Dienstag, 26. August 2025

4179 Das seelische Gleichgewicht

 



0:52 a.m.  Heute war ich unfreundlich zu meiner Frau und das bin ich öfters. Mehr sage ich nicht dazu.

Irgendeine Schrift glitzert vom Bücherregal zu mir her; lesen kann ich sie nicht. Nein, das ist keine Schrift, es ist ein leeres Glas, das dort vor den Büchern steht; ich habe es nicht gleich gesehen, nur den Glanz. Ich bin sehr traurig (nicht wegen dem da oben; auch nicht wegen dem ganz oben). Hinter den Augen zieht es sich zusammen. Aus dem Lichtschacht höre ich Wasser kochen. Jemand macht sich Tee? Ich schlittere in eine Depression, aber ich werde mich abfangen. Vielleicht ist es auch Selbstmitleid. Ich drehe meinen Kopf nach links, um über die Schulter nach hinten zu blicken, aber ich sehe meinen Tod nicht und kann ich auch nicht spüren. Der hätte die Wucht, alles zurechtzurücken. Na, dann nicht, dann verbleibe ich hald (sic!) in Schieflage. Ich werde sowieso bald schlafen.


3:28 a.m.  Ich bin wegen der Knieschmerzen aufgewacht und wegen eines bloß gefühlten, nicht lokalisierbaren Juckens auf der Haut – der Eindruck ist eigentlich: es ist einen Zentimeter über der Haut – bin aufgestanden, ins Bad gegangen, habe zuerst Wasser gelassen und dann frisches getrunken, bin dann ins Musikzimmer, habe ein Fenster geöffnet und auf die nächtlichen Gassen und die drei teilweise beleuchteten Säulengleditschien geschaut, und auf den Sternenhimmel, der sich soeben mit drei richtig langgezogenen Wolkenschleiern zu bedecken scheint. Ich habe in die Stille der Nacht gelauscht, kein Autoverkehr, nur ein wenig undefinierbares Brummen. Und jetzt hocke ich wieder im Bett und kann nicht schlafen. Ich werde es wieder versuchen.


9:04 a.m.  Aus zwei heftigen Träumen wache ich mit Selbstmordgedanken auf, weil ich mich in diesen für die Menschen nur als Belastung und Belästigung erlebt habe. Dieses Gefühl ist ganz heftig und ich bin völlig schockiert und irritiert. Damit das klar ist: Selbstmord gibt es bei mir nicht! Und wenn ich die Träume erzählte, wären das nur seichte, fade Geschichten. Was mich jedoch beschäftigt: die Heftigkeit dieser Gefühle von Scham und Unwürdigkeit, und dass ich sie kaum loswerde, obwohl ich schon gut zwanzig Minuten wach bin. Deshalb kann ich auch noch nicht aufstehen, obwohl ich mir für heute vorgenommen habe, früher als gestern rauszugehen. So hocke ich im Bett und versuche, mein seelisches Gleichgewicht zu finden; oder wenigstens irgendeines; so schutzlos und mit offener Wunde will ich nicht hinaus in die Welt: jedes Raubtier da draußen würde meine Wehrlosigkeit von weitem riechen. Wir leben in einem räuberischen Universum. Zumindest muß ich meinen Schock abklingen lassen. Essen wäre keine schlechte Idee, aber die Tageskinder werden bald zurückkommen; ich kann nicht im Pyjama und ohne Gebiss runter in die Küche frühstücken gehen; ich muß mich vorher rasieren, Zähneputzen etcetera und mich ordentlich anziehen, aber das schaffe ich noch nicht. Ich muß den Schock zuerst abklingen lassen. Meinen Tagesplan kann ich schon vergessen. Ich erlebe sogar das als Niederlage. Die Gefühle aus den Träumen sind noch lange nicht weg. Gut, diese Gefühle waren sowieso immer da, sie sind meine auferlegte Grundstimmung; die Träume habe sie mir nur durch meine intellektuellen Zurechtlegungen und Sinngebungsversuchen hindurch gezeigt. Ich muß einfach essen (Essen hält Leib und Seele zusammen). Ich muß das schaffen! Aber wenn die Tageskinder kommen, bin ich in der Küche bloß im Weg und störe und irritiere sie. Ach was! Scheiß drauf! Ich fahre in mein Lieblingscafé frühstücken!

Mit diesem Entschluß geht ein Ruck durch meinen Körper, meine Seele und meinen Geist (vermutlich in umgekehrter Reihenfolge – der innere Spötter) und ich springe aus dem Bett, erledige das Nötige zack, zack und habe keine Angst mehr, mich ohne Stärkung der Welt und den öffentlichen Verkehrsmitteln auszusetzen. Am Weg helfe ich noch zeitaufwendig einer italienischen Familie zur richtigen U-Bahn nach Schönbrunn zu finden (ich habe sie, die offensichtlich orientierungslos und wegen der teilweisen U4-Sperre – die ihre Strecke gar nicht betroffen hat – verwirrt waren, angesprochen). (Den letzten Absatz hat er schon im Espresso Burggasse geschrieben – der innere Spötter.) (Was hat das mit Spott zu tun? - der Autor.)


(26.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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