4611 Die Zisterzienser in England
10:21 a.m. Nun bin ich in meinem Lieblingscafé angekommen. Ziemlich voll hier. Ich fühle mich schon schuldig, weil ich nur Kaffee trinke und nichts dazu esse und somit einen begehrten Platz versitze. Ich hatte schon im Vorfeld befürchtet, dass, wenn ich mich auf etwas freue, die Götter neidisch werden werden und mir hineinscheißen. Noch weiche ich nicht vor meinem schlechten Gewissen, das mir sagt, dass ich ein Versager bin, der es nicht geschafft hat und dem so etwas wie Kaffeehaussitzen und Zeitunglesen und gar Schreiben gar nicht zusteht. Vielleicht kann ich mich doch noch entspannen. Ich hole mir eine Zeitung.
Der Standard ist nicht in der Zeitungsablage. So nehme ich zuerst die Salzburger Nachrichten. Aber dann traue ich mich, in den Gastgarten zu gehen und den, der den Standard am Tisch liegen hat, ohne ihn zu lesen, zu fragen, ob er ihn noch braucht, und er überläßt ihn mir. Das sind die wichtigen kleinen Schritte gegen die Depression.
10:58 a.m. Irgendwie funktioniert es heute nicht richtig. Ein (unbekannter!) Vorarlberger am Nebentisch lacht so laut schreiend, dass es mir in den Ohren weh tut. Ich kann mich nicht entspannen.
Jetzt wird es leerer herinnen, weil es wärmer wird und immer mehr Leute draußen in der Laube sitzen. So kann ich besser atmen (das sind schon größenwahnsinnige Ansprüche, dass ein Lokal, dass er frequentiert, leer sein soll! Und dann trinkt er nur ein, zwei Kaffees! - der innere Spötter). In meinem Geiste gehe ich auf Reisen (auf seinem T-Shirt steht Geisterfahrer – der innere Spötter) und beschäftige mich mit kruh und chleb. Dieses Ausweichmanöver hilft mir aber schon, mich zu entspannen und nicht mehr wie auf Nadeln zu sitzen.
Zur Lesung heute, zu der ich persönlich eingeladen worden bin, werde ich trotz Zusage doch nicht gehen; die Ansammlung so gescheiter, gebildeter, mehr oder weniger fröhlicher, erfolgreicher Schriftsteller halte ich in meiner Depri nicht aus; ich würde mir dort wie der letzte, dumme, stinkende Trottel vorkommen (das sind alles seine Dämonen! - der innere Spötter). Das würde mein labiles System nicht aushalten. Das kommt mir selbst sehr unvernünftig vor, denn solche Kontakte können einem Schreiberling nützlich sein, aber – das stelle ich mehr fest, als dass ich mich dazu entschlossen habe – ich habe es anscheinend aufgegeben, mit meiner Schreiberei irgendwo irgendwie zu reüssieren zu wollen und bezweifle selber deren Qualität. Ich scheibe sozusagen nur mehr fürs Protokoll (die letzten 11 schubladisiereten Texte haben keine LeserInnen gefunden – der Tipper) und strebe auch keine Lesungen mehr an (obwohl meine Texte laut vorgelesen gehörten, um ihre Wirkung zu entfalten) (so sie eine haben - der innere Spötter).
11:29 a.m. Ach, erst jetzt mein erster Blick auf den hoffnungsvollen Lichtengel.
Ich versuche, alle schlechten Gedanken wegzuschieben beziehungsweise vorbeiziehen und am Ende des inneren Tunnels in den Abgrund abstürzen zu lassen. Sind das aus den Boxen schon die Posaunen von Jericho? Oder die des jüngsten Tages? (wie war das mit „die-schlechten-Gedanken-durchwinken“? - der innere Spötter.) Ich kann „Welt“ einfach nicht (und wie war das vorhin mit der „Eroberung des Standard“? - der innere Spötter). Ain’t Got No aus den Boxen von einer mir unbekannten Sängerin mit Klavierbegleitung (aber hair hast du auch nur mehr wenig am Kopf – der innere Spötter). Nach einem kurzen Geplauder mit einem Kellner bin ich ganz aufgewühlt - einfach nur, weil er mit mir geredet hat - und weil aus den Boxen jetzt Mercy, Mercy, Mercy von Joe Zawinul ertönt, schaue ich nach, woher der Name Zawinul kommt; ich hatte aus Rumänien vermutet, aber die KI sagt Südmähren. Oh! Ich sehe am Licht draußen auf der Burggasse, dass sich Wolken vor die Sonne geschoben haben. Die Depri ist aber verflogen; also ist alles gut gegangen. (Wenn ich nicht aufpasse wie ein Haftelmacher und auf manche Gedanken erst gar nicht einsteige, ist sie schnell wieder da. Sie hat mich schon wieder angehaucht.) Ich werde wohl meine Wanderung durch die Stadt bald antreten. Weil wir vorhin über die großen Vierkanthöfe in Oberösterreich gesprochen haben, fallen mir die Zisterzienser in England ein, die mit ihrer erfolgreichen Landwirtschaft mit fabrikartiger Arbeitsdisziplin und ohne Erbteilungen den freien Bauernstand ruiniert haben und deren große, reiche Güter nach dem Bruch mit der katholischen Kirche unter Heinrich VIII an dessen Gefolgsleute vergeben wurden, weshalb es viele reiche Landlords gibt. Das erkläre ich in Gedanken dem englischen Kellner. So! Jetzt ist es genug! Abmarsch! (manchmal muß er mit sich streng sein – der innere Spötter). Aber mit ein bisserl echter und ein bisserl phantasierter Kommunikation halte ich mich über Wasser. Da kannst du sagen, was du willst!
(15.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite