Montag, 21. September 2026

4615 Aus dem Graben

 



13:57.  Das Grundstück auf der anderen Seite der Straße ist von jedem Bewuchs befreit (wobei befreit beschönigend ist, denn was hat eine Wiese davon, wenn alle ihre Pflanzen deportiert sind?) und die blanke Erde oben ist eingeebnet. Steil und braun fällt das Grundstück zur viel tiefer gelegenen Straße ab. Schaut nach baldigem Baubeginn aus. Dass etwas Schönes gebaut wird, erwarte ich nicht; eher etwas geistig und geschmacklich Verwahrlostes wie die Neubauten rundherum. Unten zieht der lästige Autoverkehr lautstark vorüber, aber oben ziehen still die schönen Wolken. Still und majestätisch ziehen sie. In der Sonne ist es noch heiß (im Schatten 24° Celsius). Man hört nicht nur den dichten Autoverkehr, sondern auch überdeutlich die Gespräche der Ein- und Aussteigenden aus dem Graben herauf. Ab und zu sehe ich den einsamen Helm eines Radfahrers tief unten vorbeigleiten; tiefer in den Graben hinein sehe ich von hier aus nicht. Nur an einer löchrigen Stelle gibt die Hecke gerade so viel frei, dass man das obere Drittel der Autos kurz vorbeiflitzen sehen kann (wovor fliehen sie? Fliehen, Intensivform: flitzen; wie schneiden – schnitzen etc.). Der Lärm und das undeutliche Sekundengeflitze lenkt so sehr ab, dass ich die schönen Wolken aus dem Blick verloren habe. Eine nahe Krähe ruft und eine Heuschrecke krabbelt über den Tisch. Einige Menschen hier liegen und schlafen im Garten. Die Kappen der Fußgänger kann man doch auch an der Lücke der Hecke vorbei schweben sehen. Die Krähe entfernt sich langsam, aber stetig. Der Autolärm hört einfach nicht auf (was hat aufhören mit hören zu tun?). Nur selten entsteht eine kurze Pause, wo die Seele aufzuatmen beginnt, aber bevor man richtig eingeatmet hat, kommt schon das nächste Auto und erschreckt einen. Es steckt schon unglaublich viel Aggression und Zerstörungswut im ehemaligen technischen Fortschritt, darum wird der Lärm auch so bedrohlich empfunden. Nur die, die sich eindeutig auf die Seite der Zerstörer geschlagen haben, jubeln bei aufheulenden Motoren und merken nicht, dass sie sich letztlich gar nicht selbst ermächtigt, sondern unterworfen haben. Dieses Autogedröhn ist so nahe und stark; ich kann dabei die Umgebung nicht beschreiben.

Meine Armbanduhr zeigt keine Ziffern an, oder kann ich sie im Sonnenlicht nicht sehen? Wäre natürlich auch wichtig und interessant, wie viel Zerstörung und Arbeitsleid in der leiseren, moderneren Technologie steckt. Irgendwo aus dem Graben kommt komprimiertes, hochgepresstes Sekundengelächter herauf.


(19.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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