Dienstag, 22. September 2026

4621 Auf der Ofenbank

 



10:23 a.m.  Ich bin soeben im Espresso Burggasse angekommen, nur damit ihr wißt, dass ich gut aufgehoben bin.


11:11 a.m.  Faschingsbeginn oder was? So weit sind wir noch nicht, obwohl ich mir immer etwas verkleidet vorkomme. Wobei: verkleiden tu ich mich gern. Übrigens sitze ich im zweiten Raum hinten vorne beim Ofen, ganz nahe am Photo des tätowierten Maori-Priesters in Soutane, ich nehme an: Church of England respektive Anglican Church in Aotearoa, New Zealand and Polynesia. Von hier – teilweise hinter einem Mäuerchen – habe ich schon einen, aber eingeschränkten Blick in den vorderen Gastraum und durchs Fenster auf die Gartenlaube. Zwar sehe ich hinter dem Gebüsch schemenhaft die Autos die Burggasse hinunter flitzen, aber die Platanen sehe ich nicht. Und das Hirschgeweih hoch oben im ersten Raum lugt hinter der schönen Glaskugellampe hervor. Den Lichtengel kann ich nicht sehen und ich habe beim Hereinkommen nicht geschaut, ob er auch heute leuchtet und strahlt. Ich sitze sehr gekrümmt da und es biegt mich stark nach vorne; besonders bequem dürfte die Ofenbank nicht sein (freilich, es könnte auch sein, dass ich falsch sitze und selber schuld bin) (Oida! Deinen vorgetäuschten Schuldkomplex mußt du nicht so penetrant ausbreiten! - der innere Spötter). Die Kellner haben mir beim Eintreten ins volle Lokal einen besseren Platz in Aussicht gestellt, den ich in meiner übergroßen Bescheidenheit abgelehnt habe. Das meine ich allerdings nicht mit falsch sitzen, sondern dass ich in eigener Verantwortung eine ungeeignete Körperhaltung einnehme. Aufs Klo müßte ich auch, aber bei meiner aktuellen Verunsicherung (die ich mir selber eingebrockt habe!) habe ich Hemmungen. Aber bald werde ich mich durchringen müssen.


11:35 a.m.  Ich habe es zwar aufs Klo geschafft, aber – wie soll ich sagen? - nichts rausbekommen. Hoch oben, sogar über dem Ofenrohr, residiert auf einer runden, an die Wand montierten Holzscheibe eine (leere) Weinflasche. Vermutlich eine besondere. Dass ich von hier aus das Etikett nicht lesen kann, ist wurscht, denn der Name des Weines würde mir sowieso nichts sagen. Hinter dem Ofenrohr segelt ein voll geblähtes Blechsegelschiff von einem Südseestrand – ich denke an eine Insel – ins Meer hinaus. Irgendwie lustig dieses Fünfzigerjahre-Wanddekor und wie es aus Blechstücken und gebogenen Metallstäben und Drähten gemacht ist. Zum Beispiel die Meereswellen (Nein! Stopp! Du assoziierst mir jetzt nicht den Grillparzer! Das darfst du nicht! Du kennst doch nur die Überschriften und täuscht eine nicht vorhandene Bildung vor – der innere Spötter).


11:58 a.m.  (Damit ich noch die letzte a.m.-Zeit erwische; ich weiß auch nicht, woher mein Faible für ante meridiem kommt; wegen dem aufsteigenden Sonnenoptimismus oder bloß aus Pseudobildungsdünkel wegen des Latein?) Ich sitze hier schon irgend wie auf einem Armen-Sünder-Bankerl, was schon zu mir passt, wenn mich doch der Gestank des Hygienezeugs aus den Klos stört. Im Winter, wenn der Ofen glüht und die Glut durch das Ofentürl mit Scheibe sichtbar ist, ist es wahrscheinlich zu heiß hier (das nächste Mal werde ich mich, wenn es möglich ist, wieder auf meinem Stammplatz setzen, aber heute koste ich die harte Ofenbank bis zum Ende aus).


13:00.  Der Lichtengel leuchtet und strahlt. Ich bin aufgestanden und habe erst jetzt hingeschaut (13 Uhr Sommerzeit; in Wahrheit High Noon, von nun an geht’s bergab. Die Sonne beginnt zu sinken).

Am Klo (zweiter Versuch. Nichts) steht auf einem Plakat „Das Ende ist nah“. Das ist natürlich schon auf dem Plakat ein Zitat. Mach ich das, die Welt in Zitaten und zitierten Zitaten zu beschreiben? Ich trinke fast das ganze Glas Wasser aus (lieber Freund, erkläre mir, warum beschreibst du alles so gern in solch umständlichen Kurven von der anderen Seite her? „fast das ganze“? Warum nicht „ich trinke einen kräftigen Schluck Wasser“? Denk einmal darüber nach!- der innere Spötter).

(Dein Lieblingsplatz im vorderen Raum ist schon längst frei. Ist dein heutiger Platz hier dein Schmollwinkel? Aber auf wen schmollst du? Aufs Lokal kann nicht sein, denn dir wurde zweimal ein besserer Platz angeboten. Oder hast du dir gedacht: ich verordne mir zur Strafe Winkerlstehen und begnadige mich gleichzeitig dazu, dabei sitzen zu dürfen? Weißt was: geh jetzt nach Hause! - der innere Spötter.)

Halbherzig reibe ich mir die Augen und grüße – auch halbherzig – den Hirsch hinter der runden Deckenlampe. Dann trinke ich den Kaffee aus und mache das, wozu mich der innere Spötter aufgefordert hat.


13:43.  Im Museumsquartier ist die Tonspurpassage von einer Kanalräumbrigarde belegt. Ob die Tonspur dabei weiter läuft, konnte ich bei dem Lärm nicht feststellen. Ich glaub’ aber schon. Der Kleinbaggerfahrer schimpft „Gurwa! Gurwa!“ - aber nicht zu mir. Er lacht dabei. Vermutlich hat er seinem Arbeitskollegen etwas erzählt (also auch ein Zitat, das – wenn Polnisch – mit „K“ geschrieben würde).


(22.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4620 Bumm!

 



0:58 a.m.  Spät ist es heute geworden und das wird es in den letzten Tagen immer wieder. Dabei bin ich glücklich, wenn ich dann müde endlich ins Bett steige. Das ist eine meiner frühesten Erinnerungen, dass ich im Kinderwagen gut zugedeckt liege und mich hinter dem Regenverdeck mit Sichtfenster vor Wind und Wetter und ankontaktelnden Idioten zumindest im Moment gut geschützt fühle. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob das wirklich eine ganz so alte Erinnerung ist, oder ob ich das erst später rekonstruiert oder mir überhaupt ausgedacht und mir dann eingebildet habe, dies in der Kinderwagenzeit erlebt zu haben. Aber diese Rekonstruktion oder Einbildung als solche stammt eindeutig aus der früheren Kindheit noch vor Schule und Kindergarten, als ich mir gedacht habe, wie schön das war, im Kinderwagen geschützt zu liegen und durch das Sichtfenster in die Welt zu schauen. Und geschlafen werde ich auch haben.


Bumm! Jetzt bin ich irgendwie stecken geblieben. Ich weiß nicht, habe ich da ein wichtiges, tief verankertes Thema angeschnitten oder bloß an irgendwelchen belanglosen Oberflächen herumgewischt. Es geht nicht weiter. Ich bin blockiert. Oder leer. Ich lege das Schreibzeug weg.


1:28 a.m.  Und wie sich herausstellt: schlafen kann ich jetzt auch nicht. Da muß doch etwas Wichtiges hinter diesem Thema, hinter dieser (Pseudo?)Erinnerung verborgen sein. Was mir nun an der Szene im Kinderwagen – egal ob sie echt ist oder konstruiert – auffällt: sie findet als Bild für Sicherheit und Geborgenheit im Kinderwagen und draußen statt, nicht zu Hause im Bett, wie doch zu erwarten wäre.


(22.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 21. September 2026

4619 Draußen in „der Natur“

 



12:18.  Ja, draußen in „der Natur“ wirbelt der Wind genau in dem Moment, wo ich aus dem Kaffeeamt auf die Straße trete, in großartiger Performance dürre, gelbe Blätter hoch durch die Luft, so hoch, dass die Blätterwolke die Bäume der Oberen-Donaustraße übersteigt, um sie dann gleich wieder fallen zu lassen. Aber danke, lieber Wind, für das schöne Blätterspiel, das mein Herz erfreut und irgendwas in mir jubeln läßt.


12:57.  In Hof 5 sitze ich hoffentlich ein wenig windgeschützt, sehe dicke, weiße Wolken über das Firmament ziehen (über das Firmament, das gar nicht so stark ist, sondern nach oben offen). Die Sonne blinzelt zwischen den zwei Kronen der doppelstämmigen Kastanie durch (genau genommen wächst die Kastanie in einem Stamm aus dem Boden, jedoch in gut zwei Metern Höhe teilt sich der Stamm in zwei gleich dicke Äste, die sich zu zwei eigenen Stämmen ausgewachsen haben; beide wachsen annähernd gerade in die Höhe – der innere Korrektor). Der Wind ist recht stark und bläst von Zeit zu Zeit kräftig unter schon abenteuerlichem Rauschen in den trapezförmigen Hof herein. Die miniermotten-zerfressenen Blätter der Kastanien hier hängen schon sehr traurig an den Zweigen. Der vierzehnteilige Fahrradständer ist komplett leer und in seinem sonnenbeschienenen Abschnitt wirft er schön geordnete Schatten auf den Asphalt. Weibliches Lachen irgendwo hinter mir, der Wind droht mir die Kappe vom Kopf zu wehen; der Wind mag keine auch nur im Entferntesten anzüglich deutbare Kommentare. Soll ich weitergehen? Ich glaube, der Wind will, dass ich mich trolle.


14:22.  Eine gute halbe Stunde noch bis zur Psychotherapie treibe ich mich in den Parks des alten Akahas herum und am Schotterweg im Hof 3 habe ich eine reife Kastanie am Boden aus ihrer halben Schale gekickt (Spötter! Halts Maul! Ich schreibe nur mehr fürs Protokoll). Hier im größeren Hof treibt es der Wind viel toller, die Bäume drehen ihre Kronen kokett hin und her (Alarm! Alarm! Diese Bewegungen der Bäume haben nichts mit deinen internalisierten Bildern und Interpretationen weiblichen Verhaltens tu tun! - der innere Korrektor). (Und die angedachten „weiblichen Bewegungen“ mit deinen inneren Bildern und Interpretationen vermutlich auch nichts. Und außerdem: welche Waffen sind gemeint, zu denen wer greifen soll? - der innere Spötter.) (Komm! Steh auf und geh weiter! Sonst bekommst du nicht genug Schritte für deine Zählung zusammen. Geschrieben hast du eh schon zu viel; das wird kaum noch zu dertippen sein! - der zukünftige Tipper.)


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4618 So!

 



11:32 a.m.  So! Im Kaffeeamt gelingt es mir nicht, mich auf Anhieb so mit überschlagenen Beinen zu setzen, dass ich das Notizbuch zum Schreiben auf Tischkante und Knie ablegen kann. Warum ich diese mich beim Schreiben so inspirierende und die Meditation fördernde Sitzhaltung verlernt habe, weiß ich nicht. Ich versuche es nochmals. Gut, optimal ist das jetzt nicht, aber ich habe jetzt meine Beine halb unter dem Tisch etwas halbert und lächerlich unvollendet überschlagen und das Notizbuch auf Tischkante und Bauch abgelegt, was jedoch nicht sehr bequem ist, weil ich es doch mit meiner linken Hand festhalten und in den Bauch pressen muß, dass es mir da nicht abrutscht. Ich muß das wieder ändern: ich rücke den Stuhl zurück, überschlage meine Beine, ohne von der Tischzarge behindert zu sein ordentlich und lege das Notizbuch einfach zur Gänze auf meinen linken, oberen Oberschenkel ab. Da muß ich es zwar auch festhalten, aber solange ich auf der linken Seite schreibe, geht das. Ein Niesanfall will unbedingt diesen meinen Bericht unter-, wahrscheinlich aber überhaupt abbrechen. Wer pfuscht mir da rein? Wer sind eigentlich die für Schreiberei und Literatur zuständigen Götter/Göttinnen oder Heilige? Und wer ist es im Tengrismus und wer bei den Tolteken? Weil: mindestens einem oder einer von denen wird meine egozentrische Schreiberei nicht passen und so ärgern, dass sie mich als Schreibenden verhindern wollen (du solltest eher die Götter und heiligen Schutzpatrone der Lesenden abfragen! - der innere Spötter). Ich aber schreibe um mein Leben (ich weiß, nur fürs Protokoll – der innere Spötter) weiter! Ich habe keine andere Wahl mehr.

Übrigens sitze ich heute nicht an meinem Stammplatz - der war beim Hereinkommen besetzt – sondern neben den Plastikpflanzen an der Wand ganz hinten. Und nochmals übrigens: meinen Vorsatz, nur einen, höchstens zwei Kaffees zu konsumieren, kann ich bei vollem Lokal, wo alle Tische besetzt sind und einige Möchtegern-Kunden stehend warten, vor lauter schlechtem Gewissen darüber, dass ich Minus-Konsument – also unterdurchschnittlicher – einen Platz besetze, der mit jemand anderem fürs Lokal einträglicher wäre, nicht durchhalten. So habe ich beim ersten, leisen Hungergefühl, das ich normalerweise übergangen hätte, ein belegtes Croissant bestellt (das – übrigens die dritte! - gut geschmeckt hat). Hungergefühl ist nicht eindeutig: von eigentlichem Hunger kann keine Rede sein (eigentlich: Schreibe – der innere Spötter); nicht einmal von etwas wie Appetit, ich meine, dass mich eine der in der Glasvitrine ausgestellten oder der in der Karte angeführten und beschriebenen Speisen so affiziert hätte – in die Karte habe ich gar nicht geschaut – nein, sondern es war bloß so eine Andeutung vom Magen her, dass er jetzt wieder Platz für Nahrung hätte.

Die dezente, nicht zu laute Musik aus den Boxen hat nun etwas Feierliches, Getragenes, Tiefes, Bedeutungsschwangeres (genau wie dein von dir soeben beschriebenes Daseinsdrama – der innere Spötter). Auf meinem Stammplatz sitzt jetzt – wenn auch in die andere Richtung blickend als ich es vorziehe – auch ein älterer, aber verglichen mit mir jüngerer Herr im vollen Berufsleben, zu dem die Kellnerinnen genauso freundlich sind wie zu mir. Ich überlege, ob es notwendig ist, eifersüchtig zu werden. Aber bevor ich zu einem Ergebnis komme, kommt ein mir bekannter, alter Herr an seinen Stöcken herein, in Künstlerkreisen ein wohlbekannter Ministerialrat in Ruhe, dem ich schon mehrfach eigentlich unbeabsichtigt auf die Nerven gegangen bin und den ich öfters mehr oder weniger unabsichtlich sekkiert habe. Ich weiß nicht, ob er mich noch kennt; ich jedenfalls tue so, als wäre er mir völlig unbekannt. Dass ich schon wieder dabei bin, meine vor kurzem erst erhaltene teilweise Rückvergütung meiner Psychotherapiekosten zu verprassen, ist mir im Moment egal. Wenn’s weg ist, ist es hald (sic!) weg und ich muß mich dann sowieso nach der Decke strecken und den zweiten Band der Van-Gogh-Briefe habe ich heute Vormittag schon im Voraus bezahlt. Amen! Und der Herr Ministerialrat adé hat sich tatsächlich hinter meinen Rücken gesetzt und trinkt auch nur einen Kaffee und hat sich sämtliche Zeitungen auf seinen Tisch gelegt (während ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich mir ausnahmsweise den Standard und den Falter gleich zu Beginn zum Tisch mitgenommen hatte). So! Nichts wie raus in „die Natur“!



(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4617 Das Zimmertheater

 



9:07 a.m.  Der Wind heult ein bißchen, dann hört er wieder auf (ich hocke nicht bequem im Bett; ich muß ein wenig herumrücken und den Polster im Rücken einen Zentimeter höher ziehen. So, jetzt passt’s). Die Lichtverhältnisse ändern sich in meiner Kemenate, also müssen Wolken am Himmel umherziehen. Aus dem Lichtschacht ist es im Moment still. Ich hab’s verschrien: eine Tür knallt zu. Oh, jetzt wird es ziemlich dunkel, das muß eine fette Wolke sein (ich habe gelesen, dass in der Atmosphäre so viel Feuchtigkeit ist, wie seit hunderttausend Jahren nicht mehr. Und das alles kommt irgendwann herunter). Jetzt ist es wieder heller geworden (es ist ja nett und so schön bescheiden von dir, wie du das Wetter draußen zu einem kleinen Theaterstück in deinem Zimmer umdeutest, aber glaubst du im Ernst, dass das irgendjemand interessiert? Ach so! Du schreibst ja nur mehr fürs Protokoll! - der innere Spötter).

Jetzt hat der Wind Erbarmen mit meinem lächerlichen, faden Zimmertheater und heult ordentlich auf und Türen oder Fenster werden auf- oder zugemacht oder gekippt. Wobei: lächerlich und fad ist das Stück nur für die anderen; für mich ist es schön und beinahe ergreifend; ich lasse dabei meine Seele sich erholen und aufatmen und genieße die Ruhe und Stille sehr.


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4616 Flucht

 



0:25 a.m.  Schreiben oder Flucht in ein nächtliches Tagträumen, in der Hoffnung, dass es dann ins echte Träumen übergeht? Ich höre vereinzelt Regentropfen. Ansonsten dröhnt meine innere Lärmmaschine. Heute achte ich mehr auf den Rhythmus, der sich als viel komplexer herausstellt, als es der monotone Klangteppich vermuten läßt. Jetzt regnet es leicht.


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4615 Aus dem Graben

 



13:57.  Das Grundstück auf der anderen Seite der Straße ist von jedem Bewuchs befreit (wobei befreit beschönigend ist, denn was hat eine Wiese davon, wenn alle ihre Pflanzen deportiert sind?) und die blanke Erde oben ist eingeebnet. Steil und braun fällt das Grundstück zur viel tiefer gelegenen Straße ab. Schaut nach baldigem Baubeginn aus. Dass etwas Schönes gebaut wird, erwarte ich nicht; eher etwas geistig und geschmacklich Verwahrlostes wie die Neubauten rundherum. Unten zieht der lästige Autoverkehr lautstark vorüber, aber oben ziehen still die schönen Wolken. Still und majestätisch ziehen sie. In der Sonne ist es noch heiß (im Schatten 24° Celsius). Man hört nicht nur den dichten Autoverkehr, sondern auch überdeutlich die Gespräche der Ein- und Aussteigenden aus dem Graben herauf. Ab und zu sehe ich den einsamen Helm eines Radfahrers tief unten vorbeigleiten; tiefer in den Graben hinein sehe ich von hier aus nicht. Nur an einer löchrigen Stelle gibt die Hecke gerade so viel frei, dass man das obere Drittel der Autos kurz vorbeiflitzen sehen kann (wovor fliehen sie? Fliehen, Intensivform: flitzen; wie schneiden – schnitzen etc.). Der Lärm und das undeutliche Sekundengeflitze lenkt so sehr ab, dass ich die schönen Wolken aus dem Blick verloren habe. Eine nahe Krähe ruft und eine Heuschrecke krabbelt über den Tisch. Einige Menschen hier liegen und schlafen im Garten. Die Kappen der Fußgänger kann man doch auch an der Lücke der Hecke vorbei schweben sehen. Die Krähe entfernt sich langsam, aber stetig. Der Autolärm hört einfach nicht auf (was hat aufhören mit hören zu tun?). Nur selten entsteht eine kurze Pause, wo die Seele aufzuatmen beginnt, aber bevor man richtig eingeatmet hat, kommt schon das nächste Auto und erschreckt einen. Es steckt schon unglaublich viel Aggression und Zerstörungswut im ehemaligen technischen Fortschritt, darum wird der Lärm auch so bedrohlich empfunden. Nur die, die sich eindeutig auf die Seite der Zerstörer geschlagen haben, jubeln bei aufheulenden Motoren und merken nicht, dass sie sich letztlich gar nicht selbst ermächtigt, sondern unterworfen haben. Dieses Autogedröhn ist so nahe und stark; ich kann dabei die Umgebung nicht beschreiben.

Meine Armbanduhr zeigt keine Ziffern an, oder kann ich sie im Sonnenlicht nicht sehen? Wäre natürlich auch wichtig und interessant, wie viel Zerstörung und Arbeitsleid in der leiseren, moderneren Technologie steckt. Irgendwo aus dem Graben kommt komprimiertes, hochgepresstes Sekundengelächter herauf.


(19.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 18. September 2026

4614 Nur fürs Protokoll

 



0:04 a.m.  Ich schließe mein rechtes Auge, dann öffne ich es wieder und schließe mein linkes Auge; ich will herausfinden, mit welchem Auge ich besser sehe. Die Ergebnisse dieser Untersuchung verwirren mich, weil einmal so und einmal so. Dabei war es schon einmal ganz eindeutig; ich wußte nur nicht mehr, ob rechts oder links. Dann lasse ich das hald (sic!).

In meinen Ohren dröhnt es richtig und surrt und schwingt. Am Rande meines Gesichtsfeldes bewegt sich ständig etwas – kommt mir vor. Aber hier bewegt sich nichts und es ist ganz still im Zimmer, nur kurz höre ich aus dem Lichtschacht, wo die Küchen, Bäder und Klos ihre Fenster haben, jemanden pischen, dann noch die Haustür zufallen, dann ist es wieder ganz still. Außen. Innen dröhnt es und ich bin jedesmal erstaunt, wie komplex, vielschichtig und sogar melodiös dieses monotone Surren ist, wenn man genauer hinhört. Ich bin jedoch sehr müde, scheue mich aber noch, mich flach hinzulegen; als hätte ich Angst vor den Gedanken, Bildern und Erinnerungen, die dann hochkommen. Bewußt bin ich mir dieser Angst nicht; ich leite sie nur von meinem Verhalten ab.


(18.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4613 Das letzte Tageslicht

 



18:59.  Im Zimmer ist es schon finster, vom Fenster her leuchtet noch schwach das letzte Tageslicht herein. Mein Magen knurrt, aber ich will noch nicht in die Küche hinunter gehen, weil unten noch der Elternabend stattfindet. Das Buch habe ich „ausgelesen“ - wie man bei uns sagt – und beiseite gelegt, aber den zweiten Band konnte ich noch nicht auftreiben (van Gogh, Briefe II). Ein anderes Buch will ich nicht anfangen.


(17.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4612 Kein Verdienst

 



9:11 a.m.  Im Bett hockend, dösend befasse ich mich gerade mit meiner Sündengeschichte, wenn man das so nennen mag; ich meine: Sünde. Und wie ich da so umhersurfe, wundere ich mich, dass ich mich noch immer als im Grunde „integer“ denke. Ich bin unaufgeregt dabei und sozusagen distanziert beobachtend, aber seufzen muß ich schon von Zeit zu Zeit. Laute Stimmen am Gang draußen werfen mich aus meiner Meditation. Beim Wiedereinstieg komme ich mehr zu meinen halblustigen Erlebnissen: die ersten Hitparaden meines Lebens mit diesem Kaplan Flury „Lass die kleinen Dinge, nimm dir Zeit, einmal ist es auch für dich so weiheiheit …“ - oder so ähnlich (jetzt amüsiert er sich schon wieder köstlich – der innere Spötter). (Übrigens: das Zitat war korrekt! Erstaunlich, wie lange das gehalten hat – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Ja, von Reue war bei meiner Meditation vorhin erstaunlich wenig die Rede. Aber ich imaginiere nun tagtraumartig ein Gespräch mit richtigen Feministinnen, wo ich meine Sünden – wenn man das so nennen will – verständlich und korrekt zu beschreiben versuche. Also ich imaginiere dabei schon auch zumindest eine aggressive Kontrahentin, die mir meine Erklärungsversuche nicht abnimmt, wodurch ich ganz schön ins Schwimmen komme. Ich meine, ich habe schon vor fünfzig Jahren mit radikalen Feministinnen in der WeGe gewohnt, was jedoch an und für sich auch kein Verdienst ist (wenn du bei diesem Thema nur so herumdruckst, kommen wir nicht weiter - der innere Spötter).


(17.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 15. September 2026

4611 Die Zisterzienser in England

 



10:21 a.m.  Nun bin ich in meinem Lieblingscafé angekommen. Ziemlich voll hier. Ich fühle mich schon schuldig, weil ich nur Kaffee trinke und nichts dazu esse und somit einen begehrten Platz versitze. Ich hatte schon im Vorfeld befürchtet, dass, wenn ich mich auf etwas freue, die Götter neidisch werden werden und mir hineinscheißen. Noch weiche ich nicht vor meinem schlechten Gewissen, das mir sagt, dass ich ein Versager bin, der es nicht geschafft hat und dem so etwas wie Kaffeehaussitzen und Zeitunglesen und gar Schreiben gar nicht zusteht. Vielleicht kann ich mich doch noch entspannen. Ich hole mir eine Zeitung.

Der Standard ist nicht in der Zeitungsablage. So nehme ich zuerst die Salzburger Nachrichten. Aber dann traue ich mich, in den Gastgarten zu gehen und den, der den Standard am Tisch liegen hat, ohne ihn zu lesen, zu fragen, ob er ihn noch braucht, und er überläßt ihn mir. Das sind die wichtigen kleinen Schritte gegen die Depression.

10:58 a.m.  Irgendwie funktioniert es heute nicht richtig. Ein (unbekannter!) Vorarlberger am Nebentisch lacht so laut schreiend, dass es mir in den Ohren weh tut. Ich kann mich nicht entspannen.

Jetzt wird es leerer herinnen, weil es wärmer wird und immer mehr Leute draußen in der Laube sitzen. So kann ich besser atmen (das sind schon größenwahnsinnige Ansprüche, dass ein Lokal, dass er frequentiert, leer sein soll! Und dann trinkt er nur ein, zwei Kaffees! - der innere Spötter). In meinem Geiste gehe ich auf Reisen (auf seinem T-Shirt steht Geisterfahrer – der innere Spötter) und beschäftige mich mit kruh und chleb. Dieses Ausweichmanöver hilft mir aber schon, mich zu entspannen und nicht mehr wie auf Nadeln zu sitzen.

Zur Lesung heute, zu der ich persönlich eingeladen worden bin, werde ich trotz Zusage doch nicht gehen; die Ansammlung so gescheiter, gebildeter, mehr oder weniger fröhlicher, erfolgreicher Schriftsteller halte ich in meiner Depri nicht aus; ich würde mir dort wie der letzte, dumme, stinkende Trottel vorkommen (das sind alles seine Dämonen! - der innere Spötter). Das würde mein labiles System nicht aushalten. Das kommt mir selbst sehr unvernünftig vor, denn solche Kontakte können einem Schreiberling nützlich sein, aber – das stelle ich mehr fest, als dass ich mich dazu entschlossen habe – ich habe es anscheinend aufgegeben, mit meiner Schreiberei irgendwo irgendwie zu reüssieren zu wollen und bezweifle selber deren Qualität. Ich scheibe sozusagen nur mehr fürs Protokoll (die letzten 11 schubladisiereten Texte haben keine LeserInnen gefunden – der Tipper) und strebe auch keine Lesungen mehr an (obwohl meine Texte laut vorgelesen gehörten, um ihre Wirkung zu entfalten) (so sie eine haben - der innere Spötter).

11:29 a.m. Ach, erst jetzt mein erster Blick auf den hoffnungsvollen Lichtengel.

Ich versuche, alle schlechten Gedanken wegzuschieben beziehungsweise vorbeiziehen und am Ende des inneren Tunnels in den Abgrund abstürzen zu lassen. Sind das aus den Boxen schon die Posaunen von Jericho? Oder die des jüngsten Tages? (wie war das mit „die-schlechten-Gedanken-durchwinken“? - der innere Spötter.) Ich kann „Welt“ einfach nicht (und wie war das vorhin mit der „Eroberung des Standard“? - der innere Spötter). Ain’t Got No aus den Boxen von einer mir unbekannten Sängerin mit Klavierbegleitung (aber hair hast du auch nur mehr wenig am Kopf – der innere Spötter). Nach einem kurzen Geplauder mit einem Kellner bin ich ganz aufgewühlt - einfach nur, weil er mit mir geredet hat - und weil aus den Boxen jetzt Mercy, Mercy, Mercy von Joe Zawinul ertönt, schaue ich nach, woher der Name Zawinul kommt; ich hatte aus Rumänien vermutet, aber die KI sagt Südmähren. Oh! Ich sehe am Licht draußen auf der Burggasse, dass sich Wolken vor die Sonne geschoben haben. Die Depri ist aber verflogen; also ist alles gut gegangen. (Wenn ich nicht aufpasse wie ein Haftelmacher und auf manche Gedanken erst gar nicht einsteige, ist sie schnell wieder da. Sie hat mich schon wieder angehaucht.) Ich werde wohl meine Wanderung durch die Stadt bald antreten. Weil wir vorhin über die großen Vierkanthöfe in Oberösterreich gesprochen haben, fallen mir die Zisterzienser in England ein, die mit ihrer erfolgreichen Landwirtschaft mit fabrikartiger Arbeitsdisziplin und ohne Erbteilungen den freien Bauernstand ruiniert haben und deren große, reiche Güter nach dem Bruch mit der katholischen Kirche unter Heinrich VIII an dessen Gefolgsleute vergeben wurden, weshalb es viele reiche Landlords gibt. Das erkläre ich in Gedanken dem englischen Kellner. So! Jetzt ist es genug! Abmarsch! (manchmal muß er mit sich streng sein – der innere Spötter). Aber mit ein bisserl echter und ein bisserl phantasierter Kommunikation halte ich mich über Wasser. Da kannst du sagen, was du willst!


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4610 Notwendige Schritte

 



8:06 a.m.  Obwohl ich mich schon gestern dazu entschlossen hatte, trotz knapper Kasse mir heute zu erlauben, in mein Lieblingscafé zu gehen und sich mit dieser Entscheidung sofort meine depressive Stimmung aufgehellt hatte, weil ich mich darauf wirklich freue, muß ich mich heute nach dem Aufwachen trotzdem wieder durch einen Sumpf von lähmender Angst kämpfen, um mich überhaupt aufstehen zu trauen. Nur langsam überstrahlt das Bild, wie ich beim Lichtengel dort sitze, lese und schreibe, die diffuse, bildlose Angst. Aber jetzt werde ich es bald geschafft haben; Ich hocke schon im Bett und es kann nur mehr um Sekunden gehen, bis ich die Decke zurückwerfe, mich zur Bettkante drehe, meine Füße auf den Fußboden stelle und aufstehe. Wahrscheinlich werde ich mich für ein paar Sekunden an der Wand abstützen müssen, weil ich noch wanke, aber dann werde ich mit den notwendigen Schritten in den Tag und zum Espresso Burggasse starten.


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4609 Zwei Cappuccini

 



23:50.  Ich habe in meinem Leben so vieles verfehlt, aber genauer bekommt es mein müdes Gehirn nicht hin. Ich weiß nicht, wo ich die entscheidende falsche Abzweigung genommen habe, obwohl ich ein paar Situationen in Verdacht habe. Nun, für morgen habe ich vor, trotz knapper Kasse in mein Lieblingscafé zu gehen und zwei Cappuccini zu trinken. Auf das freue ich mich wirklich und das ist ein echter Lichtblick mitten in meinen trüben Gedanken.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4608 Okay

 



8:44 a.m.  Der Angst am Morgen ist kaum beizukommen; selbst der volle Magen nach dem Frühstück dämpft sie nur etwas ab. Ich bin vom Leben so überfordert. Das hört wohl nie auf. Okay, dann atme ich durch und werde lesen.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4607 Angenehm sitzen

 



12:30.  „Es ist angenehm da sitzen“ (Zitat D.H.) und gemeint ist die Lucy-Bar im Belvedere 21. Ich gehe heute etwas mühsam und auch das Hinsetzen ins bequeme Fauteuil (er muß immer nachschauen, wie man das schreibt – der innere Spötter) ist nicht leicht vor sich gegangen. Dabei hätte ich gesagt, mir tut heute nicht wirklich was weh. Bedacht, nichts aufs aufgeschlagene Notizbuch zu tropfen, schlecke ich den Kaffeelöffel des Cappuccino nach dem Umrühren vorsichtig ab. Die Kaffeemaschine rechts hinter der Bar zischt und gurgelt wild drauf los; ich wüßte jedoch nicht, wofür dies eine Bestätigung sein sollte. Sei’s drum! Der Kaffee wird wohl bald seine Wirkung entfalten. Die zwei Belvedere-21-Fahnen und die eine Lucy-Bar-Fahne dazwischen schlackern draußen diszipliniert im schwachen Wind um die Wette. Die Wolkendecke reißt auf, aber die Sonne ist noch nicht heraußen.

