4196 Nicht wegen der Musik
11:41 a.m. Zugige Leere im Lokal (drinnen. Draußen ist viel Betrieb). Ihr wißt schon, dass mir die innere Leere recht ist. Der Luftzug kommt wahrscheinlich vom drehenden Ventilator, der heute als Luftbeweger nicht notwendig wäre, kommt mir vor (wenden – Kausativ zu winden und eigentlich winden machen – auf Googlenachfrage). Die Sprünge im Verputz des Plafonds passen ganz gut zu den absichtlich beim Abscheren freigelegten und absichtlich so belassenen Farbflecken (ihr seht, vor lauter Einfallslosigkeit hebt er seinen Blick zur Decke – der innere Spötter). Der zweilampige Leuchter in der westlichsten Fensternische erzeugt wegen der löchrig gestalteten Lampenschirme ein sehr schönes Lichtstrahlenmuster an der hellblauen Wand, das als Licht-Schatten-Struktur wie zwei halbesoterische Engelsflügel ausschaut. Mir läuft ein Schauder über den Rücken (nehme jedoch nicht an, dass jetzt im Raum ein echter Engel anwesend ist – der innere Spötter). Ich verfolge in der Spiegelung innen an der offenen Eingangsglastür, wie die gespiegelten Autos hinter den Zweigen der Laubenbegrünung in die falsche Richtung sausen. Drink wine, feel fine steht auf der Tafel an der Wand und auf einer anderen: Nachschenken, nicht nachdenken. Schade, dass ich nicht mehr trinke! Nicht nachzudenken wäre schon was! (Das meint er nicht ernst! Niemals! - der besorgte innere Spötter.) In der Spiegelrückwand der Gläserstellage (das Wort Stellage habe ich eine halbe Minute lang in meinem Gedächtnis suchen müssen, obwohl es davor schon schreibbereit war, aber ich mit dem Schreiben hintennach und noch nicht dort) spiegelt sich einer der kugelförmigen Kristalluster so schön hinter den vertikalen Fugen der Spiegelfläche (was sagt ihr? Soll ich ihn bei seinen ausufernden Satzkonstruktionen einbremsen? - der innere Spötter). Es riecht nach gebrutzeltem Speck. Meine Nase rinnt. Die Musik ist kaum zu hören; so leise ist sie heute eingestellt (das ist keine Kritik!), vorhin war ein Stück, das undeutlich an (ost?-)asiatische Musik erinnert hat; jetzt kommt jazziges Klaviergeklimper (keine Kritik!) kaum wahrnehmbar durch. Wie gesagt, meine Nase rinnt, ich muß mich schneuzen. (Was sagt ihr eigentlich dazu, wie er sich seine Texte regelrecht von den Wänden kratzen muß? Geht das oder ist es ein Armutszeugnis? - der innere Spötter.) Aus irgendeiner verzwickten, komplizierten Verlegenheit, die zu erläutern mir viel zu blöd ist, hatte ich den Kopf gesenkt und auf den verfliesten Fußboden gegafft. Aber nicht lange, dann habe ich meinen Kopf in Blickhöhe Notizbuch und von dort wieder auf normale Raum- und sitzende Augenhöhe gehoben. Soll ich das Handy aus meiner Bauchtasche holen und auf die Uhr schauen? Es ist sicher zu früh zum Heimgehen (er hofft, dass das auch im übertragenen Sinn gilt, you know? - der innere Spötter). Ein Schluck Wasser. Der dritte Cappuccino ist schon ausgetrunken; eine vierte Melange kommt nicht in Frage. Melancholische Musik mit lautenartigem Geklimper und Geigenbegleitung (Geklimper ist bei mir nicht abwertend! - es ist ja oft ein Indiz für Melancholie). Meine Nase rinnt und ich muß ständig schniefen, weil schneuzen auch nicht hilft. Auf Grund eines Kopfes im Garten, von dem ich nur die prachtvolle, blonde geschneckerlte Frisur sehe, fällt mir wegen eben dieser Frisur ein Typ aus meiner Grazer Zeit ein, ohne ihn einordnen zu können. Ich sehe ihn undeutlich, aber eindeutig vor mir, weiß aber nichts mehr von ihm und nicht, ober der bei der GRM (Gruppe revolutionärer Marxisten) war oder doch nicht. Ist auch egal. Doch eher Aufbruch und Stadtwanderung, würd’ ich sagen. Die Musik ist jetzt lauter und – ich weiß nicht, wie diese Musikrichtung heißt. Reggaeartig rhythmisiert. Jetzt gehe ich, aber nicht wegen der Musik.
(9.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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