Donnerstag, 30. Oktober 2025

4272 So schnell schreibe ich nicht

 



13:07.  An der Wand gegenüber hinter der Reihe von vier Deckenlichtern mit schönen Lampenschirmen – ich mußte mich erst zur Seite beugen, um die Leuchten zählen zu können, denn auf der ganzen Wand gegenüber befindet sich über die gesamte Breite ein Spiegel, und erst indem ich mich zur Seite beugte, konnte ich die echten von den gespiegelten Lampen unterscheiden, also optisch ist es eine Reihe von acht leuchtenden Lampen, unter deren letzter an der Spiegelwand gegenüber mein Spiegelbild sitzt und dahinter an der Wand das Spiegelbild des schaukelnden Mädchens, das – das Bild nämlich - sich in Wirklichkeit hinter mir befindet. Aus den Boxen kommt forcierter und sophisticateter Soul. Vier mit kleinen, liebevoll mit kleinen Blümchen besteckten, rundlichen Vasen geschmückte Tische reihen sich hinter dem Tisch, an dem ich residiere, und dem frei gelassenen Durchgang ins Lokal vom Eingang links – die vier Tische spiegeln sich nicht gegenüber, weil die Spiegelfläche nur bis zur Lehne der Sitzbank herunter reicht. Die Musik aus den Boxen gefällt mir immer mehr, ein forciertes und sophisticatetes Cover eines alten Hits, den ich gut kenne, aber dennoch weder Titel noch Originalinterpret mir einfallen wollen. Jetzt startet ein Song, der mit einem schönen Gitarrengezupfe beginnt, das ich mit einem Wolf-Biermann-Lied assoziiere, aber das sich als Intro zu einem Leonard-Cohen-Song herausstellt. Wobei der Song auf mich durchaus etwas fremd wirkt, vermutlich neu gemischt und mit der modernen Wiedergabetechnik viel klarer und transparenter – man kann fast zwischen die Stimme und den einzelnen Instrumenten hineinhören – als damals auf meinem kleinen Transistorradio oder gar aus dem alten Radio am Wohnzimmerboard mit dem Zierdeckerl und links und rechts den zwei Photos der zwei gefallenen SS-Brüder meiner Mutter. Obwohl damals ein Cohen-Fan war ich inzwischen davon abgekommen; aber jetzt hat mir dieser Song gerade in seiner neuen Gestalt sehr gefallen und stärkere Gefühle (wenn nicht doch bloß Sentimentalität – der innere Spötter) ausgelöst. Bei meiner Schreiberei bin ich nun schon in den zweiten Song nach Cohen hineingeraten – so schnell schreibe ich nicht – und um auch den neuen, unbekannten zu beschreiben, fehlen mir jetzt Kraft und Energie. So lege ich das an der Tischkante gekippt aufgelegte Notizbuch flach auf den Tisch, nehme die Lesebrille ab und lege sie mit dem Schreibstift auf die Tischplatte und blicke einfach so herum – noch immer von einer schönen, leichten Trauer umspült, während ich durch die Fenster den vorbeifahrenden Autos und vorbeigehenden PassantInnen nachschaue und den Wind in den Sonnensegeln, die über den Schanigarten gespannt sind, und in den langen Haaren eines Gastes, der draußen mit dem Rücken zur Hauswand und damit auch zu mir sitzt, registriere und nachblicke. Jetzt kommt noch ein männlicher, älterer Gast mit langen Haaren und Dutt – wie der draußen – herein und schaut mich fragend bis kritisch an (wobei älterer bei mir immer noch jünger als ich heißt). Auch er beginnt in einem Notizbuch zu schreiben. Ich sollte aufhören und nach Hause gehen, sonst wird dieser Text wieder so lang und beim Eintippen dann erschöpfe ich mich und bekomme vom Sitzen Kreuzweh. Der andere Schreiber verwendet – wenn ich es von hier richtig sehe – nur einen billigen Kugelschreiber, keinen Pilotstift und weil er öfters herschaut, frage ich mich, ob er vielleicht mich beschreibt – wie ich ihn - oder ob der Blick nur neidisch ist, weil ich in einem durch dahinschreibe und gar nicht aufhören kann, während er nur ab und zu etwas notiert. Ein Cohenlied wieder, aber sicher bin ich mir nicht; es kommt mir die Stimme etwas, wenn auch ganz wenig anders vor, als ich die Stimme Cohens ins Erinnerung habe, aber wie gesagt: vielleicht habe ich sie früher nie so deutlich gehört. Mir fällt auf, wie jüdisch – was immer das hier genau bedeutet – seine Lieder sind. Jetzt singt übrigens Nina Simone und spielt grandios Klavier – auch eine Musikgröße meiner Jugend – aber trotzdem … - sie spielt jetzt geradezu klassisches Klavier, mit den sanften, schwingenden Jazzrhythmen der Begleitband unterlegt – und ich bin völlig hingerissen – aber trotzdem werde ich zahlen und gehen. (Und später hat er beim Augarten den zweiten Schreiber aus dem Katscheli mit dem Fahrrad vorbeifahren gesehen – der Tipper.)


(30.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4271 Die Retrospektive

 



9:42 a.m.  Ich wache spät, aber ausgeschlafen und erholt auf. Geträumt habe ich von einer Ausstellung Retrospektive Peter Alois Rumpf. Genauer gesagt davon, wie mir die Idee gekommen ist und ich den Entschluß gefaßt habe, sie zu verwirklichen. Dabei habe ich von mir keine alten Bilder mehr; ich habe sie alle während der döbranitischen Gefangenschaft in den frühen Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zerstört. Und ob von den verkauften noch welche wiederzufinden und aufzutreiben wären, ist fraglich. Das hatte ich im Traum vergessen. Egal, es war ja nur eine Traum-Idee. Ich beginne, mich mit dem heutigen Tag zu befassen und was meine nächsten Schritte sein könnten. Einkaufen gehen nicht vergessen. Das Surren in den Ohren scheint vom Träumen her noch stark aufgedreht zu sein und beginnt mir beinah ein wenig Angst zu machen. Das wäre neu; bisher habe ich es einfach hinnehmen können. Das ist sicher nur eine vorübergehende Anwandlung. Ich bin gut ausgeschlafen und fühle mich … stark trau ich mich nicht hinschreiben (wer weiß, was ich mir mit dieser Behauptung einhandle!), aber etwas Ähnliches. Also, der erste Schritt wird wohl das Frühstücken sein. Die Tageskinder sind schon da, aber das sollte auch kein Problem sein, wenn ich hinunter in die Küche gehe.


(30.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4270 Mir ist kalt

 



15:56.  Mir ist kalt. Es ist aber nicht kalt im Zimmer. Laut Thermometer knapp 21°C. Um das festzustellen bin ich vom Bett, auf dem ich liegend gelesen habe, aufgestanden und zum Schreibtisch gegangen. Und da erblicke ich über das Dachbodenfenster oben auf der gegenüber liegenden Wand des Lichtschachts, auf das ich vom Schreibtisch aus sehen kann, den gespiegelten Ausschnitt vom Gebäude, in dem ich mich befinde, oben wo das Dach auf der Mauer aufsitzt, überraschend noch mit einem Sonnenlichtflecken, der vom Schatten des Taubengitters, das über den gesamten Lichtschacht gezogen ist, im wahrsten Sinne des Wortes durchkreuzt wird. Darüber ein blaues, gedunkeltes Stück Himmel, vom Taubengitter itself, nicht von seinem Schatten, ebenfalls durchkreuzt. Ich liebe solche Anblicke, und sie rufen in mir eine solche Sehnsucht hervor, die ich nicht wirklich verstehen kann. Spielt sich dort oben an der Dachkante das wahre Leben ab (Licht!)? Hat sie es in diesem Abendlicht schon hinter sich? Das Sonnenlicht im gespiegelten Bild wird immer schwächer und fahler, bald wird es hier verloschen sein (wir wissen natürlich, dass es an anderer Stelle weiterleuchtet). Jetzt liegt es nur mehr ganz oben rötlich am Rauchfang, von dem man fast nur die obere Abdeckung sieht, und das verzerrt von den Schlieren und Unregelmäßigkeiten des alten Fensterglases, sowohl bei meinem Zimmerfenster, als auch beim Dachbodenfenster oben gegenüber. Ich höre Türen laut zuschlagen, während jetzt am Kamin das restliche, nur mehr ganz schwach rötliche Licht verlischt. Ein Vogel fliegt durch den Fensterspiegel, zu schnell, als dass ich ihn beschreiben und benennen könnte. Ich vermute auf Grund des kurzen Anblicks eines ausgebreiteten Flügels eine Taube, mit denen angeblich der Himmel signiert. In meinem Zimmer bräuchte man schon Licht; ich sitze aber noch da und schaue auf das Dachbodenfenster und seine dumpf gewordene Spiegelung.


(29.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 28. Oktober 2025

4269 Weinen bei Abramović

 



12:55.  Schon auf der Fußwanderung zur Abramović, dort, wo ich mich entschieden habe, die Abzweigung zur Albertina modern zu nehmen, kommen mir bereits die Tränen in die Augen. In der Ausstellung selbst, in der Videopassage, will es mit dem Weinen nicht funktionieren. Wahrscheinlich ist es inzwischen schon Programm und zu gewollt und ein zu ausgedachter Zugang. Abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, wenn man, um den inneren Schmerz wahrnehmen und spüren zu können, einen äußeren Auslöser braucht. Nur als ich das Video mit der Frau mit dem Brautschleier sehe – am Hochzeitstag zu The Artist Is Present? - und mich umdrehe, um das entsprechende Video vom Gesicht der Frau Abramović zu betrachten, und es mir vorkommt, als würde die Künstlerin bald losheulen, wassern meine Augen ein wenig. Ja, solche Erlebnisse wie hier beim ersten Besuch sind nicht wiederholbar, weil schon intellektuell zurechtgelegt und verklammert. Die innere Abwehr kennt sich schon aus und läßt sich nicht mehr überraschen. Aber gut, es ist, wie es ist. Ich werde noch ein wenig herumgehen und zum ersten Mal den Sitz und die Liege ausprobieren.

Sitz und Liege sind aus Metall – ich tippe auf Kupfer mit Grünspan. Der Sitz ist äußerst unbequem, weil ich die Füße nicht abstützen kann und die harte Kante der harten Sitzfläche in die Oberschenkel schneidet (vielleicht sitze ich auch falsch). Aber die Liege geht, und die Kopf/Nackenstütze – obwohl ebenfalls aus Metall – ist bequem. Hier halte ich es länger aus (wenn auch nicht sehr lange – der innere Spötter). Gleich am Anfang, als ich meine Muskeln, auch die des Gesichtes, zu entspannen versuche, beginnt mein Kinn zu vibrieren und zu zittern. Ich schließe die Augen, weil das Deckenlicht blendet. Dann stehe ich – nicht wirklich mühelos – wieder auf. Dieses Geheule, die Selbstverletzungen und das Knochenschaben gehen mir heute gehörig auf die Nerven (was immer das bedeutet). Ich entwickle eine ekelbesetzte innere Abwehr. Ich wechsle den Standort und gehe wieder zum Gang zwischen den zwei Videowalls von The Artist Is Present. Aber vorher noch will den White Dragon ausprobieren, auf dem man stehen kann – Green Dragon ist die Liege, Red Dragon der Sitz – aber in meiner Aufregung und Verunsicherung schaffe ich es nicht, das nur einen halben Meter über dem Boden befindliche, aber schmale und kleine Podest, das an der Wand montiert ist, zu besteigen. So eine Art Höhenangst; auch meinem lädierten Knie und meiner kreuzmäßig eingeschränkten Bewegungsfreiheit geschuldet, aber wohl doch zu neunzig Prozent einer unbestimmten Angst.

Ich hoffe, dass an den Videowalls die gegenüber gezeigten Sequenzen Publikum – Künstlerin exakt übereinstimmen; dass man also die Frau Abramović genau in der Sitzung sieht, wo sie der gegenüber gezeigten Person in die Augen schaut. Sicher ist das allerdings nicht. Ich weiß es nicht, gehe aber beim Betrachten davon aus. Mein Geist jedoch will sich beim Betrachten der Videos sofort ablenken und sucht den Mann, der mehrfach vorkommt, manchmal doppelt und dreimal gleichzeitig, aber in unterschiedlicher Bekleidung. Ich habe schon fünf Variationen mit und von ihm gezählt. Außerdem habe ich den kaum bezähmbaren Impuls, die anderen Betrachter auf diesen zwei oder drei Mal gleichzeitig anwesenden Mann aufmerksam zu machen, indem ich zum Beispiel auf seine dritte Anwesenheit zeigen möchte, wenn sie seine zweifache entdeckt haben. Mein nicht zur Entfaltung gekommener Lehrer bricht durch (und der hätte seinen Schülern und Studenten vermutlich oft die Freude am eigenen Entdecken aus Übereifer genommen). Alles nur, um den hochkommenden Schmerz abzudämpfen und im vergeblichen Versuch, sich beliebt zu machen.


