Montag, 24. August 2026

4589 Ich bleibe sitzen

 



10:53 a.m.  Postpopmusik im Lieblingscafé, ich kenne sie nicht und sie gefällt mir. Damit stehe ich schon an. Vielleicht hilft mehr Kaffee und schon nehme ich einen weiteren Schluck. Heute ist das Datum des Überfalls der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Tschechoslowakei. Ich kann mich noch genau erinnern, wie aufgescheucht und aufgeregt ich war; wie ich auf den Irdninger Hauptplatz gegangen bin, weil ich nicht glauben konnte, dass alles einfach so weitergeht (wie mich übrigens auch die Ermordung J. F. Kennedys fünf Jahre früher aufgescheucht hat, und damals war ich erst neun Jahre alt).

(Die Erinnerung an meine Kindheit macht mich immer traurig; ich war so ein – still – aufgewecktes Kind und so einsam und allein gelassen in meinem Lebenskampf.) Im Lokal ist soeben der Strom ausgefallen; nur eine Lampe brennt noch; wahrscheinlich wollen die Götter meine Selbstmitleidsuada stoppen. Jetzt spielt die Musi wieder, der Ventilator dreht sich wieder schnell und die Lampen machen ihren Job. Tatsächlich! Das war der Uranus, der Unterbrecher, irgendwas ist in mir und meinem Weltbild abgerissen.

Mein innerer Seismograph geht mir schon etwas auf die Nerven. Jemand Kunstszenenprominenter kommt herein, und schon ist meine Nervensystem voll aufgedreht, dass ich erwäge, rein aus Überforderung das Lokal zu verlassen. Ich will das aber nicht tun und versuchen, noch einen Kaffee zu bestellen. Sehr schöne Musik aus den Boxen. Verlegen schaue ich zum Fenster hinaus. Jetzt kommt der innere Humor wieder und ich lache unauffällig in mich hinein ob meiner absurden Spielchen. Die Musik ist wirklich toll. Ich schaffe es jedoch nicht, Kellner oder Kellnerin wegen der Bestellung eines Kaffees anzusprechen. Ich warte, bis sie mich fragen (sie haben im Gastgarten viel zu tun). Ich lausche intensiv auf die unbekannte Musik, inklusive dass ich einzelne Instrumente in ihrem Spiel verfolge. Zur Täuschung setze ich mir die nachdenkliche Maske auf (es geht nur darum, seine Verlegenheit zu tarnen – der innere Spötter). (Ich glaube, das gelingt schlecht.) Ich weiß nicht mehr, wo ich hinschauen könnte. Was würde ich machen, wenn ich in einer Stunde sterben müßte? Ich denke: nichts (ob diese Behauptung einer Überprüfung standhielte? - der innere Spötter).

Die Bestellung ist jetzt gelungen, die Kellnerin hat hergeschaut; ich mußte sie nicht anrufen und nur auf die Kaffeetasse deuten. Übrigens: ich bin heute mit meinem ganzen Schmuck aufgebrezelt hergekommen (oder aufgebreezelt? - der innere Spötter), was mich heute morgen geritten hat, weiß ich auch nicht. Ich beneide Männer mit markanten Gesichtern, die man – einmal gesehen – nicht vergißt (zweimal oder dreimal gesehen ginge auch noch – der innere Spötter). Ich ertappe mich dabei, wie ich schon sekundenlang eine kleine Hirsch-Tannen-Keramik-Skulptur unter der Lampe, die beim kurzen Stromausfall vorhin nicht ausgegangen ist, anstarre, ohne jene wahrzunehmen. Aber XTC’s Making Plans for Nigel, das plötzlich aus den Boxen kommt, weckt mich wieder auf und ich signalisiere dem Kellner mit diesem depperten „Daumen hoch“ und indem ich dann meine Hand mit dieser typischen Horch-Geste ans Ohr lege, dass mir das Musikstück gefällt (eigentlich, dass du das Stück erkannt hast; gefallen hat dir die Musik vorher auch – der innere Spötter). Nun bin ich wieder bei den Lichtspiegelungen im Fenster vor der großen Platane im Gastgarten (eigentlich läuft alles auf ein Tagebuch hinaus, aber eigentlich will ich das nicht).

Und wieder ein kurzer Stromausfall.

Mein Gott! Ist mein Leben absurd! (Damit willst du nur verschleiern, dass du unfähig bist, die Verantwortung zu übernehmen – der innere Kritiker.)

Der prominente Künstler ist gegangen und ich habe es nichteinmal bemerkt. Dabei mußte er an meinem Tisch vorbei.

Ich klopfe mit dem großen Ring im Rhythmus der Musik auf die Kante des Kaffeehaustischchens. Ich höre damit schon wieder auf. Mir unbekannte Nummern von XTC. Wunderschön. Ich bleibe noch sitzen, obwohl ich schon ausgetrunken habe.
 

12:25. Ich gehe jetzt trotz XTC-Musik.


(21.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

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