4229 Füüü, füüü
11:28 a.m. Die Lucy Bar ist voll. Ungewohnt und mir passt es nicht. Anscheinend ist eine Veranstaltung im Haus. Eine Eröffnung oder so etwas? Das Blickle Kino ist auch offen. Ich werde mich rein finden, wie ich mich in alles rein finde. Der Cappuccino ist schon bestellt. Dabei war ich noch gar nicht in den Ausstellungen. Ich schaue vom Fenster in den „Burggraben“ hinunter und überlege, ob ich das schon einmal so gemacht habe: zuerst der Kaffee, dann die Ausstellung. Nein, noch nie. Und heute besteht auch die Gefahr, dass ich auf die Ausstellungen pfeife. Füüü, füüü (besser kann er’s nicht! - der innere Spötter). Am Hochhaus über der Straße schaukelt auf einem Balkon im 13. Stock Glitzerzeug an einem Faden. Die Leute hier sind sehr elegant. Der Kellner hat mich gefragt, ob ich von der Presse bin (vermutlich, ob ich zu den privilegierten Eingeladenen der Eröffnung gehöre). Immerhin Journalist, wenn schon nicht Schriftsteller. Diese gelb-rot-blaue Roland-Goeschl-Skulptur da draußen gefällt mir heute sogar, an diesem grauen Tag. Ich freue mich schon auf den Lebensfilm beim Sterben; dann werde ich endlich und mit Sicherheit wissen, wo ich die falsche Abzweigung genommen habe, dass mein (berufliches) Leben so gar nicht aufgegangen ist. Die Leute sind sehr elegant hier, beziehungsweise bemühen sie sich. Der Kaffee tut gut (vielleicht nicht deinem Magen – der innere Spötter). Und wenn ihre Kleidung nicht so elegant ist, versuchen sie es mit ihren Bewegungen. Die eine schmeißt ihre langen, dunklen, grau durchzogenen Haare ständig hin und dann wieder her (also: zuerst nach links, dann nach rechts), (stimmt so nicht ganz, aber sei’s drum! - der innere Korrektor) aber die Kleidung dieser Dame ist auch besonders elegant. Und ich habe diese lächerliche Künstlermütze aus dem vorigen Jahrhundert auf (soll ich draufschreiben: ich meine es nicht ernst?). Oh du glückliche Schwermut, die mir einen so herrlichen Spott beschert! Noch eine Dame hat ihre langen, braunen Haare in einer eleganten Bewegung nach hinten geworfen.
Die Lucy Bar hat sich plötzlich fast ganz geleert. Nur noch Restbestände der „Party“ sind da und ich in gehörigem Abstand. Denn ich gehöre nirgends dazu. Neue Gäste treffen ein. Wohl auch Künstler und Umfeld. Übrigens fast alle schwarz gekleidet. Das macht wohl den Eindruck der Eleganz. Mir rinnt die Nase. Die besonders elegante Dame stakst plötzlich auf mich zu, biegt aber rechtzeitig ab (vielleicht sogar aufs Klo!) (oder doch in den Garten). Nein, sie war an einem anderen Tisch, der von hier aus nicht einsichtig ist (was hast du denn gedacht! - der innere Spötter). Der Balkon mit dem Glitzerzeug, das im Wind schaukelt, befindet sich im zwölften Stock (österreichische Zählung: Erdgeschoß – erster Stock – zweiter Stock - …). Ach, wäre ich gern wieder in der Kunstszene! Aber ich habe einen Aussatz, der es mir unmöglich macht, dort wirklich zu sein. Ich habe meine Anwesenheit immer zerstört, wenn sie ernst geworden wäre. Jetzt kommt die Sonne durch und mir gefällt die simple Goeschl-Skulptur (drei Quader verschoben übereinander gestapelt) noch immer. Ich träume von der Auslöschung (er kokettiert nur – der innere Spötter), irgendwie versinken und alles auslassen. Einer dieser schönen Hunde, keine Ahnung, welche Rasse (Husky – der Tipper), schiebt draußen auf dem Trottoir sein Frauchen an der Leine vor sich her. Die Sonne war weg und ist wieder gekommen. Ich bin sowas von Abstellgleis! Ich gehe heute nicht ins Fitnesstudio! (er hat eine fünftägige Staatstrauer ausgerufen, nur weil ihn die Kratzer-Autorinnen-Autoren-Versammlung nicht aufgenommen hat! – der innere Spötter). Das helle Blau der Goeschl-Skulptur leuchtet jetzt besonders schön. Wie schreibt man eigentlich kokettieren? Jetzt rüttelt der Wind ordentlich seine Bäume. Wenn ich mich so umschaue: ich bin sicher nicht der einzige Idiot hier. Soll ich einfach nach Hause tippseln gehen? Am LKW steht Pago und Gösser, wie passt das zusammen? (ich bin noch mit Gebietsschutz aufgewachsen).
