4242 Begeisterung
12:24. Beim (teilweisen) Fußmarsch zum Lieblingscafé geht ein junger Mann vor mir, der ein Notizbuch mit Lesezeichenbändchen – wie ich es habe – lässig in der Hand trägt. Ja, kann man mit Büchern wieder angeben? Geht das wieder rein? Zwar zieht er dann gekonnt lässig ein Smartphone aus seiner Gesäßtasche und drückt kurz darauf – vermutlich um die Musik in seinen kabellosen Ohrenstöpseln zu steuern – aber ein Buch! sogar ein Notizbuch! in der Hand durch die Stadt tragen! Kommen für unsereinen wieder bessere Zeiten? Ja blöd, dass mich gerade jetzt die Grazer Autorinnen Autorenversammlung nicht in ihre Reihen aufnehmen hat wollen, wo man mit Lesen und Schreiben anscheinend wieder publikums- uns öffentlichkeitswirksam angeben kann. Naja, wurscht! (Wahrscheinlich wird er noch sieben Jahre darauf herumreiten – der innere Spötter). Lassen wir das. Gehen wir pinkeln.
Ein Schauder läuft mir über den Rücken, als ich an den Tisch zurückkomme. Es ist heute leerer herinnen als in letzter Zeit, weil nicht wenige wieder draußen sitzen. Ach, mein Lichtengel dort in der getarnten Andachtsnische; direkt unter ihm sind drei Mützen übereinandergestapelt, die zum Verkauf angeboten werden und meines Wissens den Genuß von Wein bewerben. Der Herr an der Wand daneben schlägt in einem Fünfziger/Sechzigerjahreanzug auf eine große Trommel (keine Ahnung, wie eine solche heißt; ich müßte meinen kompetenten Bruder fragen). Das Foto stammt sicherlich aus der Zeit.
Ein alter Mann mit zusammengeklappter Staffelei und Glatze kommt herein und geht ohne dieses Ding wieder hinaus. Hinter der Bar fällt ein Blechtablett zu Boden und scheppert sehr laut. Angenehme, reggoide Musik aus den Boxen. Erst jetzt bestelle ich meinen zweiten Cappuccino oder meine zweite Melange (er ist sich unschlüssig, ob er wieder zu Melange zurückkehren soll, oder doch bei Cappuccino bleiben. Er kann sich nicht entscheiden, welches Wort ihm lieber ist: das eingemeindete französische oder das italienisierte österreichische – der innere Spötter).
Ein fröhliches Baby im Kinderwagen ist hereingekommen und herausgehoben klopft es begeistert auf die große Schiefertafel an der Wand. Bei der heutigen Schnittenzeremonie war ich unachtsam und habe mehr auf den Tisch und als in den Kaffee gebröselt. Das Lokal füllt sich wieder. Ein Hund kommt in die Stube, aber nicht allein. Genausowenig wie das Baby vorhin (wann ist eigentlich der Übergang vom Baby zum Kleinkind? Ich muß meine kompetente Frau fragen) (Ihre Antwort: mit einem Jahr – der Tipper). Es interessiert sich schon sehr für das aufleuchtende Handy der Vaters und eine ebensolche Armbanduhr der Mutter. Meine Erinnerungen aus dieser Zeit wären auch sehr interessant. Irgendwo sind sie gespeichert. Von der Botschaft auf der anderen Schiefertafel an der anderen Wand weiß ich, dass jetzt Sturmzeit ist (obwohl der Klubfußball pausiert weil die Nationalmannschaften spielen – der innere Spötter) (Österreich – San Marino: 10 – 0! - der Tipper). Ein Achterl Sturm, bio, weiß, kostet € 3.-. Jetzt habe ich dem Kind doch kurz zugewunken. Seine Reaktion war verhalten. Aber man fühlt sich geehrt, wenn es kurz herschaut und einen registriert (Warum? Das ist auch eine interessante Frage). Der Kinderwagen ist eigentlich ein Buggy; also ist das „Baby“ schon eher ein Kleinkind; es steht – wackelig zwar – auf der Sitzbank.
Zum ersten Mal in meinem Leben fällt mir über den Flaschen- und Gläserregalen die bronzefarbenen, gehämmerten Blechblenden auf, die die Beleuchtung der Regale nach vorne hin abdecken. Nur die zweite Blende von rechts ist silbern.
Zum dritten Mal winke ich dem Kind zu – es schaut eher skeptisch drein (zu recht! zu recht! - der innere Spötter). Jetzt ergreift es trotz alternativer Angebote der Eltern eine Untertasse und untersucht sie gründlich, bis sie ihm weggenommen wird. Es gibt ja auch andere Wunder rundherum, die nicht so zerbrechlich sind. Ich war schon ein Helikoptervater. Ungern gebe ich das zu. Das Kind singt jetzt und neugierig versucht es, um die Ecke zu blicken und beugt sich dafür weit vor. Ich glaub, das geht sich trotzdem nicht aus. Es wird jetzt richtig voll hier.
(9.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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