In diesem schönen Ambiente hier passt auch die typische Barmusik. Ich schaue auf den tollen orange gekratzelten Künstlerlampenschirm über dem nächsten Tisch und von hinten auf die Glatze des Mannes zwei Tische weiter und ich muß sagen, meine Glatze ist schöner und größer. Wenn schon, denn schon.

Die Straßenlaterne vorm Zwanzgerhaus breitet ihre Arme aus wie Jesus am Kreuz. Die grauen Autos kommen die Arsenalstraße herauf wie eine Fließbandkarawane. Légère nehme ich die Kaffeetasse mit meiner Schreibhand, ohne den Pilotstift wegzulegen, und führe sie achtsam zum Mund. Den „Burggraben“ – wie ich den schönen Graben zwischen dem Karl-Schwanzer-Bau und der Arenalstraße immer spöttisch nenne – müßte man doch für Theater, Performance oder eine adaptierte Version 2 meiner alten Gehege-Geschichte im REM nutzen können. Am Pissoir fällt mir ein, dass der Piss-en-lit in Frankreich der Löwenzahn ist. Kurz wanke ich, ob es nicht die Sellerie ist, aber dann fällt mir wieder ein, die wird in Wien auch Hemadspreitzer genannt; also andere Baustelle (Stelle ist es fast die gleiche, aber eine andere Kategorie respektive ein anderes biologisches System – der innere Spötter).


(13.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 11. September 2026

4606 Über Nacht

 



8:51 a.m.  Endlich ist richtiger Regen da. Über Nacht hat es immer wieder geregnet. Ich spüre leichte Vibrationen in mir; ähnlich wenn man sehr aufgeregt ist; ein bewegungsloses Zittern. Ich wüßte nicht, dass und warum ich aufgeregt sein sollte. Oder genügt schon das Aufwachen in einen neuen Tag, der mich einfach von vornherein überfordert? Ich meine, es ist ja in meinem Leben vieles ungeklärt und scheint unlösbar, angefangen bei meiner sogenannten sozialen Sicherheit.

Nun beginnt es wieder zu regnen und das Geräusch ist so schön! Ich kann das genießen (außer es regnet so stark und böig, dass dir das Wasser bei der undichten Stelle am Fenster herein rinnt – der innere Spötter).

Es ist schon wahr, dass ich eigentlich angespannt bin und meine Ruhe bloß eine verschreckte Oberflächlichkeit à la Totstellen. Mein Gehirn vermutet überall Gefahren und in Wirklichkeit kommt mir vor, dass alles in mir, und rundherum die gegenständliche und gesellschaftliche Wirklichkeit zerbröselt und das Ganze bald zusammenbrechen wird. Ich empfinde mich in einer Endzeit (das ist ja schon von deinem Alter her nicht ganz falsch – der innere Spötter).

Aber ich genieße trotzdem das Rauschen des Regens, das melancholische Grau draußen und freue mich auf das üppige Frühstück, das ich mir bald bereiten werde. Aber jetzt will ich noch ein wenig im Bett lesen.


(11.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4605 Das Käuzchen ruft

 



23:49.  Lange ist es nicht mehr bis zur Geisterstunde (oder halten sich die Geister nicht an die Sommerzeit? - der innere Spötter). Ich habe den Tag genossen: wieder auf meine alte Art mit Käse und Gemüse gefrühstückt und mit Tee statt Kaffee; habe gelesen (van-Gogh-Briefe, sehr sehr interessant! Gehen mir zumindest stellenweise sehr nahe), einkaufen, dann die Walking-Runde 13475 Schritte, fast 10 Kilometer, dann habe ich mir Salat zubereitet, Buchweizen gekocht, Cremespinat dazu, dem ich etwas Knoblauch beigegeben habe. Nach dem Essen war ich richtig satt und voll. Ein bißchen Küchenarbeit, Internet, lesen … ein schöner Tag!

Ist das ein Käuzchen, das da ruft? Sind doch schon die Geister da? Ruft es noch? Ich werde aufstehen und nachschauen.

Ich bin aufgestanden und aus meinem Zimmer ins ehemalige Atelier gegangen und tatsächlich: auf der Hofseite ruft ein Käuzchen. Ich habe kein Licht aufgedreht, um in die Nacht hinaus sehen zu können, aber wie zu erwarten habe ich das Käuzchen nicht entdeckt. Aber seine Rufe sehr nahe und deutlich gehört. Und so schön! (Ich pfeife auf den Aberglauben) (Und wenn schon! - der innere Spötter) Danke, Universum, danke.

Natürlich habe ich heimlich spekuliert, dass es eine Botschaft für mich sein könnte (die Zeit wirft immer Bilder aus), und eine solche könnte ich brauchen. Freilich ist das eitel, kindisch und letztlich größenwahnsinnig. Und gäbe es wirklich eine Botschaft, wäre ich zu blöde, sie zu verstehen (sooo mußt du dich auch wieder nicht Rationalität und Vernunft unterwerfen – der innere Spötter).

Jetzt höre ich keine Rufe mehr. Zurück vom Atelier (ich) hat es (das Käuzchen) aufgehört zu rufen.

Und wie schön und schwarz die Götterbäume im Hof im Dunkeln über die Dächer ragten. Mir gehen die Rufe des Käuzchens ab; ich würde sie gerne noch länger hören. Bin ich zu früh zurück ins Zimmer gegangen? Mir war aber schon kalt und vom Stehen bekomme ich Kreuzweh.


(10.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 10. September 2026

4604 Eine zweite Maschine

 



15:08.  Der depressive Anfall von gestern ist vorbei (keine Sorge! Ein neuerlicher wird garantiert wieder kommen – der innere Spötter) und schon verprasse ich mein Geld (keine Sorge! Du wirst eh heute noch im Lotto gewinnen – der innere Spötter). Die Musik gefällt mir, unbekannterweise. Musik ist auch ein Argument fürs drinnen Sitzen. Ich muß zugeben: ohne depressiven Zustand schreibt’s sich schlecht. Was soll ich da schreiben? Dass meine Frau auch da herkommt? (warum nennst du sie nie mit Namen? - der innere Spötter). Tja, warum? Genau weiß ich es nicht. Wegen der archaischen Vorstellung, dass den Namen zu wissen Macht über die benannte Person bedeutet? Wer weiß. Jedenfalls habe ich ihr eine SMS geschickt, dass ich vergessen habe, die restliche Fischsuppe in den Kühlschrank zu stellen. Zu spät. Sie ist schon da. Die spinatgrüne Garderobenwand dort beim Eingang ist sehr schön. Also: Holzleisten in einem Grün, wie wenn man in den passierten Spinat das Eigelb vom Spiegelei schon ein wenig eingerührt hat, erzeugen in ihrer senkrechten Anordnung auf schwarzem Untergrund mit kleinen Abständen dazwischen ein gestreiftes Relief grün-schwarz, das sehr schön und sehr elegant ist. Ich meine das ernst!

Um mich abzulenken nehme ich das Angebot meiner Frau – ein halbes Croissant – an, esse es und schaue durchs Fenster zur Eingangstür des Amtes für Eich- und Vermessungswesen, in deren Glas sich alles mögliche spiegelt und collagiert. Und man hat einen Durchblick zum Hof dahinter, weil der Hinterausgang ebenfalls mit einer Glastüre versehen ist. Ich sehe einige undeutliche Gestalten meinen Durchblick querend in den Hof gehen. 15:45 – Amtsschluß? Ist im Hof der amtsinterne Parkplatz? Ich habe keine Ahnung. Die schöne Europafahne über dem Eingang begrüße ich wie eine alte Bekannte. Noch ist die Fahne ganz ruhig (es ist Wetterumschwung und Schlechtwetter angesagt); die Sonne ist schon verdeckt. Ja, der Hof ist ein Parkplatz; ich sehe ein Auto hinter der zweiten Glastüre vorbeigleiten. Wirklich schöne Musik aus den Boxen. Ich muß nach Hause zur Wäsche. Eine zweite Maschine voll wird noch nötig sein. Und das Geschirr auch.


(9.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 8. September 2026

4603 Ein Trick

 



8:10 a.m.  Mir ist nicht gut. Gut, das ist nicht so wichtig.


