Montag, 10. August 2026

4575 Campus Hof 5

 



10:57 a.m.  Unter den Linden am Schlickplatz, die wiederum unter einem bewölkten Himmel ihre Äste heben und ausbreiten. Eine karge, weitgehend verkrautete, aber nicht komplett verdorrte Wiese bildet ein angenehmes Quadrat. Eine offizielle Frau (Stadtgartenamt) gießt die Bäume und Hecken. Die Straßenbahnen fahren recht ruhig und alle rot vorbei (im Gegensatz zu den Autos). Erstaunlicherweise gefällt es mir hier. Im Sportkäfig trainiert eine junge Frau; sie ist soeben hereingekommen. Blödes, hässliches Männergelächter von irgendwo – ich sehe sie nicht. Ich höre das Plätschern des Wassers. Zwei kleinere Buben mit Ball gehen auch in den Käfig und fangen mit Fußball an. Der Wind ist sanft und schaukelt Äste und Zweige. Jetzt sind es vier Buben, die neuen sind etwas älter. Sie alle spielen ziemlich gut! (Soweit ich Unbedarfter das beurteilen kann.) Die junge Frau trainiert unverdrossen Seilhüpfen und Liegestütz in einer Ecke des inzwischen Platz greifenden Fußballgeschehens. Besonders der eine, kleinere Bub im gelben Trikot erstaunt mich mit seiner Trippel- und Schußtechnik und wie er die Bälle annimmt. (Ich trage auch ein gelbes Leiberl mit der teilweise schon abgelösten Aufschrift gerne). Kurz war die Sonne heraußen. Der Bub im Tor ist auch nicht schlecht.


11:40 a.m.  Auf einer Bank hinter der Votivkirche gegenüber der Propst-Dr.-Joseph-Hawala-Gedenktafel, den ich nicht kenne und dessen Kopf wie der dornengekrönte Jeschua Ben Yosef ausschaut; oder gehört der Kopf darüber gar nicht zur Gedenktafel?

Ich habe auf eine schattigere Bank gewechselt, aber die Sonne ist stark genug, dass sie durchs Blätterdach von meiner Schreibhand mit Stift scharfkantige Schatten aufs Notizbuchpapier wirft. Vom Gießen ist der Asphalt noch nass. Noch zwei Stunden bis zur Psychotherapie (noch und nöcher – der innere Spötter). Das Miles-Davis-Prinzip: Es gibt keine Fehler! Mach etwas aus dem falschen Ton! Zurück zur grünen Ebene um die Votivkirche herum. Dass ich diese Kirche nicht mag, habe ich schon oft hier deponiert; darüber lasse ich mich nicht mehr aus. Es ist immer interessant, wenn man die Landschaft einer Stadt ahnt.


12:07.  Vom Mittagsgeläut (das mag ich sogar von häßlichen Kirchen) begleitet bin ich zur Schwarzspanierstraße gegangen und ins Weltcafé. Innen fast leer, weil alle draußen sitzen, genieße ich die Ruhe und angenehme Musik aus den Boxen. Die Melonensuppe hat ausgezeichnet geschmeckt. Inzwischen beim Kaffee. Durch eines der Fenster, von dem ich weit weg sitze, schaue ich zu, wie Leute im Schatten des Sonnensegels und der Sonnenschirme wie durch eine Aquariumswand vorbei driften. Oder wie jetzt ein Taxi (es war fast nur das Dachschild zu sehen). Oder wie die Menschen herumstehen und mit den Köpfen nicken, oder sie als Sitzende bewegen. Ich liebe so kleine, unprätentiöse, überraschende Theateraufführungen. Oder jetzt ein weißer Kastenwagen. Noch dazu, wo mir ein Zuschauer in der ersten Reihe gleich beim Fenster (aber auch herinnen) mit seinem Kopf meine Sicht einschränkt, was aber ein guter Trick des unbekannten Regisseurs zur Steigerung von Spannung und Neugierde ist.

Eine Wespe umkreist die Zuckerdose am Nebentisch. Auf der Bühne hinterm Fensterglas zeigen sich nun Szenen großer Gesten, aber weiterhin ohne Ton. Ein stummes Theater. Zwei große, starke Männer kommen in mein Abteil herein und stören meine imaginäre Kreise. Sie sind aber derweil noch ruhiger als erwartet. Aber wenn sie reden werden, werden sie laut sein. Jetzt sind sie gegangen ohne etwas bestellt zu haben. Sollte ich sie vertrieben haben? (Mit deiner Schreiberei? Ist dir dabei zuzuschauen allein schon so schrecklich? Auch wenn man den Text noch gar nicht kennt? - der innere Spötter.) Wäre auch „Macht“, oder? (Abendläuten – der Tipper.) Das Glashaustheater ist momentan ein wenig fad. Na, ja. Geht schon so. Ich sehe zwei Köpfe am unteren Rand der Bühne, die aufeinander zu rollen zu wollen scheinen, aber dann sind sie anscheinend doch irgendwo festgemacht und springen ruckartig zurück. Ende der Vorstellung.


Campus Hof 5. (Uhrzeit notieren vergessen.) Genau auf der Bank unter der Überästelung einer Kastanie mit einer Linde. Die Bilder, Geschichten und Erinnerungen, die mir kommen, sind eher traurig. Aber das macht nichts. Der Hof 5 hat für mich etwas von einem Klostergarten, von vier Seiten von Gebäuden umschlossen … einem Klostergarten, wo man sein Leben aufgegeben hat und am Nachmittag das Sonnenlicht auf den Mauern anschaut. Und halbwegs still sollte es auch sein.


(10.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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