Freitag, 26. September 2025

4219 Hochschule für abgewandte Kunst

 



9:37 a.m.  Nach der Spritze ein paar Gassen weiter wieder in der großen Halle, wo sich die Uhr um diese Zeit schnell dreht, obwohl es hier im Moment sehr ruhig ist, kaum Gäste, und so wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben; wo, das weiß ich nicht (das kommt davon, wenn man fragwürdige Vergleiche anstellt – der innere Spötter). Ein Fin de Cercle ist jetzt nicht abzusehen, kommt aber später sicher. Ich stelle eine gewisse körperliche Unbeweglichkeit fest und vermute auch eine seelische. Diese „Teufelsmaske“ (eine Tischdekoration aus getrockneten Pflanzen, bei der zwei Ähren hörnerartig abstehen) schaut mich immer noch aus der Ferne des Schalter 19 an wie vorige und vorvorige Woche. Draußen regnet es und mir kommt vor, auch die Lichtverhältnisse in der Halle haben sich über die gewölbte Glasdecke, deren Verstrebungen nach oben ich jetzt gut durchs gerippelte Glas schimmern sehen kann, verändert. Die soeben aufgestoßene Schwingtür raunzt laut, stark und beinah musikalisch. Apropos: die Musik aus den Boxen ist schwarze Musik aus Amerika, vermutlich USA (ich weiß ja nicht, ob der eine oder andere Jazzmusiker aus Kanada kommt). Die sŸs-Kabine arbeitet auch im Kreis und momentan ins Leere (so wie du mit deiner Schreiberei – der innere Spötter). Ich werde eine Hochschule für abgewandte Kunst gründen. Jetzt ist die schwarze Musik rock & rolliger. Gehobener Rock natürlich. Jetzt wiederum soulig. Die Blinkerei aus der absichtlich offenen sŸs-Kabine hat wirklich etwas Vergebliches (ich will nicht so grausam sein und anfügen: wie du mit deiner Schreiberei – der innere Spötter). Das rote Bändchen des Notizbuches, das man einlegt, um die Stelle wiederzufinden, habe ich mit dem losen Ende fast lasziv auf den runden, verspiegelten Kaffeehaustisch geworfen; vielleicht ist sie auch nicht mehr als eine energetisch-literarische Nabelschnur, die versucht, irgendetwas Verwertbares aus der gespiegelten Welt ins Notizbuch zu saugen. Auch die Kaffeetasse hat sich an der Untertasse festgesaugt und nimmt sie mit dem Löffelchen, das auf letzterer liegt, mit in die Höhe, als ich die Kaffeetasse hochhebe, um einen Schluck zu nehmen.

Der kreisende große Zeiger an der Wanduhr hüpft nicht in regelmäßigen Sprüngen, manchmal hüpft er nur eine ganz kleine Distanz, dann wieder eine große und das ebenfalls nicht in regelmäßiger Reihenfolge und es hat – scheint es - auch nichts damit zu tun, ob es aufwärts oder abwärts geht. Die zeitlichen Intervalle scheinen ebenfalls unregelmäßig. Auch die einzelnen Hüpfer sind interessant: der Zeiger hüpft eine Distanz und rutscht dann wieder schätzometrisch den halben Weg zurück. Bei den ganz kleinen Sprüngen kann es sein, dass er die ganze Distanz zurückrutscht. Ein chronologischer sŸsiphos. Mir schlafen meine übereinander geschlagenen Beine ein. Es sind auch bei den großen Sprüngen manchmal mehr als fünfzig Prozent, die der Zeiger zurückrutscht. (Ich wage, in die Gänge zu kommen und mich dort zu verirren, weil ich pinkeln gehen muß. Das nur nebenbei erzählt; es gehört nicht zum literarischen Content!) (Er wollte zunächst brunzen schreiben, hat sich dann instinktiv für pinkeln entschieden, obwohl er das Wort brunzen – Telemax sei gedankt und R.I.P. - so liebt, weil es eine Intensivform zu dem ausgestorbenen Verbum brunnen ist – wie schnitzen zu schneiden und flitzen zu fliehen etc. Und zu recht hat er pinkeln gewählt, denn von einem intensiven Strahl kann keine Rede gewesen sein! - der innere Spötter.) Also erleichtert bin ich doch und – wie immer um diese Zeit – geht jetzt die Wanduhr normal und zeigt stabil. Jetzt zeigt sie zwar 10:17, während meine Handyuhr 10:25 anzeigt, aber auch dieser Abstand zur Echtzeit ist immer der selbe. Es gibt schon eigenartige Gesetzmäßigkeiten im Universum! Und außerdem ist jetzt die Musik verstummt. Doch: jetzt kommt sie leise wieder. Jetzt ist sie wieder da.

Ein Touristenpaar kommt herein; man erkennt sie an ihrer Fortbewegungsart und ihrem Herumschauen sofort als solche (das ist keine Kritik!). Ich gönne Wien die Touristen und umgekehrt. Auch wenn ich jetzt nicht verstehe, warum sie den Kaffeekiosk auf Schalter21/22 fotografieren. Aber auch diesem vergönne ich die Verbreitung seines Abbildes in der weiten Welt.

(Gerade wollte er sich innerlich belustigt echauffieren, weil die soeben hereingekommene Touristengruppe so lange und andächtig auf so ein Pflanzenkonglomerat gafft, von dem nicht einmal sicher ist, ob die Pflanzen echt sind oder aus Plastik. Was der arrogante Schnösel jedoch nicht bemerkt hat: dort steht eine Orientierungs- und Anzeigetafel der Direktion des Hauses und des Kaffeekiosks - ebenfalls auf Spiegel. - der innere Spötter.) Jetzt wird es voller. Ein junger Mann mit einem Plastikbehälter mit einem Kilo Weintrauben in der linken Hand versucht, mit seiner rechten Minitischtennis zu spielen, was nicht gelingt, der Ball rollt durch die halbe Halle. Was dem Universum vermutlich auch relativ egal ist. Ich spiele wieder Hausmeister und öffne die von Touristen brav, aber von den VeranstalterInnen nicht erwünscht geschlossene sŸs-Kabinentür. Das Café ist nun recht voll. Ich würde gern noch ein wenig bleiben, aber das Sitzen wird mir schon unangenehm. Ich denke nämlich, es könnte hier noch etwas Schönes passieren. Ein bisschen was Schönes passiert eh gerade, indem ich ein wenig mit einem Touristenpaar plaudere und anbringen kann, dass man die Türe der sŸs-Kabine nach dem Verlassen offen lassen soll, obwohl sie es eh schon mitbekommen haben! (Er schwindelt wieder! Hauptsächlich hat er mit ihr geplaudert. Ob er das mit der sŸs-Tür auch gewußt hat, weiß er gar nicht! - der innere Spötter.) (Da wäre eigentlich ich dran! Richtigstellungen sind mein Part – der innere Korrektor.) Spieglein, Spieglein auf dem Tisch, wer ist hier der größte Fisch? Jetzt lache ich mit ihm, weil er in ihr Fotografieren reinfeixt.


(26.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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