Dienstag, 25. August 2026

4591 Also jetzt

 



9:38 a.m.  Eigentlich sollte bei einem Schriftsteller bei seiner Arbeit sein Leben dahinter stehen und wachen. Eigentlich. Darum sage ich bei mir lieber nicht Schriftsteller, sondern: „Ich bin jemand, der schreibt“.


11:38 a.m.  Endlich im Lieblingscafé. Alle sitzen draußen in der Gartenlaube. Das Hirsch-Tannen-Keramik-Relief hat sich gedreht: ich sehe es nun von der Schmalseite als ein eigenartiges, groteskes Türmchen und weder Hirschen noch Tanne sind zu erkennen. Das erinnert mich an das großartige, wahre Buch (also keine Fiktion) von Fynn; Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna.

Ich bin also jemand, der schreibt. Ob genug dahinter steht, also vom Hintergrund her genügend Substanz da ist, weiß ich nicht. Der Kellnerin gefällt mein T-Shirt mit der Aufschrift Lieber nicht und sagt es mir auch. Kurz plaudern wir deswegen. Wie wohltuend das ist! Wie wohltuend (kommen schon die Tränen? Nein? Nicht wirklich? Schwach!! - der innere Spötter). Lieber nicht habe auch ich geschrieben.

Heute konsumiere ich mit angezogener Handbremse (das Monatsende naht). Ich wollte etwas Tiefgründiges schreiben, das ich mir beim Hergehen ausgedacht habe, aber alles ist vergessen. Ich schwanke beim Gehen wirklich leicht; deswegen stelle ich mich, wenn ich an einer Ampel auf grün warte, nicht mehr ganz an den Rand des Gehsteigs, weil ich fürchte, plötzlich nach vorne zu kippen, besonders, wenn das Trottoir sich zur Straße hin absenkt. Die Musik aus den Boxen ist toll und unbekannt. Es herrscht angenehm kühles Wetter und es geht ein noch angenehmer Wind, der leicht ins Lokal hereinweht. Ein Motorrad heult auf und röhrt davon. Gesehen habe ich es nicht. Sehen kann ich nur meist graue Autos, die hinter Platanen und Gebüsch der Gartenlaube die Burggasse hinunter ziehen. Die Musik ist wirklich toll. Oh! Oh! Oh! Der Lichtengel leuchtet wieder! Das fällt mir erst jetzt auf, dabei sitze ich schon eine gute Stunde hier! Und wie er strahlt! Sofort erfreut er mein Herz. Wie konnte ich den übersehen? Er hängt gar nicht weit von der gedrehten Hirsch-Tanne-Keramik-Skulptur, wo ich länger hingeschaut habe, an der Wand. Aber ich freue mich [nachdem nicht jeder Leser, jede Leserin alle Texte gelesen haben – und das ginge gar nicht bei seinen 4590 Texten – erkläre ich es nochmal: sein „Lichtengel“ ist nichts anderes, als die durch Löcher in den Metalllampenschirmen entstehende Licht- Schattenstreifen einer zweilampigen Wandleuchte, die genau wie zwei ausgebreitete Flügel aus Licht (und Schatten) an der Wand erscheinen. Das ist es. Mehr nicht. Die Wandlampe war länger ausgefallen oder nicht aufgedreht. Kein Mysterium! – der innere Spötter]. (Hast du eine Ahnung! - der Autor.)

Ja, ich werde wohl gehen müssen.


12:32.  Ich sitze im Museumsquartier in der Tonpassage (dem Durchgang zwischen zwei Innenhöfen, der mit Toncollagen bespielt wird). Diesmal ohne Behelligung (was hat eine Behelligung mit Helligkeit zu tun, oder geht es um die Hölle? Nachforschen!). (Aha! Behelligen kommt von dem mittelhochdeutschen Wort helligendurch Verfolgung ermüden, plagen und weiter von Althochdeutsch hellic – müde, erschöpft – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Sehr schöne Tonspur! Eine alte Frau geht mehrmals vor mir auf und ab und hin und her und schaut mich an. Ich ignoriere sie und schaue nicht zurück. Ich erwäge, ob es jemand aus alten Zeiten (da das Wünschen auch kaum geholfen hat) sein könnte. Mir fällt niemand ein und ich habe keine Idee dazu. Inzwischen ist sie abgegangen. Ich bin wieder in der Tonspur, beziehungsweise will wieder hineinfinden. Aber mein unruhiger Geist, der sich ärgert, weil er sich heute bloß einen Cappuccino zu konsumieren getraut hat, während mein Körper nach mehr verlangt, fängt an, destruktiv zu assoziieren – ah! Jetzt Kirchenglocken auf der Tonspur; dass die mich immer so beglücken! Ende des Einschubs – also mein verärgerter Geist assoziiert: Tonspur – Bremsspur (letzteres zweideutig! Slipeinlagen trage ich schon! Ruhe jetzt!). Ich muß richtig (halblaut – der innere Spötter) lachen. Die Tonspur habe ich dabei aus den Ohren verloren. Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Das macht mich stark. Natürlich gehen ständig Leute durch die Passage. Kann auch interessant sein. Zwei junge Amerikanerinnen werfen in den Tonspurautomaten in der Ecke – keine Ahnung, was der auswerfen soll – eine Münze ein, aber es kommt nichts heraus. Ich bin dann hingegangen, als sie weg waren, um den Automaten anzuschauen, bin jedoch nicht wirklich schlau geworden.


(25.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 24. August 2026

4590 Zerstückelter Rahmen

 



12:52.  Mir ist nicht ganz gut. Nicht schlimm, aber ich bin erschöpft und beim Gehen wandelt es mich leicht (auch wenn keine Wände da sind – der innere Spötter). Vielleicht hilft die Droge Kaffee. Ich hatte mir verboten, auf meiner Stadtwanderung irgendwo einzukehren, aber umdisponiert, weil ich die Berggasse nur schwer heraufgekommen bin. In meinem Hirn und in meinen Sinnen spielt sich auch leicht Komisches ab, ohne dass es besonders lustig ist (aber so lange schreiben noch geht … - der innere Spötter). Auf einmal kann ich nicht mehr ohne Brille schreiben. Vorhin hat das problemlos funktioniert. Trotzig lege ich die Brille trotzdem weg. Es muss gehen. Ich drehe meinen Kopf hin und her und habe dabei den Eindruck, als würde sich ein Teil der Wirklichkeit da draußen mitdrehen. Ich fühle mich wieder so unzulänglich und überständig, aber diese leichte, wirklich nur leichte Übelkeit ist stärker und irritiert meine destruktiven Gedankenmuster und Denkgewohnheiten. Gottseidank. Zwei Hängelampen sehe ich schaukeln und sie schaukeln wirklich. So viel Realitätssinn traue ich mir noch zu. Die 08-15-Musik geht gerade noch. Zu wenig Schlaf! - fällt mir ein; heute habe ich eindeutig zu wenig geschlafen (erstaunlich, wie ihn irgendwelche windigen Erklärungen beruhigen – der innere Spötter).

Jetzt wird alles klarer, auch optisch. Ich vermute, dies ist eine Auswirkung des Kaffees. Auch meine Psyche richtet sich sozusagen auf (und kokettiert schon mit der Schwermut – der innere Spötter). Wenn sie das braucht, dann soll sie. Jedenfalls saust mein Geist schon wieder in meiner Geschichte und der meiner Herkunftsfamilie umher. Ich gehe raus in die Parks und Höfe des alten AKH, obwohl mir die Musik, die jetzt gespielt wird, wirklich gefällt (unbekannterweise). Und natürlich ist sie ordentlich schwermütig. (Im Hof 9) Unterlegt ist die Musik mit so Weh-Akkorden von einem E-Piano, eine weibliche Stimme singt darüber, dezentes Schlagzeug und Gitarren, sehr zurückhaltend. Das entmythologisierte Universum gibt nicht viel mehr her, als diesen zerstückelten Rahmen aus isolierten Akkorden, die sich wiederholen.


(24.8.2026)


©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4589 Ich bleibe sitzen

 



10:53 a.m.  Postpopmusik im Lieblingscafé, ich kenne sie nicht und sie gefällt mir. Damit stehe ich schon an. Vielleicht hilft mehr Kaffee und schon nehme ich einen weiteren Schluck. Heute ist das Datum des Überfalls der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Tschechoslowakei. Ich kann mich noch genau erinnern, wie aufgescheucht und aufgeregt ich war; wie ich auf den Irdninger Hauptplatz gegangen bin, weil ich nicht glauben konnte, dass alles einfach so weitergeht (wie mich übrigens auch die Ermordung J. F. Kennedys fünf Jahre früher aufgescheucht hat, und damals war ich erst neun Jahre alt).

(Die Erinnerung an meine Kindheit macht mich immer traurig; ich war so ein – still – aufgewecktes Kind und so einsam und allein gelassen in meinem Lebenskampf.) Im Lokal ist soeben der Strom ausgefallen; nur eine Lampe brennt noch; wahrscheinlich wollen die Götter meine Selbstmitleidsuada stoppen. Jetzt spielt die Musi wieder, der Ventilator dreht sich wieder schnell und die Lampen machen ihren Job. Tatsächlich! Das war der Uranus, der Unterbrecher, irgendwas ist in mir und meinem Weltbild abgerissen.

Mein innerer Seismograph geht mir schon etwas auf die Nerven. Jemand Kunstszenenprominenter kommt herein, und schon ist meine Nervensystem voll aufgedreht, dass ich erwäge, rein aus Überforderung das Lokal zu verlassen. Ich will das aber nicht tun und versuchen, noch einen Kaffee zu bestellen. Sehr schöne Musik aus den Boxen. Verlegen schaue ich zum Fenster hinaus. Jetzt kommt der innere Humor wieder und ich lache unauffällig in mich hinein ob meiner absurden Spielchen. Die Musik ist wirklich toll. Ich schaffe es jedoch nicht, Kellner oder Kellnerin wegen der Bestellung eines Kaffees anzusprechen. Ich warte, bis sie mich fragen (sie haben im Gastgarten viel zu tun). Ich lausche intensiv auf die unbekannte Musik, inklusive dass ich einzelne Instrumente in ihrem Spiel verfolge. Zur Täuschung setze ich mir die nachdenkliche Maske auf (es geht nur darum, seine Verlegenheit zu tarnen – der innere Spötter). (Ich glaube, das gelingt schlecht.) Ich weiß nicht mehr, wo ich hinschauen könnte. Was würde ich machen, wenn ich in einer Stunde sterben müßte? Ich denke: nichts (ob diese Behauptung einer Überprüfung standhielte? - der innere Spötter).

Die Bestellung ist jetzt gelungen, die Kellnerin hat hergeschaut; ich mußte sie nicht anrufen und nur auf die Kaffeetasse deuten. Übrigens: ich bin heute mit meinem ganzen Schmuck aufgebrezelt hergekommen (oder aufgebreezelt? - der innere Spötter), was mich heute morgen geritten hat, weiß ich auch nicht. Ich beneide Männer mit markanten Gesichtern, die man – einmal gesehen – nicht vergißt (zweimal oder dreimal gesehen ginge auch noch – der innere Spötter). Ich ertappe mich dabei, wie ich schon sekundenlang eine kleine Hirsch-Tannen-Keramik-Skulptur unter der Lampe, die beim kurzen Stromausfall vorhin nicht ausgegangen ist, anstarre, ohne jene wahrzunehmen. Aber XTC’s Making Plans for Nigel, das plötzlich aus den Boxen kommt, weckt mich wieder auf und ich signalisiere dem Kellner mit diesem depperten „Daumen hoch“ und indem ich dann meine Hand mit dieser typischen Horch-Geste ans Ohr lege, dass mir das Musikstück gefällt (eigentlich, dass du das Stück erkannt hast; gefallen hat dir die Musik vorher auch – der innere Spötter). Nun bin ich wieder bei den Lichtspiegelungen im Fenster vor der großen Platane im Gastgarten (eigentlich läuft alles auf ein Tagebuch hinaus, aber eigentlich will ich das nicht).

Und wieder ein kurzer Stromausfall.

Mein Gott! Ist mein Leben absurd! (Damit willst du nur verschleiern, dass du unfähig bist, die Verantwortung zu übernehmen – der innere Kritiker.)

Der prominente Künstler ist gegangen und ich habe es nichteinmal bemerkt. Dabei mußte er an meinem Tisch vorbei.

Ich klopfe mit dem großen Ring im Rhythmus der Musik auf die Kante des Kaffeehaustischchens. Ich höre damit schon wieder auf. Mir unbekannte Nummern von XTC. Wunderschön. Ich bleibe noch sitzen, obwohl ich schon ausgetrunken habe.
 

12:25. Ich gehe jetzt trotz XTC-Musik.


(21.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 20. August 2026

4588 Oberwasser

 



11:22 a.m.  Geschafft! Im Lieblingscafé angekommen. Der erste Schluck (Kaffee ist auch eine Droge). Aber irgendetwas stimmt nicht mit mir. Ich versuche, mich mittels Zeitungslesen zu stabilisieren; obwohl mein üblicher Standard nicht da ist.

Mein Gott! Ich heule mitten im Lokal! Aus den Boxen Police /Message in a Bottle (wie meine Texte hier in der Schublade, die ich ja auch dem anonymen und unabwägbaren Internet anzuvertrauen riskiere!), gelesen habe ich soeben in den Salzburger Nachrichten einen begeisterten Artikel über die Lesung Minichmayrs der Winterreise von Jelinek. Ich weiß auch nicht, warum mir das so nahe geht, aber die Tränen stehen mir in den Augen und sind ein wenig verstohlen auch geronnen. Ich bin ganz aufgewühlt (dass ich mir damit mein Leben verkürze, ist mir wurscht).

Inzwischen ist der Standard aufgetaucht und ich werde mich mit weiterer Lektüre zu beruhigen versuchen (das Viele erschlägt das eine).


12:10.  Meine leichte Übelkeit ist nach einem ordentlich fetten Schnittlauchbrot weg. Ich gewinne zunehmend Oberwasser (diese Redewendung kommt aus der Sprache der Müller und besagt, dass genug Wasser im Fluß ist, sodass es oben auf das Mühlrad rinnen kann und so das Werkel antreiben – der innere Besserwisser) (der es aber auch erst googeln mußte – der innere Spötter).


12:42.  Viele Songs aus meiner Jugend waren heute schon dran. Ich brauche manchmal sehr lange, bis mir die Namen der Interpreten und die Titel einfallen. Oder: ich gehe aufs Klo, um mir mein ganz leicht verheultes Gesicht zu waschen und nach Stunden, als ich schon längst wieder am Tisch sitze und lese, merke ich, dass ich zwar auf dem Klo war, aber das Gesicht zu waschen vergessen hatte (dieses leichte Ziehen auf der Gesichtshaut). Aber schlecht ist mir nicht mehr (das hast du schon geschrieben – der innere Spötter). Ich gehe jetzt mein Gesicht waschen. Doch bin ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht umgekehrt war und ich vergessen habe, dass ich mir das Gesicht schon gewaschen habe, denn mein Gesicht zeigt im Spiegel keine Spuren von Tränen (nur die Tränensäcke sind deutlich größer). Egal.


13:34.  Auf dem Weg zur Toilette werfe ich durch das Fenster einen Blick in den eher tristen Hinterhof und sehe dort im Vorbeigehen eine beeindruckende – ich nehme an – wild wachsende Pflanze mit großen Blättern. Ich beschließe, am Rückweg länger und genauer dieses Gewächs anzuschauen, habe aber diesen Vorsatz beim Zurückgehen schon wieder vergessen. Und mir ist wieder etwas unwohl. Ich stehe jetzt auf, gehe zum hinteren Fenster und werde die Pflanze anschauen. Ja, dieses Bäumchen – ich habe solche schon öfters in Höfen wachsen sehen, aber weiß nicht, wie sie heißen – wächst tatsächlich auf einem schmalen Mauervorsprung über den dort abgestellten Mistkübeln. Nebenbei gesagt: ich bin überständig hier, ich muß gehen. Creedence Clearwater Revival aus den Boxen wird mich beim Hinausgehen hinausbegleiten.


(20.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4587 Peterchens Mondfahrt

 



10:06 a.m.  Peterchens Mondfahrt soll auch heute in sein Lieblingscafé gehen. Aber er muß sich noch zurechtmachen, Zähne putzen et cetera. Er hat sich heute vertrödelt und hockt noch lesend im Bett. Außerdem ist ihm ein bißchen schlecht. Eine leichte Übelkeit ist allem unterlegt. Und dann ist da noch das bedrohlichen Dröhnen des Kompressors im Hof (Rosa Moser – Comp Air – 17 C38), das mein labiles Gleichgewicht bearbeitet. Trotzdem schaffe ich es nicht, weiter zu tun und endlich die Wohnung zu verlassen.


(20.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4586 Hauslimonaden

 



18:58.  Mit meiner Frau auf (je) eine Hauslimonade in einem nahen Lokal. Weil sie unbedingt draußen sitzen will – das ist ja so toll, so urlaub, so frei! - muß ich jetzt den ganzen unangenehmen Rauchergestank riechen. Drinnen wäre es so angenehm leer (okay! Er ist immer noch unglücklich mit sich selber – der innere Spötter). Die Abendglocken läuten; ein Motorrad brettert vorbei (brettern kommt eigentlich vom Skifahren – der innere Besserwisser); das Sonnenlicht hängt noch an den Hausfassaden (es hängt? Hängt es wirklich? - der innere Spötter). Die Szenen, die ich sehe … ach was! … die beschreibe ich nicht! Keine Lust!

Durchs Oberlichtenfensterglas sehe ich an so undeutlichen Lichtzuckungen, dass sich drinnen der Deckenventilator dreht (was soll er denn sonst machen?! - der innere Spötter). Ich stochere mit den gläsernen Strohalm in der köstlichen Limonade herum und tauche die Zitronenstücke, die grünen Blätter und die Eiswürfel so richtig fest und wild unter. Durch die offene Lokaltür sehe ich, dass es drinnen Kerzenlicht in Glas gibt. Und Plakate an der Klotür. Manchmal kommt mir vor, ich spüre feine Wassertropfen auf Hand und Arm, aber Regen oder Nebel kann es nicht sein. Und Tau wohl auch nicht. Das Sonnenlicht klettert immer noch die Hausfassaden hinauf und wird von Schatten verfolgt (aber alles in Zeitlupe! In Zeitlupe! - der innere Spötter). Die silbrig glänzende Türschnalle an der Klotür sehe ich auch [eigentlich ist es nicht die Schnalle, sondern das Langschild (mußte erst die Fachbegriffe googeln – der Tipper), das er gesehen hat – der innere Korrektor]. (Halt die Gosch’n, du Arschloch! - der Autor.) An drei Tischen wird Karten gespielt. Fast nur junge Leute hier. Nachdem ich meine aufgeschlagene Notizbuchseite unabsichtlich mit Wassertropfen vom Limonadenglas benetzt habe, lasse ich das alles besser sein. Der Grant ist ein schlechter Coach-Hintergrund-Trainer-Berater-Sparringpartner-Lektor.

Die Gespräche heutzutage verstehe ich nicht mehr: sowohl akustisch, in der Wortwahl, von der Artikulation her, als auch inhaltlich nicht.

An dem einen schlichten Holzfuß der Sitzbank da vorne hängt ein kleines, welkes Blättchen an einem Spinnenfaden – vermutlich – und schaukelt im sachten Wind; wenn es nicht ein kleines Federchen ist. Unter der Bank ist es so dunkel.


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4585 Scheiß Scham

 



16:42.  Eigentlich fühle ich mich schon schuldig, weil ich bei bloß einem Cappuccino schon zu lange da hocke und Zeitung gelesen habe (Standard; übrigens viel mehr Artikel als üblich). Aber gerade deswegen – nämlich des schlechten Gewissens wegen – habe ich das Notizbuch hervorgeholt, um mich von den inneren Aufbruchsforderungen abzulenken, mich und meinen Platz hier ein wenig zu festigen und Kaffee und Wasser in gefährdeter, aber nicht völlig vertriebener Ruhe langsam auszutrinken. Leute, ich sag’s euch! Ich habe dieses ewige Schuldgefühl bis oben satt! Und diese verschissene, geschissene, beschissene Scheiß Scham über ja, worüber eigentlich? Über meinen geringen Sozialstatus? Über meine finanzielle Impotenz? Oder einfach über mein gescheitertes Leben? So klar ist das gar nicht. Meine Scham ist älter als meine Sprache und sitzt tiefer, als ich denken kann. Meine Scham ist älter und sitzt tiefer als meine Gedanken und Erklärungen dazu … ich meine, diese Scham ist älter, mächtiger, nachhaltiger und tiefgreifender als alle meine gedanklichen Bebilderungen dazu; und sie ist ursprünglich wortlos. Deswegen komme ich trotz jahrelanger Therapien auch nicht an ihre Wurzeln heran und werde sie wohl nicht mehr los. So wie einem Amputierten zum Beispiel sein fehlender Arm nicht mehr nachwächst. Meine Psyche ist ein Krüppel – um es einmal überdeutlich zu sagen. (Ich habe bewußt Psyche und nicht Seele geschrieben!)

Und wie die da ein paar Tische weiter bedeutungsaufgedreht reden, halte ich auch nicht aus (das hat er immer, wenn er mit sich selbst unglücklich ist – der innere Spötter).


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4584 Ganz still

 



0:09 a.m.  Es hat laut gedonnert. Und jetzt fängt es zu tröpfeln an. Mehr ist es nicht. Es ist ganz still hier; selbst das Tröpfeln hat schon wieder aufgehört. Ganz still ist es hier. Ganz still.


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 18. August 2026

4583 Schöne Collage!

 



11:39 a.m.  (Nach der Lektüre)  Der Lichtengel ist nicht on (wie sonst soll ich meinen Text starten?).

11:55 a.m.  Die Eierspeise ist verspeist. Ich lasse mich doch wieder zu Luxusausgaben hinreißen. Ich kann und will nicht widerstehen. Wenn mir das Geld ausgegangen sein wird, wird sich das von alleine regeln. Mein Gedankenkarussell und mein Assoziationsapparat springen nicht an. Soll mir auch recht sein. Ich lege das Schreibzeug weg und starre in die Luft.

Beim gedankenlosen In-die-Luft-Starren halte ich meine Arme verschränkt und meine gelangweilten Hände beginnen, an meinem Bauch herumzutatscheln und herumzugreifen. Da wacht mein Bewußtsein voll auf und registriert mit Entsetzen die Fettwülste an Bauch und Hüften und will beginnen, meine Eierspeisentscheidung von vorhin zu bereuen. Ich gebiete dem Einhalt (so gut es geht – der innere Spötter): über gefressene Eierspeise zu jammern ist genauso sinnlos wie über verschüttete Milch. Ich entlasse mein Bewußtsein wieder in den Halbschlafmodus.

Aus dem es jedoch sofort aufgescheucht wird, weil aus den Boxen Nina Simone singt. Ich bin hellwach und aufgeregt. Ich traue mich sogar, die Kellner zu fragen, ob meine Annahme stimmt. So etwas hebt und versetzt mich in Euphorie, den eigentlich liebe ich Kommunikation von Mensch zu Mensch. Ich könnte die Kommunikation fortsetzen, indem ich den dritten Cappuccino bestelle.

Aber jetzt bekomme ich ein leicht schlechtes Gewissen, weil immer noch Nina Simone singt und ich ängstlich befürchte, das könnte mit meiner ausgestrahlten Begeisterung zu tun haben, auf die die Kellner freundlich reagiert haben, indem sie weiter Nina Simone spielen lassen (beachtet den heimlichen Größenwahn! - der innere Spötter). Das wäre mir peinlich und unangenehm. Ich rufe meine Vernunft auf, dass diese Songfolgen heutzutage doch meist automatisch ablaufen und Nina Simone oft recht lange Nummern spielt und singt. Aber es hilft nichts: ich fühle mich ungemütlich beim Gedanken, ich könnte irgendwie – direkt oder indirekt – die Songauswahl beeinflußt haben und ihnen – direkt oder indirekt – meinen Willen aufgezwungen haben. Wahrlich, mein Schuldkomplex – oder wie man das nennen soll – stinkt zum Himmel. Leider sitzt dort niemand, der denkt: „Armer, glatzerter Peter! Wir müssen ihn von seiner Schuld freisprechen!“ (oder sagt: „Du größenwahnsinniger Depp! Glaubst du im Ernst, die Songauswahl und die Welt drehen sich nur um dich? Wir haben viele, gar viele Klienten!“ - der innere Spötter).

Gut, den dritten Cappuccino bestellen! Das ist ein Befehl! [Aber weder von Dem-Da-Oben, noch vom Manitu, noch vom Adler, auch nicht vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches oder der Kaundka-Monarchie (ihr versteht schon – Joseph Roth)].

Ich bin so gerührt von mir, dass ich vorhin zu den Kellnern wegen Nina Simone Kontakt hergestellt hatte, dass mir beinah zum Heulen ist (obwohl er es jetzt nicht schafft, den Kontakt herzustellen, um seinen dritten Cappuccino zu bestellen. Wahrscheinlich hat ihn das vorhin so erschöpft! – der innere Spötter).


12:39.  Traurigkeit und distanzierte Menschenfreundlichkeit. Und der Cappuccino 3? Habe ich immer noch nicht zu bestellen zusammengebracht (damit es kein Missverständnis gibt: ich bin froh, wenn mich Kellner und Kellnerinnen in Ruhe beim Kaffee und auch bei leeren Tassen sitzen lassen. Mir ist das eindeutig lieber, als umgekehrt dauernd nach meinen Bestellwünschen gefragt zu werden. Noch dazu, wo ich finanziell keine allzu großen Sprünge machen kann und auch wegen meiner immer vermutet zu geringen Konsumation ständig ein schlechtes Gewissen habe. Dass ich mir beim Ansprechen und Anrufen so schwer tue, ist allein mein Problem). Aus den Boxen ein Layla-Cover, das mir sehr gefällt, keine Ahnung von wem (Texte verstehe ich nie!). Wirklich sehr schön.


12:43.  So! Jetzt habe ich die Bestellung Cappuccino 3 geschafft. Nun bin ich wieder bei den Dellen der kristallinen Kugellampen an der Decke, aber ich bin aufgestanden und habe zu überprüfen versucht, ob sich diese Dellen wirklich im Lampenschirm aus Glasstückchen befinden oder durch eine optische Täuschung entstehen. Das Ergebnis ist nicht eindeutig: einerseits ist die Oberfläche der Kugel unruhig und nicht exakt in Kugelform, aber andererseits verstärkt irgendein Lichteffekt anscheinend den Eindruck einer tieferen Delle (jetzt wird gerade mit sehr hohen Männerstimmen ein Sheriff erschossen).

Erhebt sich die Frage, wen ich gerne erschießen würde? (Ach Freundchen! Du kannst mit einer Waffe doch gar nicht umgehen! Wenn dir nichts mehr einfällt, kannst du doch einfach dasitzen, ohne zwanghaft zu schreiben. Die Welt und das Universum werden dir ein paar kürzere Texte durchaus verzeihen! - der innere Spötter.)

Ich freue mich schon auf den kühleren Heimweg heute bei Wolken und Wind. Die dreifaltige Wandlampe links von mir spiegelt sich im Fenster zur Gästelaube hinaus so deutlich und schön, dass man meinen könnte, über der Dame dort im Gastgarten schwebe eine dreiteilige Lichtkrone, während George Harrison aus den Boxen den süßen Lord anjammert.


13:32.  Im Museumsquartier gibt es in der Passage eine neue Tonspur (Tonspur 97; Edgar Honetschläger) mit Hunden und Wasser. Nachdem sich eine Dame auch auf die Bank gesetzt hat, werde ich nervös und unruhig und kann mich kaum noch aufs Hören konzentrieren (und zu recht, wie sich später herausgestellt hat: die überaus höfliche Dame wollte wohl auf finanzielle Unterstützung hinaus – der Tipper). Aber nun höre ich Kirchenglocken heraus! (Und die Presslufthämmer im Hof ums Eck.) Auch Enten. Schöne Collage! Ich gehe lieber.


(18.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 17. August 2026

4582 For Men

 



12:53.  Bin neugierig, wie der erste Kaffee des Tages auf meine Schwermut wirkt. Bestellt ist er schon. In letzter Zeit meine ich ständig so einen leichten Gestank wahrzunehmen (er fürchtet immer, der kommt aus seinem Inneren – der innere Spötter), aber identifizierbar ist er für mich nicht.

Der erste Schluck. Wichtigtuerische Sprecherin zwei Tische weiter. Stört schon, aber es ist, wie es ist und muß hingenommen werden, wenn man nicht weggehen will. Heute war mir schon richtig schwindlig, alles hatte sich gedreht und ich mußte das Eintippen meiner Texte unterbrechen und konnte nur mit Mühe in mein Zimmer gehen und mich hinlegen. Das ist vorbei, aber flau ist mir immer noch. Und schwer ums Herz. Ich atme ein und dehne dabei meinen Brustkorb; vielleicht lockert sich die Beklemmung ein wenig. Ich habe einen Toast bestellt, obwohl ich strikt vorhatte, heute in Lokalen kein Essen zu konsumieren, aber um das ganze System etwas zu stabilisieren habe ich meinen Vorsatz über Bord geworfen (wie heißt das? Rette einen Menschen, dann rettest du die ganze Welt – der innere Spötter).

Der Toast ist verschlungen; eigentlich zu wenig (aber ich bin geizig in der zweiten Monatshälfte). Wird schon reichen. Die Riesenblätter des unbekannten Baums, dessen Zweige beim Fenster hereinschauen, sind mir etwas unheimlich. Obwohl sie sich recht ruhig verhalten. Ich muß mir noch die Hände waschen (und das Maul – der innere Spötter). Kann es sein, dass es draußen wieder sehr schwül ist? Mir kommt vor.

Das erste Mal mit Slipeinlagen in diesem Lokal; FOR MEN natürlich; FOR MEN. Was es alles gibt. Die Sprecherin nebenan hat sich beruhigt und redet jetzt „normaler“ (oder habe ich mich an ihre Stimme gewöhnt?). Noch ein Kaffee? 38 Minuten bis zur Psychotherapie. Das wird ein wenig knapp, wenn ich ihn langsam trinken will. Wenigstens weiß ich, worum es heute in der Therapie gehen wird. Ich habe mich entschlossen: kein zweiter Kaffee.


Zum Zahlen habe ich mich an die Budel gestellt und warte auf den Kellner, der im Gastgarten Tische abräumt. Dabei sehe ich, wie er das restliche Wasser aus den den Kaffees beigegebenen Wassergläsern in die Blumenkistchen des Zaunes gießt. Jetzt hat er gleich noch einen großen Pluspunkt bei mir! Dass er im Arbeitsstress auch an die Blumen denkt! Ich sage ihm das auch, als ich zahle.


Nun sitze ich in Hof 8 vorm Springbrunnen; Lang bleibe ich nicht; ich könnte in meinen klandestinen Klosterhof 5 gehen.


Ich gehe in meinen klandestinen Klosterhof (mein Gott! Jetzt muß er wieder mit aus der Zeit gefallenen Vokabeln angeben! Klandestin heißt nichts anderes, als heimlich, geheim. Amen! - der innere Spötter). Was hat das alles mit meiner Psychotherapie zu tun? Nicht viel, fürchte ich, nicht viel (oder: sehr viel, fürchtet er, sehr viel! - der innere Spötter). Zeit zum Aufbruch.


(17.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4581 Wieder still

 



8:04 a.m.  Die Flugzeuge donnern durch den leicht plätschernden Regen, der viel zu früh schon aufhören will. Hier herinnen im Zimmer ist es noch nicht wirklich abgekühlt. Türen oder Fenster schlagen, eine Frau lacht wirklich laut im Stiegenhaus. Dann hört der Regen wirklich auf und es wird überhaupt still. Bis das nächste Flugzeug anfliegt. In mir beginnen sich Angst und Schrecken auszubreiten, aber ich kann sie abstoppen. Durch das offene Fenster höre ich irgendjemand kotzen. Wieder still. Alles ist still.


(17.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4580 Demenztest

 



9:45 a.m.  Steif bläst der Luftzug den kunstvollen Vorhang ins Wohnzimmer herein, das Plätschern des kleinen Springbrunnen im Hof, irgendeine Arbeitsmaschine röhrt irgendwo vor sich hin; und jetzt kommt das Frühstücksmüsli. Der Wohnzimmerbaum ist gut gegossen; er leuchtet fast in seinem satten Grün. Aber so hat mein Tag nicht begonnen; erst jetzt bin ich zur Ruhe gekommen.


12:11.  Beim Kaffee. Der Morgen war angenehm frisch, jetzt ist es heiß. Mein Blick geht hinter die Bar, zum Geschirrspüler, Kühlschrank … . Zum ersten Mal fällt mir auf, dass sich gegenüber auf der anderen Straßenseite auch ein Gastgarten befindet; das dazu gehörige Lokal kenne ich nicht … ach! So ein Blödsinn! Dort war ich schon öfters essen, auch wenn es schon länger her ist. Meine innere Geographie muß durcheinander gekommen sein. Was ist mit meinem Gehirn los? Ich habe vor Jahren schon einen Demenztest gemacht, ein rein psychologischer wurde mir vom Arzt nach der Schilderung meiner Symptome angeboten, da wurde nichts gefunden. Ich konnte nicht ganz glauben, dass alles in Ordnung ist und jetzt noch weniger (zum Beispiel hatte ich oben statt den Vorhang von Vorhang hingeschrieben – und solche Fehlleistungen verstehe ich nicht. Einen Buchstaben auslassen, irgendwas verdrehen – das ja, aber von statt den?).

Ich betrachte die zwei Gesichter am Boden des Wasserglases und den Schriftzug Hamburg darunter, dann gieße ich Wasser aus der Karaffe nach (zum Beispiel auf statt aus – wie es soeben passiert ist, irritiert mich trotzdem nicht so wie von statt den).

Die Zeichnungen an der Wand hinter mir sehe ich nicht, aber ich weiß, dass sie mir gefallen. Ich habe sie schon öfters betrachtet. Genug für jetzt.


(14.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4579 Götterdämmerung

 



11:28 a.m.  Ich sitze mit meiner lieben Frau heraußen im Café im Unteren Belvedere und überlege kurz, ob ich schreiben soll, aber dann merke ich, es fällt mir nichts ein und verwerfe den Gedanken und sitze nur so da und denke nichts weiter. Als jedoch meine Frau zu mir „Du kannst ruhig schreiben!“ sagt, nehme ich das sofort (man könnte auch sagen: z’fleiß – der innere Spötter) als Aufforderung und hole Notizbuch und Pilotstift heraus – Brille brauche ich nur mehr bei schlechtem Licht – und was? Was jetzt?

Der Cappuccino ist erwartungsgemäß teuer und etwas schal im Häferl, aber als erste Drogendosis des Tages wird’s reichen. Ich betrachte das barocke Eingangstor in den Vorhof sozusagen von hinten und denke, dieses grandiose Bauwerk – ich meine das ganze Belvedere – verdiente (Konjunktiv!) den originalen Umraum, auf dass es richtig ausschwingen kann. Also reißen wir das ganze Neunzehntes-Jahrhundert-und-später-Zeugs der Umgebung ab! Auch für das stalinistisch-kitschige Denkmal der Roten Armee wäre es höchste Zeit. Den Hochstrahlbrunnen können sie meinetwegen lassen (nachdem du deinem Größenwahn ohne Größe freien Lauf gelassen hast, wäre es an der Zeit, dich anderem zu widmen. Wie wäre es mit der Ausstellung von Anni Albers? - der innere Spötter).


(13.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 12. August 2026

4578 Rache

 



14:25.  Heute geht es. Ich sitze entspannt hier und habe keinen Stress. Die Musik passt. Die gehirninternen Gewaltorgien – aktiv, vor allem aber passiv – habe ich scheint’s für jetzt einmal hinter mir. Kleinste Miniatursonnen leuchten von den Windschutzscheiben der auf der Straße geparkten Autos ins Lokal herein. Wie die heute bei der partiellen Sonnenfinsternis ausschauen werden? (Gar nicht, bis dahin sind die schon längst verschwunden. Sonnenstand! - der innere Besserwisser.) Übrigens: eine meiner beliebtesten Opfer-Gewalt-Phantasien geht in Abwandlungen, aber ungefähr, so: Ich lebe wohlhabend am Land auf einem großen Hof, der mir gehört. Stadel und Stall sind zu großzügigen Ateliers und Tensegrity-Übungsräume umgebaut etcetera. Ich werde jedoch von der lokalen, rustikalen Bevölkerung gehasst und irgendwelche „bodenständige“ Rowdys dringen in meinen Besitz ein, zerstören die Ateliers und die Bilder, den Garten mitsamt seinem Gemüse und den Teich, die Energieversorgungsanlagen (kleine Windräder, Solaranlagen, diese innovativen Windkraftanlagen ohne Rotorblätter, die wie ein senkrechter Mast oder Stange im Wind schwingen, meine Bibliothek im Haus und einiges andere. Da diese Rowdys von der lokalen Bevölkerung und der ortsansäSSigen Polizei regelrecht angestiftet worden sind, drehen sie den Spieß um und ich werde unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet. Mir werden von der faschistisch- korrupten Polizei Drogen unterschoben. Im Gefängnis werde ich gequält etcetera etcetera etcetera (vergewaltigt traut er sich nicht herschreiben – der innere Spötter). Aber dann! Ich bin ja reich und schalte Detektive und Rechtsanwälte ein, die gute Kontakte zu den überregionalen Behörden haben. Die decken den Polizeibetrug und die ganzen Machenschaften auf und ich komme doch wieder frei etcetera etcetera. Alle werden zur Rechenschaft gezogen, alle, auch eine besonders gehässige Nachbarsfamilie, die mich falsch beschuldigt und deren geifernde Chefin mir öffentlich den Tod gewünscht hat. Ich führe jetzt erbarmungslos gegen alle Übeltäter Strafrechtsprozesse und solche um Schadenersatz, kein Cent wird nachgelassen, alle Verleumdungen werden dokumentiert – meine Detektive und Rechtsanwälte leisten gute Arbeit – alle diese verlogenen Polizisten mit ihren Falschaussagen vor Gericht, alle kommen dran, auch der schleimige Filialleiter des örtlichen Supermarktes, der grundlos ein Geschäftsbetretungsverbot gegen mich angeordnet hatte, alle, alle werden zur Rechenschaft gezogen, einige marschieren ins Gefängnis und alle brennen, brennen, brennen! Besonders die böse Nachbarsfamilie brennt, dass sie bankrott geht und ihr scheiß-rustikales Haus verkaufen muß, das jedoch ich selbst erwerbe – Geld habe ich genug – und – und spätestens das folgende Motiv habe ich aus Michael Köhlmeiers Roman Die Musterschüler gestohlen, weil es mir als Rache so gut gefällt – nebenbei gesagt: ich halte die Schilderung dieser Rache für realistisch; ich glaube, dass Köhlmeier das nicht erfunden hat – also: ich kaufe deren schirches Rustikalhaus und Grundstück und lasse ersteres sofort abreißen mit allem Pi-Pa-Po, erweitere so mein Anwesen (endlich kann ich anwesend sein!) und sorge dafür – ich bin ja reich genug – das mir keiner auch nur einen Grashalm meiner Wiese zu brechen oder auch nur zu krümmen wagt! Ich kann unbelästigt in der Gegend umherwandern und gefahrlos durchs Dorf stolzieren. Keiner traut sich mehr aufmucken. Es geht nur darum, dass sie mich in Ruhe lassen! Ansonsten lasse ich alle unbehelligt.

Wie gesagt, da gibt es ein paar Varianten, bei manchen werde ich so richtig gewalttätig. Jedenfalls: ich kann mich vor Übergriffen schützen!

(Uff! Das wird wieder eine beschissene Tipperei! – der zukünftige Tipper.) Einige Wespen versuchen durch die große Fensterscheibe zu kommen; ich kann von hier jedoch nicht erkennen, ob sie von innen nach draußen, oder von draußen nach innen wollen; ich vermute Letzteres.

Zwei Kaffees habe ich hier getrunken und meine Stimmung ist jetzt so gut. So gut! Geradezu großartig!


(12.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 11. August 2026

4577 Die Yogapuppe

 



10:54 a.m.  Mein Lieblingscafé hat heute ausnahmsweise geschlossen! Ich wußte das nicht. Jetzt sitze ich ein paar Häuser weiter und muß mich sehr, gar sehr umstellen. Vielleicht hilft ein Frühstück? Meine Luxusausgaben werden mich noch in den Ruin treiben, aber ich brauche meine Arbeits- und Bürozeiten in Cafés! Die sind wichtige Stabilisatoren in meinem Leben. Und ein wengerl was könnte mir schon auch zustehen, oder? (Oida! Vorsicht! Du begibst dich auf dünnes Eis! Rede dir nicht Sachen ein, die du nicht empfindest – der innere Spötter.) Der Kaffee ist gut. Bleiben oder gehen? Eine Schaufensterpuppe in einer stehenden Yogaposition auf einem Bein in der Auslage des Geschäfts gegenüber auf der anderen Straßenseite amüsiert mich und – ja – rettet mich, weil sie mir als Anker dient und ich sie mir ganz irgendwie als etwas „Vertrautes“ hininterpretieren kann, nur weil meine Frau eine Yogini ist, obwohl ich selbst nie Yoga geübt habe; wohl aber vor Jahren Tensegrity/magical passes, das auch nicht nur den Körper, sondern ebenso den Energiekörper und in Richtung Unendlichkeit trainiert.
Dass es Nikotinschwaden immer wieder schaffen, aus Gastgärten in die Lokale hineingeweht zu werden! Das machen die z’fleiß (so! Jetzt legst du dein Schreibzeug weg! - der innere Kontrollor).

Ja, essen hilft, mit einem Ort vertraut zu werden. Und wegen der Yogagestalt drüben hat mich soeben eine prophetische Erkenntnis erreicht: Sturm Graz gewinnt heute gegen Fenerbahçe Istanbul und steigt in die Champions League auf!


11:37 a.m.  Und jetzt gefällt mir auch die Musik aus den Boxen. Und im Klo – ich mag keine Gebläse-Händetrockner – ich frage mich immer, wo dabei der Dreck bleibt, den man in benutzten Handtüchern vorfindet und außerdem will ich mir nach einer Marmeladesemmel – Wiener Frühstück; ich habe gesündigt – auch den Mund abwaschen – also im Klo hier habe ich den ersten Händetrockner erlebt, der ordentlich Wind erzeugt und wirklich trocknet, den ersten! Das ist auch etwas! Überhaupt ist das alles oben und herunten im Keller eine Wahnsinnsanlage.

Jetzt gefällt mir die Musik weniger. Aber geht schon. Zwar mit ein paar Metern Abstand, aber direkt vor der offenen Eingangstür sitzend sehe ich die Passanten und Passantinnen von oben bis unten. Und eben auch die Yoga-Puppe. Ich bin zu dick. Morgen fange ich mit fasten an (aber ich bin in der Hitze so hungrig!). Ach was! Die Yogis sind im Alter auch oft wampert. Schritte habe ich heute noch nicht viel (2.245). (Freundchen! Glaubst du nicht, es wäre Zeit zum Beispiel in die Albertina zu wandern und dich mit anderen Sachen zu beschäftigen, als mit deinen idiotischen Gedanken? - der innere Spötter). Aber ΐδιοϛ heißt eigen, persönlich, also: so what? (So! Jetzt reicht’s! Weg mit dem Schreibzeug! Ich dulde heute keine Schreiberei mehr! Und keine mickrige Bildungsangeberei! - der innere Kontrolleur.) Aber meine Stimmung ist inzwischen entschieden besser! (Zufleiß hat er einmal Kontrollor und einmal Kontrolleur geschrieben – der Tipper, der sich meistens an die handschriftlichen Vorgaben hält.)


(11.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4576 Dilemma

 



8:16 a.m.  Ich habe schlecht geschlafen. Da ist einmal die Hitze. Auch um 22 Uhr hat es in meinem Zimmer um die 30 Grad. Und dann noch das: ich konnte nicht einschlafen, weil ich so viel grübeln mußte. Ich stehe nämlich vor einem Dilemma, das mir unlösbar scheint. Es geht um meine Psychotherapie. Einerseits habe ich mir zu meinem Selbstschutz geschworen, mich nie mehr von diesem Psychiater der kranken Gesundheitskasse wegen einer Verlängerung der teilweisen Rückvergütung meiner Therapiekosten begutachten zu lassen, aber andererseits hat mir mein kurzer, jedoch schwerer Rückfall in die Depression vor – ja, wann war das denn? - ich weiß es nicht – ich müßte erst nachschauen – mein Rückfall also nach zwei Wochen ohne Therapie gezeigt, wie wichtig für meine Gesundheit und mein seelisches Gleichgewicht die wöchentlichen therapeutischen Gespräche sind. Ohne wenigstens teilweiser Rückvergütung ist mir die Therapie zu teuer, trotz des unglaublich kulanten Entgegenkommens meiner Therapeutin – sie verrechnet für eine Stunde einen lächerlich niedrigen Betrag, für den kein Handwerker auch nur eine Augenbraue heben würde. Ohne Rückvergütung machen die Therapiekosten fast die Hälfte meiner monatlichen Pension aus. Also was tun? Ich weiß keine Lösung. Ja und um das auch noch zu erklären: der von der kranken Gesundheitskasse zur Begutachtung beauftragte Psychiater schaut nicht, ob der Antragsteller/die Antragstellerin aus psychischen und finanziellen Gründen diese Hilfe braucht, sondern er ist offensichtlich von der kranken Gesundheitskasse angehalten, die Antragsteller einzuschüchtern und zu vertreiben. Dieser Psychiater schafft es innerhalb weniger Sekunden, mich als unnötigen Versager mit unverschämten Ansprüchen darzustellen, und ich habe keine innere Abwehr dagegen. Das ist ja meine Depression, dass ich in meinem Inneren diesem Vorwurf - du bist nichts und gehörst weg! - nichts Substantielles entgegenzusetzen habe! Darum ist diese Strategie der Einschüchterung so gemein und fahrlässig. Außerdem hat der feine Herr schon beim letzten Mal angekündigt, mir keinesfalls mehr einen Antrag durchgehen zu lassen (ich meine: ein Herzkranker bekommt auch seine Medikamente, solange er sie braucht, nur bei den psychischen Kranken unterstellen sie, das alle Betrüger sind!). (Finanziert die ÖGK nicht auch Privatkliniken?) Pfui, Gesundheitskasse, dreimal Pfui! Wenn du einsparen willst, kranke Gesundheitskasse, entlasse diesen Herrn, seinen Job kann auch ein billiger Rowdy ohne psychiatrische Ausbildung erledigen.


(11.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 10. August 2026

4575 Campus Hof 5

 



10:57 a.m.  Unter den Linden am Schlickplatz, die wiederum unter einem bewölkten Himmel ihre Äste heben und ausbreiten. Eine karge, weitgehend verkrautete, aber nicht komplett verdorrte Wiese bildet ein angenehmes Quadrat. Eine offizielle Frau (Stadtgartenamt) gießt die Bäume und Hecken. Die Straßenbahnen fahren recht ruhig und alle rot vorbei (im Gegensatz zu den Autos). Erstaunlicherweise gefällt es mir hier. Im Sportkäfig trainiert eine junge Frau; sie ist soeben hereingekommen. Blödes, hässliches Männergelächter von irgendwo – ich sehe sie nicht. Ich höre das Plätschern des Wassers. Zwei kleinere Buben mit Ball gehen auch in den Käfig und fangen mit Fußball an. Der Wind ist sanft und schaukelt Äste und Zweige. Jetzt sind es vier Buben, die neuen sind etwas älter. Sie alle spielen ziemlich gut! (Soweit ich Unbedarfter das beurteilen kann.) Die junge Frau trainiert unverdrossen Seilhüpfen und Liegestütz in einer Ecke des inzwischen Platz greifenden Fußballgeschehens. Besonders der eine, kleinere Bub im gelben Trikot erstaunt mich mit seiner Trippel- und Schußtechnik und wie er die Bälle annimmt. (Ich trage auch ein gelbes Leiberl mit der teilweise schon abgelösten Aufschrift gerne). Kurz war die Sonne heraußen. Der Bub im Tor ist auch nicht schlecht.


11:40 a.m.  Auf einer Bank hinter der Votivkirche gegenüber der Propst-Dr.-Joseph-Hawala-Gedenktafel, den ich nicht kenne und dessen Kopf wie der dornengekrönte Jeschua Ben Yosef ausschaut; oder gehört der Kopf darüber gar nicht zur Gedenktafel?

Ich habe auf eine schattigere Bank gewechselt, aber die Sonne ist stark genug, dass sie durchs Blätterdach von meiner Schreibhand mit Stift scharfkantige Schatten aufs Notizbuchpapier wirft. Vom Gießen ist der Asphalt noch nass. Noch zwei Stunden bis zur Psychotherapie (noch und nöcher – der innere Spötter). Das Miles-Davis-Prinzip: Es gibt keine Fehler! Mach etwas aus dem falschen Ton! Zurück zur grünen Ebene um die Votivkirche herum. Dass ich diese Kirche nicht mag, habe ich schon oft hier deponiert; darüber lasse ich mich nicht mehr aus. Es ist immer interessant, wenn man die Landschaft einer Stadt ahnt.


12:07.  Vom Mittagsgeläut (das mag ich sogar von häßlichen Kirchen) begleitet bin ich zur Schwarzspanierstraße gegangen und ins Weltcafé. Innen fast leer, weil alle draußen sitzen, genieße ich die Ruhe und angenehme Musik aus den Boxen. Die Melonensuppe hat ausgezeichnet geschmeckt. Inzwischen beim Kaffee. Durch eines der Fenster, von dem ich weit weg sitze, schaue ich zu, wie Leute im Schatten des Sonnensegels und der Sonnenschirme wie durch eine Aquariumswand vorbei driften. Oder wie jetzt ein Taxi (es war fast nur das Dachschild zu sehen). Oder wie die Menschen herumstehen und mit den Köpfen nicken, oder sie als Sitzende bewegen. Ich liebe so kleine, unprätentiöse, überraschende Theateraufführungen. Oder jetzt ein weißer Kastenwagen. Noch dazu, wo mir ein Zuschauer in der ersten Reihe gleich beim Fenster (aber auch herinnen) mit seinem Kopf meine Sicht einschränkt, was aber ein guter Trick des unbekannten Regisseurs zur Steigerung von Spannung und Neugierde ist.

Eine Wespe umkreist die Zuckerdose am Nebentisch. Auf der Bühne hinterm Fensterglas zeigen sich nun Szenen großer Gesten, aber weiterhin ohne Ton. Ein stummes Theater. Zwei große, starke Männer kommen in mein Abteil herein und stören meine imaginäre Kreise. Sie sind aber derweil noch ruhiger als erwartet. Aber wenn sie reden werden, werden sie laut sein. Jetzt sind sie gegangen ohne etwas bestellt zu haben. Sollte ich sie vertrieben haben? (Mit deiner Schreiberei? Ist dir dabei zuzuschauen allein schon so schrecklich? Auch wenn man den Text noch gar nicht kennt? - der innere Spötter.) Wäre auch „Macht“, oder? (Abendläuten – der Tipper.) Das Glashaustheater ist momentan ein wenig fad. Na, ja. Geht schon so. Ich sehe zwei Köpfe am unteren Rand der Bühne, die aufeinander zu rollen zu wollen scheinen, aber dann sind sie anscheinend doch irgendwo festgemacht und springen ruckartig zurück. Ende der Vorstellung.


Campus Hof 5. (Uhrzeit notieren vergessen.) Genau auf der Bank unter der Überästelung einer Kastanie mit einer Linde. Die Bilder, Geschichten und Erinnerungen, die mir kommen, sind eher traurig. Aber das macht nichts. Der Hof 5 hat für mich etwas von einem Klostergarten, von vier Seiten von Gebäuden umschlossen … einem Klostergarten, wo man sein Leben aufgegeben hat und am Nachmittag das Sonnenlicht auf den Mauern anschaut. Und halbwegs still sollte es auch sein.


(10.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4574 Also was?

 



7:03 a.m.  Die Möwe neben meinem Kopf schaukelt hin und her. Irgendetwas gerät sehr schief. Und der Holzrabe beim Fenster hält seinen Schnabel leicht geöffnet, wie es viele Vögel bei der Hitze tun. Die Unsicherheit des Morgens hat sich auf mein Gemüt gelegt. Bin ich überhaupt schon ausgeschlafen? Die Traumgeschehen scheinen gerade erst unzugänglich geworden zu sein und klingen noch blind nach. Schwarze Gedanken schleichen sich heran. Kurz war ich drüben und bin mit einem deutlichen Ruck wieder zurück. Manche taktilen Empfindungen können nicht stimmen: ich habe die Hände auf der Bettdecke, nicht darunter. Okay, schreiben ist meine Aufgabe; soweit habe ich jetzt die Wirrnis geordnet. Ein Getränk wird serviert, das mir neu ist (ich war wieder in einen Traum abgerutscht). In der Mitte der Notizbuchseite bildet sich ein Lichtspot, der jedoch verschwindet, wenn ich ihn anschauen will. Oh! Es ist schon 8:03 a.m. Ich sollte aufstehen.


10:22 a.m.  Irgendwas Gescheites geht sich jetzt nicht aus; aber dafür gibt es seit Freitag ein Photo von mir, wo ich richtig lache! Das ist ja auch schon mal was! (und was? - der innere Spötter). Ich bin innerlich unruhig, weil ich mir einbilde, die hier wollen, dass ich mehr konsumiere als bloß einen Kaffee und noch dazu Zeitung lese und schreibe. (Fragt sich, ob die Bilder, die hereinkommen, wirklich die äußere Realität transportieren, oder ob mein inneres seismisches Warnsystem sozusagen selber und nur in sich zittert.) Ich gehe besser. Ich kann mich nicht entspannen und auf die Zeitung und meine Arbeit konzentrieren.

Beim Zahlen sagt der eifrige Kellner erstaunt: „Du verlässt uns schon?“ (der Kellner schreibt verlässt sicher korrekt und nicht wie du mit scharfem ß – der innere Korrektor). Aber … was heißt das jetzt wirklich? Ich hätte länger bei meinem Kaffee sitzen können oder der Kellner hat erwartet, dass ich noch etwas esse? Also … was?


(10.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4573 Zu dritt

 



18:19.  Ich traue mich fast nicht mehr, meine Texte herzuzeigen, sie zu bewerben oder auf Facebook zum Beispiel anzuzeigen. Diesbezüglich ziehe ich mich immer mehr zurück. Ich erwarte keine Resonanz mehr (oder befürchte sie – der innere Spötter). Ich sitze im Gastgarten im zweiten Bezirk auf der Bank, die Nachbargespräche nerven mich – nämlich allein die Stimmen und ihr Tonfall – und besonders der Gestank der Aschenbecher - davon wird mir übel (Lokale, sorgt dafür, dass die Aschenbecher regelmäßig wenigstens ausgeleert, wenn schon nicht gereinigt werden!). Aber die Hauslimonade ist sehr gut (der Kaffee hier auch, aber heute verzichte ich darauf). Ich sitze mit dem Rücken zum losen Autoverkehr, mit dem Gesicht Richtung Lokalfassade. Bis jetzt beherrsche ich mich, die Leute nebenan anzuschauen. Und es ist klar, dass mir nicht zusteht, diese Leute zu begutachten und zu bewerten. Ich beneide Menschen, die so selbstbewußt erscheinen und verachte so sehr, wie billig sie dabei rüberkommen. Ich weiß ja auch nicht, wie meine Kommunikation von außen wirkt. Nikotin jedenfalls ist ein Nervengift. Ich habe immer noch nicht die am Nebentisch (eigentlich rechts zwei Tische weiter) angeschaut; ich scheu mich, meinen akustischen Eindruck mit dem optischen zu konfrontieren. Deswegen halte ich meinen Blick gesenkt, was beim Schreiben nicht schwer fällt. Wenn ich den Blick hebe, blicke ich auf die Lokalfassade und suche sie nach irgendwelchen Botschaften, Hinweisen und Anregungen ab. Das Deutlichste ist aber der angenehme Wind. Weil ich inzwischen auf der rechten Notizbuchseite schreibe und deswegen den Kopf ein wenig mehr nach rechts gedreht halten muß, geraten die Personen zwei Tische weiter fast schon an den Rand meines Gesichtsfeldes, aber ich schaue immer noch nicht hin. Ich höre immer einen Mann und eine Frau reden, aber anscheinend sind sie zu dritt, weil sich nach mindestens fünfzehn Minuten jetzt eine zweite weibliche Stimme einmischt. Neu dazugekommen ist die Frau nicht, das hätte ich bemerkt. Musik kommt von irgendwo her; ich kann nicht feststellen, von wo (von hinten?). Sie reden über Filme und Serien; von denen her müssen sie alt sein; seine Stimme hätte ich jünger eingeschätzt. Ich drehe den Kopf nach links und blicke die Leopoldsgasse hinunter Richtung Salztorbrücke und Donaukanal, die man von hier noch nicht sehen kann, und liebe das abendliche Sonnenlicht auf den Hausfassaden. Eine Wespe umfliegt meine Schreibhand. Jetzt reden sie über Krankheiten, was meine Neugier steigert, aber ich schaue sie dennoch nicht an, sondern links die sonnenbeleuchteten Fassaden. Vielleicht sind es jetzt vier Personen nebenan, oder eine der Frauen war am Klo, weil ich eine weibliche Gestalt am Rande meines Gesichtsfeldes undeutlich hinschleichen gesehen habe. Oh! Das Abendläuten! Das versöhnt mich mit allem! Das Polizeiauto stört mit seiner überlauten Sirene das schöne Geläut, aber ist wenigstens schnell weg. Ave Maria. Der Autoverkehr hinter mir nimmt plötzlich zu; die höher gestimmte Glocke übernimmt, läutet, setzt aus, läutet wieder … und jetzt ein Motorrad, jault auf, parkt ein, tuckert … auch zu laut. Was haben die alle gegen das Aveläuten? Es wird doch niemand zum Beten gezwungen. Jetzt sind sie wieder bei den Serien (sie reden hald (sic!) so laut, dass ich nicht weghören kann). Das Bändchen am neu angefangenen Notizbuch ist rot.