11:17 a.m.  Wirklich, ich fühle mich elend. Ich weiß nicht, was mir jetzt so schwer auf der Seele lastet (mir würde schon was einfallen: dass auf deinem Konto schon jetzt zu Monatsbeginn nur mehr € 40.- drauf sind – der innere Spötter). Der Lichtengel, zu dem ich nun ernsthaft um Hoffnung bittend hinschaue, ist nur eine schöne, hell strahlende Wandlampe, die ein wenig flimmert, wenn ich länger hinstarre. Meine Blicke, die ich da hin und dort hin werfe, auch zur Platane in der Laube draußen, sehen nichts, sondern fallen irgendwie durch alles hindurch, ohne auf etwas Festes zu stoßen. Und wenn ich ihn, den Blick, doch abbremse und er mir sagt, „dort steht eine Platane“, kann ich ihn kaum verstehen und glaube ihm nicht recht und bestenfalls antworte ich „na und?!“. Dabei ist sie, die Platane, ein Lebewesen mit Bewußtsein, mit dem man wirklich kommunizieren könnte. Ja, ich pfeife mein Geschau zurück, auf dass es sich ernsthaft anstrenge, nicht alles Erblickte zu verlieren, denn heute macht mir das ein wenig Angst. Selbst die gute Musik im Lokal macht mich unruhig und nervös. Zum ersten Mal, seit ich dieses Lokal besuche – und das sind einige Jahre – schaue ich mir die Pflastersteinstufen zur Laube hinauf an und betrachte länger ihre Form, ihre Farben, den Mörtel in den Fugen zwischen den einzelnen Steinen.

Die Zeitungen habe ich heute mehr durchgeblättert als aufmerksam gelesen; so etwas wie Überdruß. „Warum“ klebt über der Pissoirmuschel und das frage ich mich auch, aber heute entgleitet mir die Frage, fällt hinunter und verschwindet in einem vagen Abgrund unter dem angeblich stabilen Terrazzoboden. Ein Gelenkbus fährt hinter der Laube die Burggasse hinunter und hinterläßt einen unsichtbaren, tunnelartigen Sog. Die Passanten draußen bewegen sich wie, wie … ich wollte schreiben: wie in einem mechanischen Puppenspiel, aber das trifft es doch gar nicht! Den Song jetzt kann ich viel besser annehmen. Ich blicke auf meine am Kaffeehaustischchen abgelegte feminine Gary-Larson-Cartoon-Brille und frage mich, warum ich gerade diese als Lesebrille verwende, denn dieses komische Kuh-Flecken-Muster an Bügel und Gestell ist doch völlig lächerlich! Aber ändern wird diese Frage nichts – weder an meiner Brille, noch an meinem Leben, noch an der Weltgeschichte (bist du allmählich bereit, dein Haupt zu heben und deine Verzweiflung aufzugeben? - der innere Spötter). Oh ja! Jetzt jammert eine E-Gitarre gemeinsam mit ihrem Sänger so richtig aus den Boxen; darum bleibe ich noch ein wenig sitzen, bleibe noch ein wenig da.


12:10.  Auf dem Weg durch das Mittagsgeläut und durch die Stadt sehe ich, wie der Wind ein verdorrtes und abgefallenes Blatt über den Asphalt weht, dass es sich überschlägt.


12:52.  Ich sitze nun am Karlsplatz auf einer Bank im Schatten von Platanen und habe am Weg hierher ein paar Lottotipps abgegeben (guter Trick! Sehr gut! Jetzt mußt du jedenfalls die Ziehungen abwarten! - der innere Spötter) und versuche, die Beklemmung loszuwerden. Die Sonne blinzelt durch das Laub, die abgestorbenen Blätter liegen am Boden, kein Wind bewegt sie, eine Wespe überfliegt ein paar von ihnen anscheinend lustlos. That’s it. Laut ist es hier von der Straße (Friedrich-/Lothringer-) und einem Baulärm; das alles hinter meinem Rücken. Vor mir der Park, irgendein Denkmal – mir ist es zu blöd, aufzustehen, hinzugehen und nachzuschauen … ah, jetzt erkenne ich Kopf und Gestalt und kann auf einmal auch die Inschrift lesen (Brahms). Das Ganze spricht mich nicht an; ich verabscheue das Neunzehntes-Jahrhundert-Pathos. Egal! Ich lasse mich darauf nicht weiter ein. Die Karlskirche ist mir auch sowas von egal – ich kann mit dem pseudoreligiösen Theater des Barock nichts anfangen. Ein sanfter Wind kommt auf und schiebt die dürren, abgefallenen Blätter über das Straßenpflaster. Nur kurz. Eine telefonierende Frau nebenan schreit ins Handy, dass es in den Ohren weh tut; auch ihr Tonfall geht mir massiv auf die Nerven. Normalerweise werde ich solche Stimmungen beim Wandern los. Heute funktioniert es nicht. Auf! Los! Weiter!


(Das schöne Angelusläuten beim Eintippen! – der Tipper)


(8.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4602 Zeit zu schlafen

 



23:10.  Ich bin so müde und meine Augen sind mir mindestens so schwer wie mein Herz. Ich mag mich jetzt gar nicht fragen, woher das kommt und wie sich das zusammengebraut hat. Ich bin nämlich müde. Seelisch müde vor allem. So müde. Nachdem sich mir an der Wand meines „Hausaltars“ eine Gestalt halluziniert hat, die an ihren Konturen bunt, im Inneren jedoch leer ist und sich ein wenig bedrohlich bewegt hat, denke ich: es ist Zeit zu schlafen.


(7.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4601 Heilung der Seele

 



12:27.  Kaum ist etwas Geld hereingespült, prasse ich und brösel mein aufgeschlagenes Notizbuch am Kaffeehaustisch an. Dabei ist das heute gar kein regulärer Besuch hier. Mein üblicher Einkehrtag ist morgen. Fröhliche, eher ältere Sommerhitmusik aus den Boxen (wie in meiner Jugend um 11h im Radio), grenzwertig, aber geht heute, denn sie ruft das letzte Feriengefühl hervor. Die zwei Hirschen unter Tannenbaum und Schreibtischlampe, der Lichtengel an der Fensternischenwand angeschraubt. Der Deckenventilator dreht sich gegen den Uhrzeigersinn; vielleicht kann er den Fluß der Zeit etwas einbremsen, aber zurück will ich nicht (außer ich könnte alles Geschehene korrigieren und verbessern). Immer wieder schaue ich auf die Armbanduhr, weil ich heute meine Psychotherapie habe und bin unüblicherweise – ich schätze – eine dreiviertel Stunde Fußmarsch entfernt. Oh, jetzt spielen sie Nina Simone! Gleich erhellt sich in mir etwas; ich weiß nicht: ist es das Wiedererkennen der Stimme oder deren Ausdruck und Intensität. Ich lese zur Zeit van Goghs Briefe an seinen Bruder Theo aus seiner frühen Zeit und ich staune, wie viel mir – trotz aller Unterschiede – vertraut vorkommt. Zum Beispiel sein verzweifelter innerer Kampf um Daseinsberechtigung. Sein Kampf ums Zeichnen. Das nur so nebenbei. Ich sitze schon auf Nadeln, weil ich bald aufbrechen muß (er hat doch tatsächlich statt Nadeln ausgerechnet Nabeln hingeschrieben! - der innere Spötter). Ich fange das jetzt nicht zu deuten an.


13:26.  Also: der Fußweg dauerte in Wahrheit eine halbe Stunde. Dabei habe ich schon bei der dreiviertel Stunde noch einen Puffer von einer viertel Stunde extra dazugerechnet und bin trotzdem nicht eine Stunde vorm Therapietermin losmarschiert, sondern noch zehn Minuten früher. Das zu meiner ständigen Sorge, zu spät zu kommen und die auf mich warten, zu enttäuschen (im wirklichen Leben bin und habe ich das wirklich). Nun sitze ich in Hof 5, den ich mir heimlich (da schau her, er schreibt gar nicht klandestin! - der innere Spötter), den ich mir heimlich gerne als Hof eines Klosters phantasiere, wo ich Auskommen, Aufgabe und Ruhe gefunden habe; was heute nicht so leicht ist, weil eine Gruppe junger Mädchen – ich tippe auf Erstsemestrige oder Oberstufe Gymnasium – einen Tisch besetzt haben und sich sehr aufgeregt und laut kichernd austauschen. Passt schon. Geht schon. Ich halte das gut aus, weil es mich amüsiert. Der Wind ist auch ganz mild und das Wetter spätsommerlich. Die letzten Sommertage; diese Wehmut, Ende der Ferien, die Erwartungen haben sich nicht erfüllt, jetzt kann man bald nur noch heimgehen und im Zimmer Musik-hören. Immerhin trage ich Natriunhydroxid bei mir, das ich am Vormittag bei Neuber’s Enkel gekauft habe, womit wir verstopfte Ausgüsse und Abflußrohre reinigen.

An einem Feigenbaum, dem Narrenturm, dem Denkmal מרפא לנפש - Marpe Lanefesch - Heilung der Seele (das ehemalige Gebetshaus für die jüdischen Patienten des Allgemeinen Krankenhauses) und am großen, hohen, abgrundtief hässlichen Nebengebäude der Österreichischen Nationalbank vorbei wandere ich langsam Richtung Psychotherapie.


(7.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4600 Gebet eines Müden

 



23:31.  Lieber Gott, hilf mir in meiner Not. Staubflanken schweben durchs Zimmer, weil ich mich bewegt habe, und ich bin so müde. Die Nacht sagt mir nichts mehr und zeigt mir nichts und reißt mir nur mein Maul zu einem großen Gähnen auf. Mein innerer Spötter grinst schon wieder blöd, aber eingefallen ist ihm doch nichts. Daseinsberechtigung, das ist die Frage, aber was kann man da schon antworten?


(6.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 4. September 2026

4599 Die Europafahne

 



14:06.  Gegenüber dem Amt für Eich- und Vermessungswesen sitze ich im Amt für Kaffee und gähne und gähne, obwohl meine Kaffeetasse schon zur Hälfte ausgetrunken ist. Die tiefblaue Europafahne mit ihren gelben Sternen auf der anderen Straßenseite ist eigentlich sehr schön, wirklich sehr schön mit ihrem transparenten Stoff. Da! Wow! Ich bekomme hier einen zweiten Cappuccino geschenkt! Vom Kaffeeamt. Das ist völlig unerwartet; ich werde gleich alle umarmen und abbusseln! (das macht er natürlich nicht; dazu ist er viel zu gedankenschwer, lebensängstlich und feig – der innere Spötter). (Das hat ihn jetzt ganz aus der Bahn geworfen; worüber soll er nun jammern? - der innere Spötter.) Mein depressiv formatiertes Gehirn sucht jetzt krampfhaft irgendeinen Pferdefuß und ich selber bin ganz aufgescheucht [Die Sache ist ganz einfach zu erklären: die Geschäftsführerin hat eine Jobbewerberin gebeten, als Test an der Kaffeemaschine einen Cappuccino zu machen. Selber wollte ihn um diese späte Uhrzeit keine vom Personal trinken – vermutlich weil schon genug Kaffee intus – also haben sie an diesen halben Stammgast gedacht, von dem sie auf Grund seiner üblichen Bestellungen schon wußten, dass er kaffeesüchtig ist, und ihm den Kaffee offeriert. That’s it – der Tipper. Aber danke!].

Langsam und leicht bewegt sich die schöne Europafahne, dreht sich hin und her, wendet sich ab, faltet sich der Länge nach zusammen, öffnet sich wieder, dann legt sie sich um den Fahnenmasten und löst sich wieder ein wenig. Die Musik aus den Boxen fällt mir erst jetzt auf und passt. Zwei helle, weiße Pünktchen schweben draußen durch die Luft; vermutlich sonnenbeschienene Insekten. Ich beginne, wieder zu schwitzen. Ich gehe noch nicht, weil zu Hause gerade die Tageskinderabholzeit ist. Zur Fahne muß ich noch klarstellen, dass sie sowohl oben mit einem Querholz als auch unten ohne Verstärkung in der Mitte ihrer Breite an der Stange befestigt ist. Der Wind wird stärker und rüttelt und zupft auch an irgendwelchen Planen, die geparkte Motorräder? - ich kann das von hier aus nicht klar erkennen – abdecken, und an den noch jungen Kletterpflanzen am Gestell für das Sonnensegel des Gastgartens herum.

Jetzt sehe ich es: die Fahne hat mittig ihrer Länge nach ein Drahtseil laufen, an das sie alle paar Zentimeter mit Ringen festgemacht ist, und diese Drahtseil läuft von der Spitze des Fahnenmasten bis zu seinem Fuß, wo es ebenfalls befestigt ist.


(4.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4598 Wehrlos

 



7:26 a.m.  Ich schlage die Augen auf, sitze an meinem Arbeitsplatz und habe das vorgebeugte Gesicht des Chefs ganz nahe vor mir, der mich anbrüllt: „Vierzig! Vierzig! Ein Wahnsinn!“ Ich weiß gar nicht, was er meint, nur, dass das wohl die Kündigung ist. Überhaupt weiß ich gar nicht, was ich da arbeite und wo ich bin, nur, dass ich einiges oder alles falsch gemacht habe. Lange noch, als ich schon realisiert habe, dass ich in meinem Bett bin und aus einem Traum aufgewacht, klopft mein Herz heftig und ich zittere am ganzen Körper.

Im Traum vorher habe ich vielleicht in einer Art Jugendherberge gewohnt – ein richtiges Hotel war das jedenfalls nicht – oder in etwas Ähnlichem wie ein Studentenheim, aber komischerweise bin ich schon alt und noch komischer von lauter Wirtschafts- und BWL-Studenten umgeben, die freundlich tun, aber grinsen und mich alten Mann als Kuriosum betrachten und mir dämmert, dass sie ihre Scherze mit mir treiben wollen. Sie drängen sich in mein Zimmer und tun und nehmen und bedienen sich schamlos, grapschen alles an und haben noch Schlimmeres vor, aber ich durchschaue ihre Manöver nicht. Ich verstehe auch ihre Anspielungen, ihre Scherze und ihre Jugendsprache nicht; alle sind sie so geschleckte Karrieristen, geistig beschränkt, glatt, und rücksichtslos und bei Gemeinheiten und ihren Vorteilen einfallsreich. Sie haben defacto mein Zimmer übernommen und holen sich auch Mädchen. Ich kann mich nicht wehren. Sie werden mir noch übler mitspielen, das weiß ich schon. Und ich sitze gelähmt vor meinem Zimmer und bin wehrlos.


(4.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 3. September 2026

4597 Der traurig pfeifende Sänger

 



11:41 a.m.  Nach sehr langer Lektüre habe ich es gerade noch geschafft, vor High Noon (falsch! Wir haben Sommerzeit! - der innere Korrektor) zum Schreibzeug zu greifen und somit meiner kindischen Bevorzugung von Ante-Meridiem-Zeiten zu frönen. Denn schreiben kann ich das hier noch nicht nennen. Die Sonne gibt meiner Selbstkritik recht und verdunkelt sich auch auf der – ungefähr – Nordseite deutlich (naja, 39°NO sind Hausfront, Tür und Fenster; mein Blick geradeaus 302°NW). Auch auf die Gefahr hin, immer und immer wieder das Gleiche herzunotieren (er will nicht immer -schreiben schreiben – der innere Spötter): die schöne, schwermütige Musik geht mir weit in meine Seele (oder doch Psyche? - der innere Spötter) hinein und macht mich angenehm. Mir gefällt sogar der traurig pfeifende Sänger – was an und für sich grenzwertig wäre (der Konjunktiv als ständige Tarnung – der innere Spötter). Um mich von meinen vergeblichen Denk- und Formulierungsversuchen abzulenken, wische ich drei von mir selbst hinterlassene Brösel vom Tisch. Ein schönes Lied soeben, kein Country, aber leicht davon angehaucht. Den Johnny Cash verdanke ich übrigens irgendwie meiner Mutter, das nur nebenbei. Das Stück hier war kein Cash, nur ein Hauch von Country. Kurz ist mir in einzelnen Stimmmomenten vorgekommen, es könnte ein mir völlig unbekannter Bob Dylan sein, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Jetzt ein schönes, feines, weibliches Lied, ein bißchen Shanty oder Folk. Schon vorbei (ich komme mit dem Schreiben nicht nach). John Frusciante fragt einmal live sein Publikum, ob ihm, dem Publikum, traurige Musik happy macht. Die Stimme der Sängerin kommt mir schon bekannt vor.

Ach, wie ist diese Musik schön! (Heulst du schon? - der innere Spötter.) Nein.

Meine Lebensfragen sind ungelöst und es besteht wenig Aussicht auf g’scheite Antworten. Das auszuhalten ist ein bißchen viel verlangt. Aber hier geht es ganz gut. Musik spielt auch eine wichtige Rolle. Mein Gott! Ist dieses Lied jetzt wieder schön!

Fast kann nun das Eigentliche (was ist das? - der innere Spötter) durch Fassaden und Glaswände und die Geräusche der Dualität durchkommen, fast. Ich bestelle meine dritte Melange. Ein Hauch von Tabakrauch weht herein und affiziert sofort mein Nervensystem (hoffentlich ist affizieren nicht affenhaft affektiert! - der innere Spötter). (Und der Schmäh nicht zu billig! - der noch innerere Spötter.) Nach diesem kurzen Ausflug ins Diesseitige versinke ich wieder langsam ins … was weiß ich was. Die gebrauchten Gläser und Tassen am soeben verlassenen Tisch beim Fenster – weil vor allem Glas Licht reflektiert – jetzt wird der Tisch gerade abgeräumt – ergeben ein elegisches Stillleben (-leben passt, weil die Leute, die dort gesessen sind, sozusagen ex negativo noch ätherisch anwesend sind, bevor ihre Aura verraucht sein wird. (Übrigens, weil er gerade von einer Pause zurückkommt – er ist immer recht zufrieden mit sich und seinem Leben, wenn er seine Texte eintippselt – der Tipper.)

Wie schön jetzt dieser Song ist! Auf meinem T-Shirt steht Im Traum kann ich durch Wände gehen, obwohl ich mich an keinen solchen erinnern kann; aber grundsätzlich geht es; das weiß ich. Ich lege meine linke Wange in die aufgestützte linke Hand auf deren Rückseite und höre zu. Ich mache mir im Moment keine Gedanken über den Papst, sein Alter, die Politik oder so etwas, nur über mich und meine Reise durchs Universum – sozusagen – und was ich da noch erfahren kann (im wahrsten Sinne des Wortes). Gut. Es wird wohl Zeit sein, meine Fußwanderung durch die Stadt anzutreten (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein Ruck geht durch mich, ich trinke aus, besuche sicherheitshalber noch die Toilette (so viel Realitätssinn muß sein! - der innere Spötter), zahle und gehe (nur die Musik aus den Boxen will mich nicht ziehen lassen).


14:37.  Auf meiner Stadtwanderung habe ich in der Innenstadt vergeblich nach dem Max-Weiler-Platz gesucht; ich steuere gern solche Lichtpunkte an, wie ein Pilger auf seiner Pilgerfahrt seine Kirchen, Kapellen, Marterl und Wegkreuze, auf dass wir auf unserer Reise in der Fremde nicht so verloren sind (ich sitze jetzt übrigens vor der ehemaligen Karmeliterkirche). (Offensichtlich bin ich über den Max-Weiler-Platz marschiert, ohne es mitbekommen zu haben, wie meine Recherche am Stadtplan ergeben hat.)


(3.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 1. September 2026

4596 Warum

 



11:12 a.m.  WARUM pickt ein Aufkleber über dem Pissoir. Ja, warum ist überhaupt Seiendes und nicht viel mehr Nichts? Gut, ich bin immer noch pubertär und kindisch. Ich grinse und blicke lächelnd zum unglaublich hellstrahlenden Lichtengel (ich bin beim Schreiben natürlich wieder zurück vom Klo; am Klo schreibe ich noch nicht). Oh! Die köstliche Eierspeis kommt.

Meine Hände fühlen sich nach dem Essen etwas fettig an, obwohl ich nur das Brot in die Hand genommen habe. Ich gehe nicht die Hände waschen, obwohl ich fast aufgeregt befürchte, das deswegen mein heiliges Notizbuch Fettflecken abbekommt, aber ich warte, bis sich dieses Gefühl - das irgendwelche Sensoren an den Händen geliefert haben sollten – vergleiche: Fühler - (das, was man innen findet, wären Empfindungen) – bis sich also dieses Gefühl auflöst, weil ich annehme, dass es nicht auf echte – in diesem Fall – Fettmessdaten zurückgeht, sondern auf so einem einprogrammierten Gehirnprogramm – also meine Hände nicht fettig sein können (oder enthält das Brot ausreichend Fett? - der innere Spötter). Zur Rettung und um auf andere Gedanken zu kommen, bestelle ich noch einen Cappuccino (und um seiner Kaffeesucht genüge zu tun – der innere Spötter). Ich glaube, tatsächlich auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite einen kleinen Fettfleck wahrnehmen zu können – hingetropft kann der jetzt nicht sein; beim Essen war das Notizbuch zugeklappt auf der Bank abgelegt (du hättest doch katholischer Priester werden sollen: da hättest du am Altar die Hände waschen – Lavabo – fanatisch auf die Brösel aufpassen und in Kelch und Patene inbrünstig herumwischen können – der innere Spötter).

Es ist ein schöner Sommertag. Der Wind in der Platane draußen, die freundlichen Menschen, die angenehme Musik aus den Boxen (und der zweite Cappuccino – der innere Spötter) lassen mein Herz aufgehen. Der Deckenventilator kreist, der Lichtengel strahlt – ich bin immer noch jedesmal erstaunt und ergriffen, wenn ich zur Lampe hinschaue – und ich betrachte die Passanten in der Spiegelung der offenen Glastür; keine Sekunde brauchen sie, um meine Betrachtungszone zu queren. Wieder einmal gibt es mir einen Stich, weil mir – beim Betrachten der Passanten – bewußt wird, wie sozial abgehängt und statusnieder ich bin. Aber würde ich mich als erfolgreicher Mann aushalten? Wäre ich dann total blöd? Wurscht! Das muß ich nicht wissen. Und wenn ich sterbe, wird mir eh alles gezeigt. Meine Hände fühlen sich immer noch etwas fettig an. Nähern wir uns dem Waschzwang? Dabei bin ich doch kein Dauerduscher; alle paar Tage genügt mir in normalen Zeiten. Aber die Hände! Was habe ich mit denen getan? Klebt meinem Tun und Handeln (und hanteln – der innere Spötter) eine Art Schuld an? Ja.

Ich blicke auf die Gartenlaube; ich will vom Thema weg. Wie gesagt: wenn ich sterbe, wird mir alles gezeigt werden (und zwar sub specie aeternitatis). Ich könnte in die Albertina gehen und Photos von Bildern für Facebook machen. Beim letzten Mal habe ich unglaublich viele Likes bekommen. Außerdem hätte ich zu Hause genug zu tun.


(1.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4595 Erst jetzt

 



23:23.  Es regnet. Erst jetzt. Es gluckert und tröpfelt und rauscht, dass es eine Freude ist. Ach! Mein optischer Abwärtslift funktioniert wieder! (Um es zu erklären: er starrt aufs Bücherregal in der dunklen Hälfte seines Zimmers, fixiert mit seinem Blick gedankenlos und unaufmerksam eines der Regalbretter mit den Büchern darauf und auf einmal sinken die ziemlich deutlich und ziemlich schnell nach unten: Dann ist sozusagen Filmschnitt und sie sind wieder oben am ursprünglichen Platz und sinken sofort wieder ab – und bleiben dann natürlich an ihrer Stelle. Das geht recht flott in kurzen Sprüngen. Manchmal bildet er sich was-weiß-ich-was auf diese optische Täuschung ein, so in dem Sinne, als würde er Wunder sehen und hätte sein Alltagsgeschau ausgetrickst. Der Narr! - der innere Spötter.)

Ja, ich werde das Licht abdrehen, mich zum Schlafen hinlegen und auf den Regen horchen.


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4594 Halb

 



14:46.  Schnell etwas hinkritzeln? Maximal zehn Minuten habe ich Zeit. In Hof 9 fegt der Wind gedankenverloren das abgefallene Laub umher. Und die Regenwolken ziehen schon auf. Der Wind tut noch nicht so richtig und hält sich noch zynisch zurück, als bereite er sich provozierend spielerisch auf den Wetterumsturz vor. Aber in manchen Böen zeigt er schon seine Kraft. Die trockenen Blätter rascheln unheilverkündend auf dem Asphalt. Die Menschen - scheint’s – ahnen noch nichts. Einer am Fahrrad pfeift sogar halbfröhlich (ahnt er es doch schon und will die halbe Angst vertreiben?).


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com