Dienstag, 2. September 2025

4187 Blech

 



9:14 a.m.  Dass ich so spät erwacht bin, schockt mich. Es geht sich nicht mehr aus, unten zu frühstücken, bevor die Tageskinder zurückkommen. Ich muß meinen Tagesplan ändern, denn so geht es sich nicht mehr aus, vor der Therapie ins Fitnesstudio zu gehen. Der knatternde Verkehrsüberwachungshubschrauber dröhnt beim offenen Fenster herein. Ich bin irritiert und ratlos, was mich und meinen Tag betrifft. Im Bücherregal stimmt auch irgendetwas nicht (kommt mir vor). Mein Leben zerbröselt mir; da ist kein Zentrum, keine Festigkeit, kein Halt. Es würgt mich von innen. Jetzt kann ich nur warten, bis die Küche wieder frei ist. Mein ganzes Leben kommt mir als ein dummes Gestolpere vor. Ich muß aus dieser Stimmung raus.


12:09.  Unter einer Rosskastanie sitze ich in Hof 3. Ein angenehmes Lüftchen weht über den kleinen Park. Das Blätterdach der Kastanie ist einigermaßen dicht und schön in seinem Licht-Schattenspiel, die Blätter nur vereinzelt von den Miniermotten angefressen. Ich muß meine Brille putzen und blicke dabei gedankenlos über das Dach hinweg auf den strahlend blauen Himmel, fast noch sommerlich, und dann durch das Seligmanntor auf den Wasserstrahl aus dem vertikal aufgerichteten Brunnenrohr und in den Rücken der Skulptur dahinter. Zu weit weg um zu erkennen, wer das ist. Joseph II.? Ich werde es später überprüfen. Der schwache Wind steigert sich zu einer Brise und beginnt, ein paar dürre Blätter über den schotternen Boden zu blasen. Wenn ich durch alle drei hintereinander liegenden Tore schaue, kann ich ganz in der Ferne sogar die Autos der Alserstraße lautlos vorbeigleiten sehen. Sie sind nicht viel mehr als Farbflecken, die hinterm Tor vorbeihuschen. Es ist diese Sommerstille, die gerne um die Mittagszeit auftritt, und die hier und jetzt vom Plätschern des Brunnens in Hof 2, dem Geplauder der Schulkinder und dem entfernten, entschärften Dröhnen eines Flugzeugs flankiert wird. Schritte auf dem Kies und das Knirschen der Steinchen, weil auch die, die auf den Bänken sitzen, nicht stillhalten und ihre Füße bewegen. Immer wieder schaue ich ins Gebüsch und auf die ziemlich trockene Wiese. Die Brise wird stärker und es raschelt in den Blättern, während ein weiteres Flugzeug lauter dröhnt als das vorige und stört.

Die Skulptur steht im Hof 2 und stellt tatsächlich Josef II. dar, der Brust und Bäuchlein rausstreckt und den rechten Arm in die Hüfte stemmt. Die Uhr am Giebel zeigt eine falsche Zeit an. In seiner linken Hand hält Josef II. einen blechernen Zettel, dessen Aufschrift ich nicht entziffern kann, weil das Blech verrostet ist (wenn es denn überhaupt Blech ist – der innere Spötter).


(1.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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