4573 Zu dritt
18:19. Ich traue mich fast nicht mehr, meine Texte herzuzeigen, sie zu bewerben oder auf Facebook zum Beispiel anzuzeigen. Diesbezüglich ziehe ich mich immer mehr zurück. Ich erwarte keine Resonanz mehr (oder befürchte sie – der innere Spötter). Ich sitze im Gastgarten im zweiten Bezirk auf der Bank, die Nachbargespräche nerven mich – nämlich allein die Stimmen und ihr Tonfall – und besonders der Gestank der Aschenbecher - davon wird mir übel (Lokale, sorgt dafür, dass die Aschenbecher regelmäßig wenigstens ausgeleert, wenn schon nicht gereinigt werden!). Aber die Hauslimonade ist sehr gut (der Kaffee hier auch, aber heute verzichte ich darauf). Ich sitze mit dem Rücken zum losen Autoverkehr, mit dem Gesicht Richtung Lokalfassade. Bis jetzt beherrsche ich mich, die Leute nebenan anzuschauen. Und es ist klar, dass mir nicht zusteht, diese Leute zu begutachten und zu bewerten. Ich beneide Menschen, die so selbstbewußt erscheinen und verachte so sehr, wie billig sie dabei rüberkommen. Ich weiß ja auch nicht, wie meine Kommunikation von außen wirkt. Nikotin jedenfalls ist ein Nervengift. Ich habe immer noch nicht die am Nebentisch (eigentlich rechts zwei Tische weiter) angeschaut; ich scheu mich, meinen akustischen Eindruck mit dem optischen zu konfrontieren. Deswegen halte ich meinen Blick gesenkt, was beim Schreiben nicht schwer fällt. Wenn ich den Blick hebe, blicke ich auf die Lokalfassade und suche sie nach irgendwelchen Botschaften, Hinweisen und Anregungen ab. Das Deutlichste ist aber der angenehme Wind. Weil ich inzwischen auf der rechten Notizbuchseite schreibe und deswegen den Kopf ein wenig mehr nach rechts gedreht halten muß, geraten die Personen zwei Tische weiter fast schon an den Rand meines Gesichtsfeldes, aber ich schaue immer noch nicht hin. Ich höre immer einen Mann und eine Frau reden, aber anscheinend sind sie zu dritt, weil sich nach mindestens fünfzehn Minuten jetzt eine zweite weibliche Stimme einmischt. Neu dazugekommen ist die Frau nicht, das hätte ich bemerkt. Musik kommt von irgendwo her; ich kann nicht feststellen, von wo (von hinten?). Sie reden über Filme und Serien; von denen her müssen sie alt sein; seine Stimme hätte ich jünger eingeschätzt. Ich drehe den Kopf nach links und blicke die Leopoldsgasse hinunter Richtung Salztorbrücke und Donaukanal, die man von hier noch nicht sehen kann, und liebe das abendliche Sonnenlicht auf den Hausfassaden. Eine Wespe umfliegt meine Schreibhand. Jetzt reden sie über Krankheiten, was meine Neugier steigert, aber ich schaue sie dennoch nicht an, sondern links die sonnenbeleuchteten Fassaden. Vielleicht sind es jetzt vier Personen nebenan, oder eine der Frauen war am Klo, weil ich eine weibliche Gestalt am Rande meines Gesichtsfeldes undeutlich hinschleichen gesehen habe. Oh! Das Abendläuten! Das versöhnt mich mit allem! Das Polizeiauto stört mit seiner überlauten Sirene das schöne Geläut, aber ist wenigstens schnell weg. Ave Maria. Der Autoverkehr hinter mir nimmt plötzlich zu; die höher gestimmte Glocke übernimmt, läutet, setzt aus, läutet wieder … und jetzt ein Motorrad, jault auf, parkt ein, tuckert … auch zu laut. Was haben die alle gegen das Aveläuten? Es wird doch niemand zum Beten gezwungen. Jetzt sind sie wieder bei den Serien (sie reden hald (sic!) so laut, dass ich nicht weghören kann). Das Bändchen am neu angefangenen Notizbuch ist rot.
Am Weg vom Klo zurück war es unvermeidlich, dass ich die Nachbarn angeschaut habe. Sie sind zu dritt.
(8.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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