Am Weg vom Klo zurück war es unvermeidlich, dass ich die Nachbarn angeschaut habe. Sie sind zu dritt.


(8.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 7. August 2026

4572 Schwermut ist schön!

 



9:26 a.m.  Der Lichtengel strahlt wieder in meinem Lieblingscafé! Und stärker als je zuvor.


9:59 a.m.  Wunderschöne Musik aus den Boxen. Dieses Lied kenne ich, sogar gut, weiß aber weder Titel noch Interpret und auch nicht, woher ich es kenne. Mir kommt vor, ich hätte es zu Hause, aber ist das möglich? Oder ist es eine Coverversion? (Fleedwood Mac; Landslide. Hat er so viel ich weiß nicht zu Hause – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

26°C. Was wird das heute mit mir? Jetzt einmal bin ich satt. Ich weide meine Augen an dem Grün draußen bei und vor den Fenstern und in den Spiegelungen (eh schon wissen: die offene Glastür – der innere Spötter). Ich muß es nochmals herschreiben: der Lichtengel strahlt so schön! Als hätte er eine extra Botschaft für mich (das hättest gern! - der innere Spötter). In der Küche fällt ein Blechding zu Boden (und verändert auch die ganze Welt). Ein Kaffee ist schon zu wenig, dass ich auf Touren komme. Der leichte Wind, der bei der offenen Tür (Glastür! - der innere Spötter) hereinweht, ist sehr freundlich und herzerfrischend (ja! Stimmt! Kein Zynismus notwendig!) und auch draußen ist er schön anzuschauen. Die MA48 geht vorbei (der Satz ist sehr wichtig, damit es nicht romantisch wird – der innere Spötter). (Und außerdem habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet – der Autor.) Nach einer Wespe kommt jetzt eine Fliege zu mir an den Tisch; genaugenommen auf diesen und dann auf einen Fingerknöchel meiner Schreibhand; was ich ihrer Meinung nach schreiben soll, habe ich nicht verstanden; wir sind in zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs; ich habe noch nicht gelernt, das Tempo der Wahrnehmung zu ändern.

Auf meinem T-Shirt übrigens steht Ich lasse mich gehen. („Ein Gedanke, der keine Konkurrenz hat, wird zum Befehl.“ C.C.)

Bei diesem Lied jetzt ist der Bass nicht nur wirklich gut zu hören, sondern wunderschön; wie er einen und seinen Song geradezu fröhlich weitertreibt. Immer wieder schau ich zum Lichtengel, aber fast getraue ich mich das nicht; ich habe eine große Scheu davor, aber jetzt gaffe ich hin in diese zwei Lichter, bis alles zu flimmern beginnt und meine Augen tränen. Dann habe ich diesen Vorsatz zur Hingafferei schon längst wieder vergessen und war in Gedanken weit weg. Dann schaue ich zufällig hin und erschrecke kurz, weil der Lichtengel seine Flügel ein wenig eingezogen zu haben scheint. Bis sich meine Augen offensichtlich wieder an das erhabene Wahrnehmungsobjekt anpassen konnten und die Flügel wieder zur Gänze ausgebreitet sind. Und es flimmert wieder. Der Deckenventilator, den ich bloß so am Rande wahrnehme, scheint unzufrieden zu sein, denn er beginnt, mit seinen flotten Drehungen einen Sog zu entwickeln, den er mir wie einen Schlauch an die höchste Stelle der Calvaria (er versucht anzugeben und meint einfach sein Schädeldach – der innere Spötter) ansetzt, um mir irgendwas aus dem Gehirn zu saugen (was könnte den in deinem Gehirn interessiern? Vielleicht will er bessere Texte herausziehen, weil er dein Geschreibsel unter seinem aerodynamischen Schutzschirm nicht mehr aushält? - der innere Spötter).

Wieder ist etwas an den Engelsflügel anders, oder täusche ich mich? Ich halte – gegen meine Gewohnheit, aber es hat sich so ergeben – meinen Kopf ganz schief (angeblich in der Kommunikation ein Zeichen von Verlogenheit – der innere Spötter). Ach, ich lasse mich gehen und von der angenehmen Musik einlullen. Dabei ist mein Notizbuch fast vollgeschrieben und ich hätte von hier nur ein paar hundert Schritte zum Papiergeschäft, wo ich meine Notizbücher zu erwerben pflege.

So früh bin ich von hier noch nie weggegangen (11:28 a.m.). Ich schreibe schon auf dem Deckel. Ein Anfall von Schwermut zeichnet sich ab. Aber das geht. Das geht wirklich! Damit komme ich gut zurecht. Schwermut ist schön!


(7.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 6. August 2026

4571 Durchs Heckenlabyrinth

 



Auf dem Marsch vom Unteren ins Obere Belvedere wähle ich die Wege durchs Heckenlabyrinth, um – so gut es geht – im Schatten zu wandeln. Dabei gerate ich wieder ins ergreifende Mittagsläuten. Fast ein bißchen zu heiß für ein sich erhebendes Herz.


12:25.   Das Obere Belvedere habe ich gar nicht aufgesucht, sondern bin schnurstracks zum Belvedere 21 aka Museum des 21.Jahrhunderts aka Zwanzgerhaus gegangen und sogleich in die Lucy-Bar eingekehrt, wo ich völlig verschwitzt ein alkoholfreies Gösser trinke. Pah, ist es hier schön und angenehm! Der Tag ist jetzt schon sehr ergiebig und reich. Ich betrachte die feinen Wasserfontänen, die von den Wassersprühstangen in die heiße Luft entlassen werden und vom Wind mal schwächer, mal stärker in alle möglichen Richtungen, mehr nach oben, mehr nach unten etcetera geblasen werden. Auch das ist schön anzuschauen.

Während ich hier sitze und mir die langen Sacherwürstel einverleibe, bilde ich mir wirklich ein, meine Schreiberei rechtfertige diesen Luxus (auf meinem T-Shirt steht Bin in der Arbeit), wann, wo und warum kommen dann immer die Zweifel?

Vom Händewaschen zurück (genau das! Wörtlich! Nichts anderes) steht der Cappuccino schon am Tisch (hier sind sie auch schon so freundlich zu mir wie im Katscheli, Espresso Burggasse, Kaffeeamt und Leo). 6.494 Schritte; das ist noch nicht allzu viel! 34°C im Schatten. Ich bin wieder beim Wassernebel draußen (mit den Augen). Was mich ein wenig stört: dass genau hinter diesem Nebel das Riesenplakat einer jungen Frau als Werbung für den Fitnessclub dort im Erdgeschoß die schöne, natürlich-abstrakte Wasser-Schwerkraft-und-Wind-Perfomance mit seiner (des Plakates) menschenzentrierten Aufdringlichkeit irritiert.

Vorgestern habe ich die Goeschl-Skulptur da draußen als ein wenig lächerlich bezeichnet, heute nehme ich das zurück; die Ästhetik der Fünfziger-Sechzigerjahre ist angenehmer als all die post- und postpostmoderne Aufgeblähtheit und zum Beispiel fotorealistische Glätte und Plakatgefälligkeit à la Fitnesswerbung. Und abstrakter, was sehr wohltuend sein kann.

Zurück zum Wassernebel (Des Menschen Tage, sie gleichem den Gras; er blüht wie die Blume des Feldes; ein Hauch des Windes, und schon ist sie dahin; und der Ort, wo sie stand, er hat sie vergessen. Angeblich Psalm 103, 15-16.). Wenn ich noch ein wenig Zeit schinden will, könnte ich mich ins Blickle-Kino setzen (Oida! Du bist sterblich! Welche Zeit glaubst du, dass du dabei tot schlägst? - der innere Spötter). Der Wind weht jetzt den Wassernebel kräftig an und treibt ihn schnell und weit nach Süden (glaube ich), so weit, dass er noch hinter der Goeschl-Skulptur zu sehen ist (wer das überprüfen will: ich sitze wieder am Platz mit dem erotischen Lampenschirm und habe den Stuhl ein wenig vom Tisch – der übrigens auch eine schöne und stabile Form hat - abgerückt, sodass ich gut auf den Hydranten mit der Wassernebelstange blicken kann. Meine Wasser-Nebel-Aufmerksamkeitsspanne ist nicht allzu groß; ständig schweift mein Geist mit seiner Aufmerksamkeit ab. Übrigens: der Besuch im Blickle-Kino war keine Zeitverschwendung sondern interessant!


13:55.  Ich gehe in den Garten und Skulpturenpark hinaus und es überrascht mich bei dieser Hitze intensives Vogelgezwitscher. Dann stelle ich mich bei Thomas Baumanns Wellenmaschine am Ende des Wasserbeckens an die kleine schattige Stelle und warte, ob die Wellen kommen. Aber sie kommen nicht. Oder doch? Ja! Jetzt! Aber sehr mickrig! Das war doch einmal stärker, oder!? Ich gehen zum anderen Ende näher zur Maschine und sehe eine Ente in diesem Wasser schwimmen, während ich knackend und krachend über die unzähligen Eicheln schreite, die der riesige Eichenbaum, der guten Schatten spendet, abgeworfen hat. Auch jetzt fallen noch Früchte auf den gepflasterten Grund, ich kann sie aufschlagen hören.

Ich gehe dann einfach durch den Schweizergarten ab und zertrete dabei noch unzählige Früchte der Linden.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com




4570 Weinen

 



9:52 a.m.  Ich sitze im Kaffeeamt, lese im Standard den Bericht über die Salzburger Aufführung von Messiaen’s Saint François d’Assise und fange richtig zu weinen an. Ich schlage meine Hände vors Gesicht und muß den Tränen kurz freien Lauf lassen. Verdammt! Ich wußte nicht, dass ich eine solche Gottessehnsucht habe! Dabei mag ich den Franziskus gar nicht (siehe Text Nummer 8 „Über das Heilige und das Unheilige II“ auf dieser Schublade). So sitze ich also hier, halte meinen Kopf gesenkt, dass man meine Tränen nicht sieht und versuche übers Beschreiben wieder Contenance und Oberhand zu gewinnen. Ich werfe mir mein Geheule nicht vor; ich will damit nur nicht anecken und meine tiefsten Sehnsüchte nicht irgendjemandem Unwürdigen oder einem blöd grinsenden Zyniker zeigen. Mir fallen dazu schon Geschichten meiner Kindheit ein, aber so weit möchte ich das Analysieren jetzt nicht treiben. Das unkontrollierte Weinen ist nun gestoppt.

So, durch weiteres Zeitungslesen bin ich wieder normal. Aber der da zum Vorschein gekommen ist, der ist schon der echtere, der ich – sozusagen – „wirklicher“ bin.


11:20 a.m.  Zum Analysieren und Infragestellen gäbe es natürlich viel. Und ich meine nicht nur die psychologischen, soziologischen Vorbehalte, die zwar auch angebracht sein können, aber nie so tief gehen wie Kritik und Vorbehalte der (echten) Seher (dazu gäbe es noch viel zu sagen; das habe ich aber alles schon hier in der Schublade geschrieben). Erinnerungen meiner Kindheit in einer teilweise und oft versteckten religionsfeindlichen Umgebung fallen mir ein; mein kindlicher Wunsch, Priester zu werden (den ich heute noch als ernstzunehmend einschätze und nicht als infantil!); meine erste, kurze Miniaturbegegnung mit der Musik von Olivier Messiaen als Jugendlicher (als ich noch viele Lebenshoffnungen hatte) über den Musiker Peter Dankelmaier; mein Hang zu einer gewissen, gefährlichen, geistigen Radikalität, die der des Franziskus ähnlich sein könnte.

Momentan sitze ich im Unteren Belvedere vor den prächtigen Textilarbeiten der Anni Albers, genieße deren Schönheit, die Stille und die Kühle des Raumes (draußen hat es 33°C – das ist auch heiß!). Mit den anderen Besuchern der Ausstellung bin ich ungeduldig.


11:48 a.m. Uff! Rasten! Neben mir trinkt ein polnisches (?) Kleinkind im Buggy Wasser, das ihm seine Mutter reicht. Und immer wieder denke ich mir tagträumerische Geschichten aus, in denen mein Leben bereichert und wirklich verändert wird. Das alles auf den Sitzbänken vor der Ausstellung von Erna Rosenstein.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 5. August 2026

4569 Hinweg und Rückweg

 



10:42 a.m.  Brav bringe ich jedes Monat meinen Psychotherapie-Kosten-Teil-Rückvergütungs-Antrag persönlich in die Österreichische-Gesundheits-Kasse-Stelle oben in der Lassalle-Straße (ich weiß, näher an der Donau kann nicht oben sein, weil Flüsse immer unten sind, aber hier schaut es einfach so aus, als wäre das hier oben, vermutlich wegen der Auffahrt zur Reichsbrücke – als führe die Lassalle-Straße hinauf). Gerne gehe ich nach dem Einwerfen des Briefes in die Service-Box zu Fuß zum Praterstern „hinunter“. So auch heute. Und immer, wenn ich die Lassalle-Straße entlang wandere, denke ich: die wäre eigentlich ein prächtiger Boulevard! Wenn … ja, was wenn? Jedenfalls wenn es einige einladende Cafés gäbe. Eine Klientel, die mehr Zeit und Muße hat? Andere Firmen? Studenten? (aber nicht von TU und WU!)


12:52. Jetzt hocke ich wieder in der Tonspurpassage im MuseumsQuartier. Die ist freilich nicht klimatisiert, da sie bloß ein Durchgang von einem Hof zum anderen ist, aber es weht gelegentlich ein kleiner, warmer Wind durch, der einen schon ein wenig kühlt. Wieder lausche ich der schon bekannten Tonspur, aber nicht mehr so andächtig wie beim ersten Mal. Der Weg von hier ins Mumok ist mir trotz der Kühlung im Gebäude dort zu sonnig und zu heiß. Ich werde mich außen im Schatten an den Mauern der ehemaligen Hofstallungen entlangschleichen (selber schuld! Warum willst du an einem hitzeverwarnten Tag unbedingt deine zehntausend Schritte gehen – der innere Spötter). Man könnte auch so sagen: Romantiker verdienen es nicht anders, als zu scheitern. Nur: den reinen Technokraten gehört trotzdem eine in die Goschn! (Sind eh die zwei Seiten der selben Medaille.)


13:45.  (Innere Stadt: 39°C) Auch bei großen Kreuzungen und Fußgängerquerungen wie zum Beispiel bei den Wienzeilen/Naschmarkt unten beim Verkehrsbüro gehörten die Fußgängerampeln so geschaltet, dass sogar ein leicht maroder Fußgänger in einem, ich betone: in einem von der einen Seite Linke Wienzeile zur anderen Seite Rechte Wienzeile hinüberkommt (oder umgekehrt). Es ist bei dieser Hitze unzumutbar, in der prallen Sonne auf einer Verkehrsinsel, oder wie hier auf dem Naschmarktplateau mitten in den überhitzten Ausdünstungen und Hitzeabstrahlungen der Autos auf die Grünphase der zweiten Ampel zu warten und ausharren zu müssen. Die in den klimatisierten Autos und SUVs können ruhig länger auf ihre Grünphase warten. Das gilt mutatis mutandis auch bei Regen. Und überhaupt. Verbrenner raus aus der Stadt!


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4568 Die Kugellampen

 



11:07 a.m.  Es ist zu heiß zum Schreiben. Oder fehlt bloß der Kaffee? Da ist er schon. Layla schweißt und jault so schön aus den Boxen. Mir fehlt die Zeitung.

11:48 a.m.  Doch noch die richtige Zeitung gefunden. Es ist irre heiß: 37°C. Zu Hause würde ich es auch nicht aushalten, da dürfte es jetzt auch 30°C haben (aktuell 16:20 knapp über 30°C im Zimmer – der Tipper). Ich glaube, ich lasse das Schreiben heute. Wohin könnte ich gehen?

Während mein dritter Cappuccino kommt, beobachte ich die Gäste in der Laube via Spiegelung in der offenen Glastüre (keine Sorge, das schaut mehr wie gestikulierende Schattenwesen aus; ein Theaterspiel, das man nicht entschlüsseln kann, aber als solches schön – der innere Spötter). (Innerer Spötter, warum hast du mir diesen Satz gestohlen? Der passt gar nicht zu dir! – der Autor.) Die gläserne Eingangstür ist nicht der einzige Spiegel: die Blätter der Bäume und der Büsche spiegeln sich in der Glasvitrine der Mehlspeisen beim Fenster und im Schutzglas eines in der Fensternische neben der Lichtengel-Lampe aufgehängten Bildes (das ist kein Bild, sondern das Zertifikat eines Weines in einem rahmenlosen Wechselrahmen – auch rahmenloser Bildhalter genannt - der Korrektor, der aufgestanden und hingegangen ist).

Ich starre ins Licht der beiden kristallinen Kugellampen, die vom Deckenventilator leicht bewegt werden. Die kugelförmigen Oberflächen der Lampen scheinen sich zu verändern; sie bekommen Dellen und Ausbeulungen, was nichts mit der an sich schon unruhigen Oberfläche aus Glasstückchen zu tun hat. Vor allem die nähere Lampe, die den runden Motorteil im Zentrum des Ventilators verdeckt, so dass nur dessen Flügelspitzen hinter der Lampe diese umkreisen, erscheint in einer tollen optischen „Situation“ (er meint, er würde so beinahe sehen. Kannst du eine „Entrückung“ hier im Lokal wirklich brauchen? Na also! - der innere Spötter). Nun starre ich auf die andere Deckenlampe hinter dem Ventilator. Sie schaukelt leicht mit der Musik und leuchtet schön und mit sanftem Stolz wie eine milde, versöhnliche, erträgliche Sonne. Ja, und ich kann die Aura sehen! (Oida! Kein Wunder, wenn du lange in das Licht starrst! - der innere Spötter.) Auch dieser Lichtkörper bekommt Dellen und Wülste, wenn ich länger hinschaue. Jetzt versuche ich, irgendwie beide Lampen gleichzeitig im Blick zu halten, was nicht so leicht geht (aber seine Stimmung hebt und er vergißt fast die Hitze – der innere Spötter). Wie machen wir das mit dem Heimweg? Bei allen Museen am Weg zur Kühlung einkehren? Mich würde interessieren, wie viel Grad es hier herinnen hat; draußen offizielle 37°C im Schatten.
(Jetzt zu Hause im Atelier, wo ich eintippe: knapp über 31°C - der Tipper.)


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 4. August 2026

4567 Nicht rauf in die Hitze

 



11:07 a.m.  Endlich in der Lucy-Bar. Soda-Zitron gegen den Durst. Schön kühl hier.

Ich versinke im großen Sessel. Der Lampenschirm über mir (an dem er sich beim Aufstehen schon den Kopf angehaut hat – der innere Spötter) ist erotisch (da schorsch, da schorsch håd wimmerl am oasch – der innere Spötter). Fast alle Lampenschirme hier sind toll und künstlerisch gestaltet. Meine verschwitzte Wanderererscheinung passt nicht so ganz in dieses edle Ambiente, aber ich harre aus und habe ganz fest vor, hier verweilend meine Zeit hier auf Erden zu genießen. Jazzig angehauchte Popmusik aus den Boxen. Das Blau der Fauteuils ist in echt sehr schön und beeinflußt durch die große Anzahl das optische und sonstige Raumklima positiv. Ich betrachte durch das große Fenster den stummen Autoverkehr draußen, den Wind in den Fahnen und Bäumen, die schon ein wenig lächerliche Goeschl-Skulptur, den unbenutzten „Burggraben“ und die Bauten dieses neuen Viertels beim Hauptbahnhof. Und die Passanten, natürlich. Jetzt in die Ausstellungen?


12:33.  (38°C)  Jetzt endlich Kaffee. Mein Herz klopft bereits ordentlich. Hat es überhaupt einen Sinn zu schreiben, wenn ich alles zensuriere? Der Wind draußen ist zeitweise heftig und flattert (transitiv!) die Fahnen vorne und die Sonnenschirme hinten (gemeint: hinter dem schönen Gebäude des Zwanzigerhauses auf der Gartenseite – der innere Spötter). Ach was! Ich gönne mir einen zweiten Kaffee! Haut’s mich um, haut’s mich hald (sic!) um! Der Kaffee wirkt schon gut auf die Stimmung (Darm-Hirn-Konnektion?) (wenn man ein gewisses Überkandidel mag, bevor es ins Depressive oder Aggressive kippt – der innere Spötter). Gottseidank gibt es legale Drogen wie Kaffee (Alkohol mag ich gar nicht mehr). Die Lucy-Bar ist leidlich voll (das heißt: es ist noch genug Platz – der innere Spötter). Nun erst habe ich den zweiten Cappuccino bestellt. Ich bin eh froh, wenn ich dabei etwas Zeit schinden kann (im Sinne: die Sitzzeit möglichst auszudehnen – der innere Spötter). Der erste Schluck vom zweiten Durchgang. Herrlich! Aaaah! Wie schön und köstlich bitterer Kakao vom Milchschaum mitgeschwemmt wird. Realitätsaufmerksam bin ich nicht: am Tisch vor mir hat sich zum jungen Mann (naja, soo jung ist er auch nicht mehr, schon ein paar graue Strähnen im allerdings beeindruckend vollen Haupthaar) eine wirklich junge Frau gesetzt und ich habe das nicht bemerkt. Ein Handwerker mit Handwerkszeug und einer großen Kabel- oder Seilrolle latscht müde durch das Café (das ist keine Kritik!). Der Wind draußen schaut so interessant aus! Natürlich biegt er auch Bäume und Gebüsch. Beobachten ist schon böse, wenn man mit Moral arbeiten will. Aber eigentlich bin ich da wie ein Kind, das in die Welt der Erwachsenen schaut, in der es noch nicht mitmachen und nicht mitreden darf. Nur dass dieses noch in meinem Alter längst ein falsches Versprechen ist und in meinem Leben nie mehr eingelöst werden wird. Meine Kaffeeeuphorie nähert sich ihrer Klimax. Ich lache vor mich hin, lege das Schreibzeug weg (Brillen brauche ich in letzter Zeit nicht mehr zum Schreiben) und wische mit meinen Händen über mein Gesicht; laute Selbstgespräche führe ich noch nicht (oder sehr selten – der innere Spötter). Aber es ist so schön hier! Wen könnte ich begeistern? Die Leute rundherum wirken zu selbstverständlich und zu etabliert (und – gib’s doch zu – deine Anliegen und Geschichten, die du anbringen willst, sind – zumindest aus deinem Mund – viel zu fragwürdig – der innere Spötter). Das Wasserglas schien mir aus der Hand rutschen zu wollen. Okay, gehen wir hinaus in die Hitze, aber heute gehe ich nicht zu Fuß heim, sondern fahre öffentlich. (Das würde mich noch interessieren: ob dieser Aufbruchsimpuls tatsächlich meine innere Stimme ist, oder eine fremde Installation, die mir wegen meiner Herumsitzerei ein schlechtes Gewissen macht, so in dem Sinn: das steht dir nicht zu! Raus aus der Komfortzone!) (Letzteres ist einer der blödesten Sprüche, die ich kenne. Nicht so sehr wegen seinem Inhalt – der kann vielleicht, eventuell, in einzelnen Fällen, manchmal berechtigt sein – sondern wer das üblicherweise wie und zu wem sagt; es sind meistens die größten Trottel, die damit herumschlagen, während sie in ihren Komfortzonen hocken.)


14:01.  (39°C)  Ich warte in der S-Bahnstation Quartier Belvedere seit über einer dreiviertel Stunde auf einen Zug in meine Richtung. Ich gehe jedoch nicht rauf in die Hitze.


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4566 Zwanzig Minuten

 



10:15 a.m.  (33°C)  Ich bin von zu Hause zu Fuß zum Einundzwanzigerhaus, das noch geschlossen ist, gewandert. Ich habe dafür 75 Minuten und 7901 Schritte gebraucht und bin dabei zirka 5 Kilometer gegangen. Noch geschlossen, also nichts mit einem ersten Kaffee in der wunderschönen Lucy-Bar. So sitze ich im Schweizergarten im Schatten, irgendwo heult eine Maschine (ob Garten oder Baustelle) und nervt. Ich bin verschwitzt und eine Nebelkrähe schaut mich an, dann geht sie weiter. Ich habe es befürchtet, dass das Belvedere 21 erst um 11 Uhr aufsperrt, aber fest daran geglaubt, dass um 10 Uhr aufgesperrt wird (wie sagt Luther? „Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer“ - oder so ähnlich – der innere Spötter). Einen Trinkbrunnen sehe ich hier im Park nicht. Ein Mann übt unter einem Baum Tai Chi. Mir gibt es sofort einen Stich, weil ich Tensegrity (magical passes) seit Jahren nicht mehr übe und es nicht schaffe, damit wieder anzufangen; denn die Sehnsucht danach ist groß. Den Vögeln ist auch heiß, alle haben ihren Schnabel offen. Ein Mähtraktor fährt fröhlich vorbei und stinkt unbekümmert, die Frauen auf der Nebenbank führen ein tiefes Gespräch mit Gebeten und so, links vor mir unter einem jungen, etwas vertrockneten Ahornbaum blüht eine geliebte Wegwarte (siehste! Geht doch! - der innere Spötter). Direkt vor mir auf der anderen Seite des Weges, der vorbei führt, steht ein Mistkübel – wenn das alles keine kosmische Versuchsanordnung - wie für mich gemacht - ist! Nehme ich die Einladung an? (Auf meinem T-Shirt steht Kein Interesse.) Drüben hinter der Baumgruppe tollt eine Kindergruppe unter lauter und akustisch scharfzüngiger Anleitung der russisch (?) sprechenden Pädagogin (oder so ähnlich) auf der vertrockneten, gelb-braunen Wiese umher; und nochmals dahinter wird der bereits verschwundene Rasen gesprengt (mit Wasser natürlich, mit Wasser). In 20 Minuten von jetzt an sollte die Lucy-Bar aufsperren. Eine der Damen nebenan spricht Vorarlbergerisch und erwähnt die Schesaplana, deren Name in Verbindung mit Vorarlberg mich als Kind irritiert und jedoch schon sofort fasziniert hat (damals wußte ich noch nichts von unserem romanischen Erbe). Zwanzig Minuten, das ist noch lang. Ein Hund mit um-, aber ausgehängtem Beißkorb läuft allein und sichtlich entspannt vorbei; kein menschlicher Begleiter weit und breit. Hinter der Wegwarte – die gehören zu meinen Lieblingsblumen; ich wünschte mir nur einen schöneren Namen; -warte, das klingt für mich nach Deutschtümelei und Nazizeit, wegen Blockwart – hinter der Wegwarte also wächst eine Melde (Familie der Fuchsschwanzgewächse; keine Sorge, ich mußte das auch erst googeln (und? Was meldet dir die Melde? Von wegen kosmischer Versuchsanordnung - der innere Spötter.). Außerdem: das Deutschtümelnde im Namen der Wegwarte mag ja falsch sein, aber ich assoziiere das sofort und immer). Die Kinder der Feriengruppe müssen Sackhüpfen spielen, während die Kommandantin sie filmt. Ich muß einen Trinkbrunnen suchen (und er hat keinen gefunden – der Tipper).


[Andere Namen für die Wegwarte laut KI (pfui! - der innere Kritiker): Zichorie, Wegleuchte, Blaue Distel, Sonnendraht, Sonnenwirbel, Sonnengold, Arme-Sünder-Blume (siehste! Passt wie oben! - der innere Spötter), Faule Gretel – der Tipper, der immer recherchieren muß.]


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 3. August 2026

4565 Nur in Gedanken

 



10:56 a.m.  Mein Lieblingslokal hat heute wegen Hitze geschlossen (Erholung fürs tüchtige Personal) und meine Idee, alternativ ins Belvedere 21 und die Lucy-Bar zu reisen, geht auch nicht, denn die haben heute Montag ihren regulären Schließtag. Aus Ratlosigkeit (wohin?) habe zu Hause meinen Rasierapparat gereinigt – was höchste Zeit war. Welches Museum könnte ich aufsuchen? Die Ausstellungen in Albertina und Mumok kenne ich schon; die Ausstellung in der Albertina modern interessiert mich nicht [ich mag keine Comicfiguren, schon gar nicht als Kunst, obwohl ich selbst einmal versucht habe, welche zu malen. Aber das hat mich nur in meiner Abneigung bestätigt, obwohl ich dieses Bild damals (~1989) bei einer Ausstellung in einem Café über der Zeitschriftenablage (mit Comics) platziert habe. Dass dieses Bild meine döbranitische Bildvernichtung auch nicht überlebt hat, stört mich - im Gegensatz zu den anderen Bildern – nicht].

Also wo kann ich mich in der Hitze (eh nur 31°C – der innere Spötter) hin flüchten? In meinem Zimmer ist es auch zu heiß (27°C hatte es noch in der Nacht). Ich trinke den bestellten Kaffee.


[Jetzt wäre ein Abschnitt gekommen, den ich jedoch zensuriert und gestrichen habe.]


Ich gehe besser, bevor es zu peinlich wird. Aber die Musik ist schön und hält mich noch ein wenig hier. Ich wippe und schaukel ein wenig mit ihr, der Musik.


Mein T-Shirt trägt die Aufschrift Wundertäter und im Weggehen vom Café denke ich mir aus, wie ich den Kellnerinnen die Geschichte vom Wundertäter von Daniil Charms erzähle (eigentlich die Geschichte vom Schriftsteller, der eine Geschichte von einem Wundertäter erzählen will, der nie ein Wunder vollbringt; eine herrliche Erzählung! – der Korrektor). Ein ziemlich gut ausgearbeiteter Tagtraum mit Anfang, Hauptteil, Schluß, der mich im Gehen lächeln läßt. Alles denke ich mir bloß aus, als ich Richtung Schwedenplatz wandere.


33°C. Am Weg durch die Innenstadt mit ihren vielen Kirchen gerate ich ins Zwölf-Uhr-Läuten und wie immer: ich liebe das Glockengeläut; mit fällt sofort die Aufforderung ein: „Erhebet die Herzen!“ und mein Herz erhebt sich.


12:37.  36°C. Das Ziel meiner Wanderung war das Wien-Museum, dort soll es kühl sein, aber das hat auch montags geschlossen. Wohin jetzt? Ich sitze auf einem Steinmäuerchen unter Platanen am Karlsplatz. Was tun? Die REM-Galerie hier in der Nähe gibt es schon längst nicht mehr (flacher Witz! - der innere Spötter). Bei der Korbschaukel für Kinder dreht sich oben am Zenit im Wind eine Metallplatte mit je einem Bild eines Kinderbuchaffenkopfes auf jeder Seite. Wie passend! Ein Blütenblatt fällt in mein aufgeschlagenes Notizbuch und ich schnipse es rücksichtslos und unsensibel weg. In die Albertina modern direkt vor mir auf der anderen Seite der breiten, stark befahrenen Lothringer Straße gehe ich nicht, mir kommt vor, ich hätte die Ausstellung schon einmal besucht und für uninteressant befunden, aber erinnere mich nicht wirklich (wäre heute auch geschlossen gewesen – der Tipper; 38°C jetzt; im Zimmer: 29°C). In der Landschaft des Karlsplatzes kann man den Wind schon von Weitem näher kommen und sich wieder entfernen sehen.


12:52.  Ich bin tatsächlich zum Mozartplatz gegangen. Aber meine REM-Box-Euphorie ist nicht mehr abrufbar; die ist längst im depressiven Einheitsbrei der Bedeutungslosigkeit abgesoffen. Hier am Mozartplatz ist nichts los; ein bißchen Wind. Das war auch zu erwarten.


13:09.  Nun sitze ich in der Karlsgasse unter schattigen Platanen und weiß nicht weiter (37°C) (er kann die Übertreiberei nicht lassen! Es ist ganz einfach: er weiß nicht, ob er heimgehen soll, oder doch irgendwo einkehren, aber wo? Zum Essen oder auf ein Getränk? Auf einen Kaffee oder ein kaltes Getränk? Das ist alles; nichts Existentielles! - der innere Spötter).


Ich habe mich auf den Weg nach Hause gemacht – alles zu Fuß – und als ein Installateur-Firmenwagen eingebogen ist, aber die Fußgänger freundlich passieren lassen hat, habe ich den Tagtraum, den Beifahrer, der das Fenster offen hat, anzusprechen und zu sagen: „Sie haben Heizung am Auto stehen und damit trauen sie sich bei dieser Hitze durch die Stadt fahren?“ Möglicherweise ein blöder Scherz, aber ich kann dabei in mich hinein lächeln. Alles eh nur in Gedanken.


(3.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4564 Keine Eibe

 



14:36.  Alle pritscheln sie. Ich bleibe drinnen, draußen im Garten ist mir zu heiß. Wolken ziehen schon auf. Es ist jedoch ziemlich windstill. Die Zypressen ragen konzentriert gen Himmel. Durch die offene Glastür schaue ich direkt in einen Busch. Ein weißer Schmetterling quert die stille Szenerie. Ich höre die fröhlichen Stimmen sozusagen um die Ecke. Das Gras unterm Busch links schaut fast wie kleiner Bambus aus. Der Busch dürfte eine Eibe sein; ich bin aber zu faul, um hinauszugehen und meine Vermutung zu überprüfen. Außerdem werde ich jetzt sowieso unsicher; ich weiß ja gar nicht, wie eine Eibe (ohne Früchte) ausschaut. Ich google das auch nicht: ich will nicht, dass meine Enns auf 30°C erwärmt wird. Draußen leben viele Insekten. Träge lehnt sich mein Oberkörper nach links und ich weiß mit dieser Haltung nichts anzufangen. Der Teppich wölbt sich an seinem Rand auf, weil er nicht unter den Klavierfuß gekommen ist. Es ist heute ungewöhnlich still hier, der Autoverkehr fast eingeschlafen (oder kommt es mir nur so vor?).

34°C. Ich kommuniziere mit denen draußen im Garten über WhatsApp (von wegen Enns! - der innere Spötter). Die Wolken werden dichter. Wenigstens ein Gewitter wäre nicht schlecht (wenn schon kein Landregen). Eine Fliege kommt mich kurz besuchen; nein, es ist eine Wespe. Höre ich es schon donnern? Nein, es ist ein Flugzeug. Die Wespe fliegt wieder bei der Tür hinaus. In der Küche arbeitet der Geschirrspüler. Ich schlafe beinahe ein. Eine Brise läßt ein paar Zweige der Eibe winken, dann ist es wieder ruhig.

Der Busch ist keine Eibe - die steht ein paar Meter weiter - wie ich draußen festgestellt habe; was er ist, weiß ich nicht. Es schaut nach Gewitter aus.


(1.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com