Donnerstag, 11. September 2025

4200 Stadtwanderung IV

 



13:54.  Ein Beispiel für das in 4199 erwähnte fragile Gleichgewicht: auf dem Heimweg vom Lieblingscafé durch die Stadt denke ich mir, ich könnte wieder ins Mumok gehen und mir die Arbeiten von Barbara Kapusta und die Giacomettiskulptur, auf die ich momentan so abfahre, anschauen. Ich stapfe zuversichtlich und guter Dinge auf mein Ziel zu, gehe dort in die Garderobe, um meine Walkingstecken wegzugeben, aber hatte völlig vergessen, dass ich heute ausnahmsweise nicht mit meinem Albertinatäschchen, sondern mit einem Rucksack unterwegs bin, den ich natürlich – darauf macht mich der Garderobier aufmerksam – ebenfalls abgeben muß. Ich will mein Notizbuch aber nicht in der Hand herumtragen und breche sofort mein Vorhaben ab. Und das ist jetzt wichtig: an der Reaktion des Garderobiers war alles richtig und die Spielregeln für Ausstellungsbesuche waren auch mir klar, dennoch reagiert meine Seele (oder wer oder was auch immer) beleidigt. Ich breche mein Vorhaben nicht aus rationalen Gründen ab, sondern aus emotionalen. Mein fragiles Gleichgewicht ist beim leisesten Gegenwind eingestürzt. Und daran zeigt sich, dass hinter dem Sensibilitätsgetue ein gewaltiger Größenwahn steckt (der natürlich auch seine Genese hat). Was erwarte ich? Dass die die Spielregeln für mich ändern? Dass der Garderobier auf Grund meines Gesichtes meine (angebliche!) Arglosigkeit erkennt und mich gegen seine Vorgaben mit Rucksack hineinläßt? Oida! Darum sitze ich jetzt im Schatten des Mumokbunkers (was auch kein schlechter Platz ist) und reflektiere die Geschichte (statt zu lachen und seinen Geist vom überflüssigen Eigendünkel zu befreien – der innere Spötter). Nun gut, wandern wir hald (sic!) weiter. Auf meinem Leiberl steht fluchtbereit.


14:30.  Ich sitze hinter der Minoritenkirche und übe meine Selbstbehauptung im bedrohlich dröhnenden Lärm der nahen Baustelle. Der Blick in das kleine Gärtchen im Grundriss der erst 1903 abgerissenen Ludwigskapelle erleichtert es mir. Kann der Baum vor mir ein Ölbaum sein? Ist das möglich? Ich kenn mich in der Botanik nicht aus, aber der sich gedreht wirkende Stamm und die silbrigen, schmalen Blätter könnten passen (Nein, es ist laut Wiener Baumkataster eine Ölweide, Elaeagnus angustifolia – der Tipper). Der Baustellenlärm ist eine besondere Herausforderung. Der Mann auf der Bank bei den Baustellencontainern rülpst laut in Anzug und Krawatte. Ich tippe auf Mittagspause eines mittleren Beamten. Auf der Bank ein kleines Stück links in der Sonne mit der Rückenlehne in meine Richtung hat sich eine blonde Frau ausgebreitet, was ich nur von hinten sehe.

Es ist ein schöner Platz hier, der mir auf meinen vielen Wanderungen auf dieser Route noch nie wirklich aufgefallen ist. Soll ich die Minoritenkirche besuchen? Franziskanerkirchen sind meistens ästhetisch enttäuschend. Hinter mir ist an der Mauer der Kirchenapsis eine leere Bierflasche abgestellt. Ich war’s nicht!

Nein! Die Kirche ist schön! Ich zünde drei (echte!) Lichter an und verrichte soetwas wie ein Gebet. Ein Spanisch sprechender Touristenführer redet in meine Aufmerksamkeit und ich lasse mich ablenken. Das Altarbild zeigt ein von Engeln hochgehobenes Marienbild (mir fällt Der K-Effekt von Ulrich K. Freund ein). Der Christus am Kreuz hebt seine Arme wie ein großer Vogel seine Flügel. Ich will nicht spotten! So im Halbdunkel seines steinernen Baldachin wirkt es so, als würde der Jesus auffliegen – was ja auch kein schlechtes Bild für Auferstehung und Himmelfahrt wäre. Genug! Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Genug! Ich gehe weiter zur Max-Weiler-Andacht.


15:17. Am Gestade. Meine Max-Weiler-Andacht war um zwei Drittel reduziert, weil beim Wienerroither & Kohlbacher nur mehr ein Weilerbild in der Auslage ist und in den Ausstellungsräumen drinnen offensichtlich wegen einer neuen Hängung alles leer geräumt. Sind meine Wanderungen durch diese Stadt eigentlich Pilgerwanderungen? Könnte sein, wenn ich auch nicht weiß, was ich anpilgere. Das Am-Gestade hier ist auch ein guter Platz. Er strahlt Ruhe und Nachdenklichkeit aus, lädt zum Rasten ein. Ein kleines Mädchen mit Roller und Oma ruft zu einem der frühneuzeitlichen Häuser „Mama!“ hinauf. Sie kommt noch nicht, wie auch die Oma bestätigt, aber bald. Das Kind merkt, dass ich es beobachte und fährt mit ihrem Roller ganz schnell, sodass sich das Windrad am Roller schnell dreht und es überzeugt sich davon, dass ich hinschaue. Jetzt spielen Oma und Enkel ein Rollenspiel mit Kuscheltier (Einhorn) und Handpuppe (Jack). Der Wind treibt einige trockene Lindenblätter über die stellenweise von fenstergespiegeltem Sonnenlicht glänzenden Bodenplatten. Ich spüre mein von Kaffee aufgeregtes Herz überdeutlich schlagen. Ein sonniger Spätsommertag mit strahlend blauem Himmel und intensivem Sonnenlicht auf den Fassaden der Häuser. Manche Blätter fliegen auch durch die Luft. Ein Folgetonhorn heult nicht allzu weit entfernt auf. Der Brunnen tut seine Pflicht und plätschert.


(11.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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