4191 Im Stehen
8:59 a.m. Am Platz vor der Barbarakirche beginne ich mein neues Notizbuch und warte auf den Arzttermin. Viel wird mir nicht einfallen, weil ich da immer nervös und unruhig bin. War das ein Agentenpaar, weil der Mann der Frau ein kleines Paket und ein Handy übergeben hat? Wahrscheinlich schaue ich zu viele Krimis. Jetzt ein älteres Paar, beide mit Dutt. Der Wind wird stärker. Ach was, ich geh in die Ordination.
Nun sitze ich also im Wartezimmer, das ziemlich voll ist, die Lampen schweben wie ein Geschwader Ufos am Plafond und meine Ärztin steckt im Stau. Eine Frau verläßt die Ordination und sagt beim Hinausgehen „Auf Wiedersehen!“ und nur ein Mann reagiert und sagt ebenfalls „Auf Wiedersehen“, sonst niemand, auch ich reagiere viel zu spät und murmle den Gruß erst, als die Eingangstür schon zuschlägt. Einzelne Patienten werden aufgerufen und erheben sich mehr oder weniger mühsam von ihren Sitzen. Ein Handy jault kurz auf, bevor es schnell abgewürgt wird. Der Bildschirm an der Wand zeigt das Ärzteteam. Die Frau dort auf der Bank, kenne ich die? Wohl eher nicht. Außerdem fällt mir ihr Name sowieso nicht ein (aber komischerweise der Name ihres damaligen Freundes, wenn sie es ist). Sie ist es nicht. Ich seufze kurz auf. Unangenehme Szenen aus meiner näheren und ferneren Vergangenheit fallen mir ein. Das mag ich nicht. Meine innere Gedankenzensur scheint noch nicht ganz munter zu sein. Ich habe einen trockenen Mund. Die Frau, die an der Anmeldung steht und Auskunft gibt, ist eineinhalb Jahre jünger als ich. Der alte Mann redet gegen die Plexiglaswand, weil er an der falschen Stelle ohne Schallloch steht. Jetzt kommt er an die richtige Stelle (das ist gar kein Schallloch, sondern eine Durchreiche – der innere Spötter). Er ist wirklich sehr alt, tätowiert und artikuliert sehr klar. Oder doch nicht. Die Ufos verharren auf der Stelle und rühren sich nicht. Doch! Klare Sätze. Jetzt sind ihm seine Krücken umgefallen. Bevor ich aufspringen kann, hilft ihm eine junge Frau. Er muß noch etwas ausfüllen, im Stehen. Ich denke, ich klappe das Buch jetzt zu.
(5.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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