(28.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4268 In der Fensternische zum Hof

 



11:12 a.m.  Ich sitze ganz hinten in der Fensternische zum Hof im zweiten Raum. Durch den Durchgang und den ersten Raum sehe ich direkt auf die Eingangstür, und durch das Glas auf Gehsteig und Laube und durch die Zweige und Blätter ein wenig auf die stark befahrene Burggasse. Hinter mir höre ich, wie Holz geschlichtet wird, vielleicht kommt das aber in Wirklichkeit vom Keller, dessen Tür sich zwei Meter links vor mir befindet. Ich täusche mich oft bei den Bewegungen der Schallwellen. Doch, es wird so sein, denn einer der Kellner öffnet diese Tür und stapft die Stiegen zum Holz hinab und somit ist klar: das schöne, heimelige, sympathische Geräusch der aneinander stoßenden Holzklötze aus dem Bereich hinter meinem Rücken zu hören, war eine akustische Täuschung, wenn nicht der Keller bis an die Wand hinter mir reicht. Heimelig ist auch der Holzofen, in dem die Holzscheite lodernd brennen und glühen, was man wegen der durchsichtigen Ofentüren (ich habe vergessen, wie diese feuerfeste, durchsichtige Material heißt) sehen kann. Von meinem Sitzplatz aus ist der schöne, alte Ofen durch den Aufbau zur Kellerstiege verstellt, aber ich kann das Bild des angeheizten Ofens jederzeit in mir abrufen. Ah! Jetzt habe ich es verstanden – ich bin nämlich aufgestanden, habe mich umgedreht und aus dem Fenster höher oben in den Hof geschaut: das Holz ist genau vorm Fenster im Hof gelagert und wird von dort – vermutlich über ein Kellerfenster – in den Keller geworfen. Also: meine erster Eindruck war richtig.

Ich sehe den 48A vorbeifahren. Auch meine Vermutung, dass das Holz durch ein Kellerfenster geworfen wird, hat sich bestätigt – diesmal bin ich nicht extra vom Sitz aufgestanden, sondern von der Zeitungsstellage zurückgekommen, wo ich die Kleine Zeitung gesucht und nicht gefunden habe. Hab ich schon den Wind erwähnt, der heute stark ist und die Zweige der Platane draußen über der Laube und der anderen Gewächse fest schüttelt?

Auch hier im Hinterzimmer sind die Wände blau, aber die Decke mit Holz verschallt. Ich habe hier tatsächlich einen Tunnelblick und registriere die Passanten und Autos jedesmal überrascht und mit verzögerter Reaktion, wenn sie plötzlich das Tunnelende queren und von der einen Seite her auftauchen und, bevor ich sie erfassen könnte, auf der anderen Seite verschwinden. Die Musik aus den Boxen kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich erkenne sie nicht, wie Coverversionen der B-Hits meiner Jugend, oder durch Remix entfremdet. So zwischen Rock und Soul. Eh nicht unangenehm, diese rauen, jammernden Stimmen und bettelnden Akkorde. Jetzt träume ich lächelnd von gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg als Schriftsteller – lediglich in kleinem Rahmen (die gesellschaftliche Anerkennung). Nun bin ich etwas traurig. Soll ich am Heimweg bei der Abramović weinen gehen? Jetzt geht die Musik Richtung Nashville, und das geht an meine Schmerzgrenze. Ich ziehe das Tablett mit dem Kaffee zur besseren Erreichbarkeit näher an mich heran, weil ich das Notizbuch nicht mehr am Tisch liegen, sondern auf dem linken, überschlagenen Oberschenkel aufgelegt habe. Ich gebe zu, die beanstandete Musik ist in ihrer Branche von der feineren, edleren Sorte. In ihrer Branche! Mich würde interessieren: stellt jemand die Boxenmusik bewußt zusammen, oder lassen sie nach einer grundlegenden Richtungsangabe die Maschine weitertun und weiterassoziieren? Mir rinnt die Nase. Manche Blätter sind schon braun oder gelb. Es wird wohl langsam Zeit für mich. Jetzt kommt mir die Musik wieder banaler vor, wie die bessere Berieselungsmusik meiner Jugend (wann war diese Sendung? 10 oder 11 Uhr vormittags?). Dennoch punktet diese Banalität mit ihrer wirklichen oder vermeintlichen Vertrautheit. Ich gehe jetzt. Obwohl mir der Aufbruch aus dieser langweiligen, heimeligen Melancholie doch schwer fällt und das Bedürfnis, darin zu versinken, stark wird, verstärkt nun durch eine weibliche Sängerin mit ihrem schwermütigen Gesang aus den Boxen.


(28.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4267 Ma!

 



8:21 a.m.  Ma! Ist das herrlich! Am Morgen – das Rollo ist schon hochgezogen – in meinem kleinen Zimmer herumzuschauen und die Augen am bunten, stillen Reichtum der Bilder und Bücher zu weiden. Eine beglückende Fülle strömt auf meine Sinne ein. Ich hocke im Bett und schaue nur. Ich denke schon, ich könnte aufstehen und losziehen, aber diese ungeschickte Herrlichkeit meiner Kemenate möchte ich noch etwas genießen. Ich schiebe meine Lesebrille hoch, um alles besser sehen zu können (und schiebe sie wieder herunter, um das aufzuschreiben), und lasse meinen Blick liebevoll über all die Bilder gleiten, verweile ein wenig bei dem einen oder anderem, staune fast darüber, wie ich die bunten Bücher im Regal geschlichtet und gestapelt habe, manche schon fast unangenehm schief, was jedoch eine tolle Spannung in diesem Stilleben (sic!) erzeugt. Länger gehen meine Augen auf den drei größeren Bildern oben unter dem Plafond (Mali Lošinj, Rettenschoess und Veli Lošinj) hin und her (das geht auch einfach über den Brillenrand). Ganz tief atme ich ein und erleichtert aus. Das wird es wohl gewesen sein. Ich starte.


(28.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4266 Mein Zimmerreich

 



19:17. Im Nach(t)zug nach Lissabon (das mit dem Nachzug bin ich). [Naja, er läßt sich hald (sic!) von Romanen – ich meine die geschriebenen, nicht die ethnischen – gerne aufwühlen und begeistern und glaubt dann, unmögliche und unverständliche Scherze anbringen zu dürfen – der innere Spötter.] Unten übt die Yogagruppe, darum läuft jetzt die Heizung; ansonsten ist sie nur zur Tageskinderzeit an. Deswegen ist es jetzt angenehm warm im Zimmer. Und wie ich schon berichtet habe, habe ich überraschend Geld in meiner Geldbörse gefunden, etwas mehr als € 30.- - die werde ich morgen – so Gott will – bei einem Frühstück im Lieblingscafé ausgeben und darauf freue ich mich riesig. Natürlich könnte ich auch zu Hause und billiger frühstücken, aber es ist so ein tolles Gefühl, dort zu sitzen, zu essen, die Zeitungen zu lesen, schreiben … ich bin so froh, dass sich das – wie gesagt: so Gott will – finanziell ausgeht. Ist das Sturm, was ich da draußen höre? Oder ein Gerät oder eine Maschine? Ich steh jetzt nicht vom Bett, auf dem ich liege, auf, um das zu überprüfen. Mein geliebtes, kleines Zimmerreich! Ich wäre schon wieder hungrig. Dabei esse ich im Unterschied zu früher eh schon dreimal am Tag; früher bin ich mit zweimal ausgekommen. Oh! Oh! Oh! Oh: Mali Lošinj und Rettenschoess haben sich ein wenig gedreht. Und an meiner Schreibhand gibt es Anzeichen einer blauen Aura. Nur so ein bläuliches Leuchten ganz bei der Haut der Handkante und der der Finger, das aber nur ganz kurz aufblitzt. Also nicht der Rede wert (warum scheibst du es dann? Normalerweise ist man bei Schreibe strenger als bei Rede! - der innere Spötter). Solche Phänomene gibt es sonst erst um Mitternacht. Bin ich schon müde? Nein (und nun gähnt er ausführlich – der innere Spötter). Das kann auch leichter Sauerstoffmangel sein, denn ich lüfte jetzt nicht, um die Wärme zu halten.


(27.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4265 Ganz schnell

 



13:37.  Ganz schnell, bevor ich zur Therapie aufbrechen muß: ich habe in meinem Portemonnaie mehr Geld gefunden, als ich in Erinnerung hatte. Deshalb gieße ich jetzt in einem Lokal einen Kaffee hinunter. Mein Shut-down ist aufgeweicht. Ich muß mich verschaut haben; ich glaube nicht, dass mir ein Millionär € 30.- heimlich und anonym zugesteckt hat. Ich muß aufhören, denn wenn ich jetzt weiterschreibe, bekomme ich den Kaffee nicht weg. Danke für die Aufmerksamkeit.

Und ich bin heute ausnahmsweise nicht zu Fuß in die Therapie gegangen, weil es zu stark geregnet hat.


(27.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4264 Wie Wellen

 



23:57.  Man liest ein Buch, hört ein Musikstück, betrachtet ein Bild … und plötzlich ist der ganze Raum, die ganze Existenz von etwas erfüllt, das man nicht benennen kann. Auch nicht verstehen. Wie eine nicht wahrnehmbare Anwesenheit. Ein bisschen wie … - das ist ein ganz schwacher Vergleich – nach einem lauten Knall; etwas hat sich verschoben und das Ganze verschiebt sich mit. Nur dass dieser „Knall“ völlig lautlos war und nur an seiner Auswirkung … ich trau mich nicht hinschreiben: erkannt werden kann. Freilich: diese Auswirkungen verflüchtigen sich nach einer Weile, wie Wellen, wenn sich die Wasseroberfläche beruhigt. Ich ahne, dass es nicht so sein müßte, sondern dass diese Veränderung festgehalten werden könnte. Aber ich kann es nicht.


(26.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4263 Bahnsteig 9

 



20:18.  Ich sitze am Hauptbahnhof sehr ungemütlich; die zwei Wartebereiche sind offen in einem zugigen, ungeschützten, unruhigen Durchgang zwischen den Aufgängen zu den Bahnsteigen und den zwei Hallen sozusagen, voll besetzt, ich kann mich nur langsam beruhigen. An richtiges Schreiben ist nicht zu denken (sonst schreibst du richtig? - der innere Spötter). Die Hektik hier – nicht verwunderlich natürlich – setzt mir zu. Wahrscheinlich ist meine Art zu gehen zu machen einen Spaziergang und meine Art zu leben die Einsiedelei. Einige Gäste hier wirken betrunken; auch das ist mir unangenehm. Hinaufgehen zu den Bahnsteigen, wo es freier ist, will ich noch nicht; ich bin für die Kälte zu leicht angezogen. In zehn Minuten sollte der Zug ankommen. Vier Minuten Verspätung. Das geht. Wenn es dabei bleibt. Ich zwinge mich, auf gleichgültig und gelassen zu spielen. Es soll sich ja niemand Sorgen machen (richtiger gesagt: er will auf-Teufel-komm-raus vermeiden, die Aufmerksamkeit irgendwelcher Rowdys oder Obrigkeitsschergen auf sich zu lenken – der innere Spötter). Na gut, ich geh rauf zu Bahnsteig 9.


(25.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4262 Du, ich freu mich

 



0:44 a.m.  Ach! Die Fremdheit in der Welt (wenn sie bei ihm überhaupt wahr ist – der innere Spötter)! Ich habe mir soeben den Wecker gestellt – offensichtlich habe ich kein Vertrauen mehr in meine innere Regulation. Früher, als ich noch mutiger wahr, habe ich mir nur vorm Einschlafen die Uhrzeit vorgesagt, zu der ich aufstehen wollte, und bin dann immer zur gewünschten Zeit aufgewacht, selbst wenn ich am Abend betrunken gewesen war und die Uhrzeit sehr früh. Ohne Alkohol kein Selbstvertrauen? Schaut so aus. Ich werde meine inneren Dämonen nicht los. Naja, wenn ich sterbe, müssen sie sich schleichen. Was macht mich heute so schwermütig, dass mir fast zum Heulen ist? Ich würde sagen: das Übliche. Dennoch bin ich der Meinung, dass Trauer einem Menschen zusteht. Er hat ein Recht darauf. Nicht nur, nicht immer, aber eine gehörige Portion. Ja, das denke ich.

Ich freue mich schon aufs Schlafen. Und wenn ich mich an ein paar Träume erinnern könnte, auch. Und auf ein stilles, ungestörtes Frühstück morgen, mit Brot und Käse und Tee. Ja, darauf freue ich mich.


(25.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 24. Oktober 2025

4261 Das verdammte Wort

 



8:28 a.m.  Jetzt ist es richtig Herbst. Die Schlechtwetterfront hat in der Nacht den Bäumen viel Laub heruntergerissen und ist weitergezogen. Aber es geht noch starker Wind. 9:17 a.m. So lange hocke ich schon da und will etwas aufschreiben, aber mein Geist bringt keine Formulierung zustande, sondern saust umher und gleitet an allem ab. Weibliches Gekicher aus einer Nachbarwohnung; auch mit dem kann ich nichts rechtes anfangen. Höchstens, dass sich bei mir ein wenig Neid heranschleicht (ob der besseren Stimmung dort, meint er - der innere Spötter). Und ein schönes, stilles, ungestörtes Frühstück? Kann dich das locken? Die Küche habe ich gestern noch aufgeräumt und geputzt. Oder? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob ich es nur geplant und mir bloß durchaus bildlich vorgestellt habe oder ausgeführt. Darum habe ich eine vage Erinnerung: es fragt sich nämlich, ob ich mich an das Aufräumen erinnere oder an die bildlich Vorstellung.

Ich bin jetzt ans Atelierfenster gegangen: es scheint die Sonne und der starke Wind jagt die Wolkenreste über den blauen Himmel und rüttelt und beugt die Bäume im Hof, und das ist so schön! Ein erhabenes Drama, von hoher … (- das verdammte Wort will mir nicht einfallen! Es war bis vor kurzem noch ein Modewort in den Firmen-PRs … mein Hirn ist wie vernagelt! Ich muß das Wort auslassen. Ich weiß aber genau, was ich meine!) und Majestät. Und immer wieder dieses betörende gelbe Licht auf den Blättern, den Stämmen, den Häusern und Dächern, das manchmal verschwindet und wiederkommt.

Nein, die Küche hatte ich gestern nicht ordentlich aufgeräumt, es ist noch vieles herumgestanden. Gleich ist ein Wutanfall über mich gekommen (aber nur kurz, er wußte ja auch nicht wohin und hat sich gleich selbst beschuldigt - der innere Spötter). Aber die Vorbereitungen für ein gutes Frühstück sind schon weit gediehen. Der Tee ist schon aufgegossen.
Nur das weiche Ei will mir in letzter Zeit nicht mehr gelingen, dabei konnte ich das früher ohne Uhr, nur indem ich auf meinen Instinkt vertraute und den inneren Impulsen folgte.

Gut, lenken wir uns mit Internet ab.


(24.102025)


Jetzt weiß ich es. Das Wort, das ich suchte, war Exzellenz. Beim Einschlafen gestern – ich hatte schon das Licht abgedreht, Abendgebet und Atemübungen absolviert und war schon am Einschlafen - da ist es mir plötzlich eingefallen. Der Satz lautet also: Ein erhabenes Drama von hoher Exzellenz und Majestät. Danke für die Geduld.


(25.10.2025)



Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4260 Die Schlaufen beim g

 



0:41 a.m.  In zwei Monaten ist Weihnachten, fällt mir gerade auf, und draußen prasselt der Regen nieder und gegen die Fensterscheiben. Heute war es noch warm, aber jetzt ist der Wettersturz angekommen. Nebenbei gesagt: wie soll man denn seiner Depression Herr werden, wenn die österreichischen Fußballvereine international alle verlieren? Bei Salzburg und Rapid ist es mir ja relativ wurscht, aber bei Sturm tut es mir weh. Naja, einmal schlafen, dann wird es wieder (einigermaßen) gut. Aber woran kann ich mich dann halbwegs aufrecht halten, wenn von außen nichts kommt? Das da innen ist zu wenig und gibt nicht viel her. Ende der Nebenbemerkungen.

Und was ist jetzt deine Hauptbemerkung? fragt mich mein innerer Spötter. Wenn ich das wüßte! Der Regen prasselt immer noch und die Tropfen auf das Fensterbrett formen einen interessanten Rhythmus, ja, mit den unterschiedlichen Tonhöhen fast eine elegische Melodei (sic!). (Ich muß die Schlaufen beim g tiefer runterziehen, sonst kann ich meine Schrift bald gar nicht mehr lesen; a und o sind schon oft nicht mehr zu unterscheiden, und manchmal sogar das e.)

Okay, du mit deiner vollen Hose hast leicht stinken! (Er meint nicht sich, sondern einen anderen, einen Ratschläger – der innere Korrektor.)

Der Regen hört sich wirklich schön an; ich werde ins Musikzimmer gehen und ihn vom Fenster aus auch anschauen.


(24.102025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4259 Nicht verlassen

 



8:29 a.m.  Boah! Gestern ging’s gleich bis heute 3 Uhr früh! Am Schreibtisch. Am Laptop. Im Internet.
Das Licht von draußen scheint benebelt zu sein; ob es stimmt werde ich erst sehen, wenn ich mein Zimmer verlassen haben werde. Es ist ganz still hier. Ohne nachzudenken und ohne mir dessen bewußt zu sein, starre ich minutenlang Mali Lošinj an und wach werde ich erst, als ich merke, dass ich von oben auf einen Wald blicke. Aber auf dem Bild ist kein Wald; es war das Meer, das mein unkonzentrierter Geist umgedeutet hat. Vielleicht wäre es besser, aufzustehen, sonst schlafe ich wieder ein. Aber die Ruhe da, die mir und meiner verwundeten Seele so gut tut, will ich noch nicht verlassen.


(23.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 22. Oktober 2025

4258 Shut-down

 



9:44 a.m.  Normalerweise wäre ich jetzt schon in einem Café und würde dort sitzen, Kaffee trinken, Zeitungen lesen, schreiben. Aber ich habe einen Shut-down bis Monatsende, weil ich nicht aufgepasst und mein Konto leicht, aber doch überzogen habe und das mag ich aus guten Gründen gar nicht. So bin ich noch im Bett geblieben, habe Erinnerungsfragmente aus der Kindheit und von später ungeordnet und in große zeitlichen Sprüngen an mir vorbeiziehen lassen und dabei ein paar erstaunliche Erkenntnisse gewonnen und es sind mir bisher völlig übersehene Zusammenhänge aufgegangen, die bis heute Auswirkungen haben.

Nun hocke ich im Bett, habe schon das Rollo (ich würde wirklich lieber die Rollo schreiben, wie es meinem ererbten Sprachgebrauch entspricht, aber immer schaffe ich es nicht, gegen den obrigkeitlichen Strom zu schwimmen) also habe schon das Rollo hochgezogen, schreibe, denke noch etwas den neuen Erkenntnissen nach und bin leicht irritiert, weil der Pilotstift, mit dem ich schreibe, an der Stelle, wo ich ihn halte, leicht klebrig ist. Die Tageskinder sind schon angekommen und aus dem Vorzimmer, wo sie ihre Außenkleidung ablegen beziehungsweise ihnen ausgezogen wird (teils - teils, wie sie es können), in ihre Aufenthaltsräume gegangen – so müssen sie nicht mehr durch die Küche gehen und ich störe sie jetzt nicht, wenn ich hinunter frühstücken komme. Das werde ich gleich tun, aber ein wenig genieße ich noch, wie ich gut zugedeckt im Bett hocke und das Tageslicht beim Fenster hereinkommen sehe und einen schönen Überblick über mein kleines Reich hier habe. Was das Klebrige am Pilotstift betrifft vermute ich Materialermüdung, denn der Stift ist sicherlich keinem Klebstoff ausgesetzt gewesen. Obwohl mein Geist schon an einer Szenerie arbeitet, wie Klebstoff auf den Pilotstift gelangt sein könnte, aber das, was er sich da ausdenkt, ist nicht glaubwürdig und äußerst unwahrscheinlich. Eigentlich unmöglich. (Oder eine deiner Knieheilsalben? - der Tipper.)


(22.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4257 Wirklich

 



0:30 a.m.  Ich habe in meinen Horoskopen geblättert und bin daraus nicht schlau geworden. Das war zu erwarten, denn ich habe wirklich alles vergessen und dieses alles war nicht viel. Ich will hald (sic!) immer noch mein Leben in Ordnung bringen und verstehen (anders herum wird es vermutlich nicht gehen).

Ich habe heute ein wirklich schönes Foto von mir gemacht, auf dem ich wirklich alt aussehe. Mein Magen knurrt und ich würde wirklich gerne noch etwas essen, aber ich habe heute schon so viel gegessen, dass ich es mir nicht erlaube. Die Müdigkeit wird immer stärker und bald werde ich ihr nachgeben. Ich habe heute viel erlebt, innen vor allem meine ich. Ich will mit dem Schlafen noch ein wenig warten, warum weiß ich nicht wirklich. Ständig kratze ich mich am Kopf, stimmt etwas mit meiner Haut nicht? Mir kommen meine Sätze so fremd vor, als kämen sie aus anderen Sprachen, aus einer anderen Wirklichkeit, so befremdlich in ihrer Form und Gestalt. Und in ihrem Klang, wenn ich sie mir im Geiste vorsage. Ich stelle Worte hin und her und verschiebe sie und alle Varianten sind komisch, nicht lustig. Meine Augen beginnen schon, mich zu narren; so spielt mir die Wahrnehmung mein abstraktes Kratzelbild als ein Porträt vor und ich sehe wirklich ein Gesicht. Aber ich habe es noch bemerkt, bevor es sich festsetzen konnte. Es wird jetzt doch Zeit zum Schlafen.


(22.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 21. Oktober 2025

4256 Abramović

 



12:01.  Bei Marina Abramović in der Albertina modern auf einer Sitzbank zwischen zwei Salzblöcken (meine Nase beginnt schon zu rinnen); vor mir das Video, wo sie nackt mit einem Skelett auf ihr am Boden liegt. Das Skelett – mit der Rückseite auf ihr – hebt und senkt sich mit ihren heftig anmutenden Atemzügen. Hinter mir wird geschrien und klappern die Knochen. Letzteres und die Selbstverletzungen im anderen Raum sind mir unangenehm. Was mich am meisten berührt sind die Gesichter derer, die sie bei The Artist Is Present (2010) anschaut, und die sie anschauen. Da kommen mir ständig die Tränen. Die Doppeldeutigkeit von anwesend und Geschenk! Ich verlasse den knöchrigen Raum, aber hier war die einzige Sitzbank.

Ich kehre wieder zu den Gesichtern zurück und nun weine ich wirklich. Ich gehe wieder zur Sitzbank, um zu schreiben und mir zittert immer noch das Kinn. Länger schaue ich The Kitchen – Levitation of Saint Teresa (2009) an.

Nun wandere ich in der Ausstellung herum, um dann wieder zu den Gesichtern zu gehen. Sehe ich auf den Videos jemanden, dem oder der die Tränen kommen, oder jemanden weinen, geht es mir genau so. Jedesmal wenn ich den Gang mit diesen Videos betrete. Auch die Künstlerin weint in manchen Begegnungen.

Nun aber sitze ich beim Tisch der Reiszähler, zähle aber keinen Reis und habe den Kopf“hörer“ auf, der die Geräusche abblockt. Nur wie von Ferne und gedämpft kommt manchmal ein Geräusch von Schritten zum Beispiel durch, aber völlig seinem Drumherum entkleidet. Eine interessante Erfahrung! Es kommen übrigens nicht alle Schritte durch, vor allem die von Stöckelschuhen oder sonstigen hohen Absätzen, die so aufknallen, aber wie gesagt: völlig gedämpft, reduziert, nackt bis auf den Kern. Ich blicke mich um nach Menschen, und sie gefallen mir in ihrer fast gänzlichen Lautlosigkeit. Ich will noch versuchen, das mit den Geräuschen genauer zu beschreiben, weil es für mich eine so ungewöhnliche Erfahrung ist: sie kommen als einzelne, unabhängige, isolierte Phänomene daher, sozusagen als seltene, einzelne Wesen für sich, abgelöst von ihrem Enstehungszusammenhang.
Eine Linse, die am Rande des Reis-Linsen-Rings außerhalb am Tisch liegt, schiebe ich in den vertieften, in den Tisch versenkten ringförmigen Behälter zurück. Jetzt erst entdecke ich zwei Reiskörner in Griffnähe am Tisch und schiebe sie schlußendlich ebenfalls zurück, wobei ich auf dem einen, zuerst entdeckten Reiskorn lange meinen linken Zeigefinger gelegt halte, während ich das schreibe. Ein drittes Reiskorn kann ich auch noch erreichen und verfahre mit ihm ebenso. Diese Lärmschutzkopf“hörer“ sind großartig! Dieser reduzierte akustische Wahrnehmungsinput – das ist wirklich ein toller Zustand. Nun blicke ich auf den stillstehenden, runden Strom aus Reis und Linsen und werde hungrig. Reis und Linsen waren einmal mein Hauptgericht, weil ich arm und Reis und Linsen billig waren. Ich habe sie mehrmals die Woche gegessen. Ich spiele etwas verlegen mit dem roten Bändchen meines Notizbuches, weil ich hier der einzige in der Runde am runden Tisch bin, der weder Reis noch Linsen zählt. Der Hunger beginnt mich zum Aufbruch nach Hause zu treiben. Als ich den Pilotstift ausklicke, höre ich das Geräusch gar nicht. Schaffe ich es, diese Schallschutzkopf“hörer“ abzulegen? Ohne Brille, die ich für den Aufbruch schon abgelegt und eingesteckt habe, wird es noch stiller, weil deren Bügel den Kopf“hörer“ nicht mehr am vollständigen Aufliegen hindern. Ich möchte noch jemanden in die Augen schauen, aber das geht nicht und ich traue mich auch nicht. Schweren Herzens stehe ich auf.

Dann gehe ich ins Freie hinaus und gerate in den Verkehrslärm und die Nase nimmt eine nahe Raucherwolke auf, die ich aber nicht sehe. Aber es ist sonnig und ich werde zu Fuß durch die Stadt nach Hause wandern.


