Donnerstag, 16. Oktober 2025

4246 Das kontemplative Leben

 



9:39 a.m.  Der Lichtengel hat heute nur einen Flügel (die zweite Lampe ist ausgefallen), aber über seinem unsichtbaren Haupt zittern kleine Sonnenlichtflecken, von den Schatten der Blätter der Fassadenbegrünung bewegt. Wie und über welche Spiegelungen das Sonnenlicht hier auf die Nordseite gelangt, ist mir schleierhaft. Es ist eindeutig Sonnenlicht, blass zwar, aber es kann nichts anderes sein.

Das Frühstück kommt.

Inzwischen ist das Licht-Schatten-Spiel über dem halbierten Engel größer, deutlicher und von betörender Schönheit und bis in den linken Flügel hinein gerückt. Ein schönes kleines Drama, ein kleiner Tanz der Schatten in der Lichtfläche. Ich könnte stundenlang zuschauen (geschwindelt! Er wird gleich an seinem Frühstück weiterfressen – der innere Spötter).

Jetzt, nachdem ich mein köstliches Frühstück beendet habe, sehe ich, wie mein wunderbares Licht-Schatten-Spiel schon den ganzen halben Engel erfaßt hat und sich über die Seitenwand der Fensternische und weiter zur Rückwand erstreckt und auch den Spiegel dort eingenommen hat. Das sind die Freuden des kontemplativen Lebens und jetzt – jetzt! - will ich nicht tauschen und diese Erfahrungen nicht nicht nicht missen (jetzt weiß er wieder nicht, wie man missen schreibt. Außerdem ist fraglich, ob seine Behauptung, das kontemplative Leben nicht tauschen zu mögen, einem Test standhielte: zum Beispiel eine Million auf sein Konto, und ob er dann doch mitzumischen versuchte und die Puppen tanzen ließe. Und dabei scheiterte – ich wette! Denn ob der dann so gescheit wäre, sich eine abgelegene, schöne, schlichte, bequeme und Top-Einsiedelei in schöner Landschaft einzurichten – wer weiß! - der innere Spötter).

Nach der Lektüre sehe ich: das schöne Licht-Schatten-Spiel ist verschwunden und nur mehr der gestreifte Licht-Schatten-Flügel des versehrten Lichtengels ziert die hellblaue Nischenwand. Im Fünfziger/sechziger-Jahre-Herrn mit der Trommel spiegeln sich die gelbbraunen Holzlatten der Garderobe; im Spiegel selbst: die Weinflaschen an der Wand. Ein Blick zum Hirschen – angeregt vom Hinzeigen auf die Sehenswürdigkeiten im Lokal einer mit spanischem oder doch italienischem Akzent Englisch sprechenden Gästin. Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich auf die Fünfziger-Jahre-Kraniche aus Blech links hoch oben an der Wand blicke. Oh! Neuerlich tauchen Sonnenlichtflecken beim halberten Lichtengel auf. Der klarste, stärkste Lichtfleck befindet sich jedoch links unterm Spiegel, unter dem kleinen schemelartigen Minitischchen, das unter und neben dem Spiegel auf dem an der Wand befestigten Ablagebord steht. Der Lichtfleck verblasst schon wieder, aber dort bleiben noch Schatten der Beine des Tischchens, und Beine und Schatten bilden eine mysteriöse Säulenreihe en miniature, deren Elemente zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten angehören. Jetzt flunkert dort wieder ein ganz, ganz schwacher Lichtfleck für kurze Zeit auf (hast du eigentlich flackern gemeint? - der innere Spötter). (Nun ja, aber ich habe mich entschieden, beim flunkern zu bleiben, weil es – wie ich finde – interessantere Assoziationen hervorruft und mit dem Leicht-Daneben überrascht – der Autor.)

Jetzt fällt mir auf: ich halte schon die ganze Zeit meine linke Hand verkrampft zur Faust geballt. Die Musik wird lauter und gefällt mir gut. Ich spüre es physisch, wie der tolle Bass auf Ohren und Trommelfell aufschlägt. Und ich spüre das Schallwellenkonglomerat schon ein, zwei Zentimeter vor den Ohren als schwebenden Klangkörper. Meine Schnittenzeremonie gelingt makellos, obwohl ich beim Öffnen der Verpackung Schwierigkeiten hatte. Keine Brösel am Tisch. Am Rücken einer Kapuzenjacke an der Garderobe im Durchgang ist ein schöner Oktopus abgebildet, der mit seinen Fangarmen ein barockes Muster bildet. Ich bewundere Menschen, die im Kern in sich selbstverständlich sind und keine Sprünge haben. Das hat – glaube ich – damit nichts zu tun, aber ich denke schon seit Tagen an Maria Mazola, und ob ich ihr zufällig begegne, ohne sie zu erkennen (keine Sorge! Da war nichts! - der innere Spötter). Ich denke überhaupt oft an die Potschemu. Warum eigentlich? Um glorreichere Zeiten heraufzubeschwören und zu feiern? [Soo glorreich waren die alten Zeiten auch wieder nicht, als du vom Veranstalterstress überwältigt, aber schon gesehen hattest, dass das Konzert funktioniert und gut ankommt, eine halbe Flasche (gib nicht so an! Eine halbe kleine Flasche) Wodka schnell ausgetrunken und infolgedessen am Boden liegend zwei Drittel des großartigen Konzertes ver-, ver- - sagen wir hald (sic!): verschlafen hast – der innere Spötter]. 14.10.2025. 11:54 a.m. Eine kleine Fliege oder Mücke probiert meinen Kaffee. Oh! Oh! Wieder schöne Lichtspiele beim deutlich überblendeten Lichtengel. Nur wenige Flügelstrahlen können sich behaupten. Aber sie kommen wieder. Ich möchte fliegen. Möchte ich wirklich fliegen, oder sage ich das nur so?


(14.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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