Donnerstag, 28. August 2025

4183 Rage

 



Ankunft: 10:22 a.m.  Schreibbeginn: 11:58 a.m.  Ich sitze wieder glücklich im Espresso Burggasse, habe wie immer den Standard und die Kleine Zeitung/Ausgabe Ennstal gelesen (bei letzterer stelle ich fast immer fest, dass ich der erste Leser bin, denn die Blätter „picken“ vom Druckverfahren noch zusammen und ich muß sie beim Umblättern erst vorsichtig voneinander lösen). In dieser Kleinen Zeitung, die ich immer als zweite und als nicht unsentimentalen „Nachschlag“ nach dem Standard lese, lese ich nach dem ausführlichen Hauptartikel – heute über die Präsidentin von Moldau - einen Bericht über eine umstrittene Kindesabnahme in Dänemark bei einer Grönländerin, die deren Community als rassistischen Übergriff empfindet (der Trump wird sich freuen), eine Nachricht, die ich nirgends sonst gefunden oder doch übersehen habe, lese einen Beitrag über Helge Schneider (Alles Gute zum 70er: mein Beitrag dazu: Fernmeldedemonteur und Finanzsamtsekretärin) quer, blättere gerne und – ich gebe es zu – sentimental den Lokalteil Ennstal durch, ohne mich für das meiste dort Berichtete wirklich zu interessieren, die Aufzählung bekannter Ortsnamen genügt mir schon, aber lese doch den Artikel über „mein“ Gymnasium an. Den Wirtschaftsteil überblättere ich wie bei allen Zeitungen. Regelmäßig lese ich den Crashkurs: wie sagt man auf Englisch? und wie heute: Crashkurs: wie sagt man auf Slowenisch? [Wollen wir heute zusammen essen? Bomo danes zvečer skupaj jedli/e?], mache einen Blick ins Horoskop, im Sportteil natürlich lese ich den Artikel über Sturm Graz, schaue zur Amanda Klachl und – jetzt kommt’s – deswegen schreibe ich das überhaupt her: ich lese die Todesanzeigen aus dem Bezirk Liezen. Das mache ich immer so, wenn ich die Kleine Zeitung in die Hand bekomme. Bisher habe ich noch niemanden gefunden, den oder die ich kenne; ich bin ja auch schon 53 Jahre weg. Aber was will ich da eigentlich machen? Mir bekannte Namen finden? Mir mein Überleben beweisen? Oder was? Sehr fragwürdig! Und von so starken Emotionen begleitet. Ahja! Und beim Anlesen eines Ennstalartikels ist mir plötzlich ein Schauder über den Rücken gelaufen, den ich mir vom Inhalt des Gelesenen (schon vergessen) nicht erklären kann.

Cappuccino Nummer 2. Der erste, frische Schluck ist immer besonders wohlschmeckend. Der Ventilator am Plafond dreht sich, fächelt mir angenehme Luft zu und ich krieg schon wieder diese unglaubwürdigen, koffeingetränken Heulanwandlungen, die gottseidank immer innen stecken bleiben und höchstens, allerhöchstens einem aufmerksamen Beobachter an meinen Augen ablesbar wären. Zur Rettung einer auch nur halbwegs anständigen Selbstpräsentation blicke ich zum Gastgarten mit seiner herrlichen Platane und seinem Gesträuch, das eine Art lockere, aber doch schützende Hecke zur verkehrsreichen Straße hin bildet, hinaus und folge mit meinen Augen ein wenig den Bewegungen der Zweige und Blätter im Sommerwind. Das Lied, das jetzt gespielt wird, und das ich wegen den Geräuschen im Lokal kaum hören kann, habe ich allein wegen der besser hörbaren Rhythmen in Verdacht, ein Cover von Fifty Ways to Leave Your Lover zu sein, als es jedoch wieder ruhiger wird im Gastraum, stelle ich fest: meine Vermutung war falsch. Aber schön war es allemal. Plötzlich überfällt mich eine heftige Aggressionsphantasie (die vorgestellte Szene: ein unsympathischer Gast zerkratzelt mit dem Pilotstift diese mein Notizbuchseite und damit den Text, während ich am Klo bin und die Schreiberei am Tisch liegengelassen habe; ich gerate in Rage, zerschlage das Wasserglas an der Tischkante und fahre dem Täter mit dem Scherben in Gesicht und Augen; der wird sich nie mehr an meinen Sachen vergreifen!), diese Phantasie überfällt mich also, ich bin völlig weggetreten und ich zucke sicherlich in meinem Gesicht, was mir erst nach einer Sekunde bewußt wird und dann erst abstellen kann. Und wirklich: der mir unsympathische Gast geht ab und hinter der Bar geht Glas in Brüche, wie deutlich zu hören ist (nacheinander ist nicht wegeneinander). (Ah! Sind wir auf einmal der Aufklärung verpflichtet? - der innere Spötter.) Als ich zum Klo gehe und die Tür öffnen will, wird diese vor meiner Nase von innen wild aufgerissen und beinahe ins Gesicht gedroschen und es kommt eine Frau aus dem Herrenklo gestürzt und ich sinniere dann beim Brunzen – weil ich darüber nachdenke, ob diese Dame, weil fremdsprachig, die Türaufschriften D und H nicht verstehen konnte – eine Vermutung, die sich im Nachhinein, als ich die Frau an der Bar Deutsch reden höre, als falsch herausstellt – ich sinniere also dann beim Brunzen darüber, dass sprachlich die ursprünglichen Paarungen Mann und Weib und Herr und Frau sind, wobei die letztere Herrschafts- und Göttertitel sind (Herr, erbarme dich unserunsere liebe Frau vom Gestade).

So! Und jetzt? Mein zweiter Cappuccino ist noch nicht ausgetrunken, aber allmählich regt sich der innere Heim-geh-Impuls. Wenn ich entsprechend langsam nach Hause wandere, vermeide ich die Abholzeit der Tageskinder (Rushhour im Vorzimmer). 13:16 Abmarsch.

(28.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com




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