4206 Der Kranich
11:52 a.m. Der Ventilator dreht sich nicht. Ist heute auch nicht nötig. Es schaut nach Regen aus. Vor sechs Sekunden habe ich mir gedacht „Super! Ich habe bei meinem zweiten Cappuccino noch was in der Tasse!“ und jetzt ist sie leer. Also ist doch der dritte unvermeidlich, weil ich nach der Zeitungslektüre erst jetzt zum Schreiben und Zuhören komme und mich erst jetzt dem akustischen Gesamtkunstwerk aus Boxenmusik, Kaffeemühlenreiben, Kaffeemaschinenzischen und Geschirrgeklapper, Gesprächsfetzen und sonstigen Kaffeehausgeräuschen so richtig öffnen kann. Und Kaffee verändert als Droge die akustische Wahrnehmung: die Räumlichkeit des Hörens wird verstärkt; man erlebt sich tiefer in der Klangwelt. Ich lege Schreibstift und Brille weg, um mir auch die optischen Auswirkungen anzuschauen. Nebenbei gesagt: seit gestern weiß ich: ich habe große Sehnsucht, meine Tante in der Schweiz zu besuchen. Aber vorerst: die Optik. Es schiebt sich jedoch die schöne Musik vor. Lange bleibe ich aber nicht aufmerksam beim Zuhören. Meine Aufmerksamkeit flottiert (lange suche ich nach dem Wort, bin mir nicht sicher, ob ich das richtige habe und es nicht mit einem anderen verwechsle – warum habe ich auf einmal hier kein Internet? Wenn ich mich besser auskennᵗen würde!). (An solchen editorisch-schriftbildlichen Spielereien kann er lange herumtüfteln; das ist ihm nicht zu blöd. Außerdem ist unsicher, ob das vom Computer in die Schubladenschrift übernommen werden wird – der innere Spötter.) (Die Übertragung der durchgestrichenen Buchstaben n würde hat nicht geklappt - der Tipper)
Heute ist es herinnen voll und draußen ziemlich leer. Diese Dichte erzeugt auch einen gesamtkunstwerklichen Flash; einen unbewußten Flashmob sozusagen, denn sie wissen alle nicht, dass sie an dieser Aufführung zusammen arbeiten. Ich habe es hier mit all den Menschen und mir recht lustig. Jazzige Blasmusik (das ist mißverständlich! Es geht nämlich nicht um Blasmusik mit leichtem jazzigen Touch, sondern um echten Jazz mit dominierenden Blasinstrumenten – der innere Korrektor). Jetzt der Wechsel zu Gitarrenmusik während meiner liturgisch anmutenden Schnittenzeremonie (kein Brösel soll verloren gehen). Nein, die Saxophone kommen wieder und spielen sehr schön und elegisch mit der E-Gitarre (leichter Reggae-Touch). Wirklich sehr schön! Sehr sehr schönes Gitarrengeklimper. Ich bin den Tränen nahe. Und jetzt eine wunderbar traurige, einzelne Trompete! Verweile Augenblick, du bist so schön! (er arbeitet mit seinem Kaffeekonsum eh tapfer darauf zu – der innere Spötter). Whow! Diese leicht scheppernde E-Gitarre nun als Dominante - mir fehlen die musikalischen Fachbegriffe, was mir aber völlig wurscht ist (sagen wir: einigermaßen wurscht – der innere Spötter). Regnet es? Ich denke langsam an die Stadtwanderung nach Hause. Ich kann es nicht deutlich sehen. Ehe ich hier zerflossen wäre, mußte ich lange an der in einer Gürtelschlaufe verhängten Schnalle der Bauchtasche herumzupfen und ziehen, bevor ich die wieder auseinander bekommen habe (Diesseitiges hilft gegen Jenseitssucht). Aber keine Sorge, die schöne Musik zieht mich schon wieder; diesmal mit schöner Frauenstimme und klarer, kompakter Rhythmik (jetzt weiß er nicht, ob man Rhythmik mit k oder g schreibt! - der innere Spötter). (Das sind vermutlich nicht schlechte Sprachkenntnisse, sondern – möglicherweise – die ersten Anzeichen von Demenz; oder eines drohenden Schlaganfalls? - der innere Korrektor.) (Nein, letzteres nach kurzer Recherche im Internet eher nicht – der Tipper.) Aufmunternde Musik; ich könnte losgehen. Ich muß, will und darf jedoch noch austrinken. He! Jetzt dreht sich der Ventilator! Im Uhrzeigersinn (Aphroditeweg! - W.D.). Seit wann? Warum habe ich es nicht bemerkt? (so viel zu seiner Beobachtungsfähigkeit und Aufmerksamkeitskunst! - der innere Spötter). Chicha ähnliche Musik mit wiederum wunderschön elegischer E-Gitarre – ich kann nicht gehen!
13:44. Am Gestade raste ich, auf der Bank, die dem Brunnen am nächsten ist, darum kann ich das Wasser gut plätschern hören. Die Kirchturmuhr schlägt dreiviertel. Weiler-Andacht war keine mehr möglich, weil beim Wieneroither & Kohlbacher von außen kein Weilerbild mehr zu sehen ist. Was dort im Ausstellungsumbau aufgehängt zu werden scheint ist scheußlich, nichtssagend und ohne Niveau. Keine Ahnung von wem. Schade! Für mich heißt das zehn Prozent weniger Lebensqualität. Aber ich werde es verkraften (vielleicht kommt woanders wieder etwas dazu). Ein Mann setzt sich auf die Bank, auf der ich sitze, und da merke ich, wie wackelig die ist und wundere mich, dass der sein ständiges Geruckel und Gezuckel und deren Auswirkungen aufs Universum nicht merkt (oder merke ich meines auch nicht?). Ich schiebe meine Kappe nach hinten, damit mir ihr Schirm nicht die halbe Sicht verdeckt. Direkte Sonne ist keine, aber die Bodenplatten auf dem Platz scheinen trotzdem unter unterschiedlich intensivem Lichteinfluß zu sein. Diese Bodenfläche scheint sich von unten zu wölben, als würde eine unterirdische Kraft auf sie einwirken. Der Mann nebenan, dessen Parfum mir unangenehm war, ist aufgestanden und von der Bühne meines Lebens sang- und klanglos abgegangen. Wie oft habe ich schon hergeschrieben, dass diese frühneuzeitlichen Häuser schön sind? (Und dass der Aschenbecher des Mistkübels links richtig stinkt? - der innere Spötter). Ist das gegenüber ein Galerie? Oder eine polnische Ausstellung? Ich werde nachschauen. Nein, es ist die Bibliothek des polnischen Instituts, das sich da über die Erdgeschoße von drei Häusern zieht.
Beim Überqueren der Augartenbrücke dann ist ein wunderschöner Kranich langsam direkt über mir hinweggeflogen. Und dann ist ein Boot den Fluß herauf gekommen; ich habe von der Brücke aus keinen einzigen Passagier gesehen. Aber auch leer hat das Boot seine Wellen geschlagen.
(16.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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