4238 Eingebung
12:53. Ich bin einer Eingebung folgend an der Kreuzung Museumstraße/Bellariastraße von meinem Heimweg abgebogen und ins Kunsthistorische Museum gewandert und so sitze ich nun endlich – meine Füße haben schon weh getan – vor dem Gemälde Josef’s Traum, das mir beim ersten Umherschauen im ersten betretenen Saal in die Augen gestochen ist – nicht ohne vorher von drei älteren bis alten Damen genervt zu sein, die alle Plätze auf der Bank vorm Bild eingenommen und ihr Zeug darauf ausgebreitet hatten, dann offensichtlich Anstalten zum Aufbruch machten - wodurch ich mich auf den frei werdenden Sitzplatz vorm zu betrachtenden Bild freute und beschloß, auf deren Weggehen zu warten – aber die dann dennoch zehn Minuten brauchten, bis sie ihr Regengewand angezogen, all ihr Zeugs verstaut und alles zurechtgezupft hatten, bevor sie sich endlich von der Bank erhoben haben und dann noch fünf Minuten im Stehen davor an sich und ihrer Kleidung weitergezupft und gezogen haben, bevor sie endlich abgegangen sind (er kann schon ein arrogantes Arschloch sein und die Zeitangaben sind maßlos übertrieben – der innere Korrektor). Also jetzt sitze ich vor dem Heiligen Josef, den ich in echt für einen wahren Gentleman halte, und seinem traumflüsternden Engel, der natürlich zeittypisch so völlig falsch und unglaubwürdig wie ein frühpubertäres Mädchen ausschaut. Der Josef selbst schaut ein wenig wild aus; auf den ersten Blick hätte ich einen der Einsiedler oder Johannes den Täufer vermutet, erst der Blick auf das bildbeschreibende Schild hat mich eines Besseren belehrt. Gut, er schläft im Sitzen, den Kopf auf den aufgestellten, angewinkelten Arm gestützt, dabei kann man schon etwas derangiert aussehen. Gut, er war ein Handwerker, da darf man schon proletarisch ausschauen mit kräftigen Muskeln und aufgekrempelten Ärmeln (genug herumgeschleimt? Lies vom Taferl noch den Maler, den korrekten Titel und die Jahreszahl ab und dann Weitermarsch! - der innere Spötter). Nein, ein wenig sitze ich noch. Warum hält der Josef einen Stecken, der ihm fast aus der Hand rutscht? Gleich daneben hängt der unsägliche Josef II. und schaut betroppezt drein; ein wenig, als tät er sich fürchten. Wer ist der zweite Mann neben ihm? Also: das erste Bild heißt Traum des Heiligen Joseph, 1773/74, von Anton Raphael Mengs; das Bild daneben ist von Pompeo Batoni, 1769 und heißt Kaiser Josef II. und Peter Leopold, Großherzog der Toskana. Beim ersten Bild geht es um den Traum mit der Aufforderung zur Flucht nach Ägypten; und beim zweiten: die zwei Herrschaften sind Brüder.
Eigentlich wollte ich an den ganzen Schinken, die mich heillos überfordern und meine Atmung lähmen, vorbei eilen, aber gleich im nächsten Saal bin ich beim Selbstmord Kleopatras (Guido Cagnacci) hängen geblieben, weil da lauter Damen mit nacktem Oberkörper zu sehen sind. Die schauen alle erstaunlich mitteleuropäisch aus. Ich blicke im Saal umher, um die Fixierung auf die Brüste zu lösen, aber – puh! - ich halte diese finsteren Hintergründe und die herausleuchtenden Leiber und Visagen kaum aus. Mir fehlt eindeutig die Geduld. Der Hieronymus vom selben Maler ist obszön, wie ihm das nicht verknotete Lendentuch abrutscht und ein Eckerl der Schambehaarung freigibt. Weiter! Weiter! Weiter! Nicht hinschauen! Ein kleiner Superman stapft in einem Tagtraum verfangen zu Boden blickend, fest auftretend und eine Hand zur Faust geballt, durch den Saal. Ich schätze so 7,8 Jahre, im Supermananzug und spricht mit seiner Oma Italienisch. Weiter! Weiter! Weiter! Da drüben sind wieder ein paar nackte Busen, aber diese komisch verdrehten oder erstarrten Gestalten und theatralischen und gelangweilten Gesichter! Nein! Nein! Weiter! Weiter! (Ich fürchte mich schon vor der Tippereiarbeit – der zukünftige Tipper.) Viel nackte – nicht nur – Weiber und dazwischen ein paar pseudoreligiöse Szenen und ein paar Großkopferte – der eine hat ein aufgedunsenes Alkoholikergesicht. Ich gehe in der Zeit zurück und freu mich schon auf die lustigen Niederländer. Dort werde ich aufatmen. Die sollten bald kommen. Ein paar wirklich interessante Porträts übersehe ich. Weiter! Moment! Hier ist Endstation! Ich versuche über die Seitenkabinette – an einem fast schon pädophilen Engelärschlein vorbei – weiterzukommen. Auch abgesperrt. Man muß umdrehen und den gleichen Weg zurück gehen. Weiter!
Jetzt scheine ich an unzähligen nackten Leibern vorbei doch einen Weg zu den Niederländern gefunden zu haben, aber ich wollte zu den Bruegels & Co., bin aber jetzt beim Porträt der Teresa von Avila von Rubens stehen geblieben und verweile dort, denn das Anschauen dieses Bildes hat mir die Tränen hinter die Augen getrieben. Wahnsinn! Das kleine Bild besteht locker mitten unter den großen, fetten, üppigen Schinken. Unmittelbar vor dem Bild habe ich keinen Sitzplatz gefunden; so muß ich aus einigen Metern quer durch den Saal hinschauen, darum kann ich das beurteilen: es strahlt bescheiden, aber unbeeindruckt zwischen dem ganzen Irrsinn heraus. Und nur dieses Bild; der Heilige Hieronymus in Kardinalstracht schafft das nicht. Was für ein klares, still leuchtendes Gesicht der Heiligen Teresa! Was für ein schönes Gesicht! (ich habe jetzt davor einen Sitzplatz gefunden). (Das Bild gefällt ihm ja nur, weil er es von einem Buchdeckel kennt – der innere Spötter.) Nachdem eine Gruppe Japaner mir die gute Sicht verstellt … - nein, sie gehen weiter – ich bleibe noch. Ich finde, man kann in ihrem Gesicht ihre Kämpfe ablesen, aber ihre Augen sind noch ganz frisch und jung und es liegt wirklich etwas Verklärtes auf ihr, etwas, das wirklich aus dem anderen Bereich kommt. Und sie hat eine Schreibfeder schreibbereit in der einen und ein Notizbuch in der anderen Hand. Sie ist Schriftstellerin! (ohne in der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung aufgenommen zu sein!) (Kusch! - der innere Zensor.) ich trenne mich schweren und erleichterten Herzens und wandere weiter.
Endlich bei den Bruegels! Das sind Bilder und keine atembelastende Schinken. Mein Herz geht wieder auf. Leichter Farbauftrag. Die Barocke war schon weitgehend dekadent (jetzt weiß er wieder nicht, wie man dekadent schreibt! - der innere Spötter). Ich habe den Herbst und den Winter vor mir (ich erspare mir, die korrekten Titel abzulesen). Es ist viel Betrieb hier, dauernd rennen einem Leute durchs Blickfeld, wie auch ich Leuten durchs Blickfeld gerannt bin. Diese furchtbare Massakerszene von Betlehem! Von der Weiten ein so schönes Bild. Ich komme gar nicht zu den lustigen Bildern hinter mir. Ein ständiges Knarren des Parkettbodens (wie schreibt man Parkett?). Ich weide meine Augen in diesem Saal. Lächelnd wandere ich nun an den zwei lustigen Wimmelbildern vorbei, die gerade von einer Gruppe Tiroler SchülerInnen belagert werden, bevor ich das Ganze durch den unvermeidbaren Shop verlassen muß. (Habe mir dort doch einen Magnet von Jäger im Schnee gekauft und inzwischen in meinem Zimmer platziert.)
(7.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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