priester zu werden (den ich heute noch als ernstzunehmend einschätze und nicht als infantil!); meine erste, kurze Miniaturbegegnung mit der Musik von Olivier Messiaen als Jugendlicher (als ich noch viele Lebenshoffnungen hatte) über den Musiker Peter Dankelmaier; mein Hang zu einer gewissen, gefährlichen, geistigen Radikalität, die der des Franziskus ähnlich sein könnte.
Momentan sitze ich im Unteren Belvedere vor den prächtigen Textilarbeiten der Anni Albers, genieße deren Schönheit, die Stille und die Kühle des Raumes (draußen hat es 33°C – das ist auch heiß!). Mit den anderen Besuchern der Ausstellung bin ich ungeduldig.
11:48 a.m. Uff! Rasten! Neben mir trinkt ein polnisches (?) Kleinkind im Buggy Wasser, das ihm seine Mutter reicht. Und immer wieder denke ich mir tagträumerische Geschichten aus, in denen mein Leben bereichert und wirklich verändert wird. Das alles auf den Sitzbänken vor der Ausstellung von Erna Rosenstein.
(6.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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