12:42. Nun sitze ich im Skulpturengarten hinten und betrachte den kleinen, unglaublich lange anhaltenden Wasserwirbel im Wasserbecken der Wellenmaschine von Thomas Baumann („die Sehnsucht, ein kleines Meer zu erfinden“ steht im Begleittext) und wie eine Wespe und eine Libelle dort im Kreis fliegen. Die Sonne wärmt und wirft einen Schatten auf meine gerade entstehende Schrift, der Wind ist kalt und kühlt meinen Nacken. Jetzt kommt auch eine Fliege an diese Wasserwirbelecke. Im Wasser schwimmen Unmengen an Laub und jetzt dreht sich wieder der Wasserkreisel, weil die Wellenmaschine soeben eingesetzt hatte. Mir gefällt das, will ich gestehen, ich schaue gerne zu, wie die Wellen herankommen, an den Beckenrändern und den sechs Hindernissen zurückgeworfen und geteilt werden und mit Gott und der Welt interferieren. Und wieder dreht sich der Kreisel, der nun nicht so beständig ist und auch eine wenig umherwandert. Stärkerer Wind kommt auf. Die Libelle scheint hier ihr Revier zu haben (beachtet den Dreifachreim! - der innere Spötter). Der Wellenschieber zieht sich zurück, um Anlauf zu nehmen für den nächsten Schub, der soeben erfolgt. Soll ich hier sitzen bleiben, bis ich einfach sterbe? (das merkst aber schon, wie kindisch du in deinem Selbstmitleid wirst?! - der innere Spötter). Irgendeine Autosirene heult in der Gegend herum. Wegen mir ist es nicht. Ein kleines, längliches Blättchen dreht sich gerade sehr elegant in die Kurve des kleinen Wasserstrudels und schon kommt der nächste Schub. Das Blättchen habe ich aus den Augen verloren. Der ständige Verkehrslärm scheint mir ein aufdringliches, akustisches Menetekel zu sein. Ich verstehe trotzdem nicht, was es sagt. Die Wellenmaschine nimmt wieder Anlauf. Und los! Wellen sind einfach schön. Und interessant. Ich will eine grundlegende Lebensänderung erzwingen und kann es nicht. Wenn ich gehe, werde ich das Belvedere 21 über den Schweizergarten verlassen. Noch sitze ich in Sonne und Wind. Neue Wellen bei stärker werdendem Wind, der in dieselbe Richtung geht. Jetzt rauscht nicht nur der Verkehrslärm, sondern nach dem Verklingen des Wasserrauschens beim initialen Wellenschub rauschen auch die Bäume. Die Miniermotten befallenen Bäume sind nicht herbstlich, sondern hässlich. Sie können nichts dafür, dass ein Trottel die Schädlinge eingeschleppt hat, oder? Ein großes Blatt taucht im Wasserstrudel ab in die Tiefe. Der Wind wird noch stärker und wirft einen meiner Walkingstecken um, die ich an den Stuhl gelehnt habe. Ich wäre auch so gern im Geschehen (warum traust du dich dann nicht? - der innere Spötter) (Bewundert den dreifachen Stabreim! - der Autor). Ein Rückfahralarm konkurriert mit den Rufen der Krähen. Ein großes Blatt schwimmt elegant auf dem Wasser heran, stoppt, treibt zurück, um dann wieder Fahrt aufzunehmen und einige Meter nach vor zu sausen. Die Sonne ist jetzt weg und so werde ich aufbrechen. Nun kommt sie wieder, aber kann meinen Entschluß nicht mehr umwerfen.
Was mir noch auffällt: Wenn die Wellenmaschine „ausholt“, schiebt sie natürlich auch eine Welle nach „hinten“; und genau in dem Moment, wo deren Rückwelle die Maschine erreicht, geht sie wieder los und schiebt das Wasser nach vor. Das habe ich mir noch länger angeschaut. Und der Kupelwieser zeigt – scheint mir – hier im Garten ein schönes, zerdepschtes Herz aus Edelstahl.
(2.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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