(21.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4255 Bildungsbürgertum

 



9:07 a.m.  Das Aufstehen fällt mir schwer. Es ist warm in meinem frischluftarmen Zimmer. Ich muß mir mein ständiges Blödeln abgewöhnen, ist mir gerade gekommen. Mein Körper fühlt sich erschöpft an. Ich kämpfe noch gegen den Schlaf. Ich habe mir für heute viel vorgenommen. Ich schließe die Augen, bevor sie mir zufallen. Ein Flugzeug fliegt meinem Aufmerksamkeitshorizont entlang. Ich will ein Licht aufdrehen; es ist mir nicht gleich bewußt, dass es imaginär ist. Ich höre die Tageskinder kommen und die Landschaft, in die ich blicke, ist verschneit. Ich hätte für heute viel vor, aber habe auch genug Zeit – sage ich mir. Vielleicht ist es auch die Jahreszeit. Meine Finger fühlen sich überdimensioniert an, von innen und von außen. Womit habe ich in meiner Gymnasialzeit meine Zeichnungen an die Wand geheftet? Tacker hatten wir keinen. Ich kann mich nicht erinnern. Tixo? Ich weiß es nicht. Mir kommt vor, bald werde ich aufstehen können. Warum habe ich damals nach den Beatles noch Steppenwolf gezeichnet und an der Wand neben meinem Bett aufgehängt? Und warum dann auch den Mozart ganz oben? Von den Beatles war ich ein großer Fan, von Steppenwolf aber kannte ich nur Born To Be Wild. Und das war nicht soo weit oben auf meiner Liste. Und Mozart? Ein Tribut ans Bildungsbürgertum? Bei uns zu Hause wurde der Mozart nicht gehört und ob ich damals eine Symphonie von ihm kannte, bezweifle ich. In der Schule vielleicht (keine klare Erinnerung). Ich bin damals sicher nicht auf Klassik abgefahren, aber fühlte mich als braver Junge vielleicht ein wenig dazu verpflichtet. Na gut, The Nice! Die waren ganz oben auf meiner Liste. Zwar kein Mozart, eher Bach – soweit ich mich erinnern kann – also doch ein gymnasialer Tribut ans Bildungsbürgertum, in das ich hätte aufsteigen sollen, wollen, dürfen (oder doch nicht?)? Okay! Ich bin in der Wirklichkeit angekommen und stehe jetzt zum Frühstück auf.


(21.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4254 Am Knochengerüst

 



1:02 a.m.  Mein gesamtes Knochengerüst knackst vom linken Knie ausgehend bei jeder Bewegung. Fühlt sich wie baldiges Auseinanderfallen an. Es wird abends wieder spät bei mir. Kondensiert mein Atem in der Luft? Nein! Das kann hier im Zimmer nicht sein, auch wenn ich soeben gelüftet habe! Der Effekt muß von meinen schlecht gereinigten Brillengläsern kommen. Ich putze sie nochmals mit dem Überzug der Bettdecke. Es hilft nichts. Ich bekomme sie nicht wirklich sauber.

Ich lasse meine Zimmerwände mitsamt dem Regal absinken – auch so eine optische Täuschung wegen müder Augen, die ich allerdings manchmal herbeirufen kann. Aber nicht immer. Jetzt zum Beispiel nicht mehr.


(21.102025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4253 Nicht rasiert

 



17:50.  Heute habe ich es zum ersten Mal seit Monaten, wenn nicht Jahren, nicht geschafft, mich am Morgen – in der Früh wäre was den Zeitpunkt betrifft zu irreführend – zu rasieren. Das hängt mir selbstbildmäßig nach. Am Abend jedoch mach ich das nicht mehr. Im Fitnesstudio (alte Rechtschreibung! Erspart einen Buchstaben!), im Fitnesstudio also – und das ist wichtig – hatte ich bei einem Cover eines Red-Hot-Chili-Peppers-Songs aus den Berieselungsboxen mitgesungen! Mitten unter den athletischen Lackeln! Na, gesungen ist vielleicht etwas übertrieben, weil nur ansatzweise; gesummt kommt schon eher hin. Gut, und zu diesem Zeitpunkt waren nicht soo viele Leute im Saal. Und nicht alle athletisch. Und mehrheitlich waren Damen in meinem Trainingsbereich. Und in relativ gutem Abstand. Aber trotzdem! Ich habe meine Stimme er… er… er… erhoben wäre übertrieben, aber so ähnlich.

Dann habe ich meine letzte Übung ausgelassen, weil die Geräte besetzt waren und ich nicht warten wollte.

Aber jetzt habe ich mein Abendmahl eingenommen – ich hoffe, nicht zum letzten Mal – und der Tag hat sich geneiget.


(20.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4252 Voller Leben

 



9:00 a.m.  Das weiße, wolkenverhangene Licht stolpert beim Fenster herein. Der Holzrabe schaukelt noch vom Hochziehen des Rollos. Im Lichtschacht heult eine Lüftung, oder Klimaanlage ihre triste Melodie, verstummt und fängt gleich wieder von Neuem an. Ich bin noch müde und genieße das. Ich nehme mir die Zeit. Eine Tür wird irgendwo im Haus zugeschlagen. Meine Gedanken umkreisen den heutigen Tag und kommen zu keinem klaren Ergebnis. Das Licht im Zimmer wird heller oder kommt es mir nur so vor? Eine Passage eines Musikstücks von John Frusciante geistert mir durch den Kopf. Es soll nichts Schlimmeres passieren. Ich höre Stimmen durch die Mauern, aber verstehe nichts, nada, niente. Dieses Frusciantefragment liebe ich natürlich: es freut mich, dass es sich ständig abspielt.

Die Tageskinder kommen aus dem Park nach „Hause“. Bald wird es hier in der Wohnung voller Leben sein.


(20.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4251 Dann



0:30 a.m.  Ich will schlafen, denn mein Leib ist müde, aber mein Geist wach und aufgeweckt (und dabei dennoch schlampig). Deshalb schaue ich meine Hände an - weil mir nichts Besseres einfällt. Ich hebe also meine Hände vors Gesicht und starre unaufmerksam auf die Handflächen. Nein, nein, ich lese nicht in den Linien; das kann ich gar nicht! Nicht lange blicke ich die Hände an; das ist auch nicht notwendig. Dann merke ich, dass es irgendwo zieht und kalte Luft strömt. Erklären kann ich mir das nicht, denn alles ist zu. Dann gehe ich jetzt schlafen; meinen Geist werde ich schon mit den Atemübungen beruhigen.


(20.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4250 Klopft

 



9:45 a.m.  Mein Herz klopft. Ich weiß nicht, warum es das so heftig tut. Mein Blick sucht den dreifaltigen Wohnzimmerbaum ab und findet nur die kleine, weiße Papierkugel und die bunten Bänder, mit denen die Äste hochgebunden sind. Und natürlich das übliche Gewirr aus Ästen und Zweigen, Luftwurzeln, den Bambusstangen, die zur Stütze in den Töpfen stecken, und den grünen Blättern dreier unterschiedlicher Arten (Monstera, Benjamini, Avocado). Ich knabbere dünne Karottenschnitze und in Streifen geschnittenen Endiviensalat, alles roh, einfach so. Ich versuche, die zwischen den Zähnen steckengebliebenen Reste loszuwerden, was nur teilweise gelingt.

Jetzt ist das Frühstücksmüsli ins Bett gekommen und ich werde frühstücken.


(19.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4249 Aufschreiben?

 



9:14 a.m.  Gibt es etwas zum Aufschreiben? Nicht so wirklich. Ich lasse meinen Blick hin und her gleiten, dabei vermeide ich den Schirm der Leselampe mitten in meinem Gesichtsfeld. Wobei mich deren zwei leuchtenden Kreissegmente, die sich angeschielt auch noch überschneiden, doch nicht entgehen. Geräusche, die so klingen, als kämen sie von unten in der Wohnung, irritieren mich, denn da sollte jetzt niemand sein. Sie müssen aus dem Nachbarhaus kommen! Ja, das wird es sein. Jetzt steigen die Tageskinder das Stiegenhaus herauf. Also nocheinmal: gibt es etwas zum Aufschreiben? Das Warten auf Eingebung droht in Schlaf überzugehen. Ich werde stattdessen lesen.


(17.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 16. Oktober 2025

4248 Kein Text mehr

 



0:10 a.m.  Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen weltweit machen mir Angst. Mehr sage ich dazu nicht. Es gibt genug wirklich gescheite Analysen und Kommentare.

Das habe ich davon! Jetzt finde ich in keinen Text mehr hinein. Meine Assoziationskraft ist blockiert. Mein Geist von Gewaltphantasien überschwemmt und ich kann meine Seele nicht beruhigen. Meine Augen sehen nichts Wirkliches; die Bilder an den Wänden sind nur Schemen und ich halte meine linke Hand verkrampft zur Faust geballt. Kein Staub schwebt mehr durchs Zimmer; der hat sich schneller beruhigen können als ich. Ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt, und Verwirrung. Jetzt geht die Sache wieder von vorne los. Ich versuche, nicht darauf einzugehen. Der leuchtende Rand des Lampenschirms der Leselampe vor meiner Nase - weil ich den Lichtstrahl Richtung Notizbuch gedreht habe, sehe ich die Lampe von hinten und ganz an ihrem Rand kommt etwas Licht hin, vielleicht per Spiegelung, und dieser leuchtende, halbkreisförmige Rand ist wirklich sehr schön; erst recht in seiner Verdoppelung durch die aufs Notizbuch gerichteten Augen, was im Gesichtsfeld im Bereich der Lampe eine geschielte Verdoppelung erzeugt. Ich gebe mich diesem Augenspiel hin und beruhige mich dabei. Ich kann wieder die Bilder an der Wand sehen und schätze, dass ich bald schlafen werde.


(15.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4247 Gelb Rot Grau

 



17:45.  Das letzte Sonnenlicht auf den Dächern ganz oben bei den Rauchfängen, dieses schöne rötliche Gelb, seine Schatten von so intensivem Blaugrau. Direkt gegenüber verblasst es schon, am Haus rechts noch das letzte, immer rötlichere Aufglühen vorm Verschwinden. Der Himmel darüber stumm und schon grau. Das letzte Sonnenlicht ist so schön! So schön! Ich will den Blick nicht abwenden, diese sterbende Glut noch aufnehmen und mir einprägen.
Das wird das Lifthäuschen am Dach sein, wo es noch schwach glüht vorm Graublau des Himmels. Am Haus gegenüber ist das Sonnenlicht nur noch ganz dünn, ein kaum wahrnehmbarer Hauch. Ein Flugzeug rauscht bedeutungsschwer und nur akustisch durch die Szene, während die letzte Glut am Lichthäuschen verblasst und gleich verschwunden sein wird.
Graue Wolken kommen vom Norden herein. Ein leichter Hauch von Rosa noch vor dem Grau. In den Wohnungen gehen die ersten Lichter an und über das Grau der Wolken streift nun ein dünnes, rosa Abendrot. Die Zeit des Überganges.

Und jetzt kommt die Finsternis. Die Wesen des Tages weichen den Wesen der Nacht.


(14.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4246 Das kontemplative Leben

 



9:39 a.m.  Der Lichtengel hat heute nur einen Flügel (die zweite Lampe ist ausgefallen), aber über seinem unsichtbaren Haupt zittern kleine Sonnenlichtflecken, von den Schatten der Blätter der Fassadenbegrünung bewegt. Wie und über welche Spiegelungen das Sonnenlicht hier auf die Nordseite gelangt, ist mir schleierhaft. Es ist eindeutig Sonnenlicht, blass zwar, aber es kann nichts anderes sein.

Das Frühstück kommt.

Inzwischen ist das Licht-Schatten-Spiel über dem halbierten Engel größer, deutlicher und von betörender Schönheit und bis in den linken Flügel hinein gerückt. Ein schönes kleines Drama, ein kleiner Tanz der Schatten in der Lichtfläche. Ich könnte stundenlang zuschauen (geschwindelt! Er wird gleich an seinem Frühstück weiterfressen – der innere Spötter).

Jetzt, nachdem ich mein köstliches Frühstück beendet habe, sehe ich, wie mein wunderbares Licht-Schatten-Spiel schon den ganzen halben Engel erfaßt hat und sich über die Seitenwand der Fensternische und weiter zur Rückwand erstreckt und auch den Spiegel dort eingenommen hat. Das sind die Freuden des kontemplativen Lebens und jetzt – jetzt! - will ich nicht tauschen und diese Erfahrungen nicht nicht nicht missen (jetzt weiß er wieder nicht, wie man missen schreibt. Außerdem ist fraglich, ob seine Behauptung, das kontemplative Leben nicht tauschen zu mögen, einem Test standhielte: zum Beispiel eine Million auf sein Konto, und ob er dann doch mitzumischen versuchte und die Puppen tanzen ließe. Und dabei scheiterte – ich wette! Denn ob der dann so gescheit wäre, sich eine abgelegene, schöne, schlichte, bequeme und Top-Einsiedelei in schöner Landschaft einzurichten – wer weiß! - der innere Spötter).

Nach der Lektüre sehe ich: das schöne Licht-Schatten-Spiel ist verschwunden und nur mehr der gestreifte Licht-Schatten-Flügel des versehrten Lichtengels ziert die hellblaue Nischenwand. Im Fünfziger/sechziger-Jahre-Herrn mit der Trommel spiegeln sich die gelbbraunen Holzlatten der Garderobe; im Spiegel selbst: die Weinflaschen an der Wand. Ein Blick zum Hirschen – angeregt vom Hinzeigen auf die Sehenswürdigkeiten im Lokal einer mit spanischem oder doch italienischem Akzent Englisch sprechenden Gästin. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich auf die Fünfziger-Jahre-Kraniche aus Blech links hoch oben an der Wand blicke. Oh! Neuerlich tauchen Sonnenlichtflecken beim halberten Lichtengel auf. Der klarste, stärkste Lichtfleck befindet sich jedoch links unterm Spiegel, unter dem kleinen schemelartigen Minitischchen, das unter und neben dem Spiegel auf dem an der Wand befestigten Ablagebord steht. Der Lichtfleck verblasst schon wieder, aber dort bleiben noch Schatten der Beine des Tischchens, und Beine und Schatten bilden eine mysteriöse Säulenreihe en miniature, deren Elemente zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten angehören. Jetzt flunkert dort wieder ein ganz, ganz schwacher Lichtfleck für kurze Zeit auf (hast du eigentlich flackern gemeint? - der innere Spötter). (Nun ja, aber ich habe mich entschieden, beim flunkern zu bleiben, weil es – wie ich finde – interessantere Assoziationen hervorruft und mit dem Leicht-Daneben überrascht – der Autor.)

Jetzt fällt mir auf: ich halte schon die ganze Zeit meine linke Hand verkrampft zur Faust geballt. Die Musik wird lauter und gefällt mir gut. Ich spüre es physisch, wie der tolle Bass auf Ohren und Trommelfell aufschlägt. Und ich spüre das Schallwellenkonglomerat schon ein, zwei Zentimeter vor den Ohren als schwebenden Klangkörper. Meine Schnittenzeremonie gelingt makellos, obwohl ich beim Öffnen der Verpackung Schwierigkeiten hatte. Keine Brösel am Tisch. Am Rücken einer Kapuzenjacke an der Garderobe im Durchgang ist ein schöner Oktopus abgebildet, der mit seinen Fangarmen ein barockes Muster bildet. Ich bewundere Menschen, die im Kern in sich selbstverständlich sind und keine Sprünge haben. Das hat – glaube ich – damit nichts zu tun, aber ich denke schon seit Tagen an Maria Mazola, und ob ich ihr zufällig begegne, ohne sie zu erkennen (keine Sorge! Da war nichts! - der innere Spötter). Ich denke überhaupt oft an die Potschemu. Warum eigentlich? Um glorreichere Zeiten heraufzubeschwören und zu feiern? [Soo glorreich waren die alten Zeiten auch wieder nicht, als du vom Veranstalterstress überwältigt, aber schon gesehen hattest, dass das Konzert funktioniert und gut ankommt, eine halbe Flasche (gib nicht so an! Eine halbe kleine Flasche) Wodka schnell ausgetrunken und infolgedessen am Boden liegend zwei Drittel des großartigen Konzertes ver-, ver- - sagen wir hald (sic!): verschlafen hast – der innere Spötter]. 14.10.2025. 11:54 a.m. Eine kleine Fliege oder Mücke probiert meinen Kaffee. Oh! Oh! Wieder schöne Lichtspiele beim deutlich überblendeten Lichtengel. Nur wenige Flügelstrahlen können sich behaupten. Aber sie kommen wieder. Ich möchte fliegen. Möchte ich wirklich fliegen, oder sage ich das nur so?


(14.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4245 Nein! Stopp!

 



18:25.  Im Musikzimmer bei Weiler und Neuvalis. Links am Schreibtisch liegt das Handout für aktives Kniegelenkstraining bei Gonarthrose. Dort liegt es gut und lenkt mich nicht ab. Darunter noch ein kleiner Stapel weiterer Kunstkataloge. Mit Ehrfurcht und Trauer, auch ob des eigenen Verrats, lese ich im Katalog den exzellenten Artikel von Johannes Rauchenberger über Alois Neuhold/Neuvalis.

Jetzt blicke ich aus dem Fenster und seufze, schaue auf die erleuchteten Fenster und die dunklen Silhouetten (wie schreibt man das? Mußte nachschauen!) der Häuser gegenüber, mit dem falschen und zu kleinen Mond der im Fenster gespiegelten Deckenglühbirne und den durch die Spiegelungen entstellten Himmel. Eine Polizeisirene – glaub ich – ertönt kurz, aber wirkt etwas kraftlos und verhalten. Vielleicht braucht sie zu diesem Anlass nicht mehr. Das Licht meiner Tischlampe, die mich blendet, wenn ich den Kopf hebe, zittert und flimmert ein wenig und Schatten begleiten meine schreibende Hand. Ich bin ein Schriftsteller, hat die Therapeutin gesagt, und ich will es glauben. Ich weiß, eine blöde Frage (nein! Stopp! So hängst du dich nicht an die Bedeutung anderer! - der innere Zensor). (Und? Nachdem du im Erhabenen und Tiefgründigen herumgeblättert hast und müde geworden bist: ist wieder Zeit fürs wahnwitzige Internetsurfen? - der innere Spötter.)


(13.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4244 Geht mich nichts an

 



13:15.  Schwarzspanier geht – glaub ich – auf irgendeinen Orden zurück. Viel studentische Jugend ist unterwegs und kichert im Café. Auf dem Dach des Eingangs zur zukünftigen U5-Station – glaub ich – steht ein Arbeiter, bückt sich und zieht Kabel oder Schläuche. In meinem Nacken pulsiert ein leichter Schmerz. Also Schmerz ist zu viel gesagt; es sticht ein wenig, aber in rhythmischen Abfolgen. Wieder vorbei. Ich wiege mein Haupt hin und her, um eventuelle Reste der Verspannung im Nacken zu vertreiben. Was sagt meine innere Stimme? Keine Ahnung; sie kommt nicht durch. Ein kalter Luftzug affiziert (danke Doderer) meinen Nacken (bist du sicher, dass aff-izieren nicht etwas anderes bedeutet? - der innere Spötter). Jetzt kommt der Luftzug von vorne und bläst mir ins Gesicht. Ständiger Rückfahralarm von der Baustelle. Es stinkt nach Zigarettenrauch. Die StudentInnengruppe hinter mir diskutiert kichernd und lachend über „-innen“. Ich sitze draußen. Jetzt arbeiten zwei Arbeiter am Flachdach der U-Bahnstation. Was genau sie machen, erschließt sich mir nicht. Werden die Dächer begrünt und sie verteilen Erde und gießen sie? Oder tragen sie etwas anderes auf? Teer zum Beispiel? Aber es stinkt nicht nach Teer. Die Uhrzeit! 13:36. Noch zwanzig Minuten. Es ist laut hier: Autoverkehr und Baustelle. Immer mehr Gäste rauchen immer mehr – ich sitze in einer stinkenden Wolke. Eine ethnische Asiatin sagt „steirisch“ und „steirische Weinstraße“, natürlich in ganzen Sätzen, die ich mir nicht dermerkt habe, wenn ich sie überhaupt verstanden habe. Wenn ich sie nicht verstanden habe, liegt es an meinem Gehör; sie spricht exzellentes, gehobenes Deutsch, vermutlich ist sie hier geboren und aufgewachsen (er wollte im deutschsprachigen Raum schreiben, aber dann hat sie ein bissi gesagt). Das geht mich ja alles nichts an!


(13.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 10. Oktober 2025

4243 Beinahe

 



13:43.  Wieder vorm Giacometti (femme debout III). Andächtig und amüsiert sitze ich kleiner Wicht sieben Meter vor der großen, schlanken, vollbusigen Frau und lasse mich vom Drumherum nicht ablenken (aber vom dunkelblauen Pilotstift, der soeben seinen Geist aufgegeben hat. Wechsel auf Dunkelrot – der innere Spötter) (Und er läßt sich doch auch vom Drumherum ablenken! Vom Video rechts unten zum Beispiel – der innere Spötter). Ich sammle meine Aufmerksamkeit wieder und konzentriere mich auch die große, schöne Frau. Wie sie dasteht! Ist sie aus der Erde gewachsen? Dieses Kunstwerk wird Bestand haben, in alle Ewigkeit. Aber was berührt und bewegt mich so? Das geht ganz tief. Was wird da bei mir angeschlagen? Ich komme nicht drauf. Irgendwas mit den „Verbündeten“? Wer weiß.

Aus der Nähe hat sie etwas Erschreckendes. Vor allem das Gesicht. Wirklich Erschreckendes. Entsetzen und Verwüstung. Schönheit und Élégance sind abgesunken. Wie eine geschändete Landschaft nach einem Krieg. Wie eine geschändete Frau. Die femme verliert jedoch ihre Würde nicht. Und letztlich auch nicht die Schönheit und die Élégance.

Nun bin ich wieder zu Frau Kapusta gepilgert. Weil die Sitzplätze vorm Video im Nebenraum besetzt sind, stehe ich im Hauptraum unter den Giants herum und vor der großen, verfremdeten Schrift. Können wir nicht mehr verstehen, was wir sagen wollen? Aus dem Nebenraum tönen die Begleitmusik und die geshatterte Stimme herein und wie immer gehen sie mir in ihrer Monotonie und ihrem „kosmischen“ Touch sehr nahe. Die Sitzplätze vorm Video sind frei geworden und ich habe mich hingesetzt und schaue der zersplitternden Faust zu.

Eigentlich lebe ich im Luxus. Ich kann hier in Wien jederzeit die unglaublichsten Kunstwerke besuchen und mit meiner Jahreskarte auch preisgünstig. Auch hier, vor diesen Kunstwerken, kann ich es nicht wirklich artikulieren, was mir so tief hinein geht, dass mir beinah zum Weinen ist. Der gesprochene Text ist es nicht, denn ich verstehe kein Englisch. Ich halte es fast nicht mehr aus und will gehen. Aber ich gehe nicht. Jetzt gehe ich.

Ich gebe mir noch im vierten Untergeschoß die schöne Yoko Ono (cut piece), wie sie sich diesen Rüpeln ausliefert, aber doch souverän bleibt. Sie verliert ihre Würde nicht, obwohl sie beinahe weint.


(9.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4242 Begeisterung

 



12:24.  Beim (teilweisen) Fußmarsch zum Lieblingscafé geht ein junger Mann vor mir, der ein Notizbuch mit Lesezeichenbändchen – wie ich es habe – lässig in der Hand trägt. Ja, kann man mit Büchern wieder angeben? Geht das wieder rein? Zwar zieht er dann gekonnt lässig ein Smartphone aus seiner Gesäßtasche und drückt kurz darauf – vermutlich um die Musik in seinen kabellosen Ohrenstöpseln zu steuern – aber ein Buch! sogar ein Notizbuch! in der Hand durch die Stadt tragen! Kommen für unsereinen wieder bessere Zeiten? Ja blöd, dass mich gerade jetzt die Grazer Autorinnen Autorenversammlung nicht in ihre Reihen aufnehmen hat wollen, wo man mit Lesen und Schreiben anscheinend wieder publikums- uns öffentlichkeitswirksam angeben kann. Naja, wurscht! (Wahrscheinlich wird er noch sieben Jahre darauf herumreiten – der innere Spötter). Lassen wir das. Gehen wir pinkeln.

Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich an den Tisch zurückkomme. Es ist heute leerer herinnen als in letzter Zeit, weil nicht wenige wieder draußen sitzen. Ach, mein Lichtengel dort in der getarnten Andachtsnische; direkt unter ihm sind drei Mützen übereinandergestapelt, die zum Verkauf angeboten werden und meines Wissens den Genuß von Wein bewerben. Der Herr an der Wand daneben schlägt in einem Fünfziger/Sechzigerjahreanzug auf eine große Trommel (keine Ahnung, wie eine solche heißt; ich müßte meinen kompetenten Bruder fragen). Das Foto stammt sicherlich aus der Zeit.

Ein alter Mann mit zusammengeklappter Staffelei und Glatze kommt herein und geht ohne dieses Ding wieder hinaus. Hinter der Bar fällt ein Blechtablett zu Boden und scheppert sehr laut. Angenehme, reggoide Musik aus den Boxen. Erst jetzt bestelle ich meinen zweiten Cappuccino oder meine zweite Melange (er ist sich unschlüssig, ob er wieder zu Melange zurückkehren soll, oder doch bei Cappuccino bleiben. Er kann sich nicht entscheiden, welches Wort ihm lieber ist: das eingemeindete französische oder das italienisierte österreichische – der innere Spötter).

Ein fröhliches Baby im Kinderwagen ist hereingekommen und herausgehoben klopft es begeistert auf die große Schiefertafel an der Wand. Bei der heutigen Schnittenzeremonie war ich unachtsam und habe mehr auf den Tisch und als in den Kaffee gebröselt. Das Lokal füllt sich wieder. Ein Hund kommt in die Stube, aber nicht allein. Genausowenig wie das Baby vorhin (wann ist eigentlich der Übergang vom Baby zum Kleinkind? Ich muß meine kompetente Frau fragen) (Ihre Antwort: mit einem Jahr – der Tipper). Es interessiert sich schon sehr für das aufleuchtende Handy der Vaters und eine ebensolche Armbanduhr der Mutter. Meine Erinnerungen aus dieser Zeit wären auch sehr interessant. Irgendwo sind sie gespeichert. Von der Botschaft auf der anderen Schiefertafel an der anderen Wand weiß ich, dass jetzt Sturmzeit ist (obwohl der Klubfußball pausiert weil die Nationalmannschaften spielen – der innere Spötter) (Österreich – San Marino: 10 – 0! - der Tipper). Ein Achterl Sturm, bio, weiß, kostet € 3.-. Jetzt habe ich dem Kind doch kurz zugewunken. Seine Reaktion war verhalten. Aber man fühlt sich geehrt, wenn es kurz herschaut und einen registriert (Warum? Das ist auch eine interessante Frage). Der Kinderwagen ist eigentlich ein Buggy; also ist das „Baby“ schon eher ein Kleinkind; es steht – wackelig zwar – auf der Sitzbank.

Zum ersten Mal in meinem Leben fällt mir über den Flaschen- und Gläserregalen die bronzefarbenen, gehämmerten Blechblenden auf, die die Beleuchtung der Regale nach vorne hin abdecken. Nur die zweite Blende von rechts ist silbern.

