Donnerstag, 28. August 2025

4184 Stadtwanderung III

 



13:34.  Auf dem Weg nach Hause kehre ich ins Museumsquartier ein. Beim Durchqueren der Tonspurpassage halte ich zunächst den Lärm und das Geklopfe der Presslufthämmer der Umgebung als zur Toncollage gehörig. Nun stehe ich im mumok vor Giacomettis Femme debout III, 1962 (weil die vier Sitze von einer dicken Frau so besetzt sind, dass man auf den anderen Plätzen keinen Platz findet). (Stimmt nicht! Es stehen fünf Hocker dort und er hat sich jetzt doch getraut und auf den vierten in Reihenfolge Platz gefunden und sich gesetzt, auch wenn der Blick auf die Skulptur nicht optimal ist. Er hat seine Sozialängste der armen Frau als Aggression um den Hals hängen wollen! - der innere Korrektor.) Die Frau ist jetzt aufgestanden und weggegangen und ich habe mich nun auf ihren, den zweiten Hocker gesetzt, der einen optimalen Blick auf die Femme zuläßt – keine störenden Objekte hinter der Figur, nur eine weiße Wand (daran kann man/frau sehen, dass sein beständiges Benachteiligungsgejammer nicht angebracht ist: er hat sich hier ohne große Anstrengung durchgesetzt und den besten Platz erobert. Ob wegen seiner aggressiven Ausstrahlung, oder weil ihm irgendwelche kosmischen Kräfte helfen oder unerlöste Vorfahren, oder der bajuwarische Affenarsch, der drüben zur Wiedergutmachung verdonnert ist – egal! - der innere Spötter). (Und jetzt verplempert er seine Zeit, statt die wunderbare Figur zu betrachten – der innerste Spötter.) Nun endlich lehne ich mich entspannt an die Wand hinter mir, überkreuze die Beine und kann die Skulptur anschauen. Die Skulptur daneben steht etwas zu nahe an der Femme und stört, lenkt ein wenig ab, aber kann sie nicht verdrängen. Diese schlanke, langgezogene, dürre, typische Giacomettifigur mit den übergroßen Füßen – deren Proportionen und Ausstrahlung trotzdem nicht schirch oder lächerlich wirken, sondern edel, elegant und schön, hat außerdem wirklich schöne Brüste (ja, ja, ich habe eh Hemmungen das hinzuschreiben und komme mir dabei schlecht vor). Ich schaue immer wieder hin und lasse meine Augen auf der Skulptur wandern. Ein eigenartiger Gedanke kommt mir in den Sinn: sind die Figuren von Giacometti alle Abwandlungen der Christusdarstellungen in der Kunstgeschichte? Weil: so wie sie dastehen: preisgegeben und trotzdem edel? So eine Art demokratisierte und säkularisierte Ecce-homo-Darstellungen? Wenn das stimmt, hat Giacometti das völlig zu recht gemacht! Selbst katholisch heißt es, in Christus hat uns Gott gezeigt, wie er sich den Menschen gedacht hat – mit Auferstehung und Himmelfahrt. Das ist aber keine Einbahn. Wir melden auch nach oben: schau, welch ein Mensch! Der Schmerz in den Skulpturen könnte dann sein, weil oder insoferne es die Menschen/die Menschheit nicht geschafft hat, den Salto ins Unvorstellbare (C.C.) zu machen. Wie auch immer: diese Skulptur ist wunderschön! Ich sehe darin Edles, Trauriges, Schönes, Schmerzliches, Allgemeingültiges. Ecce homo.


14:34.  Am Gestade. Der Wind, wenn er weht, bricht die Hitze. Ich raste und mein Herz klopft wegen der zwei Cappuccini. Ich habe die schattige Bank vorm polnischen Institut frei vorgefunden. Ein typischer Sommernachmittag in der Stadt. Ein Asiate telefoniert auf der Marienstiege laut und mit Bildübertragungsfunktion. Oh! Direkt vor mir zu meinen Füßen kreiselt die Windböe einige Blätter in einer eindrucksvollen Spirale, bevor sie sie wieder in die Umgebung verteilt. Ich bin gerührt. Vor lauter Verkehrslärm ist das Plätschern des Brunnens nicht zu hören, oder ist es der Wind, der den Schall von mir weg weht? Die Kirchturmuhr, die ich nicht sehen kann, schlägt dreiviertel. Ein seltsamer Geruch erreicht meine Nase; vielleicht von einer Renovierung im Haus gegenüber. Der Wind treibt immer noch die Blätter umher, ohne eine erkennbare Gestalt zu formen. Hinter mir schlägt die Tür zum polnischen Institut zu. Ich drehe mich nicht um. Der Gestank beginnt mich zu stören. Aufbruch. (Draußen beginnt es leise zu tröpfeln, oder täusche ich mich? - der Tipper.) (Es tröpfelt wirklich - der Lektor)


(28.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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