4583 Schöne Collage!
11:39 a.m. (Nach der Lektüre) Der Lichtengel ist nicht on (wie sonst soll ich meinen Text starten?).
11:55 a.m. Die Eierspeise ist verspeist. Ich lasse mich doch wieder zu Luxusausgaben hinreißen. Ich kann und will nicht widerstehen. Wenn mir das Geld ausgegangen sein wird, wird sich das von alleine regeln. Mein Gedankenkarussell und mein Assoziationsapparat springen nicht an. Soll mir auch recht sein. Ich lege das Schreibzeug weg und starre in die Luft.
Beim gedankenlosen In-die-Luft-Starren halte ich meine Arme verschränkt und meine gelangweilten Hände beginnen, an meinem Bauch herumzutatscheln und herumzugreifen. Da wacht mein Bewußtsein voll auf und registriert mit Entsetzen die Fettwülste an Bauch und Hüften und will beginnen, meine Eierspeisentscheidung von vorhin zu bereuen. Ich gebiete dem Einhalt (so gut es geht – der innere Spötter): über gefressene Eierspeise zu jammern ist genauso sinnlos wie über verschüttete Milch. Ich entlasse mein Bewußtsein wieder in den Halbschlafmodus.
Aus dem es jedoch sofort aufgescheucht wird, weil aus den Boxen Nina Simone singt. Ich bin hellwach und aufgeregt. Ich traue mich sogar, die Kellner zu fragen, ob meine Annahme stimmt. So etwas hebt und versetzt mich in Euphorie, den eigentlich liebe ich Kommunikation von Mensch zu Mensch. Ich könnte die Kommunikation fortsetzen, indem ich den dritten Cappuccino bestelle.
Aber jetzt bekomme ich ein leicht schlechtes Gewissen, weil immer noch Nina Simone singt und ich ängstlich befürchte, das könnte mit meiner ausgestrahlten Begeisterung zu tun haben, auf die die Kellner freundlich reagiert haben, indem sie weiter Nina Simone spielen lassen (beachtet den heimlichen Größenwahn! - der innere Spötter). Das wäre mir peinlich und unangenehm. Ich rufe meine Vernunft auf, dass diese Songfolgen heutzutage doch meist automatisch ablaufen und Nina Simone oft recht lange Nummern spielt und singt. Aber es hilft nichts: ich fühle mich ungemütlich beim Gedanken, ich könnte irgendwie – direkt oder indirekt – die Songauswahl beeinflußt haben und ihnen – direkt oder indirekt – meinen Willen aufgezwungen haben. Wahrlich, mein Schuldkomplex – oder wie man das nennen soll – stinkt zum Himmel. Leider sitzt dort niemand, der denkt: „Armer, glatzerter Peter! Wir müssen ihn von seiner Schuld freisprechen!“ (oder sagt: „Du größenwahnsinniger Depp! Glaubst du im Ernst, die Songauswahl und die Welt drehen sich nur um dich? Wir haben viele, gar viele Klienten!“ - der innere Spötter).
Gut, den dritten Cappuccino bestellen! Das ist ein Befehl! [Aber weder von Dem-Da-Oben, noch vom Manitu, noch vom Adler, auch nicht vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches oder der Kaundka-Monarchie (ihr versteht schon – Joseph Roth)].
Ich bin so gerührt von mir, dass ich vorhin zu den Kellnern wegen Nina Simone Kontakt hergestellt hatte, dass mir beinah zum Heulen ist (obwohl er es jetzt nicht schafft, den Kontakt herzustellen, um seinen dritten Cappuccino zu bestellen. Wahrscheinlich hat ihn das vorhin so erschöpft! – der innere Spötter).
12:39. Traurigkeit und distanzierte Menschenfreundlichkeit. Und der Cappuccino 3? Habe ich immer noch nicht zu bestellen zusammengebracht (damit es kein Missverständnis gibt: ich bin froh, wenn mich Kellner und Kellnerinnen in Ruhe beim Kaffee und auch bei leeren Tassen sitzen lassen. Mir ist das eindeutig lieber, als umgekehrt dauernd nach meinen Bestellwünschen gefragt zu werden. Noch dazu, wo ich finanziell keine allzu großen Sprünge machen kann und auch wegen meiner immer vermutet zu geringen Konsumation ständig ein schlechtes Gewissen habe. Dass ich mir beim Ansprechen und Anrufen so schwer tue, ist allein mein Problem). Aus den Boxen ein Layla-Cover, das mir sehr gefällt, keine Ahnung von wem (Texte verstehe ich nie!). Wirklich sehr schön.
12:43. So! Jetzt habe ich die Bestellung Cappuccino 3 geschafft. Nun bin ich wieder bei den Dellen der kristallinen Kugellampen an der Decke, aber ich bin aufgestanden und habe zu überprüfen versucht, ob sich diese Dellen wirklich im Lampenschirm aus Glasstückchen befinden oder durch eine optische Täuschung entstehen. Das Ergebnis ist nicht eindeutig: einerseits ist die Oberfläche der Kugel unruhig und nicht exakt in Kugelform, aber andererseits verstärkt irgendein Lichteffekt anscheinend den Eindruck einer tieferen Delle (jetzt wird gerade mit sehr hohen Männerstimmen ein Sheriff erschossen).
Erhebt sich die Frage, wen ich gerne erschießen würde? (Ach Freundchen! Du kannst mit einer Waffe doch gar nicht umgehen! Wenn dir nichts mehr einfällt, kannst du doch einfach dasitzen, ohne zwanghaft zu schreiben. Die Welt und das Universum werden dir ein paar kürzere Texte durchaus verzeihen! - der innere Spötter.)
Ich freue mich schon auf den kühleren Heimweg heute bei Wolken und Wind. Die dreifaltige Wandlampe links von mir spiegelt sich im Fenster zur Gästelaube hinaus so deutlich und schön, dass man meinen könnte, über der Dame dort im Gastgarten schwebe eine dreiteilige Lichtkrone, während George Harrison aus den Boxen den süßen Lord anjammert.
13:32. Im Museumsquartier gibt es in der Passage eine neue Tonspur (Tonspur 97; Edgar Honetschläger) mit Hunden und Wasser. Nachdem sich eine Dame auch auf die Bank gesetzt hat, werde ich nervös und unruhig und kann mich kaum noch aufs Hören konzentrieren (und zu recht, wie sich später herausgestellt hat: die überaus höfliche Dame wollte wohl auf finanzielle Unterstützung hinaus – der Tipper). Aber nun höre ich Kirchenglocken heraus! (Und die Presslufthämmer im Hof ums Eck.) Auch Enten. Schöne Collage! Ich gehe lieber.
(18.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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