Zum dritten Mal winke ich dem Kind zu – es schaut eher skeptisch drein (zu recht! zu recht! - der innere Spötter). Jetzt ergreift es trotz alternativer Angebote der Eltern eine Untertasse und untersucht sie gründlich, bis sie ihm weggenommen wird. Es gibt ja auch andere Wunder rundherum, die nicht so zerbrechlich sind. Ich war schon ein Helikoptervater. Ungern gebe ich das zu. Das Kind singt jetzt und neugierig versucht es, um die Ecke zu blicken und beugt sich dafür weit vor. Ich glaub, das geht sich trotzdem nicht aus. Es wird jetzt richtig voll hier.


(9.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 9. Oktober 2025

4241 Lautstärke

 



1:22 a.m.  Ich bin vom Surren eingehüllt, eingebettet könnte man sagen, eingebettet in ein Konglomerat aus Tönen, Schwingungen, Vibrationen, ja sogar gewisse (und ungewisse – der innere Spötter) Rhythmen scheinen feststellbar. Dieser Klangteppich, dem eine eindeutige Neigung ins Schrille zugeschrieben werden kann, ist jedoch in sich differenziert, verändert sich, rückt zum Beispiel von rechts nach links, shattert, wird lauter, wird leiser – wie gesagt: in sich differenziert: ein Tonstrang verändert sich so, ein anderer anders in eine andere Richtung. Und ich habe den Eindruck, dass dieser Geräuschstrom eigentlich immer da ist, aber nur in relativer Stille gehört wird, beziehungsweise in den Vordergrund tritt. Dabei ist er sehr laut, wenn man ihn läßt.


(9.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4240 Spielraum

 



16:25.  Von draußen stinkt Zigarettenrauch herein, auf den ich sofort mit Kopfweh reagiere. Das kommt mir selbst maßlos übertrieben vor, aber Fakten sind Fakten (abgesehen davon, dass Kopfweh ein zu starker Begriff dafür ist. Aber wie nennt man das? Spüren tut er es im Kopf schon wirklich und sofort – der innere Spötter). Die Musik ist französischer Pop. Ich vermute den Kellner dafür als verantwortlich. Der sitzt draußen, und raucht er auch? Die Musik ist eh schön. Was hat mir an den französischen Filmen so gefallen? Ich komme mit der Antwort auf keinen grünen Zweig. Außer „Existenzialismus“ kommt mir nichts in den Sinn. Immer, wenn ich glaube ein psychologisches Motiv gefunden zu haben und anführen will, fällt mit ein Gegenargument, ein Gegenbeispiel ein, das es widerlegt. Egal. Ich lasse das fallen.

Ich muß so viel gähnen. Ich bin so müde. Ich sollte regelmäßigen Mittagsschlaf einführen. Ist zu Hause die erste Wäsche schon fertig? Ich habe vergessen, beim Weggehen auf die Uhr zu schauen. Ich schätze, noch nicht, aber bald. Die zweite, vierziggrädige Wäsche könnte zu viel für eine Maschine sein. Drei Maschinen werden sich auch bis Mitternacht ausgehen. Ein zweiter Geschirrspülgang ist ebenfalls zu erwarten; im ersten habe ich nicht alles untergebracht und jetzt dürfte einiges wegen dem Spielraum dazukommen. Ein bißchen Gymnasiastenmusik ist das schon. Der Mann mit der Schiebermütze draußen vorm Lokal schaut mich durchs Fenster mit wilden, stechenden Augen an. Ich werde bald gehen, aber nicht wegen ihm. Ich fürchte mich nicht (Papier ist geduldig, und noch haben wir einen einigermaßen funktionierenden Rechtsstaat – der innere Spötter).


(8.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4239 Die Holzflügel

 



9:27 a.m.  Mein Holzrabe am Fenster schaukelt nicht einfach hin und her, sondern hebt und senkt in der Aufwärme seine Holzflügel. Habe ich beim Gießen der vielen Zimmerpflanzen oben und unten zu viel Wasser gegeben und werden die Töpfe überlaufen? Ich darf nicht so überschwenglich gießen! Ich muß mich beherrschen. Die Pflanzen brauchen nicht so viel „Liebe“ (er hat recht mit den Anführungszeichen, wahre Liebe ist das nicht – der innere Spötter).

Wo sind wir jetzt? Beim gestrigen Besuch im Kunsthistorischen Museum. Mein Handy düdelt. Na gut, wenden wir uns der Außenwelt zu. Das Handy teilt mir mit, dass ich vor gut 23 Stunden einen Anruf versäumt habe.


(8.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 8. Oktober 2025

4238 Eingebung

 



12:53.  Ich bin einer Eingebung folgend an der Kreuzung Museumstraße/Bellariastraße von meinem Heimweg abgebogen und ins Kunsthistorische Museum gewandert und so sitze ich nun endlich – meine Füße haben schon weh getan – vor dem Gemälde Josef’s Traum, das mir beim ersten Umherschauen im ersten betretenen Saal in die Augen gestochen ist – nicht ohne vorher von drei älteren bis alten Damen genervt zu sein, die alle Plätze auf der Bank vorm Bild eingenommen und ihr Zeug darauf ausgebreitet hatten, dann offensichtlich Anstalten zum Aufbruch machten - wodurch ich mich auf den frei werdenden Sitzplatz vorm zu betrachtenden Bild freute und beschloß, auf deren Weggehen zu warten – aber die dann dennoch zehn Minuten brauchten, bis sie ihr Regengewand angezogen, all ihr Zeugs verstaut und alles zurechtgezupft hatten, bevor sie sich endlich von der Bank erhoben haben und dann noch fünf Minuten im Stehen davor an sich und ihrer Kleidung weitergezupft und gezogen haben, bevor sie endlich abgegangen sind (er kann schon ein arrogantes Arschloch sein und die Zeitangaben sind maßlos übertrieben – der innere Korrektor). Also jetzt sitze ich vor dem Heiligen Josef, den ich in echt für einen wahren Gentleman halte, und seinem traumflüsternden Engel, der natürlich zeittypisch so völlig falsch und unglaubwürdig wie ein frühpubertäres Mädchen ausschaut. Der Josef selbst schaut ein wenig wild aus; auf den ersten Blick hätte ich einen der Einsiedler oder Johannes den Täufer vermutet, erst der Blick auf das bildbeschreibende Schild hat mich eines Besseren belehrt. Gut, er schläft im Sitzen, den Kopf auf den aufgestellten, angewinkelten Arm gestützt, dabei kann man schon etwas derangiert aussehen. Gut, er war ein Handwerker, da darf man schon proletarisch ausschauen mit kräftigen Muskeln und aufgekrempelten Ärmeln (genug herumgeschleimt? Lies vom Taferl noch den Maler, den korrekten Titel und die Jahreszahl ab und dann Weitermarsch! - der innere Spötter). Nein, ein wenig sitze ich noch. Warum hält der Josef einen Stecken, der ihm fast aus der Hand rutscht? Gleich daneben hängt der unsägliche Josef II. und schaut betroppezt drein; ein wenig, als tät er sich fürchten. Wer ist der zweite Mann neben ihm? Also: das erste Bild heißt Traum des Heiligen Joseph, 1773/74, von Anton Raphael Mengs; das Bild daneben ist von Pompeo Batoni, 1769 und heißt Kaiser Josef II. und Peter Leopold, Großherzog der Toskana. Beim ersten Bild geht es um den Traum mit der Aufforderung zur Flucht nach Ägypten; und beim zweiten: die zwei Herrschaften sind Brüder.

Eigentlich wollte ich an den ganzen Schinken, die mich heillos überfordern und meine Atmung lähmen, vorbei eilen, aber gleich im nächsten Saal bin ich beim Selbstmord Kleopatras (Guido Cagnacci) hängen geblieben, weil da lauter Damen mit nacktem Oberkörper zu sehen sind. Die schauen alle erstaunlich mitteleuropäisch aus. Ich blicke im Saal umher, um die Fixierung auf die Brüste zu lösen, aber – puh! - ich halte diese finsteren Hintergründe und die herausleuchtenden Leiber und Visagen kaum aus. Mir fehlt eindeutig die Geduld. Der Hieronymus vom selben Maler ist obszön, wie ihm das nicht verknotete Lendentuch abrutscht und ein Eckerl der Schambehaarung freigibt. Weiter! Weiter! Weiter! Nicht hinschauen! Ein kleiner Superman stapft in einem Tagtraum verfangen zu Boden blickend, fest auftretend und eine Hand zur Faust geballt, durch den Saal. Ich schätze so 7,8 Jahre, im Supermananzug und spricht mit seiner Oma Italienisch. Weiter! Weiter! Weiter! Da drüben sind wieder ein paar nackte Busen, aber diese komisch verdrehten oder erstarrten Gestalten und theatralischen und gelangweilten Gesichter! Nein! Nein! Weiter! Weiter! (Ich fürchte mich schon vor der Tippereiarbeit – der zukünftige Tipper.) Viel nackte – nicht nur – Weiber und dazwischen ein paar pseudoreligiöse Szenen und ein paar Großkopferte – der eine hat ein aufgedunsenes Alkoholikergesicht. Ich gehe in der Zeit zurück und freu mich schon auf die lustigen Niederländer. Dort werde ich aufatmen. Die sollten bald kommen. Ein paar wirklich interessante Porträts übersehe ich. Weiter! Moment! Hier ist Endstation! Ich versuche über die Seitenkabinette – an einem fast schon pädophilen Engelärschlein vorbei – weiterzukommen. Auch abgesperrt. Man muß umdrehen und den gleichen Weg zurück gehen. Weiter!

Jetzt scheine ich an unzähligen nackten Leibern vorbei doch einen Weg zu den Niederländern gefunden zu haben, aber ich wollte zu den Bruegels & Co., bin aber jetzt beim Porträt der Teresa von Avila von Rubens stehen geblieben und verweile dort, denn das Anschauen dieses Bildes hat mir die Tränen hinter die Augen getrieben. Wahnsinn! Das kleine Bild besteht locker mitten unter den großen, fetten, üppigen Schinken. Unmittelbar vor dem Bild habe ich keinen Sitzplatz gefunden; so muß ich aus einigen Metern quer durch den Saal hinschauen, darum kann ich das beurteilen: es strahlt bescheiden, aber unbeeindruckt zwischen dem ganzen Irrsinn heraus. Und nur dieses Bild; der Heilige Hieronymus in Kardinalstracht schafft das nicht. Was für ein klares, still leuchtendes Gesicht der Heiligen Teresa! Was für ein schönes Gesicht! (ich habe jetzt davor einen Sitzplatz gefunden). (Das Bild gefällt ihm ja nur, weil er es von einem Buchdeckel kennt – der innere Spötter.) Nachdem eine Gruppe Japaner mir die gute Sicht verstellt … - nein, sie gehen weiter – ich bleibe noch. Ich finde, man kann in ihrem Gesicht ihre Kämpfe ablesen, aber ihre Augen sind noch ganz frisch und jung und es liegt wirklich etwas Verklärtes auf ihr, etwas, das wirklich aus dem anderen Bereich kommt. Und sie hat eine Schreibfeder schreibbereit in der einen und ein Notizbuch in der anderen Hand. Sie ist Schriftstellerin! (ohne in der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung aufgenommen zu sein!) (Kusch! - der innere Zensor.) ich trenne mich schweren und erleichterten Herzens und wandere weiter.

Endlich bei den Bruegels! Das sind Bilder und keine atembelastende Schinken. Mein Herz geht wieder auf. Leichter Farbauftrag. Die Barocke war schon weitgehend dekadent (jetzt weiß er wieder nicht, wie man dekadent schreibt! - der innere Spötter). Ich habe den Herbst und den Winter vor mir (ich erspare mir, die korrekten Titel abzulesen). Es ist viel Betrieb hier, dauernd rennen einem Leute durchs Blickfeld, wie auch ich Leuten durchs Blickfeld gerannt bin. Diese furchtbare Massakerszene von Betlehem! Von der Weiten ein so schönes Bild. Ich komme gar nicht zu den lustigen Bildern hinter mir. Ein ständiges Knarren des Parkettbodens (wie schreibt man Parkett?). Ich weide meine Augen in diesem Saal. Lächelnd wandere ich nun an den zwei lustigen Wimmelbildern vorbei, die gerade von einer Gruppe Tiroler SchülerInnen belagert werden, bevor ich das Ganze durch den unvermeidbaren Shop verlassen muß. (Habe mir dort doch einen Magnet von Jäger im Schnee gekauft und inzwischen in meinem Zimmer platziert.)


(7.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 7. Oktober 2025

4237 In den Nischen

 



9:56 a.m.  Beim Weggehen heute ins Lieblingscafé hatte ich plötzlich die Eingebung, meinen Schmuck anzulegen, was ich seit Monaten, wenn nicht Jahren nicht mehr gemacht habe; die drei Ringe und das Zeug, das ich mir um den Hals hänge und das unsichtbar bleibt (und dass er jetzt so schnell zu schreiben begonnen hat, obwohl er nach dem großen Wiener Frühstück noch gar nicht zu seiner Lektüre gekommen ist, hat damit zu tun, dass am Nebentisch ein älterer bis alter Herr gesessen ist, der sehr professionell in seinen Notizen geblättert und sie handschriftlich ergänzt hat – vielleicht ein Schriftsteller? Vielleicht von einem Verlag? - und der offensichtlich am Aufbrechen war und schon gezahlt hat und den unser Autor noch irgendwie beeindrucken wollte, indem er blitzschnell Notizbuch und Schreibzeug herausgeholt und auf den Tisch geschmissen und sofort zu schreiben angefangen hat. Und Lektüre ist auch übertrieben: er blättert im Standard und in der Kleinen Zeitung herum; das ist es. Das arme Würstchen will entdeckt werden! - der innere Spötter).


Jetzt kommt Maestro Manfredu Schu herein, mit dem ich mich verabredet habe und mit dem ich dann lange über Fitness und Dehnen und Selbstverlegen von Texten geplaudert habe.


12:04.  Heute sitze ich 354° N und schaue direkt zum Fenster auf Straße und Laube hinaus, in der auch ein paar Tapfere (Raucherinnen) sitzen, während der Wind die Äste der großen Platane über ihren Häuptern schaukelt (Stimmt nicht ganz: direkt über ihren Köpfen befindet sich die Dachplane, darüber und davor wippen die Platanenzweige - der innere Korrektor). Über der Glasfront zur Straße, die hier Burggasse heißt, blickte mich, wenn er noch Augen hätte, aus einer der Nischen ein Hirsch an, genauer gesagt: sein Schädel mit einem zwölfer Geweih (ein siebentes Spitzerl scheint sich an seinem linken Geweihast vor seinem Tod gerade erst gebildet zu haben). Nun der zum Ritus gewordener Blick auf den Lichtengel (sprich: auf die Lichtstrahlen aus den zwei Lampen mit durchlöcherten Metallschirmen in der Nische beim linken Fenster). Viel ist es heute nicht, aber ich will, muß, kann, darf gehen.


(7.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4236 Ich bin ein Schriftsteller

 



8:01 a.m.  Im Lichtschacht röhrt eine Klimaanlage, und im Zimmer klackert die soeben angesprungene Heizung. Bald werde ich aufstehen (das interessiert die LeserInnen doch, oder? - der innere Spötter). Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, ja. Die Klimaanlage draußen stockt und stottert. Über das Geräusch bin ich mir nicht mehr im Klaren. Doch ein Flugzeug? Aber da ist noch etwas dabei; so ruckartig können die Schallwellen doch nicht vom Wind vertragen werden.

Wenden wir uns der eigenen Baustelle zu: Nein! Von meinem eigenen Schriftstellerproblem möchte ich nicht schon wieder schreiben! Gut. Okay. Übe ich ein bisschen: Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. (Bei den Strafarbeiten in der Schule mußte man den einzuprägenden Satz hundert Mal schreiben. Händisch! Ohne kopieren und einfügen – der innere Spötter.) Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller.


(7.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4235 Ich lache selbst

 



0:10 a.m.  In der Psychotherapie heute ist es tatsächlich um die Ablehnung meiner Aufnahme in die Grazer Autorinnen Autoren Versammlung gegangen. Und ich bin wirklich rausgegangen mit der Sicherheit, ein Schriftsteller zu sein. Jetzt in der Nacht ist es schon wieder wackeliger. Ich bin ein Gefäß mit Sprung. Aber das überstehe ich.

So hocke ich wieder im Bett und lauere und warte auf Inspiration. Und hoffe, dass der Text lustig wird. Ich freue mich sehr, wenn meine LeserInnen und HörerInnen lachen. Jetzt aber lache ich selbst in mich hinein, weil mir die Szene zwischen dem Schriftsteller Albert Drach und dem damaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk eingefallen ist, die sich anläßlich einer Ehrung für Drach abgespielt hat. Aber die brauche ich nicht nachzuerzählen. Erstens war ich nicht dabei und zweitens kennt die eh jeder. Darum lassen wir’s für heute bleiben.


(7.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4234 Das Anziehen!

 



13:23.  Drinnen ist nicht draußen und draußen ist nicht drinnen. Mit diesem supergescheiten Satz leite ich meine Feststellung ein, dass ich heute im Weltcafe wetterbedingt drinnen sitze, in der Cafeabteilung – die vom Restaurantbetrieb getrennt ist. Hier ist voll was los (um mich in salopper Sprache zu üben). Ich muß mich erst an innen gewöhnen, aber es geht. Ja, es geht gut. Diese Abteilung ist recht gemütlich: gepolsterte Bänke, niedere Tischchen. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, nach meinem Fitnesstraining am Vormittag und nach dem Mittagessen zu Hause vor der Psychotherapie hier einen Cappuccino zu trinken. So plaudert sich’s leichter. Hier ist junges Publikum, von der nahen Uni, nehme ich an. Das gefällt mir. Also bin ich wohl der einzige Ältere oder Alte hier. Nein, aus dem hinteren Restaurantbereich kommen soeben zwei nicht alte, aber ältere Herren mit natürlichen Glatzen und gehen zum Ausgang. Ich darf die Zeit nicht übersehen. 13:33, geht noch. Bilder sind auch an der Wand. Der Kaffee ist sehr gut. Ich werde schon unruhig, dabei habe ich noch locker zehn Minuten Zeit. Draußen regnet oder nieselt es ständig und kalt ist s auch. Nicht soo kalt, aber man braucht viel Gewand. Das Anziehen!


(6.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4233 Vorsatz

 



23:28.  Ich will "8" schreiben und schreibe "5". Kein Tippfehler, denn ich schreibe mit der Hand. Ich verstehe diese Fehlleistungen nicht!

Meine fünftägige, persönliche „Staatstrauer“ ist nun zu Ende. Morgen wird wieder trainiert und ausreichend - mindestens 6000 Schritte täglich - gegangen. Das ist mein Vorsatz.


(5.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4232 Renoir-Bilder

 



12:05.  Ich sitze vor der Museum-Langmatt-Ausstellung im Unteren Belvedere (Impressionisten), warte auf meine Frau und betrachte zufällig meine Hände. Und ich erschrecke, weil sie so fremd sind. Klein kommen sie mir vor, aber wie kleine separate Wesen, die gar nicht zu mir gehören. Sie sind rundlicher, als ich sie in Erinnerung habe, und haben einen eigenartigen rötlichen Stich, besonders an ihren Rändern, Konturen hätte ich fast gesagt. Als ich das aufschreibe, vergeht dieser Eindruck. Dann gehen meine Frau und ich im herbstlichen Kammergarten spazieren, betrachten die verblühenden Blumen, den Efeu an der abgrenzenden Mauerfassade im Hintergrund und meine Frau sagt, sie sehe das jetzt mit impressionistischen Augen. Da erst geht mir auf, dass mich vorhin meine Hände an die Renoir-Bilder erinnert haben, die ich davor betrachtet hatte, kann aber erst jetzt den Zusammenhang herstellen: dass möglicherweise die Renoir-Bilder auf mein Sehen so eingewirkt haben, dass es sich für eine kurze Zeitspanne verändert hat.


(5.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 3. Oktober 2025

4231 Winken

 



13:21.  Ich habe so lange in den Zeitungen gelesen, dass es beinah zu spät zum Schreiben ist (na und?! Die Kratzer Autorinnen Autorenversammlung lehnt dich als Schriftsteller eh ab! - der innere Spötter). (Wäre es nicht schon längst Zeit, diese Anspielungen auf die Ablehnung bleiben zu lassen? - der innere Zensor.) Meine Gurgel ist vom Kaffee schon etwas verbittert. Ich darf dieses Thema nicht anschneiden, schon kommt eine Welle von Trauer daher (na und?! Schau ihr hald (sic!) zu, wie sie sich ausbreitet, irgendwo anbrandet, zurückläuft und mit Gott und der Welt interferiert – der innere Spötter). Meine Nase rinnt. Das macht sie sehr gerne hier. Kommt das vom Kaffee oder von der kalten Luft, die durch die offene Tür hereinkommt? (das weiß nur Gott allein! - der innere Spötter). Ich ziehe den Rotz, der durch schneuzen (Schnauze!!! Ich habe keine Schnauze!) nicht wegzubringen war – und das sind 99 Prozent – möglichst unauffällig hoch. Ja, ich habe eindeutig zu spät zu schreiben begonnen; ich sitze schon zu lange hier und werde sitztechnisch unruhig. Vielleicht hilft der Weg aufs Klo.

Nun ja. Ein wenig. Ich blicke mich erst jetzt genauer um: der goldene Gasballonstern schwebt immer noch über der Garderobe (Respekt vor der Abdichtung des Verschlusses – normalerweise entweicht das Gas viel schneller). Die Kreideansagen auf den zwei Schiefertafeln sind noch die selben wie bei meinem letzten Besuch vor vier Tagen. Ach, der Lampenlichtengel ist auch noch da, interessiert mich heute aber nicht so; eher rücken die fünf Fotos in der Ecke dort in meine Aufmerksamkeit, obwohl ich sie von hier aus wegen Entfernung und Spiegelungen nur schlecht erkennen kann. Gleich heule ich los, aber nicht wegen der Fotos (er heult nicht! - der innere Korrektor). Warum dann, weiß ich nicht und will es jetzt nicht wissen. Ich beobachte ein Kleinkind am Schoß seiner Mutter und winke ihm zu. Vielleicht ist das schon eine unangebrachte Einmischung in Leben und Integrität fremder Menschen. Es winkt zurück, aber vielleicht war mein Winken schon eine Nötigung, denn das Kind kann wohl nicht, oder fast nicht anders reagieren, wenn es angewunken wird. Und vor allem: mein Winken kommt aus meinem Bedürfnis nach – dann noch unschuldigem? - Kontakt. Oder kann ich dabei einfach ein zufällig anwesender Vertreter von Gesellschaft und Welt sein, der das Kind in deren Namen willkommen heißt (du als Vertreter von Gesellschaft und Welt!? Dass ich nicht lache! - der innere Spötter). (Gut, mag sein, dass mein Reich nicht von dieser Welt ist, aber dann kann ich vielleicht erst recht den Segen von denen drüben vermitteln und sichtbar machen?) Jetzt hat mir das Kind von sich aus zugewunken und ich winke zurück. Das Kind zeigt mit seinem rechten Zeigefinger auf die verschiedensten Gegenstände im Lokal, auch auf den goldenen Luftballonstern, und dieses Staunen in seinen Augen ist wahrlich ergreifend (als wir noch gesehen haben und die Welt ein einziges Wunder war!). Möge der „Lichtengel“ dort hinten das Kind beschützen! (Höre ich da einen falschen, sentimentalen Ton? - der innere Spötter). Und mit welchem Ernst das Kind die Gegenstände anschaut und studiert! Jetzt den schon einmal beschriebenen Krug auf dem hohen Tischchen neben der Garderobe.

Ich habe den Kaffee noch gar nicht ausgetrunken und mein innerer Impuls will, dass ich gehe. Vielleicht weil es hier voll wird und ich schon ewig beim kalt gewordenen Kaffee einen Sitzplatz versitze.

Am Heimweg sehe ich – zum ersten Mal fällt es mir auf – auf einem der oberen Stockwerke eines großen Ringstraßenprachtbaus ein Schild mit der Aufschrift easy life und einem stilisierten Schmetterling mit Flügeln, die in Herzerlform designt sind. Damit ist das Bild von einem „leichten Leben“ auf ewig desavouiert und kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich scheiß auf ein „leichtes Leben“, wenn ich damit mit meinem Geist (!), mit meiner Imagination, mit meinen inneren Bildern in die Einflußsphäre eines kitschigen Abnehmzentrums gerate! Her mit dem schweren Leben!


(3.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4230 Immer zwei

 



23:52.  Ein erholsamer Tag ist zu Ende gegangen. Trotzdem bin ich erschöpft. Und trotzdem kommt mir meine Müdigkeit berechtigt vor. Das Zimmer habe ich gut gelüftet; Sturm Graz hat gewonnen; Ich habe ein langärmliges Pyjamaoberteil an – also woran liegt es denn dann, dass Weinerlichkeit aufkommt? (der Gentleman genießt und schweigt – in Wirklichkeit geniert er sich schon für seine Empfindlichkeit – von wegen Grazer A A V – der innere Spötter).

Das Selbstmitleid kommt in Wellen und drückt auf mein Gemüt. Dennoch mag ich mich jetzt nicht hinauskämpfen. Ich mag jetzt nicht kämpfen. Ich bin müde. Im linken Knie pulsiert der Schmerz; sagen wir: von mittlerer Lautstärke. Naja, unteres Mittelfeld. Ich könnte mich jetzt einfach hinlegen und schlafen, aber ich mag nicht. Ich will vorher noch eine klitzekleine Ermutigung, von mir aus von Außerirdischen aus dem Weltall (die werden dich am Radar haben! - der innere Spötter). Oder wenigstens eine kleine, ganz kleine, aber echte Erkenntnis. Irgendein Durchbruch im Geiste. Ein kleiner Anhaltspunkt im wörtlichen Sinn. (Ich muß meine Beine ausstrecken, aber da wird das Schreiben so mühsam wegen der fehlenden Auflage fürs Notizbuch.) Verdammt! Das Schicksal, oder wer oder was auch immer das ist, schubst mich schon ein Leben lang herum! (dazu gehören immer zwei: einer, der schubst und einer, der sich schubsen läßt – der innere Spötter). (Solche Sätze kann ich schon nicht mehr hören! - der Autor.) Es kommt nichts mehr.


(2.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 2. Oktober 2025

4229 Füüü, füüü



11:28 a.m.  Die Lucy Bar ist voll. Ungewohnt und mir passt es nicht. Anscheinend ist eine Veranstaltung im Haus. Eine Eröffnung oder so etwas? Das Blickle Kino ist auch offen. Ich werde mich rein finden, wie ich mich in alles rein finde. Der Cappuccino ist schon bestellt. Dabei war ich noch gar nicht in den Ausstellungen. Ich schaue vom Fenster in den „Burggraben“ hinunter und überlege, ob ich das schon einmal so gemacht habe: zuerst der Kaffee, dann die Ausstellung. Nein, noch nie. Und heute besteht auch die Gefahr, dass ich auf die Ausstellungen pfeife. Füüü, füüü (besser kann er’s nicht! - der innere Spötter). Am Hochhaus über der Straße schaukelt auf einem Balkon im 13. Stock Glitzerzeug an einem Faden. Die Leute hier sind sehr elegant. Der Kellner hat mich gefragt, ob ich von der Presse bin (vermutlich, ob ich zu den privilegierten Eingeladenen der Eröffnung gehöre). Immerhin Journalist, wenn schon nicht Schriftsteller. Diese gelb-rot-blaue Roland-Goeschl-Skulptur da draußen gefällt mir heute sogar, an diesem grauen Tag. Ich freue mich schon auf den Lebensfilm beim Sterben; dann werde ich endlich und mit Sicherheit wissen, wo ich die falsche Abzweigung genommen habe, dass mein (berufliches) Leben so gar nicht aufgegangen ist. Die Leute sind sehr elegant hier, beziehungsweise bemühen sie sich. Der Kaffee tut gut (vielleicht nicht deinem Magen – der innere Spötter). Und wenn ihre Kleidung nicht so elegant ist, versuchen sie es mit ihren Bewegungen. Die eine schmeißt ihre langen, dunklen, grau durchzogenen Haare ständig hin und dann wieder her (also: zuerst nach links, dann nach rechts), (stimmt so nicht ganz, aber sei’s drum! - der innere Korrektor) aber die Kleidung dieser Dame ist auch besonders elegant. Und ich habe diese lächerliche Künstlermütze aus dem vorigen Jahrhundert auf (soll ich draufschreiben: ich meine es nicht ernst?). Oh du glückliche Schwermut, die mir einen so herrlichen Spott beschert! Noch eine Dame hat ihre langen, braunen Haare in einer eleganten Bewegung nach hinten geworfen.

Die Lucy Bar hat sich plötzlich fast ganz geleert. Nur noch Restbestände der „Party“ sind da und ich in gehörigem Abstand. Denn ich gehöre nirgends dazu. Neue Gäste treffen ein. Wohl auch Künstler und Umfeld. Übrigens fast alle schwarz gekleidet. Das macht wohl den Eindruck der Eleganz. Mir rinnt die Nase. Die besonders elegante Dame stakst plötzlich auf mich zu, biegt aber rechtzeitig ab (vielleicht sogar aufs Klo!) (oder doch in den Garten). Nein, sie war an einem anderen Tisch, der von hier aus nicht einsichtig ist (was hast du denn gedacht! - der innere Spötter). Der Balkon mit dem Glitzerzeug, das im Wind schaukelt, befindet sich im zwölften Stock (österreichische Zählung: Erdgeschoß – erster Stock – zweiter Stock - …). Ach, wäre ich gern wieder in der Kunstszene! Aber ich habe einen Aussatz, der es mir unmöglich macht, dort wirklich zu sein. Ich habe meine Anwesenheit immer zerstört, wenn sie ernst geworden wäre. Jetzt kommt die Sonne durch und mir gefällt die simple Goeschl-Skulptur (drei Quader verschoben übereinander gestapelt) noch immer. Ich träume von der Auslöschung (er kokettiert nur – der innere Spötter), irgendwie versinken und alles auslassen. Einer dieser schönen Hunde, keine Ahnung, welche Rasse (Husky – der Tipper), schiebt draußen auf dem Trottoir sein Frauchen an der Leine vor sich her. Die Sonne war weg und ist wieder gekommen. Ich bin sowas von Abstellgleis! Ich gehe heute nicht ins Fitnesstudio! (er hat eine fünftägige Staatstrauer ausgerufen, nur weil ihn die Kratzer-Autorinnen-Autoren-Versammlung nicht aufgenommen hat! – der innere Spötter). Das helle Blau der Goeschl-Skulptur leuchtet jetzt besonders schön. Wie schreibt man eigentlich kokettieren? Jetzt rüttelt der Wind ordentlich seine Bäume. Wenn ich mich so umschaue: ich bin sicher nicht der einzige Idiot hier. Soll ich einfach nach Hause tippseln gehen? Am LKW steht Pago und Gösser, wie passt das zusammen? (ich bin noch mit Gebietsschutz aufgewachsen).


12:42.  Nun sitze ich im Skulpturengarten hinten und betrachte den kleinen, unglaublich lange anhaltenden Wasserwirbel im Wasserbecken der Wellenmaschine von Thomas Baumann („die Sehnsucht, ein kleines Meer zu erfinden“ steht im Begleittext) und wie eine Wespe und eine Libelle dort im Kreis fliegen. Die Sonne wärmt und wirft einen Schatten auf meine gerade entstehende Schrift, der Wind ist kalt und kühlt meinen Nacken. Jetzt kommt auch eine Fliege an diese Wasserwirbelecke. Im Wasser schwimmen Unmengen an Laub und jetzt dreht sich wieder der Wasserkreisel, weil die Wellenmaschine soeben eingesetzt hatte. Mir gefällt das, will ich gestehen, ich schaue gerne zu, wie die Wellen herankommen, an den Beckenrändern und den sechs Hindernissen zurückgeworfen und geteilt werden und mit Gott und der Welt interferieren. Und wieder dreht sich der Kreisel, der nun nicht so beständig ist und auch eine wenig umherwandert. Stärkerer Wind kommt auf. Die Libelle scheint hier ihr Revier zu haben (beachtet den Dreifachreim! - der innere Spötter). Der Wellenschieber zieht sich zurück, um Anlauf zu nehmen für den nächsten Schub, der soeben erfolgt. Soll ich hier sitzen bleiben, bis ich einfach sterbe? (das merkst aber schon, wie kindisch du in deinem Selbstmitleid wirst?! - der innere Spötter). Irgendeine Autosirene heult in der Gegend herum. Wegen mir ist es nicht. Ein kleines, längliches Blättchen dreht sich gerade sehr elegant in die Kurve des kleinen Wasserstrudels und schon kommt der nächste Schub. Das Blättchen habe ich aus den Augen verloren. Der ständige Verkehrslärm scheint mir ein aufdringliches, akustisches Menetekel zu sein. Ich verstehe trotzdem nicht, was es sagt. Die Wellenmaschine nimmt wieder Anlauf. Und los! Wellen sind einfach schön. Und interessant. Ich will eine grundlegende Lebensänderung erzwingen und kann es nicht. Wenn ich gehe, werde ich das Belvedere 21 über den Schweizergarten verlassen. Noch sitze ich in Sonne und Wind. Neue Wellen bei stärker werdendem Wind, der in dieselbe Richtung geht. Jetzt rauscht nicht nur der Verkehrslärm, sondern nach dem Verklingen des Wasserrauschens beim initialen Wellenschub rauschen auch die Bäume. Die Miniermotten befallenen Bäume sind nicht herbstlich, sondern hässlich. Sie können nichts dafür, dass ein Trottel die Schädlinge eingeschleppt hat, oder? Ein großes Blatt taucht im Wasserstrudel ab in die Tiefe. Der Wind wird noch stärker und wirft einen meiner Walkingstecken um, die ich an den Stuhl gelehnt habe. Ich wäre auch so gern im Geschehen (warum traust du dich dann nicht? - der innere Spötter) (Bewundert den dreifachen Stabreim! - der Autor). Ein Rückfahralarm konkurriert mit den Rufen der Krähen. Ein großes Blatt schwimmt elegant auf dem Wasser heran, stoppt, treibt zurück, um dann wieder Fahrt aufzunehmen und einige Meter nach vor zu sausen. Die Sonne ist jetzt weg und so werde ich aufbrechen. Nun kommt sie wieder, aber kann meinen Entschluß nicht mehr umwerfen.

Was mir noch auffällt: Wenn die Wellenmaschine „ausholt“, schiebt sie natürlich auch eine Welle nach „hinten“; und genau in dem Moment, wo deren Rückwelle die Maschine erreicht, geht sie wieder los und schiebt das Wasser nach vor. Das habe ich mir noch länger angeschaut. Und der Kupelwieser zeigt – scheint mir – hier im Garten ein schönes, zerdepschtes Herz aus Edelstahl.


(2.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4228 Ein Tag im Leben

 



14:45.  Wie schon seit Jahren nicht mehr habe ich mir zwei Kunstbände (Max Weiler, Der Zeichner und Alois Neuhold, Du mußt dir …) aus dem verstaubten Bücherregal geholt, abgewischt und bin damit in das Musikzimmer marschiert, habe alles auf den Schreibtisch vorm Fenster abgelegt und zu blättern begonnen. Ich bin so hingerissen! Mehr als ein Fünftel des Weilerkatalogs habe ich nicht geschafft. Eine solche Wehmut, ein solcher Schmerz steigen in mir auf. Diese Bilder: was für eine Offenbarung! Unten werden die Tageskinder abgeholt, ich kann mir aber diesen Raum hier erstehlen. Was schlägt das für Saiten in mir an? Was ist das?


15:29.  Jetzt habe ich mir sogar Bruckner aufgelegt, aber der Plattenspieler funktioniert nicht. Ich blättere weiter im Weilerkataklog. Ich drehe den Plattenspieler nach ein paar weiteren Versuchen ab. Und nehme einen Schluck vom zu über 98% unechten Kaffee.


17:39.  Au weh! Ich sehe am Handy einen Maileingang. Mein Antrag auf Aufnahme in die Grazer Autorinnen Autorenversammlung wurde abgelehnt.


18:11.  Ich habe auf Sand gebaut. Offensichtlich habe ich auf Sand gebaut. Meine Schreiberei fällt ins Leere. Weder hat sie Gewicht, noch schwebt sie. Ich bin ganz einsam. Viel einsamer als ich je gedacht habe. Es geht dabei nicht um Menschen um mich, sondern um Resonanz. Werde ich das durchhalten? Die Schreiberei aufgeben? Wie der Verzweiflung Herr werden, wenn sie kommt? Mir ist kalt. Dabei muß es im Zimmer um die zwanzig Grad haben und ich bin warm angezogen.


23:44.  Ich bin durch. Alle Hoffnungen begraben. Blödle ich hald (sic!) so vor mich hin. Wie so oft in Ratlosigkeit schaue ich dem Staub beim Umherschweben zu. Ich darf einfach keine Lebensbilanz ziehen, das würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Und wenn mir dann der Boden unter den Füßen weggezogen werden wird, werde ich für die Lebensbilanz bereit sein werden (geht doch! - der innere Spötter). Im Regal beginnen die Bücher und abgestellten Dinge einzusinken ohne zu verschwinden. Das kennen wir schon. Mein Magen knurrt, aber nicht von Hunger. Einzelne, separate Momente aus meinem Leben fallen mir ein; darunter durchaus lustige (er wollte sich in Selbstmitleid suhlen, aber seine Erinnerungen haben nicht mitgespielt – der innere Spötter).


(1.10.2025)


8:59 a.m.  Zufällig fällt mir ein vergessenes Kärtchen aus einem Stapel im Kästchen neben dem Bett, auf dem ich irgendwann notiert hatte: „Schreiben als Schwimmbewegungen, um sich oben zu halten, um nicht abzusaufen, um nicht unter zu gehen.“ (na, dann Prost! - der innere Spötter).


(2.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4227 Letzter Blick

 



8:10 a.m.  Eine geraume Zeit schon hocke ich im Bett und schaue auf mein Bücherregal. Ich will es nicht wahrhaben und schiebe den Gedanken weg, dass ich mich in absehbarer Zeit von meinen Büchern, Schallplatten, Zedes, Bildern, Sieben werde trennen müssen, nämlich dann, wenn wir in eine kleinere, billigere Wohnung übersiedeln werden müssen. Ich halte diesen Gedanken kaum aus; meine Bücher, Zeichnungen, Bilder (eigene und andere), die Siebe und bedruckten Stoffe und Papiere, meine Musik: das alles hält meine wackelige Identität zusammen. Das gibt mir die Illusion, ein gebildeter Mann zu sein, ein Künstler vielleicht, und nicht bloß eine gescheiterte Existenz. Es geht hier nicht um wertvolle Erstausgaben oder so, auch ist meine Bibliothek nicht irgendwie sinnvoll geordnet, sondern ein chaotischer Sauhaufen. Es ist auch nicht so, dass ich ständig in den Büchern herumblättere, auch nicht in den Kunstbänden, ich lese kaum darin; von vielen Büchern habe ich vergessen, dass ich sie habe, und an den Inhalt der meisten kann ich mich gar nicht erinnern. Aber es sind einige gute Bücher darunter, und sie spiegeln wohl meine nie ganz zerstörte Liebe zum Wissen. Dabei hatte ich nach der Konfrontation mit Döbereiner schon viele Bücher, Schallplatten weggeschmissen und alle meine Bilder und Zeichnungen, die noch bei mir waren, zerstört. Und diese Aktion hat meinem Leben eine nie mehr verheilte Wunde, eine endgültige Versehrung zugefügt, und ich habe sie bitter bereut. Jetzt klammere ich mich – so schaut es aus – an das, was als Bestand noch da ist, und die Vorstellung, das alles weggeben zu müssen, bereitet mir Grauen. Ich möchte doch von meinen Büchern und Bildern umgeben sterben; mit dem letzten Blick auf das, was ich erreicht und wohl auch geliebt habe. Selbst an den wertlosen an die Wand getackerten Kunstkarten würde ich gerne im Abschied meine Augen weiden.


(1.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com