Donnerstag, 20. August 2026

4588 Oberwasser

 



11:22 a.m.  Geschafft! Im Lieblingscafé angekommen. Der erste Schluck (Kaffee ist auch eine Droge). Aber irgendetwas stimmt nicht mit mir. Ich versuche, mich mittels Zeitungslesen zu stabilisieren; obwohl mein üblicher Standard nicht da ist.

Mein Gott! Ich heule mitten im Lokal! Aus den Boxen Police /Message in a Bottle (wie meine Texte hier in der Schublade, die ich ja auch dem anonymen und unabwägbaren Internet anzuvertrauen riskiere!), gelesen habe ich soeben in den Salzburger Nachrichten einen begeisterten Artikel über die Lesung Minichmayrs der Winterreise von Jelinek. Ich weiß auch nicht, warum mir das so nahe geht, aber die Tränen stehen mir in den Augen und sind ein wenig verstohlen auch geronnen. Ich bin ganz aufgewühlt (dass ich mir damit mein Leben verkürze, ist mir wurscht).

Inzwischen ist der Standard aufgetaucht und ich werde mich mit weiterer Lektüre zu beruhigen versuchen (das Viele erschlägt das eine).


12:10.  Meine leichte Übelkeit ist nach einem ordentlich fetten Schnittlauchbrot weg. Ich gewinne zunehmend Oberwasser (diese Redewendung kommt aus der Sprache der Müller und besagt, dass genug Wasser im Fluß ist, sodass es oben auf das Mühlrad rinnen kann und so das Werkel antreiben – der innere Besserwisser) (der es aber auch erst googeln mußte – der innere Spötter).


12:42.  Viele Songs aus meiner Jugend waren heute schon dran. Ich brauche manchmal sehr lange, bis mir die Namen der Interpreten und die Titel einfallen. Oder: ich gehe aufs Klo, um mir mein ganz leicht verheultes Gesicht zu waschen und nach Stunden, als ich schon längst wieder am Tisch sitze und lese, merke ich, dass ich zwar auf dem Klo war, aber das Gesicht zu waschen vergessen hatte (dieses leichte Ziehen auf der Gesichtshaut). Aber schlecht ist mir nicht mehr (das hast du schon geschrieben – der innere Spötter). Ich gehe jetzt mein Gesicht waschen. Doch bin ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht umgekehrt war und ich vergessen habe, dass ich mir das Gesicht schon gewaschen habe, denn mein Gesicht zeigt im Spiegel keine Spuren von Tränen (nur die Tränensäcke sind deutlich größer). Egal.


13:34.  Auf dem Weg zur Toilette werfe ich durch das Fenster einen Blick in den eher tristen Hinterhof und sehe dort im Vorbeigehen eine beeindruckende – ich nehme an – wild wachsende Pflanze mit großen Blättern. Ich beschließe, am Rückweg länger und genauer dieses Gewächs anzuschauen, habe aber diesen Vorsatz beim Zurückgehen schon wieder vergessen. Und mir ist wieder etwas unwohl. Ich stehe jetzt auf, gehe zum hinteren Fenster und werde die Pflanze anschauen. Ja, dieses Bäumchen – ich habe solche schon öfters in Höfen wachsen sehen, aber weiß nicht, wie sie heißen – wächst tatsächlich auf einem schmalen Mauervorsprung über den dort abgestellten Mistkübeln. Nebenbei gesagt: ich bin überständig hier, ich muß gehen. Creedence Clearwater Revival aus den Boxen wird mich beim Hinausgehen hinausbegleiten.


(20.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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