Dienstag, 23. September 2025

4214 Realitätsverlegenheit

 



8:42 a.m.  Es ist Herbst. Die Kälte rüttelt einen zusammen und das ist nach den verschwommenen, verschwitzten Sommerträumen ein Gefühl eines anständigen Neubeginns, eines genehmigten zweiten Anlaufs.

9:56 a.m.  Das da oben habe ich in der U-Bahn geschrieben (teilweise! Auch auf dem Bahnsteig vorm Einsteigen – der innere Korrektor). Jetzt bin ich wieder im Lieblingscafé. Warum frühstücke ich ein Mal in der Woche hier im Café, wenn es für mein Budget und im Hinblick auf meine Familie eine unverantwortliche Ausgabe ist? Weil ich so das Gefühl oder die Illusion haben kann, ein normaler, souveräner Bürger zu sein, der in selbstverständlichem Austausch mit Welt und Gesellschaft steht und sich ohne Schuldgefühle (Illusion! - der innere Spötter) Sachen gönnen und leisten kann, die er mag. Ein bißchen scheine ich da meinen Dämonen auszukommen (oder? - der innere Spötter). So schöne Gitarrenzupfmusik! (Nabelschnurvibrations? - der innere Spötter). Wer einschränkt meinen inneren Spötter? Ich liebe doppelbödige Assoziationen, wie man an Oh! Calcutta! sehen kann (hör mit diesen ständigen, kindischen, blöden Hinweisen auf! - der innere Korrektor). Wer einschränkt meinen inneren Korrektor? [Ich kann mich noch genau an den Zeitungsartikel mit Foto im Kurier erinnern, als 1969 das Musical Oh! Calcutta! herausgekommen ist. Das hat mich damals als Fünfzehnjährigen sehr beeindruckt, weil die DarstellerInnen meist nackt auf der Bühne agierten. Und Oh! Calcutta! hat nichts mit der indischen Stadt zu tun, sondern ist eine Verballhornung des französischen O quel cul t'as (Was für einen Hintern du hast!). Jetzt ist das Geheimnis gelüftet.]

Ich liebe diesen Zustand einer gewissen satten Leere mit stiller Aufgeregtheit. Ist das Warten auf Godot? Oder auf Bruder Hein? Jetzt fällt mir wieder dieser Witz ein, den Hermann Hesse als Kind gehört hat und wo er nicht verstanden hat, was daran lustig sein soll, weil er die geschilderte Szene – zu recht! - ernst genommen hat: Ein Schriftsteller wird gefragt, was er am Vormittag gemacht habe. Er antwortet: Ich habe einen Satz geschrieben. Und am Nachmittag? Da habe ich den Satz wieder durchgestrichen. Vielleicht fehlt mir zum großen Schriftsteller das Durchstreichen! (klingt plausibel – der innere Spötter).

Aus aktuellem Anlass: mir sind die Typen (männlich) mit in die Frisur oder Glatze hochgeschobenen Brillen fast automatisch unsympathisch (fast ein Reim! - der innere Spötter). Meine Aufmerksamkeit auf die Umgebung ist völlig lückenhaft. Ich merke oft nicht, wenn Gäste das Lokal verlassen. Plötzlich stelle ich fest, diese Person ist nicht mehr da und hat keine für mich sichtbaren Spuren hinterlassen.

Ich starre in meiner Realitätsverlegenheit auf das Kaffeehaustischchen vor mir mit dem schon fast leeren Kaffeehäferl mit Untertasse, dem unberührten Schnittenstückchen und dem halb vollen – halb leeren Wasserglas im Tablett und dem aufgeschlagenen Notizbuch mit darauf gelegtem Pilotstift und der abgenommenen Lesebrille.

Ich glaub, das war’s für heute. Die Musik hält mich noch ein wenig hier. Vorm Aufbruch noch ein erbetener Sitzplatzwechsel an einen Tisch (die Sitzfläche ist noch kühl), an den ich mich – wegen seiner besonderen Eckposition – aus Bescheidenheit (oder was auch immer das ist – der innere Spötter) niemals von selbst hingesetzt hätte, obwohl mir dieser Platz immer attraktiv erschienen ist. Aber jetzt gehe ich.